mini|hochkant|Die Säule des Vereins Borkumer Jungens, von der die Klaasohms am 5. Dezember springen Klaasohm ist ein Brauch auf der Nordseeinsel Borkum. Das Fest soll dem Zusammenhalt der Inselbewohner und ihrer Identitätsstiftung dienen, es wird in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember gefeiert. Ausgerichtet wird es von dem 1830 gegründeten Verein Borkumer Jungens.
Bis 2023 bestand ein Teil des Brauchs darin, einheimische junge Frauen zu jagen und festzuhalten. Anschließend erschienen als „Klaasohms“ verkleidete Männer und schlugen ihnen mit Kuhhörnern auf das Gesäß. Da dabei Gewalt gegen Frauen ausgeübt wurde, stand das Ritual in der Kritik. Als Konsequenz wurde ab 2024 auf diesen Teil des Rituals verzichtet.
Varianten des Klaasohm finden sich unter anderen Namen auf den Westfriesischen Inseln.
Ursprung und Geschichte Der Name „Klaasohm“ bedeutet Ohm (Onkel) Klaas (Klaus). Der Namensbestandteil Ohm war auf der Insel ein Zeichen der Ehrerbietung und wurde den Vornamen älterer, angesehener Personen angehängt. So nannte man den Dorfgeistlichen „Pastor-Ohm“.A. Akkermann: (PDF; 349 kB). Diplomarbeit vorgelegt 1997 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz im Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft in Germersheim, eingesehen am 29. November 2024. Nikolaus war in Ostfriesland über lange Zeit das bedeutendste christliche Fest im Dezember. Erst nach der Reformation verlor es diesen Stellenwert zugunsten des Weihnachtsfestes. Auf den sechs Inseln von Texel bis Borkum jedoch behielt Nikolaus seine herausragende Bedeutung. Dort wurde es ursprünglich nahezu identisch begangen, entwickelte sich dann aber aufgrund der Isolation auf den einzelnen Inseln unterschiedlich.
Im Klaasohmfest mischen sich Elemente des Nikolausbrauchtums, wie es vom Festland her bekannt ist, möglicherweise mit Versatzstücken wesentlich älterer Tradition und Einflüssen, die von außerhalb mitgebracht wurden. Anhaltspunkte deuten auf den germanischen Totengott Wodan hin, den Anführer der Wilden Jagd.
Das Nikolausfest ist das einzige Heiligenfest, das sich im reformierten Teil Ostfrieslands gehalten hat und dort sogar zu besonderer Blüte gelangte. Dazu beigetragen haben mag die Verbindung zum Wodansfest und dass der Heilige Nikolaus von Myra unter anderem als Schutzpatron der Seeleute und als Nothelfer gegen Wassersnot (Überschwemmung) verehrt wurde.
In der Zeit, als von Borkum aus noch Walfang betrieben wurde, waren die Männer meist monatelang auf hoher See unterwegs. Die Walfänger kehrten zwar spätestens Anfang Dezember, meist aber doch wesentlich früher für die Winterpause heim, so dass also die Feier der Rückkehr von den langen Strapazen auf hoher See allenfalls ein Nebenaspekt gewesen sein dürfte.
Manche Quellen behaupten, der Ritus sei aus der „Rückeroberung“ der Insel von den Frauen hervorgegangen, die während der langen Abwesenheit der Walfänger die „Macht“ in den Familien übernahmen. Sie hätten sich nun wieder den heimgekehrten Männern unterzuordnen, was diese mit einem Hieb auf das Gesäß der Frauen nachdrücklich demonstrierten. Diese „Walfänger-Theorie“ wird von einer Borkumer Kulturwissenschaftlerin als nicht glaubhaft eingeschätzt. Sie begründet das mit der Tatsache, dass Walfänger Monate vor dem auf den 5. Dezember terminierten Fest vom Walfang zurückkehren und sich nicht erklären ließe, warum sie, wenn sie denn ihre Rückkehr feiern wollten, damit so lange warten sollten.
