Die insgesamt fünf SS-Baubrigaden waren mobile KZ-Kommandos zur Zeit des Nationalsozialismus, die während des Zweiten Weltkrieges ab Herbst 1942 im Wesentlichen nach alliierten Bombenangriffen für die Enttrümmerung und zu Bauarbeiten sowie zur Bergung von Leichen in zerstörten deutschen Städten eingesetzt wurden. Neben den SS-Baubrigaden wurden ab Herbst 1944 noch acht SS-Eisenbahnbaubrigaden mit jeweils etwa 500 KZ-Häftlingen gebildet (KZ auf Schienen), die in Eisenbahnzügen untergebracht waren und vorwiegend beim Gleisbau eingesetzt wurden. Bei den SS-Bau- und SS-Eisenbahnbaubrigaden waren insgesamt etwa 20.000 Häftlinge eingesetzt. Die Todesrate in den einzelnen SS-Baubrigaden war sehr unterschiedlich und reichte von einigen wenigen Opfern bis zu einem Drittel der Häftlinge. Mit Aufstellung der SS-Bau- beziehungsweise SS-Eisenbahnbaubrigaden wurde das Konzentrationslagersystem nicht nur erheblich ausgeweitet, sondern KZ-Häftlinge wurden erstmals auch massenhaft im öffentlichen Raum eingesetzt.Karola Fings: Krieg, Gesellschaft und KZ. Himmlers SS-Baubrigaden. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2005, S. 11 f.

Die SS-Bau- und SS-Eisenbahnbaubrigaden unterstanden dem Amtsleiter der Amtsgruppe C im SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (SS-WVHA) Hans Kammler, der die Aufstellung von mobilen Häftlingsarbeitskommandos auch angeregt hatte. Der Einsatz dieser Baubrigaden erfolgte in enger Abstimmung mit Rüstungsminister Albert Speer. Kammler delegierte die Leitung der SS-Bau- und Eisenbahnbrigaden an Gerhard Weigel, der im Oktober 1944 zum Inspekteur sämtlicher SS-Baubrigaden ernannt wurde. Ab Anfang Januar 1945 waren alle SS-Baubrigaden beziehungsweise SS-Eisenbahnbaubrigaden organisatorisch dem KZ Sachsenhausen angegliedert.Karola Fings: Krieg, Gesellschaft und KZ. Himmlers SS-Baubrigaden. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2005, S. 247 f.

SS-Baubrigade I Im Oktober 1942 wurde im KZ Sachsenhausen die SS-Baubrigade I aus 1.000 KZ-Häftlingen aufgestellt. Von den 1.000 KZ-Häftlingen mussten 600 Häftlinge in Düsseldorf und 400 in Duisburg im Auftrag der jeweiligen Stadtverwaltung Trümmer beseitigen.Karola Fings: Düsseldorf-Stoffeln (SS-Baubrigade I). In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 3: Sachsenhausen, Buchenwald. C.H. Beck, München 2006, ISBN 3-406-52963-1, S. 148 f.

Anfang März 1943 wurden die 1000 Häftlinge der SS-Baubrigade I in das Lager Sylt auf der Kanalinsel Alderney überstellt. Dort mussten die nun dem KZ Neuengamme unterstellten Häftlinge im Auftrag des Oberkommandos der Wehrmacht und der Organisation Todt Befestigungsanlagen aufgrund einer befürchteten Invasion der Alliierten errichten. Am 24. Juni 1944 wurden die Häftlinge der SS-Baubrigade I von Alderney aufs Festland verbracht und mussten an der belgisch-französischen Grenze Anlagen zum Abschuss von Raketen errichten.Karola Fings: Alderney (SS-Baubrigade I). In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors: Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 5: Hinzert, Auschwitz, Neuengamme. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-52965-8, S. 347 f.

