mini|hochkant=1.3| Kydonen (mykenisch ; oder Κυδωνιάτας Kydoniátas) ist die Bezeichnung eines bronzezeitlichen Volkes auf der griechischen Mittelmeerinsel Kreta. Nach ihnen beziehungsweise ihrem mythischen König Kydon (mykenisch ku-do / Kudōn) wurde die antike Stadt Kydonia (mykenisch ku-do-ni-ja / Kudōniā; altgriechisch Κυδωνία Kydonía) benannt. Die Kydonen gelten neben den Eteokretern als älteste Bewohner der Insel. Über ihre Herkunft und Sprache ist wenig bekannt.
Historische Hinweise
Literarische Quellen Erstmals erwähnt werden die Kydonen in der Odyssee von Homer. Sie sind dort als eigenständiges Volk auf Kreta neben den Achaiern, Dorern, Pelasgern und Eteokretern, den „eingeborenen Kretern“, aufgeführt. Im 19. Gesang der Odyssee, Zeilen 172 bis 179, heißt es: Κρήτη τις γαῖ’ ἔστι μέσῳ ἐνὶ οἴνοπι πόντῳ,καλὴ καὶ πίειρα, περίρρυτος· ἐν δ’ ἄνθρωποιπολλοὶ ἀπειρέσιοι, καὶ ἐννήκοντα πόληες· -ἄλλη δ’ ἄλλων γλῶσσα μεμιγμένη· ἐν μὲν Ἀχαιοί,ἐν δ’ Ἐτεόκρητες μεγαλήτορες, ἐν δὲ ΚύδωνεςΔωριέες τε τριχάικες δῖοί τε Πελασγοί· -τῇσι δ’ ἐνὶ Κνωσός, μεγάλη πόλις, ἔνθα τε Μίνωςἐννέωρος βασίλευε Διὸς μεγάλου ὀαριστής,„Kreta ist ein Land im dunkelwogenden Meere,Fruchtbar und anmutsvoll und ringsumflossen. Es wohnenDort unzählige Menschen, und ihrer Städte sind neunzig:Völker von mancherlei Stamm und mancherlei Sprachen. Es wohnenDort Achaier, Kydonen und eingeborene Kreter,Dorier, welche sich dreifach verteilet, und edle Pelasger.Ihrer Könige Stadt ist Knossos, wo Minos geherrscht hat,Der neunjährig mit Zeus, dem großen Gotte, geredet.“ Die hier angegebene deutsche Übersetzung des altgriechischen Originaltextes stammt von Johann Heinrich Voß aus dem Jahr 1781. Schon im 3. Gesang der Odyssee, der die Rückfahrt des Menelaos von Troja nach dem Ende des Trojanischen Krieges behandelt, werden die Kydonen in der Zeile 292 genannt, dort als Bewohner der Ufer des Iardanos (auch Jardanos transkribiert): ἔνθα διατμήξας τὰς μὲν Κρήτῃ ἐπέλασσεν,ἧχι Κύδωνες ἔναιον Ἰαρδάνου ἀμφὶ ῥέεθρα.ἔστι δέ τις λισσὴ αἰπεῖά τε εἰς ἅλα πέτρηἐσχατιῇ Γόρτυνος ἐν ἠεροειδέι πόντῳ·ἔνθα νότος μέγα κῦμα ποτὶ σκαιὸν ῥίον ὠθεῖ,ἐς Φαιστόν, μικρὸς δὲ λίθος μέγα κῦμ' ἀποέργει.αἱ μὲν ἄρ' ἔνθ' ἦλθον, σπουδῇ δ' ἤλυξαν ὄλεθρονἄνδρες, ἀτὰρ νῆάς γε ποτὶ σπιλάδεσσιν ἔαξαν„Plötzlich zerstreut’ er die Schiffe; die meisten verschlug er gen Kreta,Wo der Kydonen Volk des Iardanos Ufer umwohnet.An der gordynischen Grenz’, im dunkelwogenden Meere,Türmt sich ein glatter Fels den dringenden Fluten entgegen,Die der gewaltige Süd an das linke Gebirge vor PhaistosStürmt; und der kleine Fels hemmt große brandende Fluten.Dorthin kamen die meisten; und kaum entflohn dem VerderbenNoch die Männer, die Schiffe zerschlug an den Klippen die Brandung.