mini|Verbreitung der arabischen Sprache

Die Geschichte der arabischen Sprache befasst sich mit der Entwicklung der semitischen Sprache Arabisch. Sie beginnt strenggenommen erst mit dem Einsetzen schriftlicher Überlieferung in arabischer Sprache. Das früheste schriftliche Dokument ist der Korankodex, der in der Ära des dritten Kalifen Uthman ibn Affan (644–656) entstand.Birmingham Qur'an manuscript dated among the oldest in the world, University of Birmingham, 22. Juli 2015. Die vorislamische Dichtung, die zwar bis ins 6. Jahrhundert zurückgeht, wurde nach mündlicher Überlieferung erst im 7. und 8. Jahrhundert fixiert. Beide Sprachdenkmäler, Koran und Poesie, bildeten für die arabischen Philologen des 8. und 9. Jahrhunderts die Grundlage, ein Lehrsystem mit einem hohen Maß an Normiertheit zu schaffen, das die arabische Sprache zu einer Kultur- und Bildungssprache machte.

Die arabische Sprache ist die verbreitetste Sprache der semitischen Sprachfamilie und eine der sechs offiziellen Sprachen der Vereinten Nationen. Arabisch wird heute von rund 300 Millionen Menschen als Mutter- oder ZweitspracheZahl der Zweitsprachler, Zugriff am 17. Januar 2014. in 22 arabischen Ländern und zahlreichen anderen Ländern in Asien und Afrika gesprochen. Als eine der sechs häufigsten Sprachen der Welt und Sprache des Islam ist das Arabische eine Weltsprache. Gemessen an der Zahl der Muttersprachler steht sie an fünfter Stelle.Statistik nach Encarta 2006: Languages Spoken by More Than 10 Million People

Ursprung und Ausbreitung Die ältesten Belege des Arabischen reichen bis ins 9. Jahrhundert v. Chr. zurück. Es sind Eigennamen in assyrischen Keilschrifttexten. Die dialektale Vielfalt der altarabischen Sprache ist durch Inschriften gut dokumentiert. Eine Inschrift aus dem Jahr 328 n. Chr. belegt die arabische Sprache in nabatäisch-aramäischer Schrift. Unter dem Einfluss des Handelsreiches der Nabatäer entwickelte sich in der Zeit zwischen dem vierten und dem sechsten Jahrhundert eine standardisierte arabische Verkehrssprache heraus.Vgl. Knauf, S. 197.

Als voll ausgebildete Literatursprache tauchte das klassische Arabisch um die Mitte des 6. Jahrhunderts auf. Anthologien wie die Mu'allaqat enthalten thematisch vielfältige Gedichte in der Qasida-Form.

Mit dem Aufkommen des Islam und den Eroberungen der Araber im 7. und 8. Jahrhundert verbreitete sich die arabische Sprache. Sie verdrängte das Sabäische in Südarabien, das Aramäische in Syrien und im Irak, das Persische im Irak, das Koptische in Ägypten, die Berber-Dialekte in Nordafrika und behauptete sich neben Spanisch und Portugiesisch bis zum Ende des 15. Jahrhunderts auf der Iberischen Halbinsel. Von Tunesien aus wurde die Inselgruppe Malta arabisiert, und von Oman aus drang das Arabische nach Sansibar und Ostafrika vor.

Heute ist das Hocharabische als Schriftsprache in 22 arabischen Staaten in Gebrauch: Von Mauretanien bis zum Irak und vom Jemen bis nach Syrien. Arabisch wird außerdem von Minderheiten in Iran (Chusistan, am Nordufer des Golfs), Afghanistan (Nordwesten), in der ehemaligen Sowjetunion (Usbekistan), Zypern, der Türkei (Südosten), Israel und Äthiopien gesprochen. Darüber hinaus ist es die kultische Sprache auch aller nichtarabischen islamischen Völker.

Das Arabische innerhalb der semitischen Sprachfamilie Die semitischen Sprachen sind untereinander eng verwandt und weisen u. a. folgende gemeinsame Merkmale auf:

Konsonantenschrift ohne Bezeichnung der kurzen Vokale (Ausnahme: Maltesisch) Kehllaute und emphatische Laute (Emphatischer Konsonant) Meist dreiradikalige Wurzeln Zwei grammatische Genera: maskulin und feminin Drei Numeri: Singular, Dual und Plural Status constructus Verschiedene Aktionsarten beim Verb: Intensiv, Kausativ, Reflexiv usw. Späte Herausbildung des Zeitbegriffs beim Verb (vollendet/unvollendet) Häufiges Vorkommen des Nominalsatzes bzw. Satz ohne Kopula, durch Verzicht auf Präsensformen von Sein Verwendung der Paronomasie (zum Beispiel: ein Sagender sagte) Neigung zur Parataxe (Nebenordnung) im Satzbau

Schrift und Kalligraphie

Alle heute gebräuchlichen Buchstabenschriften gehen letzten Endes auf eine semitische Konsonantenschrift zurück. Die arabische Schrift ist nach der lateinischen die meistverbreitete in der Welt. Ihr Geltungsbereich reicht von Zentralasien bis Zentralafrika und vom Fernen Osten bis zum Atlantik. Geschrieben in arabischer Schrift wird heute Persisch, Urdu (Pakistan und Nordwest-Indien) sowie die Berbersprachen und bis vor einiger Zeit die Turk- und Kaukasussprachen, Malaiisch (Indonesien), Somali, Haussa und Kiswahili.

Der Ursprung der arabischen Schrift ist nicht restlos geklärt. Es existieren viele Theorien darüber, von denen einige fundamentale Widersprüche enthalten. Die älteste Inschrift stammt angeblich aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. Man vermutet, dass sie aus der nabatäischen Schrift hervorgegangen ist. Die arabischen Nabatäer bedienten sich bis dahin des Aramäischen als Schriftsprache. Die 22 Buchstaben des aramäischen Alphabets reichten jedoch nicht aus, die 28 Laute der arabischen Sprache auszudrücken. Daher entwickelten die Araber noch weitere sechs Buchstaben.

Typisch für die arabische Schrift sind die Schreibrichtung, die von rechts nach links verläuft, die Verbindung der Buchstaben miteinander sowie die Gleichförmigkeit einiger Buchstaben, die nur durch die über beziehungsweise unterliegenden diakritischen Punkte unterschieden werden. Sie ist eine Konsonantenschrift, bei der die Kurzvokale mittels Zusatzzeichen ausgedrückt werden können. Die Einführung der diakritischen, Vokal- und anderer Sonderzeichen wird gemeinhin dem arabischen Lexikographen al-Chalil ibn Ahmad (gest. 791) zugeschrieben.

Mit der Verbreitung der arabischen Sprache infolge der Islamisierung entstanden im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Schriftstile. Es entfaltete sich eine eigenständige Kunstrichtung – die Kalligraphie.

Die arabischen Kalligraphen verstanden »die Kunst des Schreibens als die Geometrie der Seele, ausgedrückt durch den Körper«. Diese Kunst in ihrer kodifizierten Form geht auf Ibn Muqla (886–940) zurück. Der Tatbestand, dass die arabische Schrift entlang einer horizontalen Linie geschrieben wird, bildet die Grundlage für ein unbegrenztes Spektrum graphischer Formen, die sowohl auf Buchseiten als auch auf Wänden und anderen Flächen zutage treten. Im Folgenden sollen die wichtigsten Schriftarten kurz beschrieben werden:

a) Kufi: So benannt nach der Stadt Kufa im Irak. Eine geometrische Konstruktion, die sich auf eckige Elemente stützt. Diese Schriftform ist die älteste. Sie wurde hauptsächlich von Koranschreibern und Sekretären an Königshöfen benutzt. Die älteste erhaltene Inschrift vom Jahre 692 befindet sich im Felsendom in Jerusalem. b) Naschi: Eine runde Form, die im 11. Jahrhundert die Kufi-Schrift ablöste. Sie diente vorwiegend zur Schreibung von wissenschaftlichen und literarischen Werken. Auch die Koranschreiber bedienten sich dieser Schrift. c) Thuluth: Eine komplexe Struktur, die einen feierlichen, liturgischen Wert besitzt. Sie wurde für die Überschriften der Suren im Koran und die architektonischen Arabesken verwendet. d) Ruqa: Eine kräftige, fette Schrift mit vertikalen Linien und abgerundeten Häkchen auf dem Buchstabenkopf. Sie ist von den Türken entwickelt worden. e) Diwani: Eine lebhafte, kursive Form, die im 15. Jahrhundert ebenfalls von den Türken entwickelt und gepflegt wurde. Diwani war in erster Linie die Schriftform der Staatsverwaltung und Kanzleien. f) Taliq: Eine nicht allzu anspruchsvolle Form, in der einige Buchstaben in die Länge gezogen werden. g) Nastaliq: Eine im 15. Jahrhundert von den Persern entwickelte Schrift, die in Persien und Pakistan u. a. bei der Gestaltung von Briefen, Buchtiteln und Plakaten eingesetzt wird. Nastaliq ist eine Kombination aus Nasch und Taliq.

Bis zur Erfindung des Papiers galt der aus der Sumpfpflanze gewonnene Papyrus als wichtigster Stoff zur schriftlichen Niederlegung. Zwar war er den Arabern bereits in vorislamischer Zeit bekannt, fand jedoch erst nach der Eroberung Syriens und Ägyptens häufige Verwendung. In besonderem Maße eignete sich der Papyrus für die Korrespondenz der Kalifen und überhaupt für Verwaltungszwecke, da eine Fälschung der Schriftstücke ohne Beschädigung des Papyrus ausgeschlossen war.

Die Verarbeitung des Papyrus zu Schreibmaterial wurde anfangs in Ägypten betrieben, später auch im Irak, wo die erste Manufaktur im Jahre 836 in Samarra gegründet wurde. Bereits um die Mitte des 10. Jahrhunderts wurde Papier hergestellt. In Damaskus und Basra (Irak) entstanden Papiermühlen, die das weite islamische Gebiet mit Papier versorgten.

Neben Papyrus wurden seit vorislamischer Zeit auch Leder, Pergament, Holz, Palmzweige, Steine, Textilien, Rippen und Schulterblätter von Kamelen sowie Tonscherben zum Schreiben benutzt. Als Schreibwerkzeug diente hauptsächlich eine Rohrfeder, auf deren Handhabung bei der Ausbildung eines Schreibers besonderer Wert gelegt wurde.

Die Tinte war in zwei Arten gebräuchlich: Die einfache bestand aus Ruß und Honig, die andere aus Galläpfeln und verschiedenen Zusätzen wie Kampfer, Aloe und Gummi. Der Schreiber stellte seine Tinte selbst her, da er darauf bedacht war, dass sie keine Beimengungen von zersetzender Wirkung enthielt. So hinterließen islamische Kalligraphen besondere Rezepte zur Herstellung von Tinte.

Problematik der Schrift

Ein wesentlicher Nachteil der arabischen Schrift besteht wohl im Fehlen der Buchstaben für die Kurzvokale, die unter anderem als Träger grammatischer Funktionen zur Herstellung logischer Zusammenhänge im Satz dienen. Ein Wort wie »mlk ملك« beispielsweise kann im Kontext je nach Sinn verschieden interpretiert werden: malaka »besitzen«, mulk »Herrschaft«, milk »Eigentum«, malik »König« oder malak »Engel«. Oft genug erschwert diese Homographie die Deutung der Texte.

Ein anderer Unsicherheitsfaktor resultiert aus der Ähnlichkeit einiger, lediglich durch diakritische Punkte differenzierter Buchstaben beziehungsweise durch deren Anzahl und/oder Stellung, was nicht selten zu Verwechslungen führt (vgl.: n und b, t und th, d und dh, dsch und kh, s und sch usw.). Als zusätzliche Erschwernis erweist sich zudem die Tatsache, dass die Schreibung der arabischen Buchstaben im Gegensatz zu den lateinischen von ihrer Stellung im Wort (Anfang, Mitte, Ende, isoliert) abhängt.

Jene erwähnten Besonderheiten stellen sich erneut bei der mechanischen Wiedergabe der Schrift. So werden z. B. im Gegensatz zur deutschen Schreibmaschine mit nur 88 Typen für eine arabische 137 Typen benötigt, was allerdings im Zeitalter des Computers gar keine Rolle mehr spielt. Noch spürbarer wirkten sich diese Eigenheiten beim Druck aus, da durch die erhebliche Anzahl von Drucklettern (durchschnittlich 700) zwangsläufig die Druckkosten stiegen. Auch diese Problematik ist so gut wie nicht mehr vorhanden.

Angesichts der genannten Eigenarten der arabischen Schrift erhob sich die Frage, ob man sie nicht durch die lateinische Schrift ersetzen solle. Einige arabische Intellektuelle vertreten sogar den Standpunkt, dass die Rückständigkeit der arabischen Welt in Zivilisation und Wissenschaft von ebendiesem Schriftsystem herrühre. Indes überwiegt unter den arabischen Gelehrten die gegenteilige Meinung. Sie sehen in der Latinisierung des arabischen Alphabets eine Einbuße des Geistes der arabischen Sprache, den Verlust der Seele arabischer Kultur, die Zerstörung der ursprünglichen Grammatikstrukturen und das Verschwinden der Kalligraphie, jener abstrakten Kunst des Islam.