Im sozialwissenschaftlichen und psychologischen Sinne beschreibt Mobbing oder Mobben psychische Gewalt, die durch das wiederholte, regelmäßige, vorwiegend kommunikative Schikanieren, Quälen und VerletzenUrsula Kraif (Red.): Duden. Das Fremdwörterbuch. 9. Auflage. Dudenverlag, Mannheim 2007, ISBN 978-3-411-04059-9 (Der Duden in zwölf Bänden, Bd. 5), S. 667. eines einzelnen Menschen durch eine Gruppe von Personen oder durch eine einzelne Person in überlegener Position definiert ist. Zu den typischen Mobbinghandlungen gehören u. a. Demütigungen, Verbreitung falscher Tatsachenbehauptungen, Zuweisung sinnloser Aufgaben und anderweitiger Machtmissbrauch, Gewaltandrohung, soziale Exklusion oder eine fortgesetzte, unangemessene Kritik an einer natürlichen Person oder ihrem Tun.Heinz Leymann: Handanleitung für den LIPT-Fragebogen. Leymann Inventory of Psychological Terror. Dgtv, Tübingen 1996, ISBN 3-87159-333-8. (Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie, Materialien, Bd. 33), Begleitmaterial Fragebogen, S. 2.

Mobbing kann z. B. erfolgen in der Familie, in einer Peergroup, in der Schule, am Arbeitsplatz, in Vereinen, in Wohneinrichtungen (Heimen) oder GefängnissenBjörn Eriksson: Mobbning. En sociologisk diskussion. In: Sociologisk Forskning. Bd. 2001, Nr. 2, , S. 8–43., in Wohnumfeldern (Nachbarschaften) oder im Internet (Cyber-Mobbing).

Die gesundheitlichen und ökonomischen Schäden durch Mobbing gelten als enorm und sorgen alleine in der deutschen Wirtschaft für jährliche Ausfälle in Milliardenhöhe. Im Gegensatz zur physischen Gewalt wird verbale Gewalt und Mobbing weniger ernst genommen und nimmt im öffentlichen Diskurs nur eine kleinere Rolle ein.

Etymologie Das englische Verb , von dem das Wort Mobbing abgeleitet ist, spricht lediglich von der Handlung einer Gruppe und bedeutet zunächst „sich zusammenrotten und über etwas oder jemanden herfallen“ oder auch „gemeinsam anpöbeln“.

Anders als in den skandinavischen Ländern und im deutschsprachigen Raum wird in englischsprachigen Ländern üblicherweise der Begriff oder harassment (etwa: „schikanieren“, „drangsalieren“) verwendet.Ola Agevall: The Production of Meaning in Bullying Relation. Artikel präsentiert auf The Society for the Study of Social Problems 54th Annual Meeting. San Francisco 2004, 13.–15. August 2004. Englische Muttersprachler verstehen das Wort Mobbing in der Regel nicht in der deutschen Bedeutung. Der englische Begriff mobbing beschreibt ausschließlich das Umringen einer Person durch eine Gruppe, wohingegen bullying und harassment unabhängig von der Anzahl der Beteiligten verwendet werden. In deutscher Übersetzung bedeutet bully als Substantiv „brutaler Kerl, Schläger, Tyrann, Maulheld“ und als Verb „tyrannisieren, schikanieren, einschüchtern, piesacken“.Langenscheidts Handwörterbuch Englisch. Berlin u. a. O. 1988, Lemma bully. Umgangssprachlich wird beim Mobbing auch von Psychoterror gesprochen.

Begriffsgeschichte mini|Mobbing bezeichnete ursprünglich ein Verteidigungsverhalten bei Tieren 1963 hat der Verhaltensforscher Konrad Lorenz den Begriff Hassen geprägt: Lorenz bezeichnete damit Gruppenangriffe von Tieren auf einen Fressfeind oder anderen überlegenen Gegner – dort von Gänsen auf einen Fuchs. Der schwedische Arzt Peter-Paul Heinemann verwendete 1969 den Begriff Mobb(n)ing für das Phänomen, dass Gruppen eine sich von der Norm abweichend verhaltende Person attackieren.Peter-Paul Heinemann: Mobbning – gruppvåld bland barn och vuxna. Natur och kultur, Stockholm 1972, ISBN 91-27-17640-1.Dan Olweus: Hackkycklingar och översittare – forskning om skolmobbning. Almqvist & Wiksell, Stockholm 1973, ISBN 91-20-03674-4. Er nutzte den Begriff in den 1960er Jahren in seinem Buch Mobbing – Gruppengewalt unter Kindern und Erwachsenen, dieses Buch wurde in den skandinavischen Ländern ein Bestseller und machte größere Bevölkerungsschichten mit dem Begriff vertraut.Christa Kolodej: Mobbing. Psychoterror am Arbeitsplatz und seine Bewältigung. Facultas Verlags- und Buchhandels AG, Wien 2005, S. 21.

