Der Bristol 400 ist ein Oberklassefahrzeug, mit dem der britische Flugzeughersteller Bristol Aeroplane Company nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in die Automobilproduktion einstieg. Das Fahrzeug war in technischer und stilistischer Hinsicht eng mit verschiedenen Vorkriegssportwagen von BMW verwandt. Der 400 bildete die konstruktive Grundlage für viele spätere Bristol-Modelle. Auch nachdem die Automobilsparte 1959 unter dem Namen Bristol Cars ihre Selbstständigkeit erlangt hatte, wurden wesentliche Elemente des 400 weiterverwendet. Das Fahrgestell etwa fand sich in modifizierter Form noch in dem bis 2011 produzierten Bristol Blenheim. Wie viele Exemplare des 400 hergestellt wurden, ist nicht bekannt. Der Bristol 400 ist heute ein gesuchter Klassiker.
Hintergrund Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sah die bis dahin von Rüstungsaufträgen abhängige Bristol Aeroplane Company – ähnlich wie Saab in Schweden – im Automobilbau ein neues, an den Bedürfnissen der Zivilgesellschaft ausgerichtetes Betätigungsfeld.
Bereits in den letzten Kriegsjahren entwickelten Bristol-Ingenieure zwei unterschiedliche Prototypen, von denen der zweite – der Typ 2EX – 1946 nahezu Serienreife erreichte.Zu der Geschichte der Prototypen: Thoroughbred & Classic Cars 3/1984, S. 48 ff. Diese sehr aufwendigen Projekte fanden ihr Ende, als Bristol im Laufe des Jahres 1945 die Anteilsmehrheit an dem britischen Sportwagenhersteller Frazer Nash übernahm. Frazer Nash hatte seit 1934 einzelne BMW-Modelle wie den 320 und den 326 in Großbritannien als Frazer-Nash-BMW vermarktet. Unmittelbar nach Kriegsende übernahm Frazer Nash „eine große Menge“Classic and Sportscars Heft 8/2006, S. 133 an Konstruktionszeichnungen für die BMW-Modelle 326, 327 und 328. Im Herbst desselben Jahres gelang es Harold John „H. J.“ Aldington, dem Inhaber von Frazer Nash, zudem, den in britischer Kriegsgefangenschaft befindlichen BMW-Ingenieur Fritz Fiedler für eine Zusammenarbeit mit seinem Unternehmen zu gewinnen.Dieter Günter: Man lebt nur zweimal. Modellgeschichte des Bristol 400 und des 401, in: Oldtimer Markt, Heft 9/1996, S. 230 Unter welchen konkreten Umständen die Übernahme der Konstruktionspläne erfolgte – etwa im Rahmen von ReparationsleistungenSo die Vermutung bei Dieter Günther, Oldtimer Markt, Heft 9/1996, S. 230 oder gegen Erbringung finanzieller Gegenleistungen durch Frazer NashSo Balfour: Bristol Cars, S. 48 f. –, ist bis heute nicht geklärt.
Angesichts der neuen Beziehung zu Frazer Nash stellte Bristol im Juni 1945 die Entwicklung eines eigenen Autos ein und konzentrierte sich auf die Übernahme und die Anpassung der BMW-Konstruktionen.Notiz in der Zeitschrift Motor vom 19. Juli 1950 Diese Entscheidung ermöglichte den schnellen und kostengünstigen Aufbau der eigenen Automobilsparte, führte andererseits aber dazu, dass Bristol statt einer Neuentwicklung künftig eine Vorkriegskonstruktion verwenden würde.
Anfänglich war geplant, ein in größerer Serie hergestelltes Tourenwagenmodell unter der Bezeichnung „Frazer-Nash-Bristol“ anzubietenAbbildung des ersten Verkaufsprospekts bei Balfour: Bristol Cars, S. 76, während Frazer Nash einen davon abgeleiteten Sportwagen unter dem eigenen Markennamen, d. h. ohne den Zusatz Bristol, verkaufen sollte.Vgl. Classic and Sportscars Heft 8/2006, S. 133 Im April 1947 allerdings trennten sich Bristol und Frazer Nash. Bristol setzte den Bau des nun „Bristol 400“ genannten Fahrzeugs in eigener Verantwortung fort; Frazer Nash hingegen baute eigenständige Sportwagen, die zumeist Motoren von Bristol verwendeten.
