Eduard Mühle (* 21. Juli 1957 in Bad Rothenfelde) ist ein deutscher Historiker. Er war von 1995 bis 2005 Direktor das Herder-Instituts in Marburg und ist seit 2023 Präsident der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Von 2005 bis 2023 war er Professor für Geschichte Ostmitteleuropas und Osteuropas an der Universität Münster und von 2008 bis 2013 Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Warschau. Mühle ist Experte für die früh- und hochmittelalterliche Stadt- und Herrschaftsgeschichte bei Ost- und Westslawen sowie der ostmitteleuropäischen Zeitgeschichte.

Leben Eduard Mühle leistete nach dem Abitur 1978 in Lippstadt zivilen Wehrersatzdienst mit Aktion Sühnezeichen in Israel. Von 1978 bis 1986 studierte er Osteuropäische und Neuere Geschichte, Slavistik, Philosophie und Theologie an den Universitäten Paderborn, Jerusalem, Münster und London. Von 1987 bis 1989 war er Stipendiat der Gerda-Henkel-Stiftung. Die Promotion an der Universität Münster erfolgte im Winter 1989 bei Frank Kämpfer mit einer Arbeit über die Frühphase der städtischen Handelszentren der nordwestlichen Rus.

Nach Stationen am Institut für osteuropäische Geschichte der Universität Mainz, in der Deutschen Forschungsgemeinschaft und im Sekretariat der Hochschulrektorenkonferenz leitete er von 1995 bis 2005 als Direktor das Herder-Institut in Marburg. 2000/01 war er Gastprofessor am St Antony’s College in Oxford. Nach der 2004 erfolgten Habilitation über Hermann Aubin und die „deutsche Ostforschung“ an der Universität Marburg folgte 2005 der Ruf als Professor für Geschichte Ostmitteleuropas und Osteuropas nach Münster. Von 2008 bis 2013 leitete er als Nachfolger von Klaus Ziemer das Deutsche Historische Institut Warschau. Unter seiner Leitung setzte das Institut einen Schwerpunkt auf das Mittelalter ohne dabei zuvor entwickelte Themenfelder zu vernachlässigen.Eduard Mühle: Dynastische Herrschaft im mittelalterlichen Polen. Bilanz eines befristeten Forschungsschwerpunkts des Deutschen Historischen Instituts in Warschau. In: Jahrbuch der historischen Forschung in der Bundesrepublik Deutschland. Berichtsjahr 2012, 2013, S. 35–46, hier: S. 35. Dabei wurde die dynastische Herrschaft der Piasten im mittelalterlichen Polen ins Zentrum des Erkenntnisinteresses gestellt. Während seines Aufenthaltes in Warschau befasste er sich besonders nachdrücklich mit der polnischen Geschichte.

Mühle hat 2014 für seine Verdienste um die deutsch-polnische Zusammenarbeit den polnischen Alexander-von-Humboldt-Forschungspreis erhalten. Seit 2006 ist er Mitherausgeber der Buchreihe Städteforschungen. Mühle war von 1995 bis 2019 Mitglied des Herausgebergremiums der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung. Mühle ist seit 2014 Mitglied des Herausgebergremiums des Jahrbuchs Studia Lednickie. Er ist Mitglied des Redaktionsbeirats der Zeitschrift Studia Zródłoznawcze (seit 2011) und der Zeitschrift Studia Historica Slavo-Germanica (seit 2011). Im Jahr 2016 wurde Mühle zum ausländischen Mitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften und Künste zu Krakau (Polska Akademia Umiejętności) gewählt. Von September bis Dezember 2017 war er Member des Institute for Advanced Study.Seite von Mühle am Institute for Advanced Study. Am 2. November 2022 wurde Mühle von Senat und Stiftungsrat der Stiftung Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) zum Präsidenten der Viadrina für die Amtszeit von 2023 bis 2029 gewählt. Das Amt trat er mit Beginn des Sommersemesters 2023 an.Prof. Dr. Eduard Mühle • Europa-Universität Viadrina / EUV. Abgerufen am 2. April 2023.

Mühle ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Forschungsschwerpunkte Mühles Forschungsschwerpunkte umfassen die mittelalterliche Geschichte des östlichen Europa, insbesondere Altrusslands und Polens mit besondere Berücksichtigung der Stadtgeschichte, die Entwicklung der osteuropäischen Hochschul- und Wissenschaftssysteme nach 1945 bzw. 1989 sowie die deutschsprachige Historiographiegeschichte zum östlichen Europa im 19. und 20. Jahrhundert.

