mini|hochkant|Imhotep gilt laut Legende als Begründer der altägyptischen Medizin.

Der Legende nach soll im Alten Reich die Medizin im Alten Ägypten oder Ägyptische Medizin um 2700 v. Chr. von dem Beamten und Hohepriester Imhotep begründet worden sein, der auch als Erfinder der ägyptischen Schrift gilt und in späterer Zeit als Heilgott verehrt wurde. Tatsächlich waren als Schreiber ausgebildete Beamte auch oberste königliche Verwalter und Berater sowie häufig auch Priester und Vertreter der Wissenschaft, aus deren Wissen im Alten Ägypten der Arztberuf und eine sowohl magisch-religiöse als auch empirisch-rationale Elemente enthaltende Heilkunde entstand.Doris Schwarzmann-Schafhauser, K. S. Kolta: Ägyptische Medizin (3000–30 v. Chr.). Berlin / New York 2005, S. 9. In der Spätzeit entwickelte sich ein Imhotep-Kult, der zum Bau zahlreicher Tempel und Kapellen führte. Diese wurden zu Wallfahrtsorten für Kranke und dienten als Vorbilder für die Asklepieions im antiken Griechenland. Als bekannteste schriftliche Quelle der Ägyptischen Medizin gilt der um 1550 v. Chr. zu Beginn des Neuen Reiches entstandene Papyrus Ebers. Eine weitere Quelle zum Arzneimittelschatz der Ägypter ist der um 1300 v. Chr. verfasste Berliner Papyrus Brugsch.H. D. Orth, I. Kis: Schmerzbekämpfung und Narkose. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 1–32, hier: S. 1. In Alexandria, der Hauptstadt des Ptolemäer­reiches, erreichte die bis zum Ende des Ptolomäerreiches 30 v. Chr. bestehende altägyptische Medizin ihre letzte Blütephase. Die Stadt galt als Zentrum für Kultur und Wissenschaft der Antike und zugleich als berühmte Ausbildungsstätte für Ärzte. Hier übte sie großen Einfluss auf die Heilkunst im antiken Griechenland, und damit auch auf die Europas aus. In der Bibliothek von Alexandria befanden sich vermutlich zahlreiche ägyptische medizinische Handschriften, die mit der Zerstörung des Gebäudes für immer verloren gingen. Nach dem Ende der Pharaonendynastien setzten sich altägyptische Traditionen in der ab dem 3. Jahrhundert nachweisbaren Medizin der koptischen Kultur frühchristlicher ÄgypterKamal Sabri Kolta: Koptische Medizin. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 779–781. fort.

Quellenlage Neben vielen Ostraka sind bislang insgesamt 13 altägyptische Papyri mit medizinischen Inhalten bekannt.Wolfhart Westendorf: Erwachen der Heilkunst. Die Medizin im Alten Ägypten. Zürich 1992, S. 12. Diese verfügen über einen strengen Aufbau an Fallbeschreibungen und Rezepten. Unter den Papyri aus Al-Lahun (Kahun, Lahun) befindet sich ebenfalls ein veterinärmedizinischer-Papyrus, der bis heute in der Forschung jedoch umstritten ist.

Lahun-Papyri Die im Mittleren Reich entstandenen medizinischen Papyri aus Lahun wurden 1888/89 von dem englischen Archäologen William Flinders Petrie bei Ausgrabungen in der Arbeitersiedlung Medinet-Kahun bei Al-Lahun in der Oase Fajum entdeckt, von Francis Llewellyn Griffith 1898 ins Englische übersetzt und anschließend die wichtigsten Papyri publiziert. Die Papyri befinden sich heute im Petrie Museum of Egyptian Archaeology des University College London. Sie werden in der Medizingeschichte auch oft unter der Bezeichnung Papyrus Kahun geführt. So werden der Medizin-Papyrus Kahun VI.1Inventarnummer Petrie Museum of Egyptian Archaeology, University College London 32057. und der Veterinär-Papyrus Kahun LV.2.Inventarnummer Petrie Museum of Egyptian Archaeology, University College London 32036. beide altägyptischen Ursprungs, zwar zusammengefasst, in der Fachwelt aber dennoch voneinander unterschieden. Sie bestehen aus kleineren Papyrusteilstücken, die mit verschiedenen Aufzeichnungen überladen sind und allem Anschein nach zerrissen und weggeworfen wurden, nachdem man auf ihnen zusätzlich Rechnungen und Alltäglichkeiten notiert hatte.

Sie lassen sich etwa auf die Zeit 1850 v. Chr. datieren. Auf dem einen Papyri sind gynäkologische Rezepte zu finden, auf dem anderen Anweisungen zur Behandlung von Tieren. Dies war eine große Überraschung für die ägyptologische Fachwelt; lange Zeit nahm man an, dass lediglich Opfertiere veterinärmedizinisch behandelt wurden.Wolfhart Westendorf: Erwachen der Heilkunst. Die Medizin im Alten Ägypten. Zürich 1992, S. 232.

mini|hochkant|Der gynäkologische Papyrus Kahun VI. 1, S. 2 und 3 mini|hochkant|Der veterinärmedizinische Papyrus Kahun LV. 2

Papyrus Ebers Der Papyrus Ebers ist der umfangreichste medizinische Papyrus. Er enthält 108 Kolumnen auf knapp 19 Metern und behandelt eine Vielzahl von Fallbeispielen diverser heutiger Fachrichtungen wie Gynäkologie, Innere Medizin, Zahnmedizin, Parasitologie, Augenheilkunde und Dermatologie. Des Weiteren führt er Beispiele operativer Behandlung von Abszessen und Tumoren, das Richten (Reposition) von Knochenbrüchen und die Behandlung von Verbrennungen auf und enthält eine Abhandlung über das Herz, die Blutgefäße und ein kurzes Kapitel über klinische Depression. Zudem beinhaltet er eine Sammlung von Rezepten.

Traditionell wurde meist von einer Abfassung im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts v. Chr. ausgegangen. Zwischenzeitliche paläografische Untersuchungen haben ergeben, dass die medizinischen Eintragungen älteren Ursprungs sind und wahrscheinlich in der Regierungszeit von Pharao Ahmose niedergeschrieben wurden und mögliche Abschriften von älteren Vorlagen repräsentieren.

Papyrus Edwin Smith Der Papyrus Edwin Smith (auch „Wundenbuch“ genannt) ist ein auf Papyrus geschriebener altägyptischer medizinischer Text, der zu den ältesten schriftlichen Dokumenten von medizinischen Heilverfahren gehört. Er zeugt von einem bereits sehr hochentwickelten Stand der Medizin im Alten Ägypten, hier vor allem auf dem Gebiet der Chirurgie. Er wurde 1862 in Theben, wo es wie in Memphis und Sais Tempeln zugeordnete Medizinschulen gab,Carl Hans Sasse: Geschichte der Augenheilkunde in kurzer Zusammenfassung mit mehreren Abbildung und einer Geschichtstabelle (= Bücherei des Augenarztes. Heft 18). Ferdinand Enke, Stuttgart 1947, S. 11. entdeckt und geht vermutlich auf das Ende der 12. Dynastie (Mittleres Reich) in Ägypten zurück. Möglicherweise handelt es sich bei dem Papyrus um eine Kopie einer Abhandlung, die bereits 600 bis 700 Jahre zuvor zusammengestellt wurde, denn am Ende des Textes sind zahlreiche Glossen mit Worterklärungen enthalten (was man von anderen Medizinischen Papyri nicht kennt).

Papyrus Hearst Der Papyrus Hearst datiert in die erste Hälfte der 18. Dynastie (um 1550 v. Chr.). Er enthält Rezepte zu eitrigen Entzündungen, zahn- und darmspezifischen Krankheiten und Herzerkrankungen. Viele davon finden sich auch im Papyrus Ebers.

Papyrus London Der Papyrus London stammt aus der 18. Dynastie (um 1350 v. Chr.) und behandelt hauptsächlich Frauenkrankheiten, Geschwülste, Brandwunden und Blindheit. Ein Abschnitt enthält Beschwörungen gegen fremdländische Krankheiten, darunter auch gegen die Asiatenkrankheit. Der Papyrus besitzt einen hohen Anteil an Zaubersprüchen.

Papyrus Brugsch Der um 1250 v. Chr. verfasste Papyrus Brugsch wird auch Großer Berliner Papyrus (unterschieden von einem um 1600 v. Chr. entstandenen „Kleinen Berliner Papyrus“Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 2.) genannt. Hier finden sich z. B. Gefäßerkrankungen. Der Papyrus stammt aus der Zeit der 19. Dynastie (Neues Reich).

Papyrus Carlsberg Der Papyrus Carlsberg datiert auf etwa 1200 v. Chr., stellt jedoch die Kopie eines Dokumentes aus der 12. Dynastie dar. Der Papyrus enthält Rezepturen zur Behandlung von Augenkrankheiten sowie Hinweise und Prognosen zur Geburt und allgemein gynäkologischen Bereichen. Sein Aufbewahrungsort ist die Universität von Kopenhagen.

