mini|Appenzeller Weberpaar am Handwebstuhl um 1830, wichtigstes Arbeitsmittel bis etwa 1850 mini|Vorstufe zum Weben: das Spinnen, Seidenspulerin in Heiden AR 1914 Die Textilindustrie in der Ostschweiz war der wesentliche Wirtschaftsfaktor in den Gebieten der heutigen Kantone St. Gallen, Appenzell Inner- und Ausserrhoden und Thurgau sowie im angrenzenden österreichischen Bundesland Vorarlberg im Mittelalter und der frühen Neuzeit. Während Jahrhunderten lebten Tausende von Familien und Arbeitern vom Handel und der Produktion von Textilien. Besonders bekannt und bedeutsam wurde die Ostschweizer Textilindustrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die St. Galler Stickerei, die das wichtigste Exportgut der Schweiz vor dem Ersten Weltkrieg war.Anne Wanner-JeanRichard, Marcel Mayer: Produktion und Vermarktung von Sankt-Galler Stickereien, in: St. Galler Geschichte; Band 6; Seite 147

Geschichte Die Entwicklung der Ostschweizer Textilindustrie lässt sich grob in drei Phasen unterteilen: Das Leinwandgewerbe blühte seit dem frühesten Mittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts. Abgelöst wurde das Leinen durch die Produktion von Baumwollgeweben. Die Baumwollindustrie wurde schliesslich um 1850 mit der Erfindung der Handstickmaschine durch die Stickerei abgelöst. Die Blüte der Stickerei dauerte bis zum Ende der Belle Époque, also dem Anfang des Ersten Weltkriegs und noch etwas darüber hinaus. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat die Textilindustrie der Ostschweiz – gemessen an ihrer früheren Grösse – nur noch geringe Bedeutung; besonders die St. Galler Stickerei gilt allerdings nach wie vor als wegweisend für die Stickerei weltweit.

Leinwandgewerbe Die Anfänge der Textilindustrie in St. Gallen gehen auf das achte Jahrhundert zurück. Urkunden des Klosters erwähnen, dass Bauern Flachs oder Leinwand abzugeben hatten. Die erste Blüte der Textilindustrie begann im 12. Jahrhundert durch die Einführung des Fernhandels. Gegen Ende des folgenden Jahrhunderts hatten die wichtigeren Städte im Bodenseeraum ein ausgebautes Leinwandgewerbe. Zu diesen Städten gehörten Augsburg, Ulm, Kempten, Ravensburg, Wangen, Kaufbeuren, Lindau, Konstanz, Schaffhausen und eben auch St. Gallen. Um 1350 begann die Stadt St. Gallen, sich von der äbtischen Herrschaft zu lösen (siehe Geschichte der Stadt St. Gallen). Sie bekam das Recht den eigenen Bürgermeister zu wählen und gab sich eine Zunftverfassung. Die Stadt führte strenge Leinwandsatzungen ein, die bestimmten, wie die Qualität der produzierten Leinwand zu bewerten sei. Von der Stadt wurden sogenannte „Leinwandschauer“ eingesetzt, die die Qualität der Ware überprüften und dann mit einem Qualitätskennzeichen markierten. Waren die Satzungen zunächst noch denen von Konstanz sehr ähnlich, wurden sie gegen Ende des 15. Jahrhunderts stark verfeinert, in dem etwa weitere Abstufungen bei den Qualitätskriterien möglich wurden. mini|links|St. Gallen im Jahr 1548, deutlich sichtbar sind die grossen Bleichefelder im Vordergrund Die St. Galler Leinwandschau hatte, auch dank kluger Politik der sich verselbständigenden Stadt, bald faktisch das Monopol im Leinwandmarkt. Die gesamte Qualitätskontrolle, sowie das Bleichen, das Färben, das Zuschneiden und das Verpacken der Ware sowie später der Export waren auf die Stadt begrenzt. Die St. Galler Leinwand war in ganz Europa ein Inbegriff für qualitativ sehr hochwertiges Gewebe und wurde nach überall dorthin exportiert: Kaufleute brachten sie nach Venedig, Mailand, Genua, Lyon, Barcelona, Valencia, Granada, Frankfurt am Main, Antwerpen, Nürnberg, Breslau, Warschau, Danzig, Krakau und Wien. Diese frühen Handelsbeziehungen machten St. Gallen zu einer vermögenden Stadt und führten zu ihrer zweiten grossen Blüte – die erste erlebte sie zur Zeit Othmars und seiner ersten Nachfolger, als der Fürstabt noch zur Hauptsache Abt war und das Kloster als Zentrum des Wissens leitete, statt als Fürst weit ab von der Heimat den Ruhm mit dem Schwert zu suchen.

