„“ (wissenschaftlich „“, „“, „XMRV“) ist eine vorgeschlagene Virusspezies in der Gattung Gammaretrovirus, die erstmals im Jahr 2006 als offenbar neuartiges menschliches Pathogen in Gewebeproben von Männern mit Prostatakrebs beschrieben wurde. (Eingezogen, siehe doi:10.1371/annotation/7e2efc01-2e9b-4e9b-aef0-87ab0e4e4732) Erste Berichte hatten das Virus fälschlicherweise mit Prostatakrebs und später mit dem Chronischen Fatigue-Syndrom (heute: ME/CFS) in Verbindung gebracht. Nachfolgende Untersuchungen ergaben, dass XMRV tatsächlich eine Laborkontamination und kein neuartiger Erreger war.NCI's Vinay K. Pathak on the "De-Discovery" of a Retrovirus-Disease Link, Science Watch, Fast Breaking Papers, 2012, 16. November 2015 via EBSCO login

Geschichte „XMRV“ wurde in einem Labor der University of California, San Francisco unter Joseph DeRisi, und Robert Silverman und Eric Klein (Cleveland Clinic) entdeckt. Silverman vermutete, dass die mutmaßliche Verbindung von RNase-L-Variationen und erhöhtem Krebsrisiko eine erhöhte Anfälligkeit gegenüber einem verursachenden Virus reflektieren könnte. Dies führte zur Entdeckung von „XMRV“. Inzwischen ist bekannt, dass es sich bei „XMRV“ um ein nicht in der Natur vorkommendes Virus handelt, da die XMRV-Sequenz nur von wenigen Arbeitsgruppen nachgewiesen werden konnte, dabei – bei RNA- und Retroviren einzigartig – nur sehr geringe Unterschiede in der Genomsequenz auftraten. Weiterhin existierte auch keine Dosis-Wirkungsbeziehung und ein Nachweis von Virionen (z. B. per TEM oder MALDI-TOF) oder von Immunreaktionen (z. B. per ELISA, ELISPOT oder Western Blot) wurde nicht erbracht. Zuletzt konnten die zugrundeliegenden Versuchsergebnisse mehrfach nicht von anderen Arbeitsgruppen wiederholt werden (siehe Reproduzierbarkeit). Daher wurden bereits Veröffentlichungen bezüglich der Pathogenese des Chronischen Fatigue-Syndroms durch den Verlag zurückgezogen (siehe Abschnitt Diskussion über Erkrankungen).

Klassifikation und Genom „XMRV“ gehört zur Familie der Retroviren und zum Genus der Gammaretroviren. Es hat ein doppelsträngiges RNA-Genom und reproduziert sich durch eine DNA-Kopie. Sein Name bezieht sich auf die nahe Verwandtschaft zum Murinen Leukämievirus. Das Genom, mit einer geschätzten Länge von 8100 Nukleotiden ist zu 93–94 % identisch mit einigen exogenen Mausviren.A. Urisman, R. J. Molinaro, N. Fischer, S. J. Plummer, G. Casey, E. A. Klein, K. Malathi, C. Magi-Galluzzi, R. R. Tubbs, D. Ganem, R. H. Silverman, J. L. DeRisi: Identification of a novel Gammaretrovirus in prostate tumors of patients homozygous for R462Q RNASEL variant. In: PLoS Pathog. 2(3), 2006, Art. Nr. e25. PMID 16609730.

Einige XMRV-Gensequenzen wurden bereits veröffentlicht. Diese Sequenzen sind fast identisch, was ungewöhnlich ist, da Retroviren ihr Genom mit relativer Ungenauigkeit replizieren; dies führt normalerweise – wie beim Beispiel HIV – zu hohen Mutationsraten.

Übertragung „XMRV“ ist nahe verwandt mit einigen bekannten xenotropischen Mäuseviren. Diese Viren erkennen und infizieren Zellen von Nicht-Nagern mittels des Rezeptors XPR1 (xenotropic and polytropic murine leukemia virus receptor). Einige Autoren spekulieren das Virus könne sexuell übertragbar sein, jedoch wurde die Übertragung von Mensch zu Mensch, falls überhaupt vorhanden, nicht untersucht. Sowohl zelluläre als auch zellfreie Übertragung konnte in vitro beobachtet werden.

Pharmakologie Eine 2010 in der Public Library of Science veröffentlichte Studie kam zu dem Schluss, dass vier Aidsmedikamente auch die Replikation von „XMRV“ unterdrücken könnten. Dabei handelte es sich um zwei retrovirale Integraseinhibitoren (Raltegravir, L-000870812), und zwei Nukleosidische Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (Tenofovir und Zidovudin). Auch wurden synergetische Effekte bei der gemeinsamen Verwendung dieser Medikamente beobachtet.

Diskussion über Erkrankungen Es wurden Zusammenhänge zwischen XMRV-positiven Proben und Prostatakrebs bei Patienten mit einer Mutation der RNase L (R462Q) oder dem Chronischen Fatigue-Syndrom aufgestellt, welche sich inzwischen als Erkenntnisse aufgrund von Laborkontaminationen herausgestellt haben. Zwei Studien brachten das Virus in Zusammenhang mit Prostatakrebs, während andere Studien keine Zusammenhänge feststellen konnten.O. Hohn, K. Strohschein, A. U. Brandt, S. Seeher, S. Klein, R. Kurth, F. Paul, C. Meisel, C. Scheibenbogen, N. Bannert: No evidence for XMRV in German CFS and MS patients with fatigue despite the ability of the virus to infect human blood cells in vitro. In: PloS one. Band 5, Nummer 12, 2010, Art. Nr. e15632, . doi:10.1371/journal.pone.0015632. PMID 21203514. .K. S. Sfanos, A. L. Aloia, A. M. De Marzo, A. Rein: XMRV and prostate cancer-a 'final' perspective. In: Nature Reviews Urology. 9(2), 2012, S. 111–118. doi:10.1038/nrurol.2011.225. PMID 22231291.

Auch bezüglich der möglichen Verbindung zum Chronischen Fatigue-Syndrom wurden die ursprünglichen Beobachtungen durch mehrere Studien widerlegt.M. S. Karafin, S. L. Stramer: The scientific method at work: xenotropic murine leukemia virus-related virus is neither a cause of chronic fatigue syndrome nor a threat to the blood supply. In: Transfusion. 52(2), 2012, S. 222–225. doi:10.1111/j.1537-2995.2011.03518.x. PMID 22239209.

Aufgrund der in Science berichteten Verbindung von „XMRV“ und Chronischem Fatigue-Syndrom sahen sich das Kanadische Gesundheitsministerium,cbcnews: 7. April 2010. die Neuseeländischen Blutbanken, und das Australische Rote KreuzAustralian Red Cross (Blood Service): Vom 23. April 2010. 2010 vorübergehend dazu veranlasst, ein Blutspendeverbot von Menschen mit Chronischem Fatigue-Syndrom zu verhängen. Am 18. Juni 2010 empfahl auch die amerikanische AABB provisorisch keine Blutspenden mehr anzunehmen.Advancing Transfusion and Cellular Therapies Worldwide: 18. Juni 2010.

Da zum Nachweis des Retrovirus ausschließlich extrem empfindliche Nachweismethoden verwendet wurden (PCR oder nested PCR), ist der Verdacht geäußert worden, dass die Nachweise auf Laborkontaminationen beruhen könnten. Mehrere Arbeiten unterstützen diese Ansicht, da sie die Kontamination von kommerziellen Kits mit Maus- (muriner) DNA nachgewiesen haben, und die gefundenen DNA-Sequenzen zum Teil auf die in vielen Laboren verwendete Prostatakarzinom-Zelllinie 22Rv1 zurückführen konnten.R. A. Smith: Contamination of clinical specimens with MLV-encoding nucleic acids: implications for XMRV and other candidate human retroviruses. In: Retrovirology. 7, 2010, S. 112. (Volltext)S. Hue, E. R. Gray, A. Gall, A. Katzourakis, C. P. Tan, C. J. Houldcroft, S. McLaren, D. Pillay, A. Futreal, J. A. Garson, O. G. Pybus, P. Kellam, G. J. Towers: Disease-associated XMRV sequences are consistent with laboratory contamination. In: Retrovirology. 7(1), 2010, S. 111. (Volltext)E. Sato, R. A. Furuta, T. Miyazawa: An endogenous murine leukemia viral genome contaminant in a commercial RT-PCR Kit is amplified using standard primers for XMRV. In: Retrovirology. 7, 2010, S. 110. (Volltext)M. J. Robinson, O. W. Erlwein, S. Kaye, J. Weber, O. Cingoz, A. Patel, M. M. Walker, W. J. Kim, M. Uiprasertkul, J. M. Coffin, M. O. McClure: Mouse DNA contamination in human tissue tested for XMRV. In: Retrovirology. Band 7, 2010, S. 108, . doi:10.1186/1742-4690-7-108. PMID 21171966. .B. Oakes, A. K. Tai, O. Cingöz, M. H. Henefield, S. Levine, J. M. Coffin, B. T. Huber: Contamination of human DNA samples with mouse DNA can lead to false detection of XMRV-like sequences. In: Retrovirology. Band 7, 2010, S. 109, . doi:10.1186/1742-4690-7-109. PMID 21171973. .

Im September 2011 zogen die Autoren der ursprünglichen Studie, die einen vermeintlichen Zusammenhang zwischen „XMRV“ und Chronischem Fatigue-Syndrom herstellte, wesentliche Teile ihrer Veröffentlichung zurück.Robert H. Silverman, Jaydip Das Gupta, Vincent C. Lombardi, Francis W. Ruscetti et al.: Partial Retraction. In: Science Express. (ePub ahead of print), http://www.sciencemag.org/content/early/2011/09/21/science.1212182 Im Dezember 2011 wurde die gesamte Veröffentlichung vom Magazin Science widerrufen.B. Alberts: Retraction. In: Science. 334(6063), 2011, S. 1636. PMID 22194552Begründung zur Rücknahme des Artikels. Abgerufen am 18. Februar 2012.

Weblinks AABB.org (formerly American Association of Blood Banks) (PDF; 117 kB), 18. Juni 2010 DHHS Center for Disease Control and Prevention: XMRV Overview

Einzelnachweise

Kategorie:Retroviren Kategorie:Unbestätigtes Virustaxon