Der Burgus Budakalász-Luppa csárda war ein römischer Militärposten, der als spätantiker Wohn- und Wachturm zur Überwachung eines Donauabschnitts des pannonischen Limes (Limes Pannonicus) diente. Der Strom bildete in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Die vollständig ergrabenen Überreste der Befestigung lagen bei Luppa csárda (auch: Lupa csárda), einem Ortsteil der Kleinstadt Budakalász im ungarischen Komitat Pest, nahe am Westufer des Donau-Westarms. Über Teilen der Fundamente entstand nach der Grabung ein Wochenendhaus. Ein bekannter publizierter Fund ist das Imitat eines Diatretglases.

Lage und Forschungsgeschichte mini|300px|Der Limes Pannonicus am Pilisgebirge mini|Der Burgus in einer vervollständigten Grundrisszeichnung mini|Rekonstruktion des Burgus Das Gebiet bei Budakalász-Luppa csárda (deutsch: Luppa-Heideschenke) war schon in vorgeschichtlicher Zeit besiedelt. Zwischen 1952 und 1961 legte hier der Archäologe Sándor Soproni (1926–1995) mit 439 kupferzeitlichen Gräbern den bedeutendsten FundplatzZsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 80. der Péceler Kultur frei und fand dabei unter anderem den damals weltberühmt gewordenen Wagen von Budakalász.Sándor Soproni: A budakalászi kocsi. (Der Wagen von Budakalász.) In: Folia archaeologica 6. Budapest 1954, S. 29–36 u. 198–199, Tafel 6–8. Der römische Wachposten von Budakalász-Luppa csárda wurde auf dem Gebiet der im 4. Jahrhundert n. Chr. eingerichteten pannonischen Provinz Valeria an den südöstlichen Ausläufern des Pilisgebirges errichtet. Er stand am Westufer des Donauwestarms, nahe dem dort mündenden Barát-Baches. In östlicher Richtung konnte die einstige Turmbesatzung über den Flussarm hinweg die hier nur noch sehr schmale Landzunge der südlich auslaufenden Donauinsel Szentendrei (Sankt-Andrä-Insel) überblicken und den Hauptstrom des Flusses überwachen. Nach Norden bestand Sichtkontakt mit dem Ländeburgus am Dera-Bach,Bei . im Süden lag bei Békásmegyer am Ufer ein Wachturm, der Signale empfangen und über eine dichte Postenkette bis zum Legionslager Aquincum (Budapest) weitergeben konnte. Westlich von Luppa csárda verlief ungefähr unter der heutigen Landstraßentrasse die antike Heer-, Handels- und Grenzstraße.

Die kleine Anlage wurde 1932 bis 1934 von dem Archäologen Lajos Nagy (1897–1946) vollständig freigelegt.Andrea Kaltofen: Studien zur Chronologie der Völkerwanderungszeit im südöstlichen Mitteleuropa. British Archaeological Reports, International Series 191. Oxford 1984, ISBN 0-86054-244-0, S. 191. Eine Publikation zu dieser Grabung ist bisher nicht erschienen.Endre Tóth: Karpen in der Provinz Valeria. Zur Frage der spätrömischen eingeglätteten Keramik in Transdanubien In: Communicationes archeologicae Hungariae. Budapest 2005, S. 382. 1952 nahm Sándor Soproni eine Untersuchung vor Ort vor.Zsolt Visy: Definition, Description and Mapping of Limes Samples. CE Project „Danube Limes – UNESCO World Heritage“ 1CE079P4. Budapest 2010. S. 50–51; hier: S. 50. Die Ausgrabung ist schon lange in Teilen von einem Wochenendhaus überbaut, die noch stehenden Fundamentreste sind in dessen Garten sichtbar erhalten.

Baugeschichte Der valentinianische Burgus bestand aus einem rechteckigen Wohn- und Wachturm mit 1,5 Meter starken Steinmauern.Jenő Fitz (Hrsg.): Der Römische Limes in Ungarn. Fejér Megyei Múzeumok Igazgatósága, 1976, S. 79. Dieses Bauwerk war mittig in einem im Inneren 39 × 39 Meter umfassenden, gemauerten Hofgeviert errichtet worden. Der Aufbau folgte in seinen Maßen und im Grundriss den heute noch sichtbaren Überresten der Anlage von Leányfalu.Sándor Soproni: Der spätrömische Limes zwischen Esztergom und Szentendre. Akadémiai Kiadó, Budapest 1978, ISBN 963-05-1307-2, S. 66. Mit einem umlaufenden Grabenwerk muss gerechnet werden. Der Turm von Luppa csárda wurde von Südwesten her betreten. In seinem 16,3 × 15,5 beziehungsweise 14,8 Meter großen Inneren war links und rechts der Türe je ein Treppenaufgang an der südwestlichen Turmwand installiert, die einst darüberliegenden Stockwerke mit dem massiven Dach wurden von vier Steinpfeilern getragen, die zueinander im Rechteck stehend das Zentrum der Anlage einnahmen. Die stratigraphischen Schichten sind unbekannt.

In nachrömischer Zeit wurde bei Budakalász-Dunapart ein awarisches Gräberfeld angelegt.István Erdélyi: Das awarische Gräberfeld in Budakalász-Dunapart (Donauufer). In: MittArchInst 7. (Mitteilungen des Archäologischen Instituts der Ungarischen Akademie der Wissenschaften), Budapest 1977. S. 45–54.

Funde Ziegelstempel Neben Stempeln des Ap Luppiano ord, des Ap Valentini, und des Ap Iovini kamen auch die des Frigeridus dux aus dem Boden. Die Zenturionen Luppianus und Iovinus sowie der Tribun Valentinus waren zeitgleich mit dem Provinz-Oberbefehlshaber Frigeridus aktiv. Frigeridus amtierte zwischen 371 und 373 n. Chr. in Valeria.Barnabás Lőrincz: A későrómai hídfőállások bélyeges téglái Valeriában. In: Attila Gaál (Hrsg.): Pannoniai kutatások. A Soproni Sándor emlékkonferencia előadásai (Bölcske, 1998. október 7.). Szekszárd 1999, S. 53–68.

Keramik Es fanden sich Reste von glasierter, einglättverzierter und oberflächengeglätteter spätantiker Keramik. Ein Bruchstück mit Gittermuster wurde von Soproni veröffentlicht.Sándor Soproni: Die letzten Jahrzehnte des pannonischen Limes. Beck, München 1985, ISBN 3-406-30453-2, Tafel 10.6. Das gemeinsame Vorkommen von eingeglätteten und glasierten Stücken ist für viele spätrömische Siedlungsplätze und Gräberfelder in Ungarn charakteristisch. Ohne Kenntnis der einstmaligen stratigraphischen Schichten wie in Luppa csárda ist es jedoch nicht möglich festzustellen, ob die aufgefundene Gittermusterkeramik aus der gleichen Schicht stammt wie die vorgefundene eingeglättete provinzialrömische Keramik, also zeitgleich benutzt wurde. Die grundsätzlichen Schwierigkeiten liegen darin, dass eine genauer gefasste Datierung der spätrömischen eingeglätteten Keramik noch immer nicht möglich ist, da ihre frühe Produktion bereits in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts begann.Katalin Ottományi: Késő római besimított kerámia Nagykanizsán. In: Zalai Gyűjtemény Nr. 18, 1982–1983. S. 45–58 (in ungarischer Sprache). Nur in bekannten Schichten und Zusammenhängen aufgedeckte Fundstücke erlauben eine genauere Zuordnung. Die Theorien über eingeglättete Keramik sind heute vielfältig und sehr umstritten.Friderika Horváth: Bemerkungen zum spätantiken Keramikmaterial aus der Festung von Keszthely-Fenékpuszta – Erste Ergebnisse. Workshop Leipzig, 8.–9.2.2008. Archäologisches Institut der UAdW. Bei seiner 2004 veröffentlichten Studie zur Keramik aus dem Burgus Budakalász-Luppa csárda kam Katalin Ottományi zu dem Ergebnis, dass sich die gefundenen Stücke zum Ende der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts datieren lassen. Möglicherweise sind zwei glänzende Bruchstücke mit schwarzer Glättung, vielleicht auch eine bikonische Schüssel, in das erste Drittel des 5. Jahrhunderts zu datieren. Das gesamte Keramikspektrum vom Burgus besteht aus römischen Typen, barbarischer Einfluss lässt sich nicht feststellen.Katalin Ottományi: A Budakalász-Luppacsárdai őrtorony késő római kerámiája (Die spätrömischen Keramiken des Wachtturmes von Budakalász-Luppacsárda). In: Studia Comitatensia 28 (2004), S. 265–295; hier: S. 289.

Glas Mit den Keramikfunden kamen die Bruchstücke eines grünen dickwandigen Glasbechers ans Licht, der eine ausladende Wulst besaß. Unter dieser Wulst befanden sich senkrechte Rippen, denen eine wabenartige Verzierung folgte. Das Stück gehört zu einer Gruppe von Gläsern, welche die kostbaren Diatretarbeiten imitieren.Lajos Nagy: L'imitation d’un vase diatrete, retrouvee au burgus de Budakalász. In: Budapest Régiségei 15. Budapest 1950. S. 535–539. Zum weiteren angetroffenen Material zählen Eisenfunde.

Spolie Zum Fundmaterial gehörte auch die als Spolie verbaute Grabinschrift der Septimia Theodora, die sich während der Grabung 1934 im Burgus fand. Das stark beschädigte Fragment stammt aus der Zeit zwischen 200 und 250 n. Chr. Es nennt unter anderem einen mil(es) co(hortis) (Kohortensoldat), dessen Name jedoch nicht erhalten blieb.László Barkóczy, Sándor Soproni: Brigetio (Fortsetzung) und die Limesstrecke am Donauknie. In der Reihe: Die römischen Inschriften Ungarns. (RIU). 3. Lieferung. Akadémiai Kiadó, Budapest 1981. ISBN 963-05-2374-4. Nr. 935. Der Stein wurde wahrscheinlich aus dem nahen, nördlich gelegenen Kastell Szentendre verschleppt.

Fundverbleib Das Fundgut aus der Grabung wurde in das Aquincum Museum nach Budapest verbracht. Die Spolie befindet sich im Depot des römischen Lapidariums des Ferenczi-Károly-Museums in Szentendre.

Villa rustica Budakalász-Dolina mini|Das Herrenhaus der 1942 ergrabenen Villa Im Kriegsjahr 1942 legte der Archäologe Tibor Nagy (1910–1995) im Dolina-Tal das Herrenhaus einer kleineren Villa rustica vom Portikus-Typ frei, deren regelmäßiger Grundriss in der zentralen Fluchtachse auf der Rückseite eine halbrunde Apsis aufwies. Nagy, der zur Grabung nur eine kurze Beschreibung herausgab, meinte, in der Apsisnische ein Bad zu erkennen, obwohl das Bodenniveau im Vergleich zum Fußboden der anderen Räume nicht viel niedriger ist. Fast alle Räume waren beheizbar, wobei das System der Hypokaust- und Kanalheizung gleichermaßen Verwendung fand. Der Ausgräber nahm an, dass die Villa rustica von Budakalász-Dolina am Ende des 2. oder zu Beginn des 3. Jahrhunderts entstanden ist. Kanalheizungen wurden im größeren Stil erst in der Spätantike gebräuchlich,Heinz Heinen, Hans H. Anton, Winfried Weber: Im Umbruch der Kulturen – Spätantike und Frühmittelalter. Veröffentlichungen des Bistumsarchivs Trier. ISBN 3-7902-0271-1. S. 516. was Hinweise auf mögliche spätere Umbauten im Haus gibt. In den meisten Räumen fand sich über der Heizung ein Terrazzo-Fußbodenbelag.Edit B. Thomas: Römische Villen in Pannonien, Beiträge zur pannonischen Siedlungsgeschichte. Akadémiai Kiadó, Budapest 1964. S. 214–215. An den Wänden des großen zentralen Raumes mit Apsis konnten noch Hohlziegel festgestellt werden, durch die einst vom Fußboden aufsteigende Wärme nach oben hin abgeleitet wurde. Das Ende des landwirtschaftlichen Betriebes wird im 5. Jahrhundert gekommen sein.

Im Dolina-Tal fand sich auch die zerbrochene Grabstele des Septimius Avvo, in die bei einer späteren Zweitverwendung zwei runde Löcher gebohrt worden sind.László Barkóczy, Sándor Soproni: Brigetio (Fortsetzung) und die Limesstrecke am Donauknie. In der Reihe: Die römischen Inschriften Ungarns. (RIU). 3. Lieferung. Akadémiai Kiadó, Budapest 1981. ISBN 963-05-2374-4. Nr. 934. Es sind zudem weitere Reste landwirtschaftlicher Betriebe aus dem Dolina-Tal am Barát-Bach bekannt, jedoch teilweise nicht ansatzweise so gut erforscht.

Limesverlauf vom Budakalász-Luppa csárda bis zum Castrum Aquincum