Eine der ältesten Beschreibungen des Brauchs findet sich in dem 1897 erschienenen Buch des Hauptlehrers B. Huismann: Die Nordseeinsel Borkum einst und jetzt.B. Huismann: Die Nordseeinsel Borkum einst und jetzt. Wilkens, Leer 1897, S. 40–44. Danach war zu der Zeit der Brauch noch näher an Knecht Ruprecht bzw. Zwarte Piet angelehnt. So wurden Kinder nach ihrem Benehmen befragt, mussten etwas aufsagen und wurden dann belohnt. Die Gewalt gegen Frauen wird nicht erwähnt. Lediglich die Gestalt Frau Klaasohm (heute Wiefke) habe danach mitunter „etwa eine neugierige Dienstmagd oder einen arglosen Gast mit Mehl weiß gepudert“.B. Huismann: Die Nordseeinsel Borkum einst und jetzt. Wilkens, Leer 1897, S. 43. Im Jahr 1997 kommt eine Borkumer Kulturwissenschaftlerin dagegen zum Schluss, dass die Nikolausfeierlichkeiten auf den Inseln ein reines Männerfest waren, das strenge Regeln für Frauen mit sich brachte. Sie durften an diesem Abend die Straßen nicht betreten, andernfalls wurden sie mit Schlägen bestraft. Während diese Regelung auf den meisten Inseln im Laufe der Zeit entweder abgeschafft oder deutlich gelockert wurde, habe man sie auf Borkum sogar noch verschärft.
Dafür geriet das Fest nach einem Fernsehbeitrag im November 2024 in heftige Kritik, in deren Folge der ausrichtende Verein Borkumer Jungens ankündigte, den „Brauch des Schlagens“ abzuschaffen (siehe Abschnitt Rezeption und Kritik). Das folgende Klaasohm-Fest verlief nach Angaben der Polizei ohne Zwischenfälle. Den weiteren Angaben zufolge feierten etwa 600 Menschen ausgelassen und friedlich auf den Straßen der Insel.
Bisher ist Klaasohm lediglich während des Zweiten Weltkrieges sowie während der Corona-Pandemie 2020 und 2021 nicht gefeiert worden.
Verkleidung Die Klaasohms tragen einen weißen Kittel mit roten Streifen sowie den Skebellenskopp (auch: Scherbellenskopp. Ostfriesisches Niederdeutsch: fratzenhafte Maske (zur Verkleidung)), einen bis zu einem Meter hohen, tonnenförmigen Helm, der mit Schafspelz bezogen und mit Federn und Möwenflügeln beklebt ist. Neben kleinen Augenöffnungen besitzen die Helme auch eine Trinköffnung.
Das Wiefke (Ostfriesisches Niederdeutsch: Weibchen) trägt eine Maske aus Seehundsfell sowie eine weiße Leinenhaube. Sie ist mit einem Rock und einer weißen Schürze bekleidet und soll eine Frau darstellen. In der Schürze gibt es zwei mit Moppe gefüllte Taschen. Klaasohms und Wiefke sind zudem mit Kuhhörnern ausgerüstet.
Ablauf mini|hochkant|Das 1872 erbaute Große Kaap mini|Betriebshof der Borkumer Kleinbahn Der Legende nach liegt der Klaasohm das ganze Jahr über unter dem Großen Kaap vergraben, von wo aus er am Abend des 5. Dezember aufbricht.
Beim nächtlichen Geschehen gehen sechs als „Klaasohm“ verkleidete junge ledige Männer vom Verein Borkumer Jungens – jeweils zwei kleine, so genannte Lütje Klaasohm (Jungs zwischen 14 und 15 Jahren), mittlere, die Middelsten Klaasohm (Jungs zwischen 16 und 17 Jahren) und große als Groote Klaasohm (älter als 18 Jahre) sowie ein weiterer in der Rolle des Wiefke, der den großen Klaasohm begleitet – auf der Insel um. Welche jungen Männer als Klaasohms umgehen, wird selbst ihnen erst im letzten Augenblick mitgeteilt und streng geheim gehalten.
Nachdem die Klaasohms der drei Gruppen an verschiedenen Orten eingekleidet wurden, ziehen sie unter großem Lärmen mit ihren Begleitern zur großen Betriebshalle der Borkumer Kleinbahn, in der eine Bühne aufgebaut ist, auf der unter Ausschluss von Frauen und Fremden (Zutritt haben nur auf Borkum geborene Männer und Fotografieren oder Filmen ist dabei verboten) in ritualisierten Kämpfen (einer Art Ringkampf) entschieden wird, wer für dieses Jahr die Führung übernimmt – die festgelegte Rollenverteilung wird dabei nicht verändert. Zunächst kämpft der „Kleine Klaasohm“ gegen den „Middel“ und dann gegen den Großen, dann der Middel gegen den Großen. Dazu singt der Männerchor. Dabei ist festgelegt, dass „der große den mittleren und den kleinen, sowie der mittlere den kleinen Klaasohm besiegen muß.“ Gelingt dies nicht, wird der Verlierer ausgewechselt und darf nicht länger Klaasohm sein.
Anschließend beginnt der Zug über die Insel. Dabei kehren die Klaasohms je nach Altersklasse über verschiedene Routen in Restaurants, Kneipen und Wohnhäuser sowie in das Altenheim und das Krankenhaus ein. Dabei dürfen sich die Klaasohm-Gruppen nicht begegnen.