Technik und Entwicklungsgeschichte des Bristol 400 Rahmen und Fahrwerk mini|Chassis des Bristol 400 Der Aufbau des Bristol 400 ruhte auf einem Stahlrahmen mit Längsträgern und Quertraversen, dem zeitgenössische Berichte eine außergewöhnliche Festigkeit attestierten.Beschreibung des Bristol 400 in: The Bristol 2-Litre Model Mechanically Unchanged. In: Motor vom 13. Oktober 1948 Das Chassis, das sich im Bereich des Vorderwagens verjüngte, wurde zu einem Markenzeichen aller späteren Bristol-Modelle. Die Vorderräder waren unabhängig aufgehängt, hinten verwendete Bristol eine Starrachse, die mit Drehstabfedern und selbst konstruierten Stoßdämpfern versehen war.Zu den Einzelheiten s. Motor vom 6. November 1946
Motor Der Motor des Bristol 400 entsprach im Wesentlichen einer BMW-Konstruktion aus den späten 1930er Jahren. Grundlage war der für den BMW 328 entwickelte Reihensechszylindermotor.
Zu dessen Besonderheiten gehörten halbkugelförmige Brennräume mit V-förmig hängenden Ventilen, die über Stößel, Stoßstangen und Kipphebel von der unten liegenden Nockenwelle gesteuert wurden. Die Auslassventile wurden über eine zusätzliche Stoßstange quer über den Zylinderkopf und einen zweiten Kipphebel betätigt.An unusual but well-proven arrangement of push rods. Beschreibung des Ventilsteuerungsmechanismus, in: The Bristol 2-Litre Model Mechanically Unchanged. In: Motor vom 13. Oktober 1948 Außergewöhnlich waren ferner die steil abfallenden Einlasskanäle (die Vergaser saßen in der Mitte über dem Motor), was unter anderem die Lastwechselreaktionen positiv beeinflusste. Bristol übernahm diese konstruktiven Eigenheiten für den Motor des 400.Zum Motor insgesamt: Dieter Günter: Man lebt nur zweimal. Modellgeschichte des Bristol 400 und des 401, in: Oldtimer Markt, Heft 9/1996, S. 230. Der Bristol-Motor war allerdings nicht nach metrischen Maßen konstruiert, sondern in Zoll-Werten. Nach Darstellung des Bristol Owners Clubs verwendete Bristol zudem höherwertige Materialien und legte generell höhere Qualitätsstandards an als BMW.Kaufberatung für Bristols Sechszylindermodelle auf der (abgerufen am 20. Mai 2012).
Der Ottomotor hatte einen Hubraum von 1971 cm³. Im Laufe der Jahre bot Bristol für den Typ 400 vier Leistungsstufen an: Anfänglich waren die Typen 85 (mit 55 kW, entspricht 75 PS) und 85A erhältlich; Letzterer hatte drei SU-Vergaser und leistete 59 kW (80 PS bei 4500/min). Ab März 1948 lieferte Bristol wahlweise eine 62 kW (85 PS) starke Version (Typ 85C), die mit drei Solex-Vergasern ausgestattet war. Die leistungsstärkste Ausführung war der Typ 85C mit 66 kW (90 PS).Classic and Sports Car, Heft 10/1990 Die Höchstgeschwindigkeit mit dem 85A-Motor wurde mit 94 Meilen pro Stunde (ca. 150 km/h) angegeben.Autocar, 6. Januar 1948
Bristol überarbeitete den Motor in den folgenden 15 Jahren mehrfach, unter anderem wurde 1959 der Hubraum für den Einsatz im Bristol 406 auf 2,2 Liter vergrößert (Typ 110).
Karosserie mini|Frontverkleidung mit Blechen von Abbey Panel Werksseitig wurde der Bristol 400 als zweitüriges Coupé („Saloon“) angeboten.
Der Aufbau war von Dudley Hobbs entworfen worden, einem langjährigen Mitarbeiter der Bristol Aeroplane Company, der fast alle künftigen Serienmodelle der Marke bis zum Britannia (1982) gestalten sollte.Ausnahmen waren lediglich die Modelle 401 bis 403, die von Touring entworfen worden waren, und der 412 mit Zagato-Karosserie. Hobbs orientierte sich bei der Gestaltung der Karosserie an einem Aufbau, den Peter Schimanowski 1938 für den BMW 327 entworfen hatte und der im folgenden Jahr von dem Darmstädter Karosseriewerk Autenrieth verwirklicht wurde.Classic Cars Spezial: Englische Oldtimer, S. 6 ff. Die Form des Bristol 400 war etwas anders als das Autenrieth-Design, folgte aber weitgehend dieser Vorlage. Die Motorhaube war geringfügig höher als bei Schimanowskis Entwurf; vor allem aber war die Dachlinie im Bereich der Rücksitze eigenständig: Sie war gegenüber dem BMW-Design erhöht, um größeren Personen mehr Kopffreiheit zu geben. Andererseits übernahm Hobbs den nierenförmigen Kühlergrill der BMW-Vorlage und machte damit die Verwandtschaft des 400 mit den thüringischen Vorkriegskonstruktionen auch äußerlich deutlich. Die Karosserie wurde – anders als bei allen folgenden Bristol-Modellen – in Gemischtbauweise hergestellt: auf einem Holzgerippe waren die Karosseriebleche aus Stahl mit Nägeln befestigt; lediglich die Türen sowie die Motorhaube und die Kofferraumklappe waren aus Aluminium. Dieser Aufbau ruhte auf dem Doppelrohrrahmen.Souls of Discretion. Classic and Sportscar 5/1996, S. 117
Bei der Konstruktion der Karosserie erhielt Bristol Unterstützung von dem britischen Spezialbetrieb The Abbey Panel & Sheet Metal Co., der auch mindestens einen Prototyp aufbaute.Geschichte von Abbey Panels auf der Internetseite der Konzernmutter Loades Plc (abgerufen am 13. Oktober 2019).
