Das Klagebüchlein, auch Klage oder Büchlein genannt, ist das erste Werk des mittelhochdeutschen Dichters Hartmann von Aue. Es entstand um 1180 und ist nur im Ambraser Heldenbuch überliefert. Die 1.914 überwiegend paargereimten Verse stehen für ein experimentelles Werk, das keiner Vorlage oder keiner eindeutigen Gattung zugeordnet werden kann. Zur Zeit Hartmanns war das Klagebüchlein eine neuartige und individuelle Kreation.

In dem Werk geht es um einen Streit zwischen Herz und Leib.Vergleiche auch Verfasserlexikon, 2. Aufl., Band 3, Sp. 1152 f. (‘Herz und Leib’. Minnerede in paargereimten Viertaktern). Thema des Streits sind die Qualen der hohen Minne und die Überwindung eines solchen Leidens. Das Herz, das als Ratgeber fungiert, entwickelt über den Text hinweg eine Tugendlehre für die hohe Minne und somit einen Weg zum Glück. Herz und Leib bilden gegensätzliche Charaktere, die ihren Schnittpunkt in ihrer Seele finden und trotz aller Schwierigkeiten zusammenhalten müssen, um ihr Leiden zu bewältigen.

Das Klagebüchlein wird von einem Schlussgedicht beendet, bei dem ein nicht näher genannter Sprecher einen Liebesgruß an eine edle Dame entsendet. Durch den Sprecherwechsel und auch durch die formalen Mittel hebt sich das Schlussgedicht deutlich vom Hauptteil ab. Dennoch bildet der Abschluss keinen Bruch, sondern unterstreicht noch einmal die Individualität des Werks.

Bis heute wurde der Text des Klagebüchleins in sechs verschiedenen kritischen Editionen veröffentlicht.

Überlieferung mini|Eine beispielhafte Seite aus dem Ambraser Heldenbuch

Das um 1180 entstandene Klagebüchlein ist nur im Ambraser Heldenbuch überliefert, das Hans Ried im Auftrag von Kaiser Maximilian I. verfasste. Diese Handschrift entstand im frühen 16. Jahrhundert und beinhaltet eine Reihe von mittelhochdeutschen Erzählungen. Hartmanns Klagebüchlein steht zwischen dem ebenfalls von ihm stammenden Iwein und seinem so genannten zweiten Büchlein.Gewehr: Hartmanns „Klagebüchlein“ im Lichte der Frühscholastik. 1975, S. 16. Zwei Sätze betiteln das Werk: „Eine ʃchŏne Diʃputatz. Von der Liebe, ʃo einer gegen einer ʃchŏnen ʄraẘen gehabt und getan hat“.Zitiert nach dem Ambraser Heldenbuch in: Gewehr: Hartmanns „Klagebüchlein“ im Lichte der Frühscholastik. 1975, S. 15. (Eine schöne Auseinandersetzung. Von der Liebe eines Mannes, die er zu einer schönen Frau besaß und die er ihr gab.)

Lange Zeit war das Klagebüchlein lediglich im Ambraser Heldenbuch und somit nur in Wien zu finden. In den letzten 150 Jahren wurde der Text häufiger neu ediert und einem breiteren Publikum zugänglich gemacht, im Zeitraum von 1842 bis 1986 in sechs verschiedenen kritischen Editionen.

Inhalt In dem Klagebüchlein geht es um eine Auseinandersetzung zwischen Herz und Leib. Im Mittelpunkt dieses Disputs steht der resultierende Schmerz einer nicht erwiderten Minne.

Verse 1–32 Ein Sprecher führt mit einem kurzen Prolog in die Geschichte der Klage ein. Der Prolog beschreibt die allmächtige Kraft der Minne, die keinen Menschen verschont. Deutlich wird in diesen Zeilen auch: Die folgende Klage ist die eines bestimmten Mannes. Es ist die Klage Hartmanns von Aue:Alle mittelhochdeutschen Zitate folgen der Ausgabe Ludwig Wolffs; Wolff: Das Klagebüchlein Hartmanns von Aue und das zweite Büchlein. 1972.

gar gewalteclîchen (7) betwanc sî einen jungelinc daz was von Ouwe Hartman, (30) der ouch dirre klage began So gewaltig bezwang sie [die Minne] einen jungen Mann das war Hartmann von Aue, der auch diese Klage begann

Dieser junge Mann liebt eine Frau, die seine Liebe allerdings nicht erwidert. Da er seinen Schmerz aber nicht in der Öffentlichkeit austragen darf („Disen kumberlîchen strît / entorste er nieman gesagen“ V. 18f.), beginnt er nun, in seinem Innern sein Leiden zu beklagen.

Verse 33-484 Der Leib ist der Erste, der in diesem Gefecht zwischen Leib und Herz zu Wort kommt. Er beginnt sofort, das Herz für seinen Schmerz zu beschuldigen. Er möchte sich am Herzen rächen („daz sî mich ræchen an dir“ V. 39), es am liebsten sogar töten („und wære dar zuo state mir, / zwâre ich taete dir den tôt“ V. 40f.). Die Gründe für diese Beschuldigungen sind naheliegend: Das Herz hat die Macht über den Leib („wan des gewaltes ist sô vil“ V. 46). So war es auch das Herz, das ihm auftrug, jene Frau zu lieben und nun die daraus resultierenden Qualen der unerwiderten Liebe zu erdulden:

unz daz nû dîn übeler rât vil ungenîslichen hât verleitet mich armen lîp (80) mit dînem gewalte an ein wîp sodass bisher dein schlechter Rat viel Unheil mitgebracht hat das mich armen Leib mit Leid belastet mit deiner Macht über eine Frau

Nachdem der Leib seine angebetete Frau beschrieben hat und darüber klagt, durch sie ein schlechtes Bild der Frauen bekommen zu haben, bittet der Leib das Herz schließlich um Rat: „herze, nû sprich, waz ist dîn rât?“ (V. 180)

Trotz der Bitte um Rat hören die Beschuldigungen nicht auf. Der Leib wechselt beständig zwischen Einsicht und Anschuldigung. Ein Beispiel hierfür findet sich in V. 434-440:

doch muoz mich iemer dâ bî (435) die wîle ich lebe wunder nemen, und wold ez gerne vernemen von dir, trût mîn herze, ob dich mîn smerze iedoch sô gar vergebene stê (440) daz dir dâ von niht werde wê Doch muss ich mich jetzt solange ich lebe fragen und würde es gerne wissen von dir, mein liebes Herz, ob dir mein Schmerz doch so egal ist, dass dir davon nichts weh tut.

Verse 485-972 Nachdem der Leib seine Klagen offenbart hat, beginnt das Herz, alle Beschuldigungen des Leibes zu widerlegen. Das Herz weist die Schuld von sich, in dem es sagt:

dû hâst dich der rede niht wol bedâht, daz dû mich dar umbe sprichest an (544) des ich schulde nie gewan. Du hast deine Worte nicht wohl gewählt, wenn du mich für etwas beschuldigst, an dem ich nie schuld war.

Es ist der Leib, der dem Herzen die Welt durch seine Augen zeigt. Diese Eindrücke sind es, die das Herz aufnimmt und dem Leib somit zu bestimmten Taten rät.

Das Herz betont als Ratgeber des Leibes immer nur zum Guten geraten zu haben („ze guoten dingen ich dir riet“ V. 565). Er gab ihm den Rat, diese Frau zu lieben, da er sie durch die Augen des Leibes sah und wusste, dass es keine bessere Frau gibt. Wenn der Leib es schafft, seine angebetete Dame durch sein Werben zu gewinnen, wird er glücklich sein. Dazu gehört es aber, um die Frau zu kämpfen und nicht nur tatenlos zuzuschauen („dâ hœret arbeit zuo“ V. 613).

Schließlich beginnt auch das Herz mit einer Gegenklage: Der Leib kann Ruhe im Schlaf finden, kann sich am Tag von seinem Schmerz ablenken. Das Herz dagegen kann nicht ruhen, der Schmerz ist immer präsent. Doch um den Leib zu verschonen, versteckt es sein Leiden vor ihm. Hinzu kommen der Spott des Leibes und der schlechte Ruf, den das Herz durch den Leib zu erdulden hat.

Es folgt ein wichtiger Rat:

sô kan ich dir bescheiden wol wes ein man geniezen sol: tugende unde sinne, (780) sô sint ez reine minne. So kann ich dich wohl belehren Was ein Mann genießen soll: Tugenden und Sinne, sind zusammen die reine Minne.

Was ein Mann braucht, um glücklich zu sein und die perfekte Minne zu erhalten, sind bestimmte Tugenden und seine Sinne. Wenn er bereit ist, die Tugenden einzusetzen und für die Minne zu arbeiten, wird er belohnt werden. Da der Leib bisher aber nur durch seine Faulheit aufgefallen ist, beschreibt das Herz den Leib als tugendlos. Ihm fehlt der Wille, die Ratschläge des Herzens anzunehmen und sie vor allem umzusetzen. Daraufhin befiehlt das Herz dem Leib, ihm zu gehorchen („dû moust mir gehôrsam sîn:“ V. 896) und schließt seine Ansprache mit dem Vorschlag der Zusammenarbeit. Bei einer Zusammenarbeit von Herz und Leib werden sie die Möglichkeit haben, alles Erwünschte zu erreichen:

wil ab dû dich rehtes muotes noch zuo mir gesellen, (968) wir enden swaz wir wellen Willst du dich aber mit deinem wahren Verstand mit mir verbinden werden wir vollbringen was immer wir wollen

Verse 973-1644 Der Leib übernimmt wieder das Wort. Nach einer kurzen Entrüstung über die Beschuldigungen des Herzens (er wird in seinen Augen als Knecht behandelt: „nû strâfest dû mich als dînen kneht“ V. 985), sieht der Leib ein, dass ein Zusammenspiel von Herz und Leib beiden einen Vorteil einbringen kann. Gott hat ihnen beiden eine gemeinsame Seele gegeben, die sie auch gemeinsam erhalten müssen. Noch einmal bittet der Leib das Herz um Rat. Er ist bereit die Anordnungen des Herzens zu befolgen, wenn diese ihn zu seinem Glück führen.

Das Herz ist erfreut über diese Worte und vor allem über die Gewissheit, dass seine Ratschläge in Zukunft befolgt werden. Herz und Leib kommen jetzt abwechselnd und in kurzen Abständen zu Wort. Das Herz hat einen besonderen Ratschlag: Einen magischen Zauber, den er aus Karlingen (aus Frankreich) mitgebracht hat („sô lerne einen zouberlist / … ich brâhte in von Kärlingen.“ V. 1275, V. 1280). Sein Vorschlag ist folgender: Für die magische Kunst braucht der Leib drei „Kräuter“ göttlicher Herkunft: „milte, zuht, diemout“ (V. 1303, Barmherzigkeit, Sittsamkeit und Herablassung im Sinne der Unterordnung Gottes). Zusätzlich sind noch fünf weitere Kräuter hinzuzufügen: „truiwe und stæte … kuischheit unde schame … gewislîchui manheit“ (V. 1311–1317, Treue, Beständigkeit, Keuschheit, Scham und zuverlässige Männlichkeit). Diese Kräuter sind in ein Gefäß zu legen. Das Herz möchte dem Leib gerne als Gefäß behilflich sein und der Leib willigt ein, den Rat anzunehmen. Trotz der Einigung bleibt die Spannung zwischen Herz und Leib, zwischen Anklage und Ratschlag bis zum Ende der Klage bestehen.

Verse 1645–1914 Das Klagebüchlein endet mit einer separaten Ansprache an eine edle Dame. Der Sprecher spricht die Dame direkt an und bietet ihr jeglichen Dienst an, sobald diese ihn verlange („ich wær dir iemer bereit / swes ich gedienen kunde.“ V. 1663f.). Er begehrt die Dame seit deren erstem Treffen. Durch das abweisende Verhalten der Dame allerdings erleidet er Qualen und bittet die Dame um Hilfe, um Beachtung. Ansonsten stünde er kurz davor, den Verstand zu verlieren („hilf, ê ich gar verwüete“ V. 1796).

Die Klage endet mit den Versen 1911–1914:

Ich hân in dînen gewalt ergeben die sêle zuo dem lîbe. die enphâch: jâ müezen sî dir leben (1914) und mê deheinem wîbe. Ich habe dir die Seele mit ihrem Leib aufgrund deiner Macht ergeben Empfange sie: Sie werden nur für dich leben und für keine andere Frau

Analyse Zentrale Aspekte Auf den ersten Blick könnte man das Klagebüchlein in fünf Abschnitte aufteilen:

Die Klage des Leibes Die Gegenklage des Herzens Die Versöhnung Die Belehrung Das Schlussgedicht mit dem Gruß an die edle Dame

Nach wie vor ist es auch üblich, die Klage in diese fünf Abschnitte aufzugliedern. Nach den neusten Erkenntnissen aber ist die Bezeichnung des dritten Teils „Versöhnung“ umstritten: Denn genauer betrachtet lösen das Herz und der Leib ihr Problem über die Minne nicht. „Immer wieder ist im Gespräch ein Lösungskonflikt erreicht (die Einsicht in das Aufeinanderangewiesensein von Herz und Leib), der in je neue Aporien führt.“Köbele: Der paradoxe Fall des Ich. Zur Klage Hartmanns von Aue. 2006, S. 274. Es handelt sich also um eine endlose Argumentation, die sich bis zuletzt im Kreis dreht.Köbele: Der paradoxe Fall des Ich. Zur Klage Hartmanns von Aue. 2006, S. 274. Der „Versöhnungsteil“ ist in einem stichomythischen Teil aufgebaut, der mit diesem formalen Mittel den Höhepunkt der Auseinandersetzung darstellt. Der Leib hat zwar zugestimmt, die Ratschläge des Herzens zu befolgen, doch beispielsweise in V. 1245–1247 heißt es:

wâ mite verschulde ich daz ze dir? ‘daz weiz ich wol.‘ nû sage ez mir. (1247) ‘mit unbescheidem muote.‘ Wieso verdiene ich das [das Verhalten des Herzens] von dir? ‘das weiß ich gewiss.‘ Dann sage es mir. ‘Auf Grund deiner dummen Gedanken.‘