Wohlbefinden (), auch Wohlergehen genannt, ist im allgemeinen Sprachgebrauch ein gutes körperliches und/oder seelisches Befinden, also ein Zustand ohne Befindlichkeitsstörung, „in dem es jemandem gut geht“ (Duden).Duden online: Wohlbefinden und Wohlergehen. Das Wohlbefinden hängt eng mit der Lebensqualität zusammen.

Das Wohlbefinden ist heute der Schlüsselbegriff in den internationalen wie nationalen Diskussionen um Wohlstand und nachhaltige Entwicklung von Menschen und Gesellschaften in Wissenschaft, Politik und der breiten Öffentlichkeit. Als ganzheitlicher Wohlstandsindikator ist das Konzept des Wohlbefindens Ausdruck eines neuen Verständnisses von Wohlstand und gesellschaftlicher Teilhabe. Das klassische Modell wurde um Aspekte wie Lebensqualität und Nachhaltigkeit erweitert. Heute werden vielfältige Dimensionen des Wohlbefindens in den theoretischen Konzepten und Messverfahren berücksichtigt, die nicht zuletzt als Grundlagen und Bezugspunkte gesellschaftspolitischer Maßnahmen herangezogen werden. Das Kernproblem ruht in der Frage, wie man Wohlbefinden und Entwicklung auf der Grundlage eines soliden und umsetzbaren theoretischen Konzepts adäquat messen kann.

Wohlbefinden ist ein zentrales Thema der Psychologie, insbesondere der positiven Psychologie, deren Ziel es ist, die Faktoren zu ermitteln, die zum menschlichen Wohlbefinden beitragen. Nach einem Vorschlag von Martin Seligman bestehen diese Faktoren darin, positive Emotionen zu erleben, aktiv zu leben, gute Beziehungen zu anderen Menschen zu haben, Sinn im eigenen Leben zu finden und bei der Verfolgung der eigenen Ziele ein Gefühl des Erfolgs zu haben.

Philosophische Theorien des Wohlbefindens versuchen zu bestimmen, was für alle Formen des Wohlbefindens wesentlich ist. Nach der Theorie des Welfarismus ist Wohlbefinden das, was für jemanden intrinsisch wertvoll und gut ist. Laut dem Welfarismus gibt es neben dem Wohlbefinden keine anderen Werte. Das Wohlbefinden spielt auch in der Ethik eine wichtige Rolle, da das, was wir tun sollen, auch davon abhängt, wie es sich auf das Wohlergehen anderer Menschen auswirkt.

Zum Begriff Manchmal werden verschiedene Aspekte des Wohlbefindens unterschieden, wie körperliches Wohlbefinden, emotionales Wohlbefinden und wirtschaftliches Wohlbefinden. Diese Aspekte sind eng miteinander verknüpft. So ist ein verbessertes körperliches Wohlbefinden, zum Beispiel nach der Überwindung eines Suchtverhaltens, mit einem verbesserten emotionalen Wohlbefinden verbunden. Ein besseres wirtschaftliches Wohlbefinden geht ebenfalls mit einem besseren emotionalen Wohlbefinden einher.

Der Begriff „subjektives Wohlbefinden“ bezieht sich im Gegensatz zum objektiven Wohlbefinden darauf, wie Menschen ihr Leben selbst erleben und bewerten. Es wird in der Regel durch Fragebögen ermittelt.

Die Begriffe Wohlbefinden, Lust und Glück werden im alltäglichen Sprachgebrauch oft gleichgesetzt, in der Philosophie und der Psychologie jedoch voneinander abgegrenzt. Lust entsteht bei Erfahrungen, die sich gut anfühlen, und wird normalerweise als ein Bestandteil des Wohlbefindens angesehen – neben anderen Faktoren wie Gesundheit, Befriedigung von Bedürfnissen, Wissen und Tugend. Glück wird zum Beispiel als „das Überwiegen von angenehmen gegenüber unangenehmen Erfahrungen“ oder als Zustand der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben beschrieben. Glück wird ebenfalls häufig als Bestandteil des Wohlbefindens betrachtet.

Als Gegenbegriff zu Wohlergehen gilt Unwohlsein, im Englischen ill-being. Alternativ spricht man von „schlechtem“ Wohlbefinden, fachsprachlich auch von „negativem“ Wohlbefinden.

Entwicklung des neuen Wohlstandsverständnisses: Wohlbefinden Ausgangslage Den Wohlstand von Gesellschaften oder Individuen versuchte man bis vor Kurzem hauptsächlich durch monetäre bzw. materielle Indikatoren, vor allem durch das Bruttoinlandsprodukt (BIP), zu messen. Hauptbezugspunkt für die Ermittlung gesellschaftlichen Wohlstands war das ökonomische Wachstum der jeweiligen Volkswirtschaft. Insofern nahm man bei entsprechendem Anstieg des BIPs an, dass dies gleichfalls den Wohlstand der Gesellschaft und ihrer Mitglieder steigere. Doch widerspricht beides allzu oft der Realität, denn monetäre Vergleichsgrößen wie das BIP oder das alternativ herangezogene Bruttonationaleinkommen sagen beispielsweise nichts über die reale Verteilung dieses Zuwachses aus, der (im Idealfall) im Anstieg des Realeinkommens der Mehrheit der Bürger seinen Ausdruck finden würde.

Im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte wuchs die Kritik am BIP als Wohlstandsindikator, da sich anhand dieser Messgröße unter anderem neben der Lebensqualität auch keinerlei Aussagen über den Einfluss von Umweltbedingungen treffen lassen. Die vielfältigen nationalen wie internationalen Diskussionen über alternative Indikatoren, die es einerseits ermöglichen das eindimensionale Wohlstandsverständnis zu überwinden und so anderseits zu adäquaten und aussagekräftigen Messungen und Ergebnissen führen, durchzogen viele wissenschaftliche Disziplinen. Eine weitere Herausforderung bestand nicht zuletzt darin, ein geeignetes theoretisches Fundament zu entwickeln, auf welches sich eine Messung letztlich stützt.

Verwirklichungschancen, Wohlbefinden und gesellschaftliche Teilhabe Mit seinem theoretischen Konzept der Verwirklichungschancen und der Verschiebung des Fokus auf das Wohlergehen der Menschen und seinen verschiedenen Dimensionen und Einflussfaktoren bereitete der im Jahr 1998 u. a. für seine Arbeiten zur Wohlfahrtsökonomie mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnete Ökonom Amartya Sen bereits Anfang der 80er Jahre der Entwicklung ganzheitlicher Wohlfahrtsmaßstäbe den Weg. Mit dem 1979Sen, Amartya: Equality of What? In: McMurrin, S. (Hrsg.): Tanner Lecture on Human Values, Bd. 1, Cambridge University Press 1980. (Lecture-Version delivered at Stanford University, May 22, 1979, (PDF; 161 kB), Stand: 25. Mai 2011.) in seinen Grundzügen vorgestellten und in den vergangenen Jahren weiterentwickelten Befähigungsansatz lieferte er das theoretische Gerüst, welches eine Alternative zu den gängigen, meist ökonomisch geprägten Denkmodellen über Armut, soziale Ungleichheit und menschliche Entwicklung darstellte und die Diskussionen in entscheidendem Maße prägte. Sens Kritik richtete sich gegen das traditionelle wohlfahrtsökonomische Verständnis, wonach das Wohlergehen (englisch ) entweder mit Wohlhabenheit bzw. Reichtum (englisch ; z. B. Einkommen) oder mit Nutzen (englisch ; z. B. Freude oder Erfüllung von Wünschen) verschmolzen war und nahezu gleichgesetzt wurde.Vgl. Clark, David A.: The Capability Approach. Its Development, Critiques and Recent Advances, Global Poverty Research Group, 2005, S. 2 f., (PDF; 253 kB), Stand: 25. Mai 2011. Ein Kerngedanke in Sens Konzept, den er auch in seinem Werk Ökonomie für den Menschen (Originaltitel , 1999) aus dem Jahr 2000 ausführlich diskutiert, ist, dass das Ziel von gesellschaftlicher Entwicklung und von Fortschritt die Vergrößerung der Verwirklichungschancen und Freiheiten der Menschen sein müsse.Vgl. Sen, Amartya: Ökonomie für den Menschen. Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft. Hanser, München/Wien 2000, Einleitung sowie Kapitel 1 u. 2, S. 13–70. Sen war und ist davon überzeugt, dass sich menschliches Wohlergehen (und somit auch Ungleichheiten, Deprivation und Armut) mit den klassischen Denkmodellen, Messmethoden und -Größen nicht angemessen erfassen und abbilden lassen, da dieses durch weit mehr beeinflusst wird als nur durch finanzielle oder materielle Ressourcen.

In seinem Konzept fällt Sen daher die grundlegende Unterscheidung zwischen Verwirklichungschancen (englisch ) und Funktionen (englisch ). Letztere beziehen sich auf die verschiedenen Dinge und Tätigkeiten, die eine Person wertschätzt und gern tut. Grundlegende Funktionen sind neben einer ausreichenden Ernährung und der Freiheit von vermeidbaren Krankheiten auch komplexere Dinge wie beispielsweise am öffentlichen Leben teilzunehmen. Demgegenüber entsprechen Verwirklichungschancen den faktischen Freiheiten einer Person, bestimmte Funktionen erreichen zu können.Vgl. Sen, Amartya: Ökonomie für den Menschen. Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft. Hanser, München/Wien 2000, S. 95.Vgl. Sen, Amartya: Inequality Reexamined. Third printing, Harvard University Press 1995, insb. Kapitel 3, S. 39–55. Die Menge an Verwirklichungschancen eines Menschen kann daher als individuelles „Potenzial an realisierbaren Lebensentwürfen, aus dem er seine Funktionen, seine tatsächliche Lebensgestaltung, im Einklang mit eigenen Lebensplänen und Präferenzen auswählt […]“, begriffen werden (beispielsweise eine Religion tatsächlich auszuüben oder eben nicht).Vgl. Volkert, Jürgen: Einführung. Armut, Reichtum und Capabilities – Zentrale Inhalte, Begriffe und die Beiträge dieses Bandes. In: Ders. (Hrsg.): Armut und Reichtum an Verwirklichungschancen. Amartya Sens Capability-Konzept als Grundlage der Armuts- und Reichtumsberichterstattung. VS Verlag, Wiesbaden 2005, S. 12. Sen verdeutlicht, dass allein die individuellen Ressourcen wie Einkommen und andere Güterausstattungen nicht ausreichen, um ein adäquates Bild der Verwirklichungschancen einer Person zu ermitteln, da weitere Dimensionen und Faktoren die Verwirklichungschancen und das Wohlbefinden eines Menschen indirekt oder direkt mitbestimmen.

Die Verwirklichungschancen werden Sen zufolge einerseits durch die individuellen Potenziale eines Menschen und andererseits durch instrumentelle Freiheiten bzw. gesellschaftlich bedingte Chancen beeinflusst. Erstere umfassen nicht nur die materiellen Aspekte wie Einkommen und Sachgüter, sondern auch die Fähigkeiten und Bedürfnisse einer Person, die nach Alter, Geschlecht, Bildungs- und Gesundheitszustand oder Behinderung stark variieren können. Die instrumentellen Freiheiten hingegen, die sich auf die realen Möglichkeiten des Einzelnen beziehen, schließen neben sozialen Chancen (beispielsweise Zugang zum Bildungs- und Gesundheitssystem und Wohnraum) und ökonomischen Chancen (beispielsweise Zugang zum Arbeitsmarkt, Weiterbildung und Arbeitsbedingungen) ebenfalls sozialen Schutz (beispielsweise durch Sozialleistungen und Schutz vor Kriminalität) sowie politische Chancen (beispielsweise politische Rechte und Partizipation) mit ein. Darüber hinaus existieren umweltabhängige Faktoren wie ökologische Sicherheit oder klimatische sowie geographische Bedingungen, die in diesem Konzept ebenfalls berücksichtigt werden. Die konzeptionelle Unterscheidung zwischen individuellen Potenzialen und den instrumentellen Freiheiten in Sens Ansatz macht es möglich, jene Gesichtspunkte der Verwirklichungschancen hervorzuheben, auf welche gesellschaftliche Gruppen und der Staat Einfluss haben.Vgl. Volkert, Jürgen: Das Capability-Konzept als Basis der deutschen Armuts- und Reichtumsberichterstattung. In: Ders. (Hrsg.): Armut und Reichtum an Verwirklichungschancen. Amartya Sens Capability-Konzept als Grundlage der Armuts- und Reichtumsberichterstattung. Wiesbaden: VS Verlag 2005, S. 121 ff.Vgl. Sen, Amartya: Ökonomie für den Menschen. Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft. Hanser, München/Wien 2000, S. 52 ff.