Stillleben mit Käse ist ein Gemälde des niederländischen Künstlers Floris van Dyck, der als wesentlicher Begründer des frühen niederländischen Mahlzeitstilllebens – auch Haarlemer Schautafeln genannt – gilt. Es wird auf etwa 1615–1620 datiert und besitzt die Maße 82,5 × 111,2 cm. Bei der Technik handelt es sich um Ölfarbe, die auf eine Holztafel aufgebracht wurde. Beim Titel des Gemäldes handelt es sich nicht um eine Bezeichnung durch den Künstler selbst, sondern um eine nachträgliche Betitelung.
Kulturhistorischer Hintergrund mini|Floris van Dyck, Stillleben mit Käse, 1613, Frans-Hals-Museum, Haarlem
Das Bild ist exemplarisch für die niederländische Stilllebenmalerei im 17. Jahrhundert, als sich viele Maler auf ein bestimmtes Genre spezialisierten und die Spezialisierung innerhalb des Genres selbst perfektionierten. So entstand beispielsweise eine ganze Palette von Blumen- und Früchtestillleben oder den BanketjesDie Bezeichnung als Banketjes oder Ontbijtjes (niederl. = kleine Mahlzeiten / Imbiss) dieser Gemälde stammt aus den zeitgenössischen Inventaren. Siehe: A.P.A. Vorenkamp: Bijdrage tot de geschiedenis van het Hollandsch stilleven in de 17 eeuw: proefschrift ter verkrijging van den graad van doctor in de letteren en wijsbegeerte aan de Rijks-Universiteit te Leiden. N.V. Leidsche Uitgeversmaatschappij, Leiden 1933, S. 6ff., zu denen auch dieses Bild zählt, oft in mehreren nur wenig differierenden Varianten des immer gleichen Sujets. Auch das Thema dieses Bildes existiert in mehreren Varianten, eine davon im Frans-Hals-Museum, in Haarlem.
Für diese Art Bilder gab es in dem Goldenen Zeitalter der Niederlande, als die Republik der Sieben Vereinigten Niederlande zur führenden Handels- und Wirtschaftsnation aufgestiegen war, einen lukrativen und florierenden Markt. Dabei ist die Hinwendung zur Darstellung von Alltäglichem (Stillleben, Genremalerei, holländische Landschaften usw.) auch durch den Calvinismus und den damit verbundenen Bilderstürmen zu erklären. Katholische Bildthemen wurden geächtet, dennoch entstand in den Nördlichen Niederlanden die Nachfrage nach Kunst, im Besonderen nach Gemälden zur Verschönerung des Wohnraums. Abnehmer der Bilder war das zu Reichtum gekommene Bürgertum. Die Käufer wollten den erreichten Luxus, der ihnen den Konsum und das Anhäufen exquisiter Gerätschaften und teurer und überfeinerter Speisen erlaubte, auf den Bildern dokumentiert sehen.
Formale Bildbeschreibung Bildgegenstände Dem Betrachter präsentiert sich eine mit Leidener oder Haarlemer Damast„Mit den Flüchtlingen [flämische und brabanter Emigranten] war die fortschrittliche Textilindustrie nach Leiden und Haarlem gekommen [...].“Michael North: Geschichte der Niederlande. Beck, München 2003, S. 46. eingedeckte Tafel. Auf dieser befinden sich Objekte, die in zwei Gruppen einzuteilen sind. Die eine Gruppe bilden das Küchengeschirr und Utensilien und die zweite Gruppe besteht aus Lebensmitteln. Zur ersten Gruppe zählen die verschiedenen Gläser auf dem Tisch. Dabei handelt es sich um einen aus grünem Glas gefertigten Römer. In dem Gemälde im Frans-Hals-Museum in Haarlem steht an dessen Stelle ein Berkemeyer. Glas gehörte im 17. Jahrhundert zu den erschwinglichen Gütern und war von so geringem Wert, dass es in den Inventaren nicht verzeichnet wurde.Julie Berger Hochstrasser: Imag(in)ing prosperity. Painting and material culture in the 17thcentury Dutch household. In: Jan de Jong (Hrsg.): Wooncultuur in de Nederlanden. 