Außer dem Coupé baute Bristol 1946 auch zwei Prototypen eines zweitürigen Cabriolets mit der BMW-327-Karosserie. (abgerufen am 30. Mai 2012) Pläne für eine Serienfertigung dieser Version wurden bereits im Oktober 1946 aufgegeben. Abgesehen von der Standardkarosserie entstanden auf Kundenwunsch diverse Sonderaufbauten, die unterschiedliche britische und kontinentaleuropäische Karosseriebauunternehmen herstellten.
Serien 1 und 2 mini|Kennzeichnet die zweite Serie des Bristol 400 (ab 1948): in die Kofferraumklappe eingelassenes Reserverad Der Bristol 400 wurde in seiner ursprünglichen Form vom Frühjahr 1947 bis zum März 1948 produziert. Anlässlich des Genfer Auto-Salons 1948 präsentierte Bristol eine überarbeitete Version, die heute inoffiziell als Series 2 bezeichnet wird. Äußerlich unterschied sich die zweite von der ersten Serie durch gerade verlaufende vordere Stoßstangen, die die früheren, geschwungenen Einheiten ersetzten, sowie ein Reserverad, das in den Kofferraumdeckel eingelassen war, um den Gepäckraum zu vergrößern. Zudem gab es größere Scheinwerfer, die mit einer gewölbten Streuscheibe versehen waren.Auflistung aller Merkmale für die Unterscheidung der ersten von der zweiten Serie auf der (abgerufen am 9. Mai 2012) Nahezu zeitgleich mit der Einführung der zweiten Serie war auch der stärkere Motor vom Typ 85C wahlweise lieferbar.Notiz in der Zeitschrift Motor vom 13. Oktober 1948
Eigenproduktion Eine Besonderheit des 400 war, dass Bristol mit Ausnahme der Elektrik (Lucas), der Kupplung und der Bremsen (Lockheed) praktisch jedes Bauteil selbst fertigte. Was in der Literatur gelegentlich für Spott sorgteDer Autor Hartmut Lehbrink etwa kommentierte dies mit den Worten: „Warum ein Teil für 5 Pfund einkaufen, wenn man es auch für 50 Pfund selbst herstellen kann?“ Vgl. Oleski/Lehbrink: Seriensportwagen, S. 97 war aus Bristols Sicht ein Beitrag zur Qualitätssicherung. Zeitgenössische Presseberichte bestätigen das hohe Qualitätsniveau des Autos.
Bristol = BMW?
In der Fachliteratur wird wiederholt die Frage diskutiert, ob der Bristol 400 mehr ist als ein abgewandelter BMW.
Einige Autoren beschreiben den Bristol 400 als „eine ausgewogene Mischung erprobter BMW-Konzepte“,Jonathan Wood: Sportwagen – Faszination und Abenteuer. Bath (Parragon) 2005, ISBN 1-4054-4604-8, S. 30 andere weisen darauf hin, dass er konstruktive und gestalterische Elemente der BMW-Modelle 326, 327 und 328 miteinander verband.Classic and Sports Car, Heft 5/1994
Die Verwandtschaft des Bristol 400 mit BMW-Konstruktionen war äußerlich ohne Weiteres erkennbar. Auffälligstes Merkmal war der BMW-typische nierenförmige Kühlergrill, den Bristol für sein neues Modell unverändert übernahm. Auch die Nomenklatur belegte die Beziehungen zum deutschen Hersteller: Indem Bristol sein erstes eigenes Automodell „400“ nannte, machte das Unternehmen deutlich, dass es den Wagen als Fortsetzung bzw. Nachfolger von BMWs Vorkriegsmodellen sah, die bis zum BMW 335 von 1939 alle eine mit einer 3 beginnende dreistellige Zahl als Modellbezeichnung trugen.Der Umstand, dass BMW seinerseits nach dem Zweiten Weltkrieg keine eigene 400er Reihe auflegte, sondern die neu entwickelten Modelle als 501 bzw. 502 bezeichnete, lässt auf ein grundsätzliches Einvernehmen zwischen BMW und Bristol schließen.