mini|Stefan Zweig (ca. 1912) rahmenlos|180px|zentriert
Stefan Zweig (* 28. November 1881 im 1. Bezirk Wiens, Österreich-Ungarn; † 23. Februar 1942 in Petrópolis, Bundesstaat Rio de Janeiro, Brasilien) war ein österreichischer Schriftsteller, Übersetzer und Pazifist.
Zweig gehörte zu den beliebtesten deutschsprachigen Schriftstellern seiner Zeit. Mit seinen vielgelesenen psychologischen Novellen wie Brennendes Geheimnis (1911), Angst, Brief einer Unbekannten, Der Amokläufer und literarisierten Biographien, darunter Magellan. Der Mann und seine Tat sowie Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam, gehörte er zu den bedeutenden deutschsprachigen Erzählern zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Seine Sprache ist durch Anschaulichkeit und klangliche Gefälligkeit gekennzeichnet; die Werke sind in ihrer Erzählweise sowie den stilistischen Mitteln weitgehend dem Realismus verpflichtet. Sie vereinigen klassische Elemente, darunter einen dramatischen Handlungsablauf, mit psychoanalytisch gezeichneten Figuren, betrachtet aus unterschiedlichen Perspektiven. So bot Zweig seiner breiten Leserschaft einen Zugang zu einer Literatur, in der ihre Gegenwart reflektiert wurde, ohne sie mit modernistischen Erzählweisen zu konfrontieren.
Unter seinen zahlreichen Prosaarbeiten ragen besonders die Schachnovelle, die Sternstunden der Menschheit sowie seine Erinnerungen Die Welt von Gestern hervor.
Leben Familie, Kindheit und Jugend mini|Geburtshaus Stefan Zweigs am Schottenring 14 in Wien, um 1873 Stefan Samuel ZweigEva Plank: Das Geheimnis um Stefan Zweigs jüdischen Vornamen, in: Stefan Zweig Centre Salzburg (Hrsg.): Zweigheft 15, Salzburg 2016, S. 21–28. war ein Sohn des wohlhabenden jüdischen Textilunternehmers Moritz Zweig (1845–1926) und dessen Ehefrau Ida, geb. Brettauer (1854–1938). Ida Zweig entstammte einer reichen, ursprünglich aus Hohenems stammenden Kaufmanns-/Bankiersfamilie und war in Ancona geboren worden und aufgewachsen. Stefan Zweig kam in Wien, in der elterlichen großbürgerlichen Wohnung (Schottenring 14) zur Welt.Klemens Renoldner: Biografie. In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner, Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch. De Gruyter, Berlin 2018, S. 1–42, hier: S. 2. Sein Geburtshaus wurde 1945 beschädigt und 1950 abgerissen;Alois Kieslinger: Die Steine der Wiener Ringstraße. Ihre technische und künstlerische Bedeutung. In: Renate Wagner-Rieger (Hrsg.): Die Wiener Ringstraße – Bild einer Epoche. Die Erweiterung der Inneren Stadt Wien unter Kaiser Franz Joseph. Band 4. Steiner, Wiesbaden 1972, S. 339. am Nachfolgebau befindet sich eine Gedenktafel. Zweig wuchs gemeinsam mit seinem Bruder Alfred am Concordiaplatz 1, später in der Rathausstraße 17 im Stadtzentrum auf. Die Zentrale der väterlichen Webwarenfabrik befand sich am Schottenring 32 (Grundstück des späteren Ringturms), dann am Franz-Josefs-Kai 33 (Häuserblock des Hotels Métropole).Adressen nach Adolph Lehmanns Adressbuch, Ausgabe 1894; beide Fabrikadressen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr existent. Mit dem deutschen Schriftsteller Arnold Zweig ist er nicht verwandt.