1500 - 1800 = The art of home in the Netherlands. Zwolle 2001. Waanders, Zwolle 2001, S. 215. Dass Glas jedoch auch zu den teureren Gütern zählen konnte, beweisen die importierten façon-de-Venise-Gläser auf der Tafel, wovon eines liegend, von einer hellen Steinzeugkanne verdeckt wird. Bei dieser handelt es sich um eine Kanne aus Siegburger Keramik, die aus Deutschland importiert wurde. Ebenso teure und begehrte Importgüter waren die chinesischen Schalen aus Porzellan. Diese stammten meist aus dem überseeischen Handel der VOC und werden oft, benannt nach dem zu dieser Zeit herrschenden Kaiser, als Wanli-Porzellan bezeichnet.Joseph Lammers: Fasten und Genuss. Die angerichtete Tafel als Thema des Stillebens. In: Gerhard Langemeyer & Hans-Albert Peeters (Hrsg.): Stilleben in Europa. (Aust.kat.: Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster & Staatliche Kunsthalle Baden-Baden 1980). Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Münster 1979, S. 424. Die chinesischen Teller, flachen und tiefen Schalen blieben, obwohl sie später im großen Stil durch die Delfter Porzellan-Manufakturen kopiert wurden, teure und beliebte Stücke des Hausschatzes. Eine weitere Wertsteigerung geschieht durch die Metallteller und das Messer im Bild. Derartiges Geschirr aus edlem Metall wie Zinn oder Silber gehört wohl zu den wertvollsten Objekten innerhalb des auf der Tafel drapierten Arrangements. Bei der zweiten Gruppe an Objekten handelt sich um eine Ansammlung verschiedenster Nahrungsmittel. Wie frisch gepflückt erscheinen die in einer großen Schüssel versammelten rot-gelben Äpfel und die, auf kleineren Schalen servierten, noch an den Reben hängenden, hellen und dunklen Weinbeeren. In einem weiteren Teller befinden sich grüne Oliven. Nicht in Geschirr dargereicht, sondern über den Tisch verteilt, befinden sich noch offene und geschlossene Nüsse, Backwaren in Form von kleinen Brötchen und eine einzelne Birne. Dies sind Früchte und Nahrungsmittel, die in Hülle und Fülle auf dem städtischen Markt zu kaufen waren oder im Garten an den eigenen Bäumen wuchsen. Eine Ausnahme bilden die Oliven, die wie heute aus dem Mittelmeerraum nach den Niederlanden importiert wurden. Damit gehören sie zweifelsohne, wie alle Importwaren auf dem Tisch, zu den teureren Objekten. Ein letztes Nahrungsmittel verdient eine besondere Beachtung – der Käse. Dieser ist hier in mächtigen und verschiedenfarbigen Laiben übereinander gestapelt. Diese werden auf einem kostbaren Teller in der Mitte des Bildes präsentiert. Die Bedeutung des Käses auf niederländischen Gemälden ist nicht eindeutig. Einerseits handelt es sich dabei um ein einfaches landwirtschaftliches Erzeugnis und wesentliches Grundnahrungsmittel.Simon Schama: Overvloed en onbehagen : de Nederlandse cultuur in de Gouden Eeuw. Aus dem Englischen von Eugène Dabekaussen, Barbara de Lange en Tilly Maters. Contact, Amsterdam 1988, S. 161ff, 169f. Andererseits stieg der Käse mit seiner langjährigen Reife immens in seinem Wert und wurde sogar in Inventaren vermerkt.Claus Grimm: Stilleben. Die niederländischen und deutschen Meister. Belser, Stuttgart (u. a.) 1988, S. 81 & Ebd.: Anm. 62 (S. 235). Die hintere Kante ist aufgrund der eng aneinandergrenzenden Objekte und/oder aufgrund des diffusen Lichts im hinteren Teil des Gemäldes nicht erkennbar. Ähnlich verhält es sich mit den seitlichen Begrenzungen des Tisches. Den Hintergrund bildet eine unbeleuchtete und ungestaltete Fläche. Ein Blick auf die weiteren wenigen Gemälde von Floris van Dyck und Nicolaes Gillis lässt einen deutlichen Trend erkennen. Das Repertoire an Objekten lässt sich noch durch einige wenige, wie beispielsweise Schalen mit Zuckergebäck, weiteren Früchten (bspw. Zitronen), Becherschrauben oder Nautiluspokale ergänzen. Das Konzept der Objekte ist aber stets das gleiche. Niemals fehlen die metallenen Teller, chinesischen Schalen mit Früchten oder der in den Mittelpunkt gerückte Stapel bestehend aus Käselaiben.