Bekannt in der heutigen Bedeutung wurde der Begriff durch den aus Deutschland ausgewanderten schwedischen Arzt und Psychologen Heinz Leymann, der von Mobbing in Bezug auf das Arbeitsleben sprach. Seine Forschungen über direkte und indirekte Angriffe in der Arbeitswelt begannen gegen Ende der 1970er Jahre. Anfang der 1990er Jahre veröffentlichte Leymann seine erste Arbeit, welche die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammenfasste. Die Berichte weckten zunächst nur Interesse in den nordeuropäischen Staaten und wurden verzögert im mitteleuropäischen Raum rezipiert. Veröffentlichungen, eindringliche Fallschilderungen, öffentliche Diskussionen, die Aufnahme der Thematik durch Unternehmensberater, Gewerkschaften, Arbeitgeber und andere Verbände sowie in der Medizin machten das Thema Mobbing zunehmend einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.

Definitionen Umgangssprachlich versteht man unter Mobbing wiederholtes, absichtliches Schikanieren, Beleidigen oder Ausgrenzen einer Person durch eine oder mehrere andere Personen über einen längeren Zeitraum. In der Wissenschaft ist die Definition von Mobbing nicht einheitlich, eine allgemein anerkannte Definition gibt es nicht. Einen wichtigen Bezugspunkt bietet die Definition Leymanns, nach der Mobbing „als negative kommunikative Handlungen, die gegen eine Person gerichtet sind“, von einer oder mehreren anderen Personen ausgehen „und die sehr oft und über einen längeren Zeitraum hinaus vorkommen und damit die Beziehung zwischen Täter und Opfer kennzeichnen“ charakterisiert wird.Heinz Leymann: Mobbing: Psychoterror am Arbeitsplatz und wie man sich dagegen wehren kann. Rowohlt E-Book, Kindle-Version, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2013, S. 23. Vgl. auch Bärbel Meschkutat, Martina Stackelbeck, Georg Langenhoff: Der Mobbing-Report. Eine Repräsentativstudie für die Bundesrepublik Deutschland. Schriftenreihe der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Dortmund/Berlin 2002, S. 18. Eine Person gilt nach Leymanns Definition dann als von Mobbing betroffen, „wenn sie in einem Konflikt mit KollegInnen oder Vorgesetzten steht, dabei in eine unterlegene Position gelangt und oft (mindestens einmal pro Woche) sowie über einen langen Zeitraum hinweg (mindestens sechs Monate) systematisch und auf direkte oder indirekte Weise einer oder mehreren kränkenden Handlungen ausgesetzt ist.“Christa Kolodej, Elisa Niederkofler und Wolfgang Kallus: Der Fast and Frugal Tree-Fragebogen für Mobbing (FFTM). Journal Psychologie des Alltagshandelns, Jg. 11, Nr. 1, innsbruck university press, Innsbruck 2018.

Vielbeachtet ist auch die Definition von Axel Esser und Martin Wolmerath, nach der Mobbing in der Arbeitswelt dadurch gekennzeichnet ist, dass „destruktive Handlungen unterschiedlicher Art wiederholt und über einen längeren Zeitraum gegen Einzelne vorgenommen werden, welche von den Betroffenen als eine Beeinträchtigung und Verletzung ihrer Person empfunden werden und dessen ungebremster Verlauf für die Betroffenen grundsätzlich dazu führt, dass ihre psychische Befindlichkeit und Gesundheit zunehmend beeinträchtigt werden, ihre Isolation und Ausgrenzung am Arbeitsplatz zunehmen, dagegen die Chancen auf eine zufriedenstellende Lösung schwinden und der regelmäßig im Verlust ihres bisherigen beruflichen Wirkbereichs endet.“Axel Esser, Martin Wolmerath. Mobbing und psychische Gewalt: der Ratgeber für Betroffene und ihre Interessenvertretung. 9., völlig überarbeitete und aktualisierte Auflage Bund-Verlag, Frankfurt am Main 2015. Vgl. auch Eva Zinke, Margit Höfle-Brückner, Margrit Kronisch Irmgard Seefried: Mobbing wirkungsvoll begegnen – ein Ratgeber der IG Metall. IG Metall, Frankfurt am Main 2006, S. 4.