“ Im Epos Aeneis des Vergil, das auf Grundlage früherer Überlieferungen einen der Gründungsmythen des Römischen Reiches erzählt, werden die Kydonen im 12. Buch in Zeile 858 kurz erwähnt. Die Zeilen 856 bis 860, in der Übersetzung von Wilhelm Hertzberg aus dem Jahr 1859, haben folgenden Inhalt: non secus ac nervo per nubem impulsa sagitta,armatam saevi Parthus quam felle veneni,Parthus sive Cydon, telum immedicabile, torsit,stridens et celeris incognita transilit umbras:talis se sata Nocte tulit terrasque petivit.„Wie ein Pfeil, durch hohes Gewölk von der Sehne geschleudert,Den mit galligem Saft bösartigen Giftes der PartherOder Kydone getränkt und als unheilvolles Geschoss wirft,Schwirrend von keinem erkannt durch die flüchtigen Schatten dahinsaust,Also flog auch die Tochter der Nacht hinab zu der Erde.“' Eine ähnlich kurze Erwähnung erfuhren die Kydonen in einem Brief eines anonymen Verfassers an Kaiser Konstantin I. aus dem Jahr 310 n. Chr. Dort heißt es (in der Übersetzung von Brigitte Müller-Rettig aus dem Jahr 1990): „Denn keine Speere der Perser oder Kydonen haben mit so sicherem Wurf ihr Ziel erreicht, wie du zum rechten Zeitpunkt deinem Vater, der sich aufmachte, die Welt zu verlassen, als Begleiter zur Seite standest und alle seine Sorgen. die er in vorausahnendem und verschwiegenem Herzen bedachte, durch die Gewißheit deiner Gegenwart erleichtert hast.“
Der Geschichtsschreiber und Geograf Strabon (etwa 63 v. Chr. – nach 23 n. Chr.) bezieht sich in seinen Geôgraphiká (Γεωγραφικά) über Staphylos von Naukratis auf Homer und siedelte die zu seiner Zeit schon historischen Kydonen im Westen der Insel Kreta an. Er bezeichnete sie neben den „echten Kretern“ (Ἐτεόϰρητες Ἐteókrētes) im Süden als „wahrscheinlich ureinsässig“, während die Dorer im Osten später eingewandert seien. Gleichzeitig gibt Strabon jedoch an, dass die Kleinstadt Praisos mit dem Heiligtum des Diktäischen Zeus im Osten der Insel den Eteokretern gehörte. Ebenso stimmen die Siedlungsangaben Strabons nicht mit den allgemein angenommenen Thesen zur dorischen Landnahme auf Kreta während der „dorischen Wanderung“ überein, nach denen die Dorer die Insel von der Mitte bis in den Westen besiedelten und dabei die Eteokreter nach Osten verdrängten. Eine Beschränkung der Kydonen auf den Westen ist somit ebenfalls nicht gesichert.
Die Stadt Kydonia mini| Häufig wird die Bezeichnung Kydonen nicht als Volksname, sondern als Name für die Bewohner der Stadt Kydonia verwendet. Der Name der Stadt an der Nordwestküste Kretas, an deren Stelle sich das heutige Chania erhebt, ist in verschiedenen Schreibweisen überliefert. Schon in mittelminoischer Zeit existent, fand man bei Ausgrabungen in Knossos Schrifttafeln sowohl in Linearschrift A als auch in Linearschrift B, auf denen der Name Kydonias verzeichnet ist. In der minoischen Linearschrift A (etwa 2000–1400 v. Chr.) lautete dieser KU.DO.NI, in mykenischer Linearschrift B (etwa 1440–1180 v. Chr.) wird er ku-do-ni-ja transkribiert. Aus diesen ursprünglichen Namensformen entstand das altgriechische Kydonia, was in der Zeit des Römischen Reiches Cydonia geschrieben wurde, so wie die Stadt auf der Peutingerschen Tafel verzeichnet ist.