Komposition In dem zu betrachtenden Gemälde ist eine Anordnung der Objekte in drei verschiedenen Reihen zu beobachten. In der ersten Reihe stehen Objekte wie die Schale mit Trauben, der Römer, der Teller mit Oliven und die Steinzeugkanne. Ein besonderes Element der ersten Reihe ist der metallene Teller mit der herabhängenden Apfelschale, der etwas über die vordere Tischkante geschoben und somit als Trompe-l’œil-Motiv den Blick auf sich lenkt. In der zweiten Reihe befinden sich Objekte, die jene der ersten Reihe überragen, wie die große chinesische Schale mit den Äpfeln und der im Mittelpunkt des Bildes platzierte Käsestapel. In der hinteren Reihe sind zwei Gläser zu erkennen, die nur sichtbar sind, da sie im Arrangement in Zwischenräumen stehen. Die gesamte Anordnung der Objekte entspricht einer pyramidalen Komposition, wobei die Aufmerksamkeit des Betrachters auf den in der Mitte thronenden Käsestapel gelenkt wird. Dieses Kompositionsschema scheint für die Haarlemer Schautafeln programmatisch zu sein. Variationen erfährt diese Anordnung nur durch weniger definierte Grenzen zwischen den einzelnen Objektreihen oder die mögliche leicht dezentrale Stellung des Käsestapels, wobei dieser immer noch das Bildgefüge dominiert. Die Objekte sind in einer großzügigen Draufsicht dargestellt, die, je weiter die Objekte in den Raum hineinreichen, abnimmt. Die Komposition der Objekte ist streng und symmetrisch, trotz der über den Tisch verteilten Nüsse und Reste der Backwaren. Die Anordnung der Objekte auf der Tafel lässt den inhärenten Horror Vacui dieser Bildauffassung erkennen. Obwohl die Anzahl der dargestellten Objekte überschaubar ist, füllen sie doch den größten Teil des Bildes aus. Dies geschieht in der Komposition des Bildes dadurch, dass Überschneidungen vermieden wurden. Die Objekte stehen einzeln auf dem Tisch, ohne mit den anderen in direkte Berührung zu kommen, oder bilden untereinander kleine Arrangements, wie bspw. die Steinzeugkanne mit dem Brötchen und der Birne. In der Gesamtschau fügen sich dann diese einzelnen Objekte und kleinen Objektgruppen zu einem die Tafel füllenden Arrangement.
Farbigkeit mini|Frans Snyders: Drei Affen stehlen Obst, 1640, Louvre, Paris
Das hier betrachtete Gemälde von Floris van Dijck steht, was die Farbigkeit angeht, in der Tradition Küchenstücke und Marktbilder, wie sie von Pieter Aertsen und Joachim Beuckelaer gemalt wurden. Alle dargestellten Objekte weisen deshalb ihre Lokalfarbe auf. Allerdings muss hierbei darauf hingewiesen werden, dass die Haarlemer Schautafeln in der Farbigkeit – oder besser: in der Ausdruckskraft der Farbe – den zeitgleichen flämischen Stillleben nachzustehen schienen. Dieser Unterschied wird aber tatsächlich erst augenfällig, wenn man den direkten Vergleich vornimmt. Vergleicht man etwa das Gemälde von Floris van Dyck mit dem seines flämischen Malerkollegen Frans Snyders, wird der Unterschied mehr als deutlich.Als geeignetes Gemälde zum Vergleich sei auf das „Stillleben mit Früchten, Wanli-Porzellan und Eichhörnchen“ von 1616 im Museum of Fine Arts in Boston verwiesen. So zeigen beispielsweise die Äpfel im Früchtekorb eines Frans Snyders eine höhere Farbintensität als die Äpfel in der Wanli-Schale im Amsterdamer Gemälde von Floris van Dijck. Martina Brunner-Bulst sieht hier bereits eine durch abgestufte Lichtwerte zurückgenommene Farbigkeit.Martina Brunner-Bulst: Pieter Claesz.: der Hauptmeister des Haarlemer Stillebens im 17. Jahrhundert. Kritischer Œuvrekatalog. Luca-Verlag, Lingen 2004, S. 138. Diese scheint dann wohl den Veränderungen in der Verwendung von Farbe in den späteren Haarlemer Stillleben, welche als Monochrome Banketjes bezeichnet werden, vorauszugehen.
Lichtregie