Die Eltern Zweig traten ihren Kindern mit emotionaler Kälte gegenüber; weite Teile der Erziehung wurde Kindermädchen überlassen. Bei Stefan Zweig führte die fehlende Zuwendung der Eltern laut einigen Biographen im Erwachsenenalter zu einem steten Verlangen nach Anerkennung, von seiner eigenen Familie oder auch von ihm erwählten Vaterfiguren wie Émile Verhaeren und Romain Rolland.Klemens Renoldner: Biografie. In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner, Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch. De Gruyter, Berlin 2018, S. 1–42, hier: S. 4–6. Prägend erwies sich sein Elternhaus auch in Bezug auf seinen späteren Kosmopolitismus. Beide Eltern waren außerhalb Österreichs aufgewachsen und ermöglichten ihrem Sohn häufige Reisen, vor allem an Kurorte wie Marienbad, und das frühe Erlernen der Französischen und Italienischen Sprache. Der regelmäßige Besuch der Wiener Opernhäuser und Theater, vor allem des Burgtheaters, sowie die von ihm verehrte Wiener Kunstszene im Allgemeinen beeinflussten ihn ebenfalls stark. Auf Religion legten seine Eltern keinen besonderen Wert, ließen sich allerdings auch nicht taufen. In seiner Autobiographie Die Welt von Gestern schreibt Zweig, dass sie vor allem an die Zeitreligion glaubten, den Fortschritt. Sie pflegten keine Beziehungen zu den sogenannten „Ostjuden“, also aus Osteuropa u. a. nach Wien zugezogenen Juden.Klemens Renoldner: Biografie. In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner, Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch. De Gruyter, Berlin 2018, S. 1–42, hier: S. 2–3, 7.
mini|Stefan Zweig um 1900 Nach fünf Jahren an der Volksschule in der Werdertorgasse besuchte Zweig bis zu seiner Matura 1899 das Maximilians-Gymnasium in der Wasagasse. Dieses erlebte er als ein langweiliges Gefängnis, in dem ihm autoritäre Lehrer unnützes Wissen vermittelten. Die Schulzeit prägte seinen weiteren Lebenslauf insoweit, dass er sich hier, wie der Rest seiner Stufe, begeistert der Kunst, Literatur und Philosophie zuwandte. In seiner Autobiographie behauptete er, er habe schon als Jugendlicher die wesentlichen Gedichte von Dichtern wie Rainer Maria Rilke, Walt Whitman und Charles Baudelaire auswendig gelernt und die Ideen solcher Philosophen wie Friedrich Nietzsche und Søren Kierkegaard leidenschaftlich mit seinen Schulkameraden diskutiert. Manche Literaturwissenschaftler wie Klemens Renoldner zweifeln am Wahrheitsgehalt dieser Aussagen. Schon als Schüler veröffentlichte er, meist unter Pseudonymen, erste Gedichte in Zeitschriften wie der Münchner Gesellschaft. Als wichtiges Vorbild für ihn und seine Schulkameraden nennt er den etwa sieben Jahre älteren Hugo von Hofmannsthal, der sich bereits einen Namen als Schriftsteller gemacht hatte. Die tatsächliche Beziehung zwischen ihm und Zweig sollte sich später allerdings schwierig gestalten.Klemens Renoldner: Biografie. In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner, Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch. De Gruyter, Berlin 2018, S. 1–42, hier: S. 7–10.
Auf Anraten seiner Familie immatrikulierte er sich 1900 an der Universität Wien, studierte allerdings ohne besonderen Eifer und fokussierte sich auf seine literarische Tätigkeit. Das Sommersemester 1902 verbrachte er in Berlin, wo er erste Kontakte zur dortigen Literaturszene knüpfte. Unter Anderen lernte er die Literaten Maximilian Harden, Peter Hille, Else Lasker-Schüler und Rudolf Steiner kennen und festigte seine Freundschaft mit dem Zeichner Ephraim Moses Lilien. Mit den Burschenschaften, insbesondere den deutschnationalen, konnte er sich nicht anfreunden: Die auf ihre Schmisse stolzen „Couleurstudenten“ erschienen ihm wie dumme Jungs, die aggressiv ihre Hordenservilität zur Schau stellten. 1904 wurde Stefan Zweig mit einer mehr oder weniger hastig angefertigten Dissertation über Die Philosophie des Hippolyte Taine bei Friedrich Jodl zum Dr. phil. promoviert. Die erst ein Jahrhundert später publizierte Abhandlung ist zu großen Teilen deskriptiv und wird nur selten kritisch; der französische Germanist Jacques Le Rider nannte es „eine eher seichte, trockene und schwer leserliche Schrift“. Taine beeinflusste in den folgenden Jahren vor allem Zweigs Vorstellung angeblicher menschlicher „Rassen“, auf die er in seiner frühen Schaffenszeit immer wieder zurückgriff.Klemens Renoldner: Biografie. In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner, Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch. De Gruyter, Berlin 2018, S. 1–42, hier: S. 10–12Jacques Le Rider: La race, le milieu, le moment: Hippolyte Taine. In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner, Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch. De Gruyter, Berlin 2018, S. 715–722, hier: S. 715–716.