Die meisten Forscher betonen laut Christoph Seydl folgende Gesichtspunkte: Verhaltensmuster: Mobbing bezieht sich auf ein Verhaltensmuster und nicht auf eine einzelne Handlung. Die Handlungsweisen sind systematisch, das heißt, sie wiederholen sich ständig. Negative Handlungen: Mobbingverhalten kann verbal (zum Beispiel Beschimpfung), nonverbal (zum Beispiel Vorenthalten von Informationen) oder physisch (zum Beispiel Verprügeln) sein. Solche Handlungen gelten üblicherweise als feindselig, aggressiv, destruktiv und unethisch. Ungleiche Machtverhältnisse: Die Beteiligten haben unterschiedliche Einflussmöglichkeiten auf die jeweilige Situation. Eine Person ist einer anderen Person unter- beziehungsweise überlegen. Dazu ist kein Rangunterschied nötig. Eine Ungleichheit kann durch die bloße Anzahl bedingt sein: viele Personen gegen eine Person. Opfer: Im Handlungsverlauf bildet sich ein Opfer heraus, das infolge ungleicher Machtverhältnisse Schwierigkeiten hat, sich zu verteidigen.Christoph Seydl: Mobbing im Spannungsverhältnis sozialer Normen – eine dissonanztheoretische Betrachtung mit Untersuchung. Trauner, Linz 2007, ISBN 978-3-85499-312-4.

Dan Olweus betrachtet dagegen auch einzelne schikanöse Vorfälle als Mobbing, wenn diese sehr schwerwiegend sind.Dan Olweus: Mobbning – vad vi vet och vad vi kan göra. Liber, Stockholm 1986, ISBN 91-40-71638-4.

Erscheinungsformen Am Arbeitsplatz

Handlungen In einer qualitativen Interviewuntersuchung (n=300) stellte Heinz Leymann 45 Mobbinghandlungen fest, die er als relevant ansah. Nach seiner Auffassung handelt es sich um Mobbing, wenn eine dieser Handlungen mindestens wöchentlich über einen Zeitraum von einem halben Jahr oder länger auftritt. Diese 45 Mobbinghandlungen unterteilt er in fünf Gruppen: 1. Angriffe auf die Möglichkeiten, sich mitzuteilen 2. Angriffe auf die sozialen Beziehungen 3. Angriffe auf das soziale Ansehen 4. Angriffe auf die Qualität der Berufs- und Lebenssituation 5. Angriffe auf die Gesundheit.Heinz Leymann: Mobbing: Psychoterror am Arbeitsplatz und wie man sich dagegen wehren kann. Rowohlt E-Book, Kindle-Version, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2013, S. 24 ff. Nach Wolmerath und Esser hat sich Leymanns „Auffassung, dass Mobbinghandlungen »mindestens einmal pro Woche« erfolgen müssen“ zunehmend als lebensfremd erwiesen.Axel Esser und Martin Wolmerath: Mobbing und psychische Gewalt: Der Ratgeber für Betroffene und ihre Interessenvertretung. 9., völlig überarbeitete und aktualisierte Auflage, Kindle-Version, Bund-Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015. Martin Wolmerath und Axel Esser identifizierten ohne Anspruch auf Vollständigkeit über 100 verschiedene Mobbinghandlungen.Martin Wolmerath, Axel Esser. Mobbing – Ansätze für die Betriebsratsarbeit (PDF; 117 kB). In: Arbeitsrecht im Betrieb. Bd. 2000, Nr. 7, 2000, , S. 388–391.

Typische Mobbinghandlungen betreffen etwa organisationale Maßnahmen (zum Beispiel Kompetenzentzug oder Zuteilung sinnloser Arbeitsaufgaben; auch als Straining bezeichnet), soziale Isolierung (zum Beispiel Meiden und Ausgrenzen der Person), Angriffe auf die Person und ihre Privatsphäre (etwa Lächerlichmachen der Person), verbale Gewalt (zum Beispiel mündliche Drohung oder Demütigung), Androhung oder Ausübung körperlicher Gewalt und Gerüchte.Dieter Zapf: Mobbing – eine extreme Form sozialer Belastung in Organisationen. In: Psychologie der Arbeitssicherheit. Bd. 10, 2000, ISBN 3-89334-356-3, S. 142–149.

Messung In empirischen Untersuchungen ist eine Messbarmachung (Operationalisierung) von Mobbing notwendig. Diese Operationalisierungen leiten sich zumeist von den jeweils verwendeten Definitionen ab. Bekannte Instrumente sind der Negative Acts Questionnaire und das Leymann Inventory of Psychological Terror. Daneben gibt es auch weniger bekannte Messinstrumente, wie etwa das nach psychometrischen Prinzipien konstruierte Burnout-Mobbing-Inventar.Satow, L. (2013). Burnout-Mobbing-Inventar (BMI) [PSYNDEX Tests-Nr. 9006565]. In Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID) (Hrsg.), Elektronisches Testarchiv. Trier: ZPID. PDF

Verlaufsformen und Verbreitung mini|Verlaufsformen des Mobbings