Als Newburgh-Verschwörung (englisch: Newburgh Conspiracy) bezeichnet man einen Disput zwischen der Kontinentalarmee und dem Kontinentalkongress um den nicht gezahlten Sold. Ob die Kontinentalarmee, wie sie dem Kongress androhte, einen echten Coup d’Etat vorbereitete, ist unter Historikern umstritten.
Hintergrund mini|⅓ Continental Dollar Der Kontinentalkongress versuchte während des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs sich selbst und die Kontinentalarmee mit dem Continental, einem neuen Papiergeld, zu finanzieren. Dieses kollabierte aber wegen Inflation; „Worthless as a Continental“ („Wertlos wie ein Kontinentaler“) wurde zu einem gängigen Sprichwort. Im März 1780 erklärte der Kontinentalkongress, dass er den Continental in einem Verhältnis von 40 zu 1 auflösen würde, womit er praktisch die Insolvenz erklärte. Wegen dieser verschlechterte sich die Nachschubsituation der Kontinentalarmee stark. Jedoch erhielten die Soldaten auch keinen Sold, was ihren Dienst in der Armee für sie praktisch wertlos machte. Wichtig war auch ein Versprechen des Kontinentalkongresses, den Offizieren nach dem Krieg für den Rest ihres Lebens die Hälfte ihres Soldes als Pension zu zahlen. Wegen der unsicheren ökonomischen Situation des Kontinentalkongresses erwarteten viele jedoch nicht, dass das Versprechen eingehalten werden könne. Um ihre ökonomische Situation zu verbessern, übertrug der Kontinentalkongress schon im Dezember 1779 die Bezahlung der Armeen auf die unter den Konföderationsartikeln mächtigen Staaten, die wegen ihrer schlechten ökonomischen Situation auch kein Geld bezahlen konnten. Tausende desertierten und Vorfälle von Ungehorsam flackerten mehrmals auf.Matthew Moten: Presidents and Their Generals Harvard University Press, 2014, S. 36–37.
Unter dem Namen Nationalisten (Später Föderalisten) bildete sich im Kontinentalkongress eine Fraktion, die den Kontinentalkongress ermächtigen wollte und ihm ein stabiles Einkommen verleihen wollte. Der Anführer der Nationalisten war anfangs der Unternehmer Robert Morris, weitere wichtige Nationalisten waren die Mitglieder des Kontinentalkongress Alexander Hamilton und James Madison und der Stellvertreter von Robert Morris, Gouverneur Morris (nicht verwandt). Einer ihrer ersten Erfolge war die Gründung mehrerer Posten wie den des Secretary of Foreign Affairs (Außenminister) und den des Superintendant of Finance (Finanzminister), die Komitees ersetzten. Letzteren Posten, der wegen der schlechten finanziellen Lage des Kontinentalkongresses besonders wichtig war, erhielt Robert Morris. Einer der ersten und wichtigsten nationalistischen Vorschläge war ein Zoll von 5 %, allerdings scheiterte es an dem kleinen Staat Rhode Island, das wie jeder Staat ein Vetorecht hatte. Als auch das mächtige Virginia den Zoll ablehnte, gaben die Nationalisten den Vorschlag vorerst auf.Matthew Moten: Presidents and Their Generals Harvard University Press, 2014, S. 37–39.
Die Schlacht von Yorktown beendete den Unabhängigkeitskrieg De facto als einen amerikanischen Sieg und Friedensverhandlungen wurden eingeleitet. Befürchtungen der Offiziere stiegen aber, da nach einem Friedensschluss die Armee aufgelöst werden würde, woraufhin ihre Forderungen für sichere Pensionen ignoriert werden könnten.Matthew Moten: Presidents and Their Generals Harvard University Press, 2014, S. 39. Dabei war die fehlende Bezahlung und die unsicheren Pensionen nur ein Faktor. Offiziere gewöhnten sich in der Armee an Respekt, den sie in ihren Augen wegen ihrer Opfer während des Kriegs auch nach dem Krieg verdienten. Ihre Behandlung durch den Kongress sahen sie deshalb als empörend an. Damit Zivilisten sie nicht ähnlich oder sogar schlechter behandelten, wollten sie dies verändern. Die Offiziere entwickelten ein Gefühl von Märtyrertum.Tom Cutterham: Gentleman Revolutionaries Princeton University Press, 2017, S. 18–19.Richard H. Kohn: The Inside History of the Newburgh Conspiracy: America and the Coup d’Etat S. 188.