Seit 1964 durchgeführte Ausgrabungen auf dem Kastelli-Hügel in Chania brachten Funde vom Spätneolithikum bis in die Geometrische Zeit zu Tage. Darunter befanden sich Gefäßfragmente mit aufgemalten Zeichen der Linearschrift B. Sie wurden in die spätminoische Epoche III B der Nachpalastzeit datiert. Das Schriftzeugnis auf dem Fragment eines Gefäßverschlusses war der erste Fund einer Linear-B-Schrift außerhalb von Knossos. Zwei Innenräume eines Hauses nach Art eines minoischen Megarons mit gepflastertem Fußboden und gemörtelten Wänden geben Hinweise auf die Besiedlung Kydonias in spätminoisch-mykenischer Zeit. Die mykenische Epoche endete ab 1100 v. Chr. mit der Einwanderung des Volkes der Dorer und dem Eintritt in die schriftlose Zeit der Dunklen Jahrhunderte. Aus der diesen folgenden archaischen Zeit gibt es keine Hinweise auf ein Volk der Kydonen auf Kreta, die Einwohner Kydonias wurden zu den Griechen gerechnet.
Interpretation Zur Einordnung der Kydonen als ein mögliches Volk auf Kreta im 2. Jahrtausend v. Chr. erscheint eine umfassende Sicht auf die bis heute umstrittene Siedlungsgeschichte der Insel notwendig. Ausgehend von den Angaben der oben genannten antiken Autoren siedelten auf Kreta neben den später eingewanderten Pelasgern, Achaiern und Dorern zwei „wahrscheinlich ureinsässige“ Völker, wie Strabon schreibt. Die einen werden als Kydonen, die anderen als Eteokreter bezeichnet. Beide sind bei Homer direkt einander gegenübergestellt, „Kydonen und eingeborene Kreter“ oder „wahre Kreter“, als wenn der Begriff Kydonen eine allgemeine Bezeichnung für die Bewohner Kretas sei, diese aber von den „eigentlichen“ Ureinwohnern der Insel abgegrenzt werden müssten. Und zwar in der Art, dass sie den Eteokretern weder untertan waren, noch deren Sprache sprachen oder Religion praktizierten. Dabei ist zu beachten, dass die Kydonen nach Homer „des Iardanos Ufer“ bewohnten, also nicht auf die Stadt Kydonia beschränkt sein konnten, da diese (wie auch Chania heute) an keinem Fluss lag.
