Der Burgus Szob ist ein ehemaliges römisches Militärlager, das auf dem Gebiet des Barbaricums als spätantike brückenkopfartige Befestigung die Überwachung eines Donauübergangs am pannonischen Limes (Limes Pannonicus) sicherte. Der Strom bildete in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Die nach Eindeichungsmaßnahmen fast vollständig zerstörte Anlage lag bei ihrer Auffindung 200 Meter von der Eipel-Mündung entfernt,Sándor Soproni: Der spätrömische Limes zwischen Esztergom und Szentendre. Akademiai Kiado, Budapest 1978, ISBN 963-05-1307-2, S. 77. westlich der ungarischen Kleinstadt Szob im Komitat Pest.

Lage mini|300px|Der Limes Pannonicus am Pilisgebirge Bereits während der jüngeren vorrömischen Eisenzeit lag bei Szob ein Gräberfeld der Latènezeit. Auf dem Hof des Gregersen-Schlosses fanden sich neben skythischen Bestattungen einer Ackerbau treibenden Bevölkerung auch hinzugekommene keltische Gräber in friedlicher Eintracht.B. Hellebrandt Magdolna: Keltische Eroberung und Ansiedlung in Nordungarn. In: Zalai Mùzeum 8. Zalaegerszeg, 1997, S. 69–70. Der spätrömische Ländeburgus entstand in der Niederung des Donaunordufers direkt am Fluss. Nahebei liegt westlich die Mündung der Eipel, die es zu sichern galt. Nördlich der Anlage steigt das in der Antike vom germanischen Stamm der Quaden besiedelte Land zum bis zu 938 Meter hohen Pilsengebirge an, das die Eipel in einem großen, nach Westen ausgerichteten Bogen umfließt. Am südlichen Ufersaum der Donau, gegenüber von Szob, lag in der Spätantike eine dichte Wachturmkette, deren Vorläuferbauten bis in die mittlere römische Kaiserzeit zurückreichten. Zum südwestlich gelegenen Kastell Esztergom-Hideglelőskereszt, das auf einer steil ins Flusstal abfallenden felsigen Anhöhe am Nordrand des Pilisgebirges lag, bestand Sichtverbindung.

Forschungsgeschichte Auf einer deutschsprachigen Landkarte aus dem 18. Jahrhundert sind in einer etwas maßstäblich verzerrten und lokal verschobenen Darstellung römische Baureste beiderseits der Donau dargestellt. Dazu die Erläuterung: dd – Rudera einer alten Brücke nach Aussage dasiger Leuthe.Zsolt Visy: The ripa Pannonica in Hungary. Akadémiai Kiadó, Budapest 2003, ISBN 963-05-7980-4, S. 53. Eines der dort dargestellten Gemäuer wird als Burgus Szob identifiziert. Später hat Flóris Rómer (1815–1889), der Begründer der wissenschaftlichen Archäologie in Ungarn, die Anlage während einer Geländebegehung in der Mitte des 19. Jahrhunderts detailliert beschrieben. Danach befand sich die Ruine noch in einem guten Zustand. 1908 hat der Archäologe Gábor Finály (1871–1951) die Anlage freigelegt. Durch ein ab 1977 an der Donau in Angriff genommenes Mammutprojekt, das Staustufensystem Gabčíkovo–Bős-Nagymaros, wurde der bis dahin zu besichtigende Burgus Szob weitgehend zerstört. Der Archäologe Sándor Soproni (1926–1995) beschrieb die Anlage 1976 bereits als vernichtet.Jenő Fitz: Der Römische Limes in Ungarn. Fejér Megyei Múzeumok Igazgatósága, 1976, S. 119.

Die ab 1984 laut werdenden Protestaktionen ungarischer Umweltschützer und die immensen Kosten, die letztendlich 1989 zur Einstellung des natur- und kulturzerstörenden Projekts führten, kamen für Szob zu spät. Noch im gleichen Jahr war allerdings eine Rettungsgrabung an der erhalten gebliebenen Nordmauer initiiert worden, die der Archäologe Mihály Nagy leitete. Seine Forschungen dauerten bis 1990.Zsolt Máté (Hrsg.): Frontiers of the Roman Empire – Ripa Pannonica in Hungary (RPH), Nomination Statement, Vol. 2, National Office of Cultural Heritage, Budapest 2011, S. 245.

Baugeschichte mini|Der hier gezeigte Ländeburgus von Veröcemaros-Dunamezö war in seiner Grundkonzeption der Anlage von Szob ähnlich. mini|Rekonstruierter Verputz mit aufgemaltem Quadermauerwerk, wie er auch in Szob festgestellt wurde. mini|Blick von der Szober Fähre auf die Donau Richtung Südost. Im Bereich des durch die Berge verengten Donautals lag das Kastell Visegrád–Gizellamajor am rechten Ufer. Das linke Ufer wurde damals von den Quaden bewohnt. Den Beschreibungen von Rómer nach zu urteilen, dürfte die damals noch zwei bis vier Meter hoch erhaltene Befestigung bei Szob mit derjenigen von Verőcemaros-Dunamező zu vergleichen gewesen sein. Auch Finalys Grabungsergebnisse lassen den gleichen Schluss zu. Nach den von Rómer erkundeten Ausmaßen der Anlage, soll deren Gesamtlänge samt Flügelmauern 53 Meter betragen haben. Diese Angabe stimmt jedoch nicht mit später gemachten Messungen überein. Da durch die Zerstörung des schiffsländenartigen Brückenkopfs keine Überprüfung mehr möglich ist, kann die Richtigkeit der überlieferten Zahlen nicht bestätigt werden. Szob entzieht sich damit einer genauen Darstellung des Grundrisses. Rómer ermittelte 2,80 Meter für die Mauerstärken. Der westliche Mauerflügel soll 15,20 Meter, der östliche 11,30 Meter lang gewesen sein. An den beiden äußeren Enden dieser Flügel stand einst wahrscheinlich je ein kleinerer Turm. Andere Zahlenwerte gehen von zwei 15,60 Meter langen Mauerflügeln aus. Die Innenfläche des Zentralgebäudes gab Finaly mit 17,60 × 9,50 Metern an, wobei die Mauern auf einem 3,20 Meter breiten Fundament standen. An der Donauseite maß Rómer an diesem Bau eine Stärke von 3,80 Meter. Das Mauerwerk war in einer Mischtechnik aus Steinen und Ziegeln errichtet worden.Sándor Soproni: Die letzten Jahrzehnte des pannonischen Limes. Beck, München 1985, ISBN 3-406-30453-2, S. 77.Jenő Fitz: Der Römische Limes in Ungarn. Fejér Megyei Múzeumok Igazgatósága, 1976, S. 119 17 Meter von diesem Turm entfernt waren laut Rómer „abgetriebene Mauerblöcke“ zu sehen. Soproni vermutete, dass diese Blöcke ein Überrest der vom Zentralbau abgehenden Flügelmauer gewesen sein könnten, den die Donau bereits zerstört hatte.Sándor Soproni: Der spätrömische Limes zwischen Esztergom und Szentendre. Akadémiai Kiadó, Budapest 1978, ISBN 3-406-30453-2, S. 78. Wie Nagy bei seiner Ausgrabung 1989 feststellen konnte, war die Außenseite des Bauwerks weiß verputzt gewesen. Auf diesen Putz hatten Maler mit roter Farbe ein Quadermauerwerk imitiert. Diese Bemalung für militärische Bauwerke hatte in der römischen Armee eine lange Tradition und findet sich auch an Limeskastellen der mittleren Kaiserzeit in Deutschland.Anne Johnson (dt. Bearbeitung von Dietwulf Baatz): Römische Kastelle. von Zabern, Mainz 1987, ISBN 3-8053-0868-X, S. 86. Außerdem gelang 1989 der Nachweis von zwei Gräben, die das Bauwerk als Annäherungshindernis einst schützten und parallel zu dem einzigen noch erhaltenen Mauerwerk verliefen. Diese Mauer gehörte zum Kernwerk des Ländeburgus und grenzte den Bau nach Norden hin ab.