Nachdem Donald A. Prater,Donald A. Prater: Stefan Zweig. Das Leben eines Ungeduldigen. München/Wien 1981. Oliver MatuschekOliver Matuschek: Stefan Zweig. Drei Leben. Eine Biographie. Frankfurt am Main 2006. und Benno GeigerBenno Geiger: Memorie di un Veneziano. Florenz 1958; Treviso 2009. auf eine vor 1920 bestehende Tendenz Zweigs zum Exhibitionismus hingewiesen hatten,Klemens Dieckhöfer: Stefan Zweig (1881–1942) und die Bedeutung des Bionegativen in seinem Leben. Ein Beitrag zur Frage seines Exhibitionismus und als Kommentar aus psychiatrischer Sicht. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 34, 2015, S. 129–135, hier: S. 129. hinterfragt der Journalist und Literaturwissenschaftler Ulrich Weinzierl in seinem 2015 erschienenen Buch Stefan Zweigs brennendes Geheimnis die Äußerungen von Zweigs früherem Freund und späterem Gegner Benno Geiger („Er litt an der Sucht des Exhibitionismus, das heißt, an dem unwiderstehlichen Drang, sich in Anwesenheit eines jungen Mädchens zu entblößen“) kritisch. Weinzierl findet in Zweigs Aufzeichnungen ab 1912 deutliche Anzeichen auf das von Zweig so genannte „Schauprangertum“ und verklausulierte Andeutungen, er sei im Schönbornpark beinahe erwischt worden.Ulrich Weinzierl: Stefan Zweigs brennendes Geheimnis. Zsolnay, Wien 2015, ISBN 978-3-552-05742-5 (eingeschränkte Vorschau bei Google Bücher). In dieser Zweigs bürgerliche Existenz bedrohenden Neigung sieht der Germanist Weinzierl psychodynamische Mechanismen, die Zweig in künstlerischer Hinsicht angetrieben hätten.Stefan Zweigs brennendes Geheimnis. In: orf.at, 19. September 2015. Gemäß dem Bonner Psychiater, Gerichtspsychiater und Medizinhistoriker Dieckhöfer zeichnete sich das Phänomen des Exhibitionismus für den Dichter Zweig „letztlich als flüchtiges Durchgangssyndrom werdender charakterlicher Reifung […] inmitten einer kulturell sexualfeindlichen, leibfeindlichen Umwelt“ ab, wobei sich schließlich „ein gesundes Wohl-und-Wehe“ durchsetzte.Klemens Dieckhöfer: Stefan Zweig (1881–1942) und die Bedeutung des Bionegativen in seinem Leben. Ein Beitrag zur Frage seines Exhibitionismus und als Kommentar aus psychiatrischer Sicht. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 34, 2015, S. 129–135, hier: S. 134.
Anfänge als Schriftsteller Schon als Student fing Zweig an, sich als Schriftsteller zu etablieren. Er lieferte Texte für das Feuilleton der Neuen Freien Presse, dessen Redakteur Theodor Herzl war. 1901 erschien sein Gedichtband Silberne Saiten und 1904 seine erste Novelle, Die Liebe der Erika Ewald. Seine Bücher erschienen im Insel-Verlag in Leipzig, mit dessen Verleger Anton Kippenberg er schließlich freundschaftlich verbunden war und dem er die Anregung zur 1912 gegründeten Insel-Bücherei gabSusanne Buchinger, Europäisches Erbe für die Welt von morgen. Stefan Zweig-Rezeption in der Nachkriegszeit, in: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, Frankfurt am Main und Leipzig 1999, Beilage Buchhandelsgeschichte, S. B57-B68., die sich rasch mit sehr großen Verkaufszahlen auf dem Buchmarkt etablieren konnte und noch heute verlegt wird. 1907 versuchte er sich mit Tersites auch das erste Mal als Dramatist. Neben eigenen Erzählungen und Essays arbeitete Zweig auch als Journalist, Herausgeber der Werke von Charles Dickens sowie als Übersetzer der Werke Verlaines, Baudelaires und insbesondere Émile Verhaerens. Diese Vielseitigkeit seines Frühwerks deutet darauf hin, dass der junge Autor das zu ihm passende Autorschaftsmodell noch nicht gefunden hatte.Klemens Renoldner: Biografie. In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner, Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch. De Gruyter, Berlin 2018, S. 1–42, hier: S. 12, 15.