mini|Ralph Giordano im März 2008 Ralph Giordano (geboren am 20. März 1923 in Hamburg; gestorben am 10. Dezember 2014 in Köln) war ein deutscher Journalist, Publizist, Schriftsteller und Regisseur, der mit dem 1982 veröffentlichten, teilweise autobiografischen Roman Die Bertinis bekannt wurde. In seinen Werken setzte er sich vor allem mit dem Holocaust und dessen Folgen auseinander.
Leben Bis 1945 Ralph Giordano wurde als Sohn des Pianisten Alphons Giordano und dessen Frau Lilly, geb. Seligmann, einer jüdischen Klavierlehrerin, in Hamburg-Barmbek geboren. Sein Großvater väterlicherseits, ein Orchesterleiter, war als junger Mann von Sizilien nach Deutschland gekommen. Das Ehepaar Giordano hatte drei Söhne: Egon, Ralph und Rocco. Nach dem Krieg kam die Schwester Gabriela auf die Welt.
Ralph und sein älterer Bruder Egon (* 1921) besuchten das Johanneum, ein renommiertes humanistisches Gymnasium, von dem sie 1940, kurz vor dem Abitur, aufgrund der Nürnberger Gesetze verwiesen wurden. Hier war auch eine lebenslange Freundschaft mit dem damaligen Mitschüler und späteren Schriftsteller Walter Jens entstanden. Zusammen mit seiner Familie war Giordano zahlreichen Diskriminierungen und Verfolgungen ausgesetzt. Dreimal verhörte die Gestapo den jugendlichen Giordano, misshandelte ihn und sperrte ihn ein.
Größte Sorgen um die als Jüdin besonders gefährdete Mutter belasteten zusätzlich den Alltag der Familie. Zwar war eine Mischehe mit daraus hervorgegangenen Kindern bis 1944 für jüdische Partner und Kinder ein gewisser Schutz vor der Gefahr einer Deportation, doch die Bedrohung war stets vorhanden.
1943 wurde in einer der Bombennächte der „Operation Gomorrha“ auch das Haus in der Hufnerstraße 113 zerstört, in dem die Familie wohnte; es folgten verschiedene Notunterkünfte inner- und außerhalb Hamburgs. Bis auf den jüngsten Sohn Rocco war die Familie zu Arbeitsdiensten verpflichtet. Im Winter 1944/1945 gab es erste Gerüchte, dass die Deportationen auch auf Juden aus Mischehen ausgeweitet würden. Lilly Giordano erhielt am 9. Februar 1945 die Aufforderung der Gestapo, sich wenige Tage später am Sammelplatz Grindelhof einzufinden.
Die Familie tauchte in Hamburg unter. Von Sohn Ralph längere Zeit vorbereitet, konnten sie bis zur Befreiung durch die Briten in einem unter Wasser stehenden Keller überleben, weil Helfer sie versorgten. Ein guter Freund, in Giordanos Autobiografie als „der Klempner“ bezeichnet, verpflegte sie, bis ihn die Gestapo Mitte April wohl aus politischer Gegnerschaft verhaftete. Grete Schulz, eine frühere Nachbarin, war nach der Ausbombung in einer behelfsmäßigen Souterrainwohnung in Hamburg-Alsterdorf untergekommen und ermöglichte den Giordanos, sich fast drei Monate unter schwierigsten Bedingungen in ihrer Wohnung und überwiegend in einem von dort aus erreichbaren Kriechkeller aufzuhalten. Sie half beim Organisieren des Notwendigsten für die Untergetauchten bis zum 4. Mai, als am Tag nach der Kapitulation Hamburgs die britischen Panzer der 8. Armee Bernard Montgomerys durch die Alsterdorfer Straße einfuhren.Giordano: Erinnerungen eines Davongekommenen, S. 179–244
In seiner Autobiografie schreibt Ralph Giordano:
In einem Kapitel der Autobiografie Neger, Neger, Schornsteinfeger! beschreibt Hans-Jürgen Massaquoi die Freundschaft zwischen Giordano, seiner Familie und Massaquoi. Giordano und sein Bruder Egon kannten Massaquoi, genannt Mickey, schon aus Kindertagen oder späteren Besuchen des Hamburger Swing-Café König am Barmbeker Bahnhof. Als Egon Massaquoi im Herbst 1944 zufällig auf der Straße traf, nahm er ihn mit zur Familie in die Kellerwohnung zu regem Austausch über die vergangenen Jahre, die auch für ein Schwarzes Kind mit vielen Ressentiments verbunden waren. Mickey und seine Mutter, ebenfalls ausgebombt, lebten behelfsmäßig in einer Barmbeker Schule und hatten schon Pläne für die Zeit nach dem Krieg. Diese Begegnung war der Beginn der künftigen lebenslangen Freundschaft.Giordano: Erinnerungen eines Davongekommenen, S. 219 ff
Ralph Giordano blieb seiner Heimatstadt und dem Stadtteil Barmbek bis ans Lebensende verbunden und erhielt viel positive Resonanz. In der Geschichtswerkstatt Barmbek, von Bruder Rocco mitgegründet, gab es oft Begegnungen und Lesungen, es werden Rundgänge mit dem Thema Auf den Spuren der Bertinis angeboten.Literarischer SpaziergangBarmbekAuf den Spuren der „Bertinis“, auf seiteneinsteiger-hamburg.de Anlässlich seines 85. Geburtstags fand in der Barmbeker Auferstehungskirche eine Ehrung unter seiner Anwesenheit statt; die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt. Nach seinem Tod fand eine Trauerfeier im Ernst-Deutsch-Theater, Ort der Bertini-Preisverleihungen, statt. Sein Lesesessel und seine Schreibmaschine sind im Eingangsraum der Geschichtswerkstatt ausgestellt.