Bezeichnung mini|hochkant| Bei der Annahme des Wortes Kydonen beziehungsweise dessen mykenischer Entsprechung ku-do-ni-jo als Herkunftsbezeichnung eines Volkes, also als „Bewohner von Kreta“ (das Endungs-„jo“ steht für die Volksbezeichnung (Ethnikon), die Bewohner von ku-do-ni), nicht nur für die Stadtbewohner Kydonias, fällt eine Ähnlichkeit mit möglichen Bezeichnungen der Insel in anderen Sprachen auf. Das in altägyptischen Texten erwähnte Keftiu / Kafta (Kftjw / Kft; aus Kaftar) steht sowohl als geografische Bezeichnung für Kreta (alttestamentlich Kaphtor, Kaptā/ōr) als auch für dessen Bewohner.Die Gleichsetzung von „Keftiu“ mit Kreta ist in der Forschung zwischenzeitlich unbestritten. Der allgemeine Begriff „Keftiu-Schiffe“ bezieht sich auf die Möglichkeit, das ferne Kreta zu erreichen. Dies bedeutet im Umkehrschluss nicht automatisch, dass „Keftiu-Schiffe“ nach Kreta fuhren oder von dort kamen; gemäß Eric H. Cline: The Oxford Handbook of the Bronze age Aegean (ca. 3000-1000 BC). Oxford University Press, Oxford 2010, ISBN 978-0-19-536550-4, S. 822–824. Belegt ist Keftiu bereits in der Zweiten Zwischenzeit Ägyptens im Papyrus Leiden I 344 (erstellt 1840–1700 v. Chr.),John van Seters: A date for the „Admonitions“ in the second intermediate Period. In: The Journal of Egyptian Archaeology 50, 1964, S. 13–23. der als Abschrift über gleichartige Einbalsamierungstechniken berichtet. Möglicherweise datiert die Originalvorlage des Papyrus in die 12. Dynastie (20. Jahrhundert v. Chr.) und nimmt Bezug auf den Beginn der ersten Zwischenzeit (23./22. Jahrhundert v. Chr.):
Auf einer Statuensockel-Inschrift mit unter anderem ägäischen Ortsnamenlisten aus dem Totentempel von Amenophis III. (etwa 1390–1352 v. Chr.) fand sich der Name Kutunaja für die Stadt Kydonia, wobei in der altägyptischen Sprache der wechselnde Anlaut „t“ statt „d“ nicht ungewöhnlich ist. Daneben kam es des Öfteren zu Verschiebungen von Buchstaben bei der Übernahme eines Wortes in eine andere Sprache, wie beispielsweise im Fall des mykenischen Su-ki-ri-ta / Sugrita zum altgriechischen Sybrita oder vom altgriechischen Eleutherna zum neugriechischen Eleftherna. In der Bilingue des Kanopus-Dekrets von 238 v. Chr. wie auch in anderen ptolemäischen Quellen wird das altägyptische Keftiu mit dem griechischen Φοινίκη (Phoiníkē) übersetzt, womit das Land Phönizien gemeint ist. Die Phönizier werden in anderen altägyptischen Texten Fenchu (Fnḫw) genannt, in Verbindung mit dem Baum-Determinativ übersetzt als „Baumfäller“.Abgeleitet von „fench“ für „Schreiner, Tischler“. Als Inseln der Fenchu galten im altägyptischen Neuen Reich hingegen die Inseln des östlichen Mittelmeeres, zu denen auch Kreta gehört.
mini|links| Die Phönizier sind in Griechenland seit Homer als Φοίνιϰες (Phoinikes) belegt, in mykenischem Griechisch möglicherweise schon als po-ni-ki-jo auf Linear-B-Tafeln aus Knossos, was vielleicht eine Ableitung aus dem altägyptischen Fenchu darstellt. Bei den Ägyptern erscheinen die Fenchu schon früher, und zwar in einer Siegesinschrift Thutmosis II. (etwa 1492 bis 1479 v. Chr.) als ägyptische Hoheitsgebiet der „Länder von Fenchu“ (Stadtstaaten) im Zusammenhang mit Retjenu und auf einem Denkstein Sethos I. (um 1323–1279 v. Chr.) für die Kapelle Ramses I. in Abydos, in dessen Inschrift sich Sethos rühmt, die „Länder der Fenchu vernichtet zu haben“. Die wichtigsten Stadtstaaten der Phönizier an der Küste der Levante, wie Tyros, Byblos oder Sidon, sind jedoch wesentlich älter. So entstand bereits zwischen dem 18. und 15. Jahrhundert v. Chr. in dem von den Ägyptern Retjenu genannten Land eine Schrift, die heute als Byblos-Schrift bekannt ist. Daneben sind Verbindungen Kretas mit dem Hinterland der Levanteküste, dem Königreich von Qatna, archäologisch nachgewiesen. Aus in ein Brunnenhaus gestürztem Bauschutt wurden 3000 Freskenfragmente minoischer Art aus der Zeit vor 1340 v. Chr. geborgen.
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