Mühles 1991 veröffentlichte Dissertation behandelte die ältere russische Stadtgeschichte. Dabei untersuchte Mühle die Entwicklung der altrussischen Städte Ladoga, Nowgorod, Pskow, Polozk und Smolensk. Mühle unterscheidet in seinem Schlussteil bei der Stadtwerdung in der nordwestlichen Rus ein Dreiphasenmodell. Die erste Phase basiert auf einer vorstädtischen Frühphase von der Mitte des 8. bis Anfang des 10. Jahrhunderts. Die zweite Phase ist eine frühstädtische Beschleunigungsphase vom 10. bis zur ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts. In dieser Phase stellte er eine Bebauungsverdichtung und einen Burg-Suburbium-Dualismus fest. Von der Mitte des 11. bis zum Ende des 12. Jahrhunderts habe sich dann die Stadt formiert. Anschließend analysiert Mühle die Faktoren und Ursachen der Stadtwerdung. Die Arbeit Mühles gilt als Standardwerk für die osteuropäische Stadtentstehung.Besprechung von Carsten Goehrke zu einigen Neuerscheinungen zur Stadtentstehung im europäischen Osten. In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 42, 1994, S. 235–240. Erstmals legte Mühle damit eine Gesamtdarstellung der Frühgeschichte der osteuropäischen Stadt in einer westeuropäischen Sprache vor.Besprechung von Alexander V. Nazarenko in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters. 48, 1992, S. 350–351 (online).

Im Jahr 1995 veröffentlichte Mühle eine Untersuchung über die Ziele und den Verlauf der Hochschulreform in Russland seit 1985.Eduard Mühle: Die ‚Entsowjetisierung‘ der russischen Hochschule. Historische Voraussetzungen, Anliegen und Verlauf der Hochschulreform in Rußland seit 1985. Bonn 1995. Anlässlich des 65. Geburtstages des Marburger Osteuropahistorikers Hans Lemberg wurde eine Tagung am Herder-Institut im April 1998 abgehalten. Den Tagungsband gab Mühle 2001 heraus. Der Sammelband behandelt in drei Sektionen „Osteuropa und Mitteleuropa“, „Aspekte der böhmischen Geschichte“ und „Nationale Entmischung im 20. Jahrhundert“.Eduard Mühle (Hrsg.): Mentalitäten – Nationen – Spannungsfelder. Studien zu Mittel- und Osteuropa im 19. und 20. Jahrhundert. Beiträge eines Kolloquiums zum 65. Geburtstag von Hans Lemberg. Marburg 2001. Als Ergebnis einer Tagung am St Antony’s College in Oxford gab Mühle 2003 einen Sammelband mit acht Beiträgen über die Beziehungsgeschichte zwischen Deutschland und verschiedenen osteuropäischen Staaten heraus. Der thematische Schwerpunkt der Beiträge liegt auf den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts sowie dem Zweiten Weltkrieg.Eduard Mühle (Hrsg.): Germany and the European East in the Twentieth Century. Oxford 2003.