Anatomische Konzepte Zur anatomischen Bezeichnung bei Menschen verwendet die Hieroglyphenschrift menschliche Bildsymbole für die äußeren Körperteile und Bildsymbole tierischer Körperteile für die inneren Organe des Menschen.

Gefäßsystem Nach dem Verständnis der Ägypter galt das Herz als zentrales Körperorgan und Sitz des Verstandes. Vom Herz aus führten zu allen anderen Teilen des Körpers Gefäße (metu; mtw = „Kanäle“), die diese mit Luft, Wasser und Blut versorgten. Das Gefäßmodell war am Nil und seinen Seitenkanälen orientiert. Genauso wie der Nil das Land bewässerte und versorgte, existierte nach dem Glauben der Ägypter im Inneren des Körpers ein Gefäßsystem, das die verschiedenen Körperpartien mit lebensnotwendigen Stoffen versorgte und Ausscheidungen abtransportierte. Der Mensch war nur gesund, wenn der innere Strom ungehindert fließen konnte. Stauten sich die „Flussläufe“, war die Versorgung des Körpers gefährdet und es entwickelten sich Krankheiten.Wolfhart Westendorf: Erwachen der Heilkunst. Die Medizin im Alten Ägypten. Zürich 1992, S. 44.

Die Hohlorgane zählten ebenfalls zu den metu-Gefäßen.Kamal Sabri Kolta, Doris Schwarzmann-Schafhauser: Die Heilkunde im Alten Ägypten. Magie und Ratio in der Krankheitsvorstellung und therapeutischen Praxis. Stuttgart 2000. Sie leiteten Wasser und Luft zu allen Stellen des Körpers. Auch alle Körperausscheidungen wie Kot, Harn, Schleim, Samen und Blut wurden von den Gefäßen abgeleitet.Gabriele Höber-Kamel: Medizin und Magie. In: Kemet. Heft 2/2005, S. 4–5. Unter mt verstand man jedoch nicht nur die Begriffe Kanal und Gefäß usw., sondern (nach heutigem Anatomieverständnis) auch anatomische Strukturen wie Muskelstrang, Sehne oder Nerv.Doris Schwarzmann-Schafhauser, Kamal Sabri Kolta: Krankheit im Alten Ägypten. Zur Rezeption paläopathologischer Forschungsergebnisse in der Medizingeschichtsschreibung oder die Schwierigkeiten interdisziplinärer Zusammenarbeit. 1998, S. 144–151.

Eine falsche Ernährung galt als eine der Hauptursachen für Erkrankungen des Gefäßsystems. Dem ägyptischen Verständnis zufolge bildeten sich bei nicht ordnungsgemäßer Verdauung sogenannte Schleim- und Schmerzstoffe (wḥdw), die zu einem Stau (einer „Sandbank“) in den Gefäßen führten. Als Abhilfe und zur Bekämpfung solcher „Staus“ verordneten die Ärzte häufig Brechmittel, Abführmittel und Klistiere. Neben „Staus“ konnten auch „Überschwemmungen“ Krankheitsursache sein, z. B. wenn zu viel Blut in die Leber gelangte.Papyrus Ebers, 854 L – Lutz Popko: Papyrus Ebers. In: Science in Ancient Egypt. online: Papyrus Ebers (Eb 854 L). Auf: sae.saw-leipzig.de; zuletzt abgerufen am 19. März 2021.

Den Puls­schlag deuteten die Ägypter als „Gehen des Herzes“. Er wurde ihrer Meinung nach durch die „Atemluft“ erzeugt, die nicht nur aus sauerstoffhaltiger Luft bestand, sondern auch aus einer stofflichen Lebenskraft, die die Menschen von den Göttern erhalten haben (pneuma). Die ägyptische Lehre von den Gefäßen und ihren Säften ging später in die Säfte- und Pneumalehre der griechischen Medizin ein.

Krankheiten Übersicht Krankheiten wurden oftmals als Nicht-Funktionieren der betroffenen Körperteile empfunden, was in der Regel mit Schmerzen verbunden war. Die beiden häufigsten Ausdrücke für Schmerzen waren meret („(stechende) Schmerzen“) und menet („Leiden“).Wolfgang Helck, Eberhard Otto, Wolfhart Westendorf: Lexikon der Ägyptologie. Band III, Harrassowitz, Wiesbaden 2000, ISBN 3-447-04468-3, S. 757.