Nur spärliche archäologische Angaben liegen über den donauseitigen Ausbau der Ländeburgi vor, da die über eineinhalb Jahrtausende wirkende Erosion durch den Fluss fast alle Spuren beseitigt hat. Lange Zeit glaubte die wissenschaftliche Forschung, dass das von Wehrmauern umschlossene Geviert der befestigten Schiffsanlegeplätze zur Donau hin geöffnet war. Anhand von alten Überlieferungen und Zeichnungen konnte dieses Vorstellung korrigiert werden. So verbreitet sich heute das Bild einer Anlage, die auch flussseitig geschlossen war und dort nur einen speziellen Eingang oder eine größere Öffnung besessen hat.Zsolt Mráv: Az „előretolt helyőrség“ – késő római kikötőerőd Dunakeszin. In: Dunakeszi helytörteneti szemle, Dezember 2009. S. 5. Möglicherweise, um Schiffe vor feindlichen Angriffen gesichert an Land zu ziehen, wie dies der Altphilologe Wilhelm Schleiermacher (1904–1977) annahm.

Funde Ziegelstempel Zum Fundgut aus Szob gehören Ziegelstempel des Frigeridus dux und des Caris tribunus. Diese Stempel und das Erscheinungsbild der Anlage legen seine Entstehung in die Regierungszeit des Kaisers Valentinian I. (364–375).Zsolt Máté (Hrsg.): Frontiers of the Roman Empire – Ripa Pannonica in Hungary (RPH), Nomination Statement, Vol. 2, National Office of Cultural Heritage, Budapest 2011, S. 245. Zumindest kann unter diesem Kaiser von einer Renovierung ausgegangen werden. Frigeridus amtierte zwischen 371 und 373 n. Chr. als Dux Valeriae ripensis (Heerführer der Provinz Valeria).Notitia Dignitatum, IN PARTIBUS OCCIDENTIS, XXXIII.Barnabás Lőrincz: A későrómai hídfőállások bélyeges téglái Valeriában. In: Attila Gaál (Hrsg.): Pannoniai kutatások. A Soproni Sándor emlékkonferencia előadásai (Bölcske, 1998. október 7.). Szekszárd 1999, S. 53–68. Zur Schiffslände gehört auch ein Ziegel (Later) mit einer Kursivinschrift, die vor dem Brennen eingeritzt worden war.Die spätrömische Festung von Göd. In: Communicationes archeologicae Hungariae 2003. Magyar Nemzeti Muzeum. Népművelési Propaganda Iroda, Budapest 2003, S. 83–114; hier: S. 97.

Grablege Aus einem bei Szob aufgedeckten Grab kam ein spätrömischer Becher aus bläulich-weißem Glas ans Licht, der um die Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert entstanden ist. Das Stück besitzt Glasfadenauflagen in Form von aufgesetzten Wellenlinien und kam in sehr ähnlicher Form an mehreren Fundplätzen in Pannonien – so unter anderem im nahen Pilismarót, am Legionsstandort Brigetio und am Kastellort Dunaszekcső (Lugio/Florentia) ans Licht.László Barkóczi: Pannonische Glasfunde in Ungarn. Akadémiai Kiadó, Budapest 1988, ISBN 963-05-4286-2, S. 76 und 93.

Münzhort Rund 40 Kilometer von Szob entlang des Eipeltals nach Norden wurde 1930 auf dem antiken Territorium der Quaden, im Barbaricum bei Vyškovce nad Ipľom (Ipolyvisk) ein mittelkaiserzeitlicher Münzhort entdeckt, der 1067 silberne Denare aus allen Regierungsepochen der Kaiser Nero (54–68) bis Antoninus Pius (138–161) enthielt. Die Schlussmünze datierte in das Jahr 153 n. Chr.Vojtěch Ondrouch: Der römische Denarfund von Vyškovce aus der Frühkaiserzeit. Pressburg 1934. S. 6. Der Hort gehörte zu den wichtigsten Münzfunden in der damaligen Tschechoslowakei.Vojtěch Ondrouch: Der römische Denarfund von Vyškovce aus der Frühkaiserzeit. Pressburg 1934. S. 5. Seine Erstbearbeitung übernahm der Althistoriker und Numismatiker Vojtěch Ondrouch (1891–1963). Er schätzte den Zeitpunkt der Niederlegung dieses Schatzes aufgrund des wenig abgegriffenen Zustandes der jüngeren Münzen in die Jahre 153 bis 161 n. Chr., sah sie also nicht in direktem Zusammenhang mit den 166 n. Chr. beginnenden Markomannenkriegen.

Nachrömische Zeit