Mit seiner 2005 veröffentlichten Habilitationsschrift über Hermann Aubin, den wohl wichtigsten Repräsentanten der deutschen Landesgeschichtsforschung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wollte Mühle weniger eine Biographie vorlegen, sondern „einer paradigmatischen Persönlichkeit der deutschen Ostforschung und ihres Umfeldes“ eine größere Untersuchung zur Geschichte der „Ostforschung“ widmen.Eduard Mühle: Für Volk und deutschen Osten. Der Historiker Hermann Aubin und die deutsche Ostforschung. Düsseldorf 2005, S. 4. Bislang hatte sich die Geschichtswissenschaft vor allem auf Aubins Wirken im Nationalsozialismus konzentriert. Dagegen betrachtet Mühle in seiner Studie alle Lebensphasen des Historikers und damit die gesamte Geschichte der Ostforschung von der Weimarer Republik, über die NS-Zeit bis hin zur Nachkriegszeit.Vgl. die Besprechungen von Mathias Beer in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. 55, 2007, S. 100–101. Matthias Werner: Der Historiker und Ostforscher Hermann Aubin. Anmerkungen zu einigen neueren Publikationen. In: Rheinische Vierteljahrsblätter. 74, 2010, S. 235–253, hier: S. 235 f. (online); Willi Oberkrome in: Historische Zeitschrift. 283, 2006, S. 817–820; Thomas Etzemüller: in: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung. 54, 2005, S. 589–591 (online); Peter N. Miller in: The English Historical Review. 122, 2007, S. 1064–1066; Thomas Etzemüller in: sehepunkte 6, 2006, Nr. 1 [15. Januar 2006] (online). Mühles Darstellung ist in drei große Hauptkapitel eingeteilt: Aubins Biographie als Zeitgenosse, sein Wirken als Wissenschaftsorganisator und seine historiographische Arbeit. Für ihn war Aubin kein „Vordenker der Vernichtung“, jedoch „Mitdenker“ einer „ethnischen Flurbereinigung“ und „Neuordnung Mitteleuropas“.Eduard Mühle: Für Volk und deutschen Osten. Der Historiker Hermann Aubin und die deutsche Ostforschung. Düsseldorf 2005, S. 627. Mühle ordnet damit Aubin begrifflich zwischen Mitläufer und Mittäter ein.Dazu die Besprechung von Frank-Rutger Hausmann in: Das Historisch-Politische Buch. 54, 2006, S. 236–237. Aubins politisch-ideologische Anpassung an den Nationalsozialismus nach 1933 beurteilt Mühle als „Teil jener Bedingungen, die am Ende auch den Rassenkrieg und den Genozid ermöglicht haben“.Eduard Mühle: Für Volk und deutschen Osten. Der Historiker Hermann Aubin und die deutsche Ostforschung. Düsseldorf 2005, S. 628. Neben seiner Biographie hat Mühle Einzeluntersuchungen über Aubins akademisches Wirken im Dritten Reich,Eduard Mühle: Hermann Aubin, der ‚deutsche Osten‘ und der Nationalsozialismus – Deutungen eines akademischen Wirkens im Dritten Reich. In: Hartmut Lehmann, Otto Gerhard Oexle (Hrsg.): Nationalsozialismus in den Kulturwissenschaften. Band 1: Fächer – Milieus – Karrieren. Göttingen 2004, S. 531–591. sein Wissenschaftsverständnis,Eduard Mühle: „… einfach dem Instinkte nach vertraut.“ Zum Wissenschaftsverständnis Hermann Aubins und seiner historischen Kulturraumforschung. In: Blätter für deutsche Landesgeschichte. 139–140, 2003–2004, S. 233–266. seine Vorstellungen vom „deutschen Osten“,Eduard Mühle: Der europäische Osten in der Wahrnehmung deutscher Historiker. Das Beispiel Hermann Aubin. In: Gregor Thum (Hrsg.): Traumland Osten. Deutsche Bilder vom östlichen Europa im 20. Jahrhundert. Göttingen 2006, S. 110–137. sein Ostfronterlebnis im Ersten Weltkrieg,Eduard Mühle: Weltkriegserlebnis an der galizisch-polnischen Ostfront 1914/15. Zur Wahrnehmung des Ostens in Feldpostbriefen des Ostforschers Hermann Aubin. In: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung. 51, 2002, S. 529–576. seine akademische Schule in BreslauEduard Mühle: Die ‚schlesische Schule der Ostforschung‘. Hermann Aubin und sein Breslauer Arbeitskreis in den Jahren des Nationalsozialismus. In: Śląska republika uczonych – Schlesische Gelehrtenrepublik. Slezká vědecká obec. Bd. 1, Wrocław 2004, S. 568–607. und seine Teilnahme am 7. Internationalen Historikertag in Warschau 1933Eduard Mühle: „Von den wilden Schlachzizen glücklich wieder zurückgekehrt“. Hermann Aubin und der Internationale Historikerkongress in Warschau 1933. In: Bernhard Symanzik (Hrsg.): Studia Philologica Slavica. Festschrift für Gerhard Birkfellner zum 65. Geburtstag. Berlin 2006, S. 477–494. veröffentlicht. Mühle legte 2008 eine Briefedition vor. Sie umfasst 228 Briefe aus 21 Archiven an 80 unterschiedliche Adressaten im Zeitraum von 1910 bis 1968. Die Briefe beziehen sich vornehmlich auf die „Ostforschung“.Matthias Werner: Der Historiker und Ostforscher Hermann Aubin. Anmerkungen zu einigen neueren Publikationen. In: Rheinische Vierteljahrsblätter. 74, 2010, S. 235–253, hier: S. 247 (online); Weitere Besprechungen von Enno Bünz in: Neues Archiv für sächsische Geschichte. 83, 2012, S. 324–326; Klaus von See in: Historische Zeitschrift. 290, 2010, S. 240–242.