Die grosse Nachfrage nach St. Galler Produkten bewirkte eine stetige Steigerung der Produktion: Waren im Jahr 1400 noch etwa 2000 Tücher à 100 Meter produziert worden, waren es 1530 bereits rund 10'000 und 1610 fast 24'000 gute Tücher. Die Stadt St. Gallen allein hätte diese Nachfrage niemals allein befriedigen können. Die Bauern der Umgebung produzierten den für die Tuchfertigung benötigten Flachs und spannen teilweise daraus das Garn selbst. Mit der Zeit begann man auch auf dem Land je länger je mehr Webstühle aufzustellen. Im Gegensatz zu anderen Orten konnten die ländlichen Weber in St. Gallen ihre Ware zu den gleichen Bedingungen anbieten, wie die zünftisch organisierten Weber der Stadt, vorausgesetzt die Qualität stimmte. Sie hatten sogar einen gewissen Vorteil, da sie nicht der Zunftordnung unterstanden, und so beispielsweise auch ungelerntes Hilfspersonal und Kinder einsetzen konnten. Auch die Tatsache, dass sich die in der Landwirtschaft verankerte Bevölkerung des Hinterlandes nicht ausschliesslich auf die industrielle Tätigkeit stützen musste, machte ihre Arbeit noch zusätzlich billiger. Bald war die Weberei im Appenzellerland so stark verbreitet, dass das selbst produzierte Flachs und Garn nicht mehr genügte, und dieses importiert werden musste. So gab es bereits in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts immer mehr Familien, die ihren Lebensunterhalt ausschliesslich durch die Weberei bestritten und die Landwirtschaft aufgaben. In den guten Jahren an der Wende zwischen dem 17. und dem 18. Jahrhundert führte diese neue Einkommensmöglichkeit zu einer starken Bevölkerungszunahme. Diese frühe Industrialisierung machte die Bevölkerung sehr abhängig von den weit entfernten Absatzmärkten und den Warenpreisen (siehe Abschnitt Lebensbedingungen).

Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts begannen die Dörfer in der Umgebung von St. Gallen die Leinwand auch selbst zu exportieren, was zuvor immer wieder am intensiven Widerstand der Stadt, die ihr Handelsmonopol verteidigte, gescheitert war. Die St. Galler Leinwandschau war bereits Anfang des 17. Jahrhunderts durch den Dreissigjährigen Krieg und Pestausbrüche in eine schwere Krise geraten. Die städtische Politik, sich Neuerungen zu widersetzen und an ihren althergebrachten hohen Qualitätsansprüchen festzuhalten, schränkte die Bewegungsfreiheit der Kaufleute zu sehr ein, so dass diese zunehmend in den kleineren Orten der Umgebung ihre Ware einkauften. Hier konnten sie auch billigere und minderwertigere Ware erwerben, denn längst nicht alle Kunden erwarteten die absolute Spitzenqualität der städtischen St. Galler Leinwand. Auch der Zwang, die in der Stadt gekaufte Leinwand auch dort veredeln zu lassen, entfiel.

Baumwolle Ungefähr gleichzeitig mit dem Verlust des exklusiven Vertriebsmonopols für die Leinwand der Stadt St. Gallen, begann sich die erste ganz grosse Umstrukturierung in der Ostschweizer Textilindustrie abzuzeichnen. Es war dies der Umstieg von der Leinwand auf die Baumwolle. Tragender Kopf hinter dieser Umstrukturierung war Peter Bion, wahrscheinlich ein hugenottischer Glaubensflüchtling, der nach St. Gallen geflohen war und dort ein Handelsgeschäft eröffnete. Dort bot er vorwiegend Waren aus Fernost an, neben Gewürzen vor allem wertvolle Stoffe wie Seide oder Mousseline oder Baumwollstoffe aus Zürich. Bion begann 1721 dann als erster mit der Herstellung von Barchent, einem Mischgewebe aus Leinwand und der neuen Baumwolle. Dies brachte ihm zunächst Ärger mit der Weberzunft ein, da er selbst der Schneiderzunft angehörte und daher aufgrund der Zunftordnung kein Tuch weben oder weben lassen durfte. Er trat daraufhin zur Weberzunft über und gab seinen Laden auf. Allerdings ignorierte er die Zunftregeln weiterhin so gut es ging, und begann, im Zürcher Hinterland und in Glarus, wo die Baumwollindustrie schon etwas Fuss gefasst hatte, Baumwollgarn für die von ihm eingestellten Weber herstellen zu lassen.

Ab 1730 begann sich die Baumwollindustrie langsam durchzusetzen. Im Kanton Appenzell begann sich nun die Baumwollspinnerei und -weberei zusätzlich zur Leinwandindustrie zu verbreiten. Der Handel mit den neuen Baumwollprodukten blühte sosehr, dass gegen Mitte des 18. Jahrhunderts die althergebrachte Leinwandindustrie in eine bedeutende Krise fiel. Leinwand war nicht mehr modern und auch noch teurer als die Baumwollprodukte. Im Kloster St. Gallen entstand 1801 die erste mechanische Baumwollspinnerei und sozusagen erste Fabrik der Schweiz. Versuche, die Baumwollindustrie, die sich bisher frei entfalten konnte und auch in der Stadt St. Gallen nicht der Zunftordnung unterstand, doch noch zu regulieren und unter eben jene Zunftordnung zu stellen, also Handel und Verarbeitung von Baumwollgarn und Baumwolltüchern streng zu beaufsichtigen, scheiterten 1748 und 1759 am Widerstand des Kaufmännischen Direktoriums. Dies war die Vereinigung der städtischen Kaufleute und über lange Zeit der wesentliche liberale Gegenpol zur sonst sehr konservativ orientierten städtischen Politik. Besonders die späteren politischen und wirtschaftlichen Veränderungen im 19. Jahrhundert hat das Kaufmännische Direktorium wesentlich mitgeprägt, auch als potenter Geldgeber. Dieser politische Erfolg Mitte des 18. Jahrhunderts zeigte erstmals die neue politische Kraft, die von der Wirtschaft und vom Drang zur Handels- und Gewerbefreiheit ausging.

Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts gehörte nun zu einem wesentlichen Teil dem Handel mit und der Produktion von Baumwollprodukten. Barchent, Mousseline und Baumwolltücher fanden reissenden Absatz, so dass besonders im Appenzellerland gutes Geld zu verdienen war, und es erneut eine deutliche Bevölkerungszunahme erfuhr. Die geblümte Leinwand – das war solche, die mittels eines speziellen Verfahrens mit Blumenmustern versehen war, teilweise bereits durch Einsatz des Jacquard-Webstuhls – war von der „alten“ Textilart ebenfalls sehr gefragt.

Neben der Weberei wurde auch die Zulieferung der Rohstoffe, insbesondere des Garns, immer wichtiger. Zwischen 1750 und 1780 breitete sich die Baumwollspinnerei in grosse Teile des Appenzellerlandes, des Toggenburgs und im Rheintal aus. Auch jenseits von Rhein und Bodensee, im süddeutschen Raum und im Vorarlberg wurde für die St. Galler Baumwollindustrie Garn gesponnen. Wahrscheinlich beschäftigte allein die Baumwollspinnerei um 1780 40'000 Personen.

Die produzierten Baumwolltücher wurden in verschiedenen Formen, verschiedenen Qualitäten und unterschiedlichsten Farbmustern produziert und angeboten. Diese wurden später teilweise noch bedruckt oder bestickt. Die Veredelungsindustrie, die Tücher bedruckte, färbte oder bestickte, erfuhr mit dem Aufschwung der Produktion natürlich auch deutliche Zuwachsraten, so dass auch Textildruckereien gegen Ende des 18. Jahrhunderts in grosser Zahl neu eröffnet wurden und vielen Menschen Arbeit gaben. Eine Sonderstellung in der Veredelungsindustrie sollte spätestens seit 1850 die Stickerei einnehmen, denn sie begann um diese Zeit durch die Erfindung der Handstickmaschine die Weberei nach und nach einzuholen und später gar zu verdrängen.

+ Preis- und Lohnentwicklung während der grossen Hungersnöte von 1771 und 1817Tanner, Seite 94 1760 1771 1817 1820 Nahrungsmittel 1 Viertel Korn 50 kr 6 fl 30 kr 11fl 1 fl 10 kr 1 Viertel Haber 18 kr 2 fl 3 fl 22 kr 1 Viertel Weissmehl 1 fl 4 kr 5 fl 52 kr 14 fl 1 fl 26 kr 1 Zentner Kartoffeln 40 kr 1 fl 30 kr 11 fl 40 kr 1 Pfund Rindfleisch 4 kr 10 kr 15 kr 9 kr 1 Pfund Butter 10 kr 20 kr 44 kr 17 kr 1 Pfund Brot 2 kr 16 kr 30 kr 3 ½ kr Löhne Spinnerlohn pro Schneller1 Schneller entsprach nach Ostschweizer Mass 769 Metern. Je nach Garndicke und -qualität benötigte die Spinnerin dafür auf der Handspindel etwa 6-10 Stunden, mit dem Spinnrad etwa die Hälfte. 12-15 kr 2/3 kr 2/3 kr Weberlohn pro Woche 5 fl 24 kr 1 fl 48 kr 2-4 fl fl=Gulden, kr=Kreuzer; 60 Kreuzer entsprachen einem Gulden