Verlauf mini|hochkant=0.8|Alexander McDougall Generalmajor Alexander McDougall führte im Dezember 1782 eine Delegation, bestehend aus ihm und den Obersten John Brooks und Matthias Ogden, zum Kontinentalkongress um eine Petition zu überreichen. Sie, die alles trugen, was ein Mann tragen könne, schlugen vor, dass ihre Pensionen in einer Pauschale abbezahlt werden sollten oder dass sie fünf Jahre lang nach dem Ende des Krieges eine Pension von ihrem gesamten Sold erhalten sollten. Gleichzeitig warnten sie den Kongress, dass ihr Geduldsfaden bald reißen würde.Tom Cutterham: Gentleman Revolutionaries Princeton University Press, 2017, S. 19–20.Richard H. Kohn: The Inside History of the Newburgh Conspiracy: America and the Coup d’Etat S. 189–190. Nationalisten sahen die Petition als Möglichkeit, den Zoll doch noch durchzusetzen, da er gebraucht würde, um das nötige Geld für die Forderungen der Offiziere zu erwirtschaften.Richard H. Kohn: The Inside History of the Newburgh Conspiracy: America and the Coup d’Etat S. 191–192.Matthew Moten: Presidents and Their Generals Harvard University Press, 2014, S. 39.
Ein Treffen zwischen der Delegation unter McDougall und einem Kongresskomitee wurde für den 13. Januar organisiert. Das Komitee wurde von der Gefahr in Newburgh überzeugt, weshalb die Nationalisten Hamilton, Madison und John Rutledge damit beauftragt wurden, ein Bericht über Lösungsansätze zu schreiben. Während der Bericht geschrieben wurde, verhinderte Morris Versuche im Kongress, Lösungsansätze durchzusetzen, die nicht auf der Linie der Nationalisten waren. Vorgelegt wurde der Bericht am 22. Januar. Nur drei Tage später erreichten die Nationalisten einen ersten Sieg, als der Kongress die Macht über den jetzigen Sold und den noch nicht bezahlten Sold auf Robert Morris übertrug. Den wichtigsten Teil des Berichts, die Pauschale, konnten die Nationalisten gegen eine Koalition von New England und New Jersey aber nicht durchsetzen. Besonders schwer war diese Niederlage, weil die hohen Kosten der Pauschale die Staaten zwingen würde, den Zoll anzunehmen um die Kosten zu zahlen. Am 4. Februar wurde die Pauschale erneut abgelehnt.Richard H. Kohn: The Inside History of the Newburgh Conspiracy: America and the Coup d’Etat S. 194–196. mini|hochkant=0.8|Henry Knox Die Nationalisten kontaktierten schon drei Wochen vor dem Bericht den Verfasser der Petition, Henry Knox, einen einflussreichen und vertrauten Assistenten des Oberbefehlshabers George Washington, damit er die Offiziere im Lager in Newburgh überzeugen sollte, die Pauschale und den Zoll offen zu unterstützen. Am 8. Februar sandten die Nationalisten Brooks, um Knox, der noch nicht geantwortet hatte, zur Antwort zu zwingen.Richard H. Kohn: The Inside History of the Newburgh Conspiracy: America and the Coup d’Etat S. 197. Auch Washington wurde durch Hamilton, der während des Unabhängigkeitskriegs vier Jahre lang als sein Aide-de-camp diente, kontaktiert. Hamilton warnte ihn vor unzufriedenen Offizieren, deren Forderungen er präsentieren müsste damit der Kontinentalkongress sie beachtete. Eine Woche später behauptete Hamilton vor dem Kongress, dass die Armee sich auf eine Revolte geeinigt habe, falls der Kontinentalkongress die Pensionen nicht zahle. Washington sei unter den Offizieren wegen seiner Geduld und Vorsicht zu unpopulär um eine Revolte zu verhindern.Matthew Moten: Presidents and Their Generals Harvard University Press, 2014, S. 39–41.Richard H. Kohn: The Inside History of the Newburgh Conspiracy: America and the Coup d’Etat S. 202.
Als die Nationalisten noch auf eine Antwort von Knox warteten, bot sich ihnen eine Gruppe von jungen Offizieren unter Horatio Gates, Washingtons Rivalen und Stellvertreter, als eine Alternative an. In einer möglichen Meuterei würden diese Washington möglicherweise nicht gehorchen, falls er ihnen Gehorsam gegenüber dem Kontinentalkongress befehle. Diese „Gates-Kabale“ war jedoch vorerst nur eine gefährliche letzte Möglichkeit, falls Knox ablehnte. Gates und seine Kabale repräsentierten nur einen kleinen Teil der Armee. Des Weiteren waren viele Führungspersönlichkeiten der Nationalisten wie Hamilton während der Conway-Kabale zu persönlichen Gegnern von Gates geworden.Richard H. Kohn: The Inside History of the Newburgh Conspiracy: America and the Coup d’Etat S. 199–201. Knox lehnte ab, da er die Reputation der Armee nicht beflecken wollte. Nachrichten davon erreichten die Nationalisten Ende Februar.Richard H. Kohn: The Inside History of the Newburgh Conspiracy: America and the Coup d’Etat S. 203. Am 26. Februar schrieb McDougall einen Brief an Knox, in dem er erneut um dessen Hilfe bat. Gleichzeitig machte Robert Morris seinen Rücktritt bekannt, was ein Schock war. Einige Tage später wurde Oberst Walter Steward zu Gates gesandt, den er am 8. März erreichte. Historikern ist der Inhalt des Gespräches nicht bekannt, allerdings wurde wenig später ein anonymer Brief veröffentlicht, heute bekannt als die erste „Newburgh Adress“. Der Autor, wahrscheinlich der Offizier John Armstrong, forderte die Erfüllung der Petition, ansonsten würde die Armee entweder den Kongress schutzlos vor einem britischen Angriff lassen oder selbst auf den Kongress marschieren. Am 11. März sollten sich Offiziere der Kontinentalarmee treffen, um die Wortwahl einer neuen Petition zum Kongress zu diskutieren, allerdings sollte Washington, der in den anonymen Briefen stark kritisiert wurde, an der Konferenz nicht teilnehmen.Matthew Moten: Presidents and Their Generals Harvard University Press, 2014, S. 41–42.Richard H. Kohn: The Inside History of the Newburgh Conspiracy: America and the Coup d’Etat S. 205–207. mini|hochkant=0.8|George Washington (Gilbert Stuart) Briefe von Washington zeigen, dass er vermutete, dass die Offiziere von Mitgliedern des Kontinentalkongresses kontrolliert würden. Die Autorenschaft der „Newburgh Adress“ gehörte seiner Meinung nach zu einem Mitglied des Kontinentalkongress‘, am wahrscheinlichsten zu Gouverneur Morris. Trotzdem forderte er die Bezahlung der Pensionen vom Kontinentalkongress. Am 11. März ergriff er die Initiative und verhinderte die Konferenz, die er als ungeordnet und irregulär bezeichnete. Stattdessen sollten sich die Offiziere am 15. März in einer Konferenz treffen, um einen Bericht eines Kongresskomitees zu hören und sich darüber zu beraten. Das Datum des 15. März‘ trug symbolische Kraft: An ihm, dem Iden des März, wurde Julius Cäsar verraten und ermordet. Die „Gates-Kabale“ konterte mit einer zweiten „Newburgh Adress“. Der erneut anonyme Autor sah diesen Befehl von Washington nicht als einen Angriff auf die „Gates-Kabale“, sondern als eine Unterstützung. Ein Befehl von Washington würde dem Treffen Legitimität verleihen. Washington selbst sollte nicht teilnehmen, aber als die Sitzung mittags begann, betrat Washington den Konferenzsaal und hielt eine Rede.