Nachkriegszeit mini|hochkant|Ralph Giordano am 12. Januar 1956 auf dem IV. Deutschen Schriftstellerkongress zu Berlin mini|Ralph Giordanos Leseecke (Schreibmaschine und Sessel) in der Geschichtswerkstatt Hamburg-Barmbek mini|Das Grab von Ralph Giordano und seiner Ehefrau Roswitha geborene Everhan auf dem Kölner Südfriedhof mini|Stolperstein für Ralph Giordano vor der Gelehrtenschule des Johanneums in Hamburg-Winterhude Nach dem Zweiten Weltkrieg begann Giordano seine journalistische Tätigkeit bei der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung. Er absolvierte eine journalistische Ausbildung am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Von 1946 bis 1957 war er Mitglied der seit 1956 illegalen KPD. Unter dem Pseudonym Jan Rolfs ließ er in der DDR beim Verlag Neues Leben 1953 ein Westdeutsches Tagebuch erscheinen, das von Aktionen der KPD in Hamburg berichtete und von Verehrung für Josef Stalin durchdrungen war. 1955 siedelte Giordano in die DDR über, wo er neun Monate blieb, um ernüchtert wieder nach Hamburg zu ziehen.»Vorsicht vor Ideologen!« In: Jungle World, 16. August 2006 Ab 1958 beobachtete er im Auftrag des Zentralrats der Juden in Deutschland die beginnenden NS-Prozesse. Seine Abrechnung mit dem Stalinismus veröffentlichte er 1961 in seinem Buch Die Partei hat immer recht (siehe auch Lied der Partei), in dem er selbst einen Hinweis auf sein Westdeutsches Tagebuch gab, um einer Enthüllung durch seine ehemaligen Genossen zuvorzukommen. 1961 bis 1988 arbeitete er als Fernsehjournalist und produzierte seitdem über 100 Dokumentationen für verschiedene Sender (vor allem NDR und WDR). Oft behandelte er historische Themen wie den deutschen Kolonialismus oder den Völkermord an den Armeniern.
1982 veröffentlichte Giordano Die Bertinis, ein teilweise autobiografisches Werk, an dem er fast 40 Jahre gearbeitet hatte. 1988 wurde die Geschichte um eine jüdische Familie in der Zeit des Nationalsozialismus von Egon Monk für das ZDF verfilmt.
1987 erschien Giordanos Buch Die zweite Schuld oder Von der Last, Deutscher zu sein, in dem sich Giordano mit dem Fortleben des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik Deutschland auseinandersetzt. Als zweite Schuld bezeichnet er den Unwillen breiter Teile der deutschen Öffentlichkeit zu einer Aufarbeitung der Verbrechen und Entschädigung der Opfer sowie die politischen Entscheidungen, die es Mittätern ermöglichten, auch in der Demokratie wieder in Amt und Würden zu gelangen. Mit dieser Schrift zog er in besonderem Maße den Hass von Neonazis auf sich. Über die zunehmende Bedrohung schrieb er Bücher wie Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte (1989) und eine Übersicht über Leserbriefe zur „zweiten Schuld“ (Wie kann diese Generation eigentlich noch atmen?, 1990).
Giordano war seit Gründung 1988 bis zu seinem Tod Mitglied des Vereins EL-DE-Haus Köln, dem Förderverein des NS-DOK. Bis zum Mai 1990 war er dessen stellvertretender Vorsitzender.Druckausgabe Kölner Stadt-Anzeiger Nr. 296 vom 20./21. Dezember 2014, S. 5.