Da der Klaasohm selbst wenig sieht, hat er jeweils einen Führer, der ihm den richtigen Weg weist, und mehrere Fänger, die sogenannten Biloper (hochdeutsch Mitläufer), die ihm helfen, die jungen Frauen einzufangen. Diese Fänger halten die Frauen dann fest, bis als Klaasohms verkleidete Männer kommen und ihnen unter dem Beifall der Zuschauer mit Kuhhörnern auf das Gesäß schlagen. Kinder und Mütter sind hiervon üblicherweise ausgenommen. Vereinzelt wurden Frauen, die sich gegen diese Praxis wehrten, auch „aufgespannt“, d. h. von mehreren Männern an Armen und Beinen in die Luft gehoben um sie so für die Schläge zu immobilisieren. Das „aufspannen“ von Frauen wurde Anfang der 2020er-Jahre vom Veranstalter untersagt. Betroffene Frauen, die von einem Klaasohm geschlagen wurden, berichten von erheblichen Schmerzen und großflächigen Hämatomen. Bis in die 1990er-Jahre seien Kuhhörner zudem mit Sand gefüllt gewesen. Viele Frauen ließen es sich trotzdem nicht nehmen, am Klaasohm-Abend das Haus zu verlassen (vgl. Mutprobe). Die Frauen erhalten „Moppe“, eine Art hartes Honigkuchengebäck. Neben den Klaasohms geht an Klaasohm auch das Wiefke um, ein als Frau verkleideter junger Mann, der sich besonders wild gebärdet.
Der Umzug der Klaasohms endet traditionell in der Ortsmitte, auf einem seiner Form nach „D“ genannten Platz in der Westerstraße. Auf diesem Platz befindet sich die aus Ziegelsteinen errichtete Säule der „Borkumer Jungens“, von der zum Abschluss des Festes alle Klaasohms sowie zuletzt das Wiefke in die unten versammelte Menschenmenge springen, von der sie aufgefangen werden. Vor ihrem Sprung in die Menschenmenge werden die einzelnen Klaasohms und meist in besonderem Maße das Wiefke vom Publikum bejubelt. Mit dem Sprung in die Menge wird „Klaasohms Spuk“ beendet, danach dauere es „nur wenige Augenblicke“, bis der Platz „menschenleer“ ist. Die Klaasohms kehren zum Vereinslokal zurück, wo sie ihre Kostüme ablegen.
In den Wochen vor dem Klaasohm findet der Kinder-Klaasohm statt.Der Kinder-Klaasohm ging um. Ausgabe von Borkum erleben vom 6. Dezember 2023, abgerufen am 1. Dezember 2024.
Varianten des Brauches in den Niederlanden Auf den bewohnten Inseln im niederländischen Wattenmeer werden ebenfalls rund um den 5. Dezember traditionelle Feste gefeiert, die Ähnlichkeiten mit Klaasohm aufweisen: Klozum auf Schiermonnikoog, Sunneklaas auf Ameland, Sunderum auf Terschelling und Opkleden auf Vlieland. Auf Texel findet – erst am 12. Dezember – Ouwe Sunderklaas statt. Auf den Inseln gilt das Fest als Feier von den Insulanern und für die Insulaner, für die sogar viele ehemalige Inselbewohner einmal im Jahr an ihren Heimatort zurückkehren. Auswärtige oder Touristen sind meist unerwünscht. Laut dem niederländischen Volkskundler Bert van Zantwijk sind die Feierlichkeiten auf Borkum und auf der niederländischen Watteninsel Ameland den Ursprüngen am nächsten geblieben. Ursprünglich war Klaasohm auf den Inseln ein reines Männerfest. Frauen durften sich an diesem Abend nicht auf der Straße sehen lassen. Wer dennoch das Haus verließ, riskierte, mit Schlägen bestraft zu werden.
Rezeption und Kritik In den vergangenen Jahren berichteten Medien mehrfach über den Klaasohm und den Brauch, Frauen mit Kuhhörnern auf das Gesäß zu schlagen. In der Literatur und auf diversen Webseiten ist das Fest mit seinem Ablauf beschrieben. Auch gab es verschiedene filmische Dokumentationen, in denen Frauen von schmerzhaften Begegnungen mit den Klaasohms berichteten. Während diese von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurden, löste die Berichterstattung von STRG_F und Panorama im November 2024 eine heftige Diskussion aus, in deren Folge die Veranstalter ankündigten, den gewalttätigen Teil des Festes, insbesondere das Schlagen mit Kuhhörnern, vollständig abzuschaffen und den Fokus auf den Zusammenhalt der Insulaner zu legen.