Im September 1944 wurden 550 Häftlinge der SS-Baubrigade I nach Rehungen verlegt, um Infrastrukturarbeiten für die SS auszuführen. In Hohlstedt wurde zusätzlich für 200 bis 300 Häftlinge eine Nebenstelle des Hauptlagers Rehungen eingerichtet, wo die Häftlinge Gleisbauarbeiten für die Deutsche Reichsbahn verrichten mussten. Von September bis Ende Oktober 1944 war die SS-Baubrigade dem KZ Buchenwald unterstellt und danach dem KZ Mittelbau. Zwischen dem 5. und 7. April 1945 wurden die Häftlinge aus Rehungen gemeinsam mit jenen aus Hohlstedt vor den vorrückenden Alliierten über Umwege in ein KZ-Außenlager des KZ Mauthausen verbracht, wo sie am 5. Mai 1945 von Angehörigen der US-Armee befreit wurden.Jens-Christian Wagner (Hrsg.): Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943–1945 Begleitband zur ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Göttingen 2007, S. 191 ff.

SS-Baubrigade II Im Oktober 1942 wurde im KZ Neuengamme die SS-Baubrigade II aus 1.000 KZ-Häftlingen aufgestellt. Von den 1.000 KZ-Häftlingen mussten 750 Häftlinge in Bremen und 250 in Osnabrück im Auftrag der jeweiligen Stadtverwaltung Trümmer beseitigen, Leichen bergen und Bomben entschärfen. Eine weitere Nebenstelle der SS-Baubrigade II, die 175 KZ-Häftlinge umfasste, bestand von Frühjahr 1943 bis November 1943 in Wilhelmshaven. Zwischen dem 7. August 1943 und April 1944 verrichteten bis zu 930 Häftlinge Aufräumungs- und Bergungsarbeiten in Hamburg nach Anforderung durch den dortigen Polizeipräsidenten. Mitte April 1944 wurde die SS-Baubrigade II für Bau- und Aufräumarbeiten nach Berlin verlegt. In diesem Zuge wechselte die Unterstellung vom KZ Neuengamme zum KZ Sachsenhausen. auf www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de

SS-Baubrigade III Die SS-Baubrigade III wurde im September 1942 aufgestellt. Zwischen September 1942 und Mai 1944 mussten bis zu 1000 KZ-Häftlinge in der Hauptsache im Messelager Köln, aber auch in den Nebenstellen Düsseldorf, Dortmund und Bergisch Gladbach Bau- und Räumarbeiten durchführen.Jan Erik Schulte: Konzentrationslager im Rheinland und in Westfalen 1933–1945 – Zentrale Steuerung und regionale Initiative. Schöningh GmbH & Co KG, 2005, ISBN 3-506-71743-X., S. XXXVIII – Anlage I – Konzentrationslager im Rheinland und in Westfalen 1939–1945.

Anfang Mai 1944 wurden die Häftlinge der SS-Baubrigade III nach Wieda und später auch in dessen Nebenlagern in Nüxei, Mackenrode und Osterhagen überstellt. Im Auftrag des SS-Führungsstabes B13 führten etwa 300 Häftlinge im neu gegründeten KZ-Außenlager Wieda Gleisbauarbeiten für die Helmetalbahn durch. Jeweils etwa 300 Häftlinge mussten in den Nebenlagern in Nüxei, Osterhagen und Mackenrode Gleis-, Rodungs- und Erdarbeiten verrichten. Bis Ende Oktober 1944 unterstand die SS-Baubrigade III dem KZ Buchenwald und danach dem KZ Mittelbau. Am 6. April 1945 wurden die Häftlinge aus den Konzentrationslagern Mackenrode, Nüxei und Osterhagen zu Fuß ins KZ Wieda getrieben. Von dort mussten alle Häftlinge zusammen am 7. April 1945 zu Fuß über den Harz marschieren. Nach einem Räumungstransport per Bahn in die Altmark und einem weiteren Todesmarsch zu Fuß nach Gardelegen wurden die meisten beim Massaker in der Isenschnibber Feldscheune am 13. April 1945 gemeinsam mit weiteren KZ-Häftlingen aus anderen geräumten Konzentrationslagern eingesperrt und verbrannt.Jens-Christian Wagner (Hrsg.): Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943–1945 Begleitband zur ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Göttingen 2007, S. 194 ff., 202.

SS-Baubrigade IV Im August 1943 traf die Baubrigade IV aus Buchenwald in Wuppertal ein und richtete dort das KZ Außenlager Königshöher Weg her. Bis zum Mai 1944 waren etwa 600 Häftlinge der SS-Baubrigade IV in Wuppertal im Auftrag der dortigen Stadtverwaltung zu Aufräumarbeiten, Leichenbergungen etc. eingesetzt.Jan Erik Schulte: Konzentrationslager im Rheinland und in Westfalen 1933–1945 – Zentrale Steuerung und regionale Initiative. Schöningh GmbH & Co KG, 2005, ISBN 3-506-71743-X., S. XXXIX – Anlage I – Konzentrationslager im Rheinland und in Westfalen 1939–1945

Mitte Mai 1944 wurde die SS-Baubrigade IV nach Ellrich verlegt, wo die Häftlinge im neu gegründeten KZ-Außenlager Ellrich-Bürgergarten in der Gaststätte Bürgergarten eingepfercht wurden. Daneben gab es in Ellrich bereits seit Anfang Mai 1944 das KZ Ellrich-Juliushütte, das größte Außenlager des KZ-Lagerkomplexes Mittelbau. Als Nebenlager von Ellrich-Bürgergarten wurde Anfang September 1944 das KZ Günzerode eingerichtet. In den zwei Lagern Ellrich-Bürgergarten und Günzerode, die beide dem KZ Mittelbau unterstellt waren, mussten jeweils bis zu 950 Häftlinge Gleisbauarbeiten für die Helmetalbahn verrichten. Zwischen dem 6. und 10. April 1945 wurden die Lager vor den heranrückenden Alliierten geräumt. Ein Teil der Häftlinge wurde Mitte April 1945 nach einem Todesmarsch bei Güntersberge durch Angehörige der US-Armee befreit. Eine kleinere Gruppe von etwa 350 Häftlingen wurde nach Gardelegen getrieben und dort am 13. April 1945 beim Massaker in der Isenschnibber Feldscheune ermordet.Jens-Christian Wagner (Hrsg.): Konzentrationslager Mittelbau-Dora 1943–1945 Begleitband zur ständigen Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Göttingen 2007, S. 187 ff.

SS-Baubrigade V Von März 1944 bis August 1944 war die in Köln aufgestellte SS-Baubrigade V in Nordfrankreich stationiert. Dort bestanden mindestens 14 Außenlager der unter anderem im Hauptstandort Doullens stationierten V. SS-Baubrigade. Die Häftlinge bauten im Auftrag der Luftwaffe Anlagen zum Abschuss der Rakete A 4.Jan Erik Schulte: Konzentrationslager im Rheinland und in Westfalen 1933–1945 – Zentrale Steuerung und regionale Initiative., 2005, S. 185.

Im Herbst 1944 wurden die Häftlinge der SS-Baubrigade V auf die SS-Baubrigaden III und IV verteilt bzw. bildeten sie den Grundstock der SS-Eisenbahnbaubrigade V.Jens Christian Wagner: KZ Mittelbau-Dora. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 7: Niederhagen/Wewelsburg, Lublin-Majdanek, Arbeitsdorf, Herzogenbusch (Vught), Bergen-Belsen, Mittelbau-Dora. C.H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-52967-2, S. 244, 297.

SS-Baubrigade VI Der Stab einer SS-Baubrigade VI erscheint im Februar 1945 in der Feldpostübersicht, die Einheit kommt aber vermutlich nie zum Einsatz.

SS-Eisenbahnbaubrigaden Die SS-Eisenbahnbaubrigaden wurden in einer Stärke von 504 Häftlingen ab Herbst 1944 aufgestellt. Die Häftlinge fanden – ebenso wie das SS-Bewachungspersonal – Unterkunft in den aus bis zu 50 Waggons bestehenden Bauzügen. In den einzelnen Waggons befanden sich jeweils 24 bis zu 40 KZ-Häftlinge. Die Waggons für die Häftlinge waren im Gegensatz zu jenen des Wachpersonals bzw. der Funktionshäftlinge nur spärlich beleuchtet und mäßig beheizt.Karola Fings: Krieg, Gesellschaft und KZ. Himmlers SS-Baubrigaden, Ferdinand Schöningh, Paderborn 2005, S. 254 f.

Neben Gleisbauarbeiten wurden die Häftlinge auch zur Schwerstarbeit bei der Instandsetzung von zerstörten Bahnhöfen etc. eingesetzt. Um die Bauzüge vor Angriffen zu schützen, wurden sie teils von Flakkommandos begleitet.