Die Erfahrungen mit dem offen militanten Rechtsextremismus, insbesondere die Ausschreitungen von Hoyerswerda und der Mordanschlag von Mölln, bewogen Giordano 1992 dazu, einen offenen Brief an Bundeskanzler Helmut Kohl zu schreiben. Darin schrieb er, dass er bereit sei, „bis in den bewaffneten Selbstschutz hinein“ gegen den militanten Rechtsextremismus vorzugehen, da die Regierung offensichtlich nicht bereit sei, Minderheiten den notwendigen Schutz zu gewähren. Dieser Brief führte zu einer heftigen öffentlichen Diskussion.
1995 erklärte Giordano in einem Zeitungsbeitrag einen Militäreinsatz gegen die bosnischen Serben für unvermeidlich, um den dortigen Krieg zu beenden. Eine Beteiligung Deutschlands hielt er trotz der in Deutschland spürbaren Angst vor Kriegseinsätzen, die er positiv wertete, für unumgänglich.
2000 veröffentlichte er Die Traditionslüge, worin er sich mit den undemokratischen Wurzeln der Bundeswehr auseinandersetzte. In der durch Jürgen Möllemann ausgelösten Antisemitismus-Debatte sagte er im Juni 2002, sein Fluchtgefühl sei seit der Befreiung vom Nationalsozialismus nicht mehr so stark gewesen. 2003 kritisierte er die Positionen der Friedensbewegung gegen den Irakkrieg, der er unter anderem Antiamerikanismus vorwarf.Bündnis gegen Antisemitismus: Offener Brief an die Friedensbewegung: Wider die politische Naivität, Februar 2003 (von Ralph Giordano mitunterzeichneter Brief)
2005 erklärte Giordano gegenüber dem Magazin Stern, dass seine schwer an Krebs erkrankte Frau durch aktive Sterbehilfe zu Tode gekommen sei.Ralph Giordano: Meiner Frau wurde das Schlimmste erspart – und zwar durch aktive Sterbehilfe. In: Hamburger Abendblatt vom 21. Oktober 2005.
Im Frühjahr 2005 kritisierte Giordano Rolf Hochhuth in massiver Weise wegen seiner Äußerungen in einem Interview mit der Jungen Freiheit über den Holocaustleugner David Irving. Später räumte er ein, dass er seine Kritik formuliert hatte, ohne den vollständigen Text des Interviews gekannt zu haben. In einem Artikel, der in der Berliner Zeitung veröffentlicht worden ist, nahm er sein vernichtendes Urteil zurück und bezeugte Hochhuth gegenüber seine Solidarität. Dass Hochhuth mit seinen Äußerungen über Irving aber, gelinde gesagt, „heftig daneben gehauen“ habe, das bleibe bestehen.Ralph Giordano: Diese Verdammnis hat der Mann nicht verdient. In: Berliner Zeitung vom 26. März 2005, S. 32. Hochhuth selbst hatte sich bereits zuvor entschuldigt, allerdings empfand er das Wort Entschuldigung für seine Bemerkungen als unpassend.
Im Oktober 2006 interpretierte Giordano einen rechtsextremistischen Vorfall an der Sekundarschule „An der Elbe“ in Parey (Sachsen-Anhalt) dergestalt, dass ganz Deutschland an dieser Untat beteiligt sei. Ein Grund für die immer wieder „freche Entfaltung des Judenhasses“ sei mangelnde Zivilcourage. Dieser Mangel sei ein Merkmal der deutschen Geschichte.Ralph Giordano: An dieser Untat ist ganz Deutschland beteiligt. In: Spiegel Online, 13. Oktober 2006
Giordano unterstützte bis November 2007 das Zentrum gegen Vertreibungen.Ralph Giordano: „Jüdische Intellektuelle widersprechen den Vorwürfen aus der linksradikalen „antideutschen“ Szene. Ihre Gegenrede: Nie wieder Krieg, nieder wieder Holocaust, nie wieder Vertreibungen.“ Interview zu seiner Unterstützung des Zentrums gegen Vertreibungen, übernommen aus: konkret 09/2004. Er änderte seine Meinung mit der Begründung, dass das „deutschverursachte Morduniversum des Zweiten Weltkriegs und seine Besatzungspolitik“ noch immer „notorisch zu kurz“ komme. Es gehe nicht an, „die Geschichte der Vertreibungen bilderreich auszubreiten, das Blutbad der Vorgeschichte aber in marginalen Nebensätzen zu verstecken“.
Für die 2008 erschienene Autobiografie von Adolf Hitlers letztem Leibwächter Rochus Misch Der letzte Zeuge. Ich war Hitlers Telefonist, Kurier und Leibwächter verfasste Ralph Giordano das Vorwort unter dem Titel Misch – Sie werden natürlich noch gebraucht (S. 19–35).
Giordano lebte ab 1972 in Köln-Bayenthal und hatte ein Ferienhaus in Irland. Er war drei Mal verheiratet. Die erste und die dritte Frau starben an Krebs. Helga (1913–1984) 1987: Hochzeit mit Tanja, Scheidung nach etwa einem Jahr