mini|476px|Das Weströmische und Oströmische Reich um 476

Der Untergang des Römischen Reiches im Westen ist ein viel diskutiertes Thema der Altertumswissenschaft. Es geht dabei um die Gründe für den allmählichen Niedergang des westlichen Reichsteils, der mit der Absetzung des weströmischen Kaisers Romulus Augustulus im Jahr 476 (bzw. mit dem Tod des letzten von Ostrom anerkannten Kaisers Julius Nepos im Jahr 480) endete, wobei höchst unterschiedliche Theorien entworfen wurden und werden. Zentral ist hierbei vor allem die Frage, ob primär innere Faktoren (z. B. strukturelle Probleme, angebliche Dekadenz, religiöse und soziale Umbrüche, Bürgerkriege) oder der Druck durch äußere Angreifer (Völkerwanderung, Germanen, Hunnen, Perser) für den Niedergang des Reiches verantwortlich zu machen sind. Die Frage nach dem Untergang des Römischen Reiches ist eng verknüpft mit den Wandlungsprozessen der Spätantike sowie der Definitionsfrage um das Ende der Antike.

Die Osthälfte des Römischen Reiches überdauerte den Zusammenbruch des weströmischen Kaisertums. Sie durchlief als Byzantinisches Reich mehrere Transformationen und fand erst 1453 mit der Eroberung Konstantinopels durch Sultan Mehmed II., bei welcher der letzte oströmisch-byzantinische Kaiser Konstantin XI. den Tod fand, ihr Ende.

Überblick Die Positionen, die in der historischen Forschung zum Ende des Römischen Reiches im Westen vertreten wurden und werden, sind sehr vielfältig.Vgl. die Beiträge in Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (Hrsg.): Der Untergang des Römischen Reiches. Darmstadt 2022. Die meisten lassen sich grob einem der vier folgenden Ansätze zuordnen:

Dekadenz: Diese vor allem in der älteren Forschung sowie in populärwissenschaftlichen Publikationen weit verbreitete Ansicht nimmt an, das Römische Reich sei spätestens seit der Reichskrise des 3. Jahrhunderts einem (auch moralischen) Verfallsprozess ausgesetzt gewesen; Macht und Wohlstand hätten langfristig zu einem Werteverfall geführt, der die ökonomische und militärische Stärke des Imperiums schleichend schwinden ließ. Seit der Aufklärung wurde in diesem Zusammenhang oft das Christentum als ein wesentlicher Faktor benannt, während insbesondere marxistisch beeinflusste Gelehrte vor allem sozioökonomische Krisen verantwortlich machten. Äußeren Angriffen wurde hingegen nur eine sekundäre Bedeutung zugesprochen. Katastrophe: Im Gegensatz zur Dekadenztheorie hat dieser ebenfalls früh formulierte Ansatz auch heute noch Vertreter in der Fachwissenschaft. Diese gehen davon aus, dass es der gewachsene äußere Druck gewesen sei, der im 4. und 5. Jahrhundert zum Untergang Westroms geführt habe. Eine wichtige Rolle wird dabei dem Auftreten der Hunnen zugeschrieben, deren Vorstoß in den Westen eine Völkerwanderung ausgelöst habe, der das dünn besiedelte, durch ErtragsrückgängeSiehe hierzu auch das von manchen Forschern postulierte klimatische Pessimum der Spätantike im Vergleich zum mutmaßlichen Optimum der Römerzeit. Vgl. zu möglichen klimatischen Faktoren für das Ende Westroms etwa Kyle Harper: Climate, Disease and the Fate of Rome. Princeton 2017; deutsche Übersetzung: Fatum. Das Klima und der Untergang des Römisches Reiches. München 2020. und Fiskalschwäche sowie Sonderinteressen des Provinzadels geschwächte Westreich nicht habe standhalten können. Zudem sei der Vorstoß der Hunnen und Germanen vom Ostreich gezielt nach dem Westen umgelenkt worden. Folgt man dieser Sichtweise, so wurde Westrom von (überwiegend germanischen) Invasoren erobert; sein Ende ist also primär das Ergebnis katastrophaler Ereignisse, die über ein allerdings geschwächtes Westreich von außen hereinbrachen. Vertreter dieser Position sind unter anderem Peter J. Heather und Bryan Ward-Perkins.Bryan Ward-Perkins: The Fall of Rome and the End of Civilization. Oxford 2005. Transformation: Weit verbreitet ist in der gegenwärtigen Forschung die Ansicht, es sei irreführend, von den politischen Veränderungen überhaupt auf einen Untergang Roms zu schließen. Vielmehr lasse sich in kultureller, sozialer und ökonomischer Hinsicht stattdessen ein langsamer Wandlungsprozess beobachten, an dessen Ende sich das Imperium Romanum in die Welt des Mittelalters transformiert habe, ohne dass radikale Brüche zu konstatieren seien. Aktuelle Vertreter dieser Position sind unter anderem Peter Brown, der dabei vor allem die Entwicklung der Religion und das Oströmische Reich im Blick hat, ferner Walter A. Goffart und Averil Cameron. Auch Max Weber vertrat die These, dass sich das Römische Reich in der späten Kaiserzeit in eine vorfeudale Gesellschaft transformierte; er betonte jedoch die Krisenhaftigkeit dieser Entwicklung.Max Weber (1896): Die sozialen Gründe des Untergangs der antiken Kultur. In: Jürgen Deininger (Hrsg.): Max Weber Gesamtausgabe. Abteilung I: Schriften und Reden. Band VI: Zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Altertums. Mohr Siebeck, Tübingen u. a. 2006, S. 82–127 (auch in Gesammelte Aufsätze zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Mohr Siebeck, Tübingen 1924, S. 289–311; Erstdruck in: Die Wahrheit. Band 3, Heft 63, Fr. Frommanns Verlag, Stuttgart 1896, S. 57–77 (online bei zeno.org)). Bürgerkrieg: In jüngster Zeit wird vermehrt die Position vertreten, das Ende Westroms sei weder durch eine friedliche Transformation noch durch äußere Angriffe verursacht worden, sondern sei vielmehr eine Konsequenz aus jahrzehntelangen Bürgerkriegen gewesen, durch welche Macht und Ansehen der weströmischen Regierung so sehr erodiert seien, dass nach ihrem Kollaps schließlich die Anführer (reges) reichsfremder Söldnerheere (foederati) an ihre Stelle getreten seien und lokale Herrschaften etabliert hätten. Aktuelle Verfechter dieser in Ansätzen schon von Hans Delbrück vertretenen Position sind unter anderem Guy Halsall,Guy Halsall: Movers and Shakers. The Barbarians and the Fall of Rome. In: Early Medieval Europe. Band 8, 1999, S. 131–145. Henning BörmHenning Börm: Ein Zeitalter der Bürgerkriege. Der Untergang des Römischen Reiches und die Erosion der Zentralgewalt. In: Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (Hrsg.): Der Untergang des Römischen Reiches. WBG, Darmstadt 2022, S. 244–253. und Christian Witschel.

Ältere Forschungsmeinungen Lange Zeit galt es unter Historikern und Gelehrten als weitestgehend selbstverständlich, von einem „Verfall und Untergang“ des Imperium Romanum während der Spätantike zu sprechen; lediglich die Ursachen hierfür waren umstritten.

In der älteren Forschung gab hierbei vor allem Edward Gibbon den Ton an. In seinem epochalen Werk The History of the Decline and Fall of the Roman Empire postulierte Gibbon bereits im 18. Jahrhundert die Ansicht, (West-)Rom sei nicht durch äußere Einwirkungen, sondern viel mehr wegen innerer Schwäche untergegangen. Dabei gab er zu einem nicht geringen Teil dem Christentum die Schuld. Dieses habe die alten Kräfte des Römischen Reiches geschwächt. Er schloss sich auch der Dekadenztheorie Montesquieus an, während seine Überlegungen zum Christentum den Ideen Voltaires folgen. Der letztendliche Zusammenbruch sei schließlich eine Folge des Drucks durch die äußeren Feinde auf das innerlich bereits entscheidend geschwächte Imperium gewesen. Noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert gab man oft dem Christentum und dem äußeren Druck durch die Germanen auf das Reich die Schuld am Fall Roms (wobei insbesondere deutsche und britische Gelehrte dies nicht immer negativ bewerteten). Noch Otto Seeck sah die Spätantike als eine reine Verfallszeit an, während Henri Pirenne als Grund für den Zusammenbruch der spätantiken Mittelmeerwelt nicht die Germanen, sondern erst den Ansturm des Islam anführte (siehe Islamische Expansion und Pirenne-These). Auch Alfred Rosenberg deutete die Spätantike als Verfallszeit, machte hierfür aber gemäß der NS-Ideologie einen angeblich wachsenden Einfluss orientalischer bzw. semitischer Völker verantwortlich: Die Germanen hätten das Abendland gerettet, indem sie das durch Rassenmischung dekadent gewordene Römische Reich erobert und so das „Völkerchaos“ beendet hätten.

Obwohl nicht alle Gelehrten der Meinung waren, innerer Verfall sei am Ende Roms zumindest prominent beteiligt gewesen, dominierte der Dekadenzgedanke dennoch lange Zeit die historische Forschung. Die Vorstellung, große Reiche würden – wie Lebewesen – regelhaft einen Zyklus von Aufstieg, Blüte und Verfall durchleben, wurde bereits in der Antike formuliert, etwa von Herodot und Xenophon in Bezug auf Persien, von Sallust und Ovid (Abfolge der Zeitalter: vom goldenen zum eisernenOvid, Metamorphosen 1,89–150) in Bezug auf die Römische Republik. Sie hat im abendländischen Denken bis heute tiefe Spuren hinterlassen. Es lag daher nahe, auch das Ende des Weströmischen Reiches nach diesem einfachen Muster zu deuten. So sah auch Oswald Spengler in seinem Hauptwerk Der Untergang des Abendlandes einen zyklischen Verlauf als Grundprinzip der Weltgeschichte: Auf den Aufstieg eines Großreiches folge der Niedergang. Arnold Joseph Toynbee sah ein Versagen der moralischen Instanzen, aber auch den Zufall, der eine Rolle spielte. Diese zyklische Schule findet zum Teil auch heute noch Anhänger, allerdings kaum mehr unter Althistorikern. Die Spätantike wird in diesem Sinne bis heute gerne als Spiegelbild der eigenen Gesellschaft gedeutet, der man ebenfalls Verfallstendenzen zuschreibt.

Der doktrinäre Liberalismus und die späte Aufklärung – so vor allem Edward Gibbon, der freilich zugleich den Zerfall der römischen Institutionen bedauerte – sahen in der staatlichen Reglementierung und Überbesteuerung, in der zunehmenden Bindung der Bauern an die Scholle und der Produzenten an die Zünfte sowie in den vielen Staatsbetrieben die Ursache des Untergangs des Römischen Reichs;Edward Adams: Liberal Epic: The Victorian Practice of History from Gibbon to Churchill. Victorian Literature and Culture. University of Virginia Press, 2011. doch machten sich diese Faktoren im frühen 5. Jahrhundert vor allem im Westen des Reichs negativ bemerkbar. Das im Hinblick auf sein städtisches Gewerbe und seinen Handel wesentlich weiter entwickelte, bevölkerungsreichere Ostreich überlebte mit Staatsintervention und Fiskalismus noch Jahrhunderte. Hier waren die hohen Verwaltungsämter nicht im gleichen Umfang im Besitz des Grundadels wie im Westen; seine Steuerprivilegien waren geringer ausgeprägt und es standen mehr Finanzen für Militär und Verwaltung sowie Arbeitskräfte und Soldaten zur Verfügung.Franz Georg Maier: Die Verwandlung der Mittelmeerwelt (= Fischer Weltgeschichte. Band 9). Frankfurt 1968, S. 146 f.