mini|hochkant=1.2|Fachwerkhäuser in Schiltach im Schwarzwald, an der Deutschen Fachwerkstraße
Ein Fachwerkhaus (in der Schweiz Riegelhaus) ist ein Gebäude, dessen tragende Konstruktