mini|hochkant=1.6|Frontverlauf im Osten im Jahr 1917/18:                      Frontverlauf bei Abschluss des Waffenstillstands Dezember 1917                      Frontverlauf bei Unterzeichnung des Friedensvertrages März 1918

Der Friedensvertrag von Brest-Litowsk zwischen Sowjetrussland und den Mittelmächten, insbesondere dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich, der am 3. März 1918 unterzeichnet wurde, beendete den Ersten Weltkrieg an der Ostfront. In ihm konnte vor allem die deutsche Oberste Heeresleitung (OHL) ihre Vorstellungen von einer territorialen Neuordnung Osteuropas durchsetzen, während Russland aus dem Krieg ausschied. Die Ukraine, die zuvor mit Unterstützung der Mittelmächte als Ukrainische Volksrepublik ihre Unabhängigkeit von Russland erklärt hatte, hatte bereits am 9. Februar 1918, ebenfalls in Brest-Litowsk, mit den Mittelmächten einen Separatfrieden unterzeichnet, den sogenannten „Brotfrieden“.

Die Vertragsunterzeichnung in Brest-Litowsk erfolgte nach längeren, ergebnislosen Verhandlungen unter militärischem Druck der Mittelmächte, die in der Operation Faustschlag weite Gebiete im Westen des früheren Russischen Kaiserreichs besetzten. Die Bolschewiki gaben diesem Druck unter Protest nach, um die Ergebnisse der Oktoberrevolution nicht zu gefährden. In der Sowjetunion und später auch in der DDR wurde der Vertrag als „Raubfrieden von Brest-Litowsk“ bezeichnet.Wolfgang Herbst: Die Novemberrevolution in Deutschland – Dokumente und Materialien. Verlag Volk und Wissen, 1958, S. 15.Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Band 12, Verlag Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1964, S. 831. Auch zeitgenössische Beobachter auf beiden Seiten der damals kriegführenden Parteien sahen in dem Vertrag einen einseitigen Diktatfrieden. Nach heutigem Forschungsstand waren seine Bedingungen für Russland weitaus härter als die des späteren Versailler Vertrags für Deutschland.

Die deutsche OHL hoffte, mit den an der Ostfront frei werdenden Truppen einen entscheidenden Sieg im Westen erringen zu können. Am 21. März begann mit dem Unternehmen Michael die letzte deutsche Offensive an der Westfront. Nach deren Scheitern im Sommer und dem drohenden Zusammenbruch der Verbündeten musste das Deutsche Reich die Ententemächte und die USA seinerseits um Waffenruhe bitten. Bereits im Waffenstillstandsabkommen vom 11. November 1918 wurde der Vertrag von Brest-Litowsk annulliert.

Hintergrund Durch die Oktoberrevolution im Herbst 1917 waren die Bolschewiki in Russland an die Macht gekommen. Nach drei wenig erfolgreich verlaufenen Kriegsjahren war die russische Bevölkerung kriegsmüde, und die Parole der Bolschewiki „Brot und Frieden“ war auf offene Ohren gestoßen. Die russischen Truppen waren in revolutionärer Stimmung und in Auflösung begriffen. Wirtschaftlich lag Russland weitgehend am Boden. Die Bolschewiki benötigten dringend eine Atempause, um die eigene Herrschaft zu stabilisieren und dem sich im ganzen Land formierenden Protest gegen ihre Machtübernahme zu begegnen. Auf ihre Initiative hin kam es zur Aushandlung eines Waffenstillstandes an der gesamten – aus deutscher Sicht – Ostfront, der am 15. Dezember 1917 in Kraft trat. Seit dem 9. Dezember 1917 bestand schon ein Waffenstillstand zwischen den Mittelmächten und dem mit Russland verbündeten, aber militärisch weitgehend besiegten Rumänien. Danach wurden Friedensverhandlungen zwischen den Mittelmächten und Sowjetrussland aufgenommen. Als Verhandlungsort einigte man sich auf die russische Festungsstadt Brest-Litowsk, die in der Nähe der Frontlinie im deutsch besetzten Gebiet lag.

Ziele der Vertragsparteien Den Mittelmächten unter der Führung von Deutschland, das vom langjährigen ergebnislosen Krieg insbesondere an der Westfront erschöpft war, kam ein Frieden im Osten sehr entgegen. Der Zweifrontenkrieg war damit beendet, und Deutschland konnte alle verfügbaren Kräfte zur Kriegsentscheidung an der Westfront einsetzen. Separatistische Bestrebungen unterstützend, sollte zudem die Ukraine von Russland getrennt werden. So würde sich den Mittelmächten ein besserer Zugriff auf die Ressourcen der Ukraine eröffnen.

Die Bolschewiki hingegen brauchten dringend eine Atempause, um ihr Regime im eigenen Land zu etablieren. Zum anderen wollten sie die Friedensverhandlungen nutzen, um Propaganda für die angestrebte Weltrevolution zu machen. Die russische Delegation beabsichtigte daher, die Verhandlungen in die Länge zu ziehen. Während der Verhandlungen, die auf Antrag Trotzkis öffentlich geführt wurden, versuchte die russische Delegation bei jeder Gelegenheit, die Weltöffentlichkeit von ihrer Friedfertigkeit zu überzeugen und damit die Grundlage für eine sozialistische Weltrevolution zu bereiten. Sie hoffte, dass die Mittelmächte bald von den Alliierten geschlagen werden und somit Friedensverhandlungen mit Zugeständnissen der russischen Seite gar nicht mehr nötig sein würden. Die deutsche Seite durchschaute die russische Verzögerungstaktik aber und erzwang durch einen raschen Truppenvormarsch ein schnelles Ende der Verhandlungen.

Erste Runde der Verhandlungen mini|Unterzeichnung des Waffenstillstands am 15. Dezember 1917. Links sitzend die Verhandlungsführer der Mittelmächte, von vorne: Zeki Pascha (Osmanisches Reich), von Merey (Österreich-Ungarn), Prinz Leopold von Bayern, General Hoffmann, Oberst Gawtschew (Bulgarien). Ihnen gegenüber an der rechten Tischseite sitzend die sowjetrussische Delegation: Kamenew, Joffe, Bizenko, Admiral Altfater. mini|Die sowjetische Delegation in Brest-Litowsk. Sitzend (von links): Lew Kamenew, Adolf Joffe, Anastassija Bizenko. Stehend: V. V. Lipskiy, Pēteris Stučka, Leo Trotzki, Lew Karachan

Zur Aushandlung eines Friedensvertrages trafen sich die Parteien zu mehreren Verhandlungsrunden in Brest-Litowsk. Es lassen sich vereinfacht zwei Verhandlungsphasen unterscheiden: Beim ersten Durchgang war Russland formal gleichberechtigter Partner, beim zweiten hatte es kapituliert und musste die Bedingungen akzeptieren. Die erste Verhandlungsrunde wurde auf deutscher Seite von Diplomaten um Richard von Kühlmann bestimmt, in der zweiten, nach der Kapitulation Sowjetrusslands, zwang die Oberste Heeresleitung unter Erich Ludendorff der Gegenseite ihren Willen auf. Bevollmächtigter der Obersten Heeresleitung war General Max Hoffmann. Auf sowjetrussischer Seite war der Verhandlungsführer zunächst Adolf Abramowitsch Joffe, später dann Leo Trotzki. Die russische Delegation bestand fast ausschließlich aus Bolschewiki, nur Anastasia Bizenko vertrat den Koalitionspartner im Kabinett Lenins, die Linken Sozialrevolutionäre.

mini|Verhandlungsführer auf Seiten der Mittelmächte in Brest-Litowsk (von links): General Hoffmann, Ottokar Graf Czernin, Talât Pascha, Richard von Kühlmann

Der Aufnahme der Verhandlungen war der Vorschlag zum Waffenstillstand durch Trotzki vom 28. November 1917 vorangegangen. Während die Entente ablehnte, stimmten die Mittelmächte zu. Am 9. Dezember trafen sich die Delegationen zum ersten Mal. Die bolschewistische Delegation unterbreitete folgendes Angebot: Verzicht auf Annexionen, schnelle Räumung der besetzten Gebiete, Selbstbestimmungsrecht der Völker, Verzicht auf Kriegsentschädigungen (Reparationen).

Als die Delegationen eingetroffen waren, wurde zum Einstieg auf Einladung des nominellen Oberbefehlshaber des deutschen Ostheeres, Prinz Leopold von Bayern, ein gemeinsames Abendessen abgehalten. Es trat dabei eine eigenartige Gesellschaft zusammen: auf der einen Seite konservative, meist dem Hochadel angehörende Vertreter des Deutschen Kaiserreichs und der Donaumonarchie und deren Verbündete, auf der anderen Seite radikale Revolutionäre, wie sie die Welt bisher noch nie in einer Regierung eines Landes erlebt hatte, die offen das Ziel der Weltrevolution proklamierten.

mini|Ottokar Graf Czernin (im Oktober 1918 in Laxenburg)

Dementsprechend ambivalent waren die ersten Eindrücke von der Gegenseite. Ottokar Graf Czernin, der Leiter der österreichisch-ungarischen Delegation erinnerte sich später:

Der teilnehmende deutsche Staatssekretär des Äußeren, Richard von Kühlmann, notierte:

Nach dem Abendessen resümierte Graf Czernin seine Eindrücke:

Der spätere sowjetische Verhandlungsführer Trotzki schrieb später mit kaum verhohlener Geringschätzung über seine Verhandlungspartner:

Noch während der Verhandlungen ging die Rote Armee gegen die ukrainische Unabhängigkeitsbewegung militärisch vor. Dennoch entsandte die inzwischen in Kiew gebildete bürgerliche ukrainische Regierung der Ukrainischen Volksrepublik, zum Verdruss der Bolschewiki, ebenfalls eine Delegation nach Brest-Litowsk, wo sie einen separaten Friedensvertrag aushandeln sollte. Die Ukraine befand sich seit Ende Dezember 1917 offiziell im Kriegszustand mit den Sowjets.

Propagandareden – „Weder Krieg noch Frieden“ mini|Deutsche Offiziere begrüßen die sowjetische Delegation mit Trotzki auf dem Bahnhof von Brest-Litowsk (7. Januar 1918)

Am 7. Januar 1918 löste Trotzki Joffe als Delegationsführer ab und reiste nach Brest-Litowsk. Nachdem die Verhandlungen unter Joffe für die Bolschewiki bisher zu schnell vorangeschritten waren, hatte Trotzki eindeutig die Aufgabe, den Fortgang der Gespräche zu verlangsamen. Trotzki selbst schrieb über das Vorgehen der bolschewistischen Delegation:

mini|General Max Hoffmann 1914

Dementsprechend wurde Trotzki nicht müde, lange Propagandareden zu halten und die Geduld besonders der Deutschen zu strapazieren. General Hoffmann wies Trotzki am 18. Januar 1918 zurecht:

Hoffmann stellte erneut mit Nachdruck die deutschen Forderungen für einen Friedensvertrag: Unabhängigkeit für Polen und die baltischen Staaten Litauen und Livland (ein Teil Lettlands). Trotzki bat um eine Verhandlungspause, die gewährt wurde, und kehrte noch am 18. Januar nach Petrograd zurück.

Während der Verhandlungen kam es in Sowjetrussland zu einem Ereignis, das die Macht der Bolschewiki erschütterte und fast beendete. Die am 25. November 1917 abgehaltenen Wahlen zur russischen konstituierenden Versammlung ergaben eine herbe Niederlage für die Bolschewiki. Hätten sie das Wahlergebnis anerkannt, so wie es Lenin zuvor versprochen hatte, hätten wohl Sozialrevolutionäre und Menschewiki die Regierung gebildet. Die Bolschewiki, die weniger als ein Viertel der Stimmen erhielten, hätten ihre Macht verloren. Am 19. Januar 1918 wurde die neugewählte Volksvertretung von den Bolschewiki aufgelöst und der nur teilweise korrekt demokratisch gewählte Dritte Allrussische Sowjetkongress wurde zum neuen Parlament. In dieser turbulenten Situation gelang es Trotzki, die bolschewistische Führung einschließlich des zögernden Lenins davon zu überzeugen, die Friedensverhandlungen zu verlassen, ohne einen Friedensvertrag unterzeichnet zu haben. Er nannte diesen Ansatz „weder Krieg noch Frieden“. Am 30. Januar kehrte Trotzki an den Verhandlungstisch zurück. Angesichts von Massenstreiks in Deutschland und Österreich-Ungarn erhielt er von der Führung der Bolschewiki noch weitergehende Vollmachten, die Verhandlungen zu verzögern. Um einen weiteren Aufschub zu erreichen, weigerte er sich, an Gesprächen teilzunehmen, bei denen die ukrainische Delegation zugegen war. Trotzkis Taktik ging jedoch nicht auf. Die Mittelmächte schlossen mit der Regierung der Volksrepublik Ukraine am 9. Februar einen Separatfrieden.Peace Treaty Between Ukraine and Central Powers, 9 February 1918 (englischsprachige Version des Vertragstextes) Sie erkannten einen ukrainischen Staat an, der gegen günstige Grenzziehungen und Autonomie umfangreiche Getreidelieferungen an die Mittelmächte versprach, weshalb er auch als „Brotfrieden von Brest-Litowsk“ bezeichnet wird.

Trotzki hatte seine Delegation in eine Sackgasse manövriert. Die Deutschen drängten auf die Fortsetzung der Gespräche ohne propagandistisches Geplänkel. Daraufhin verkündete Trotzki seine neue Politik. Er gab am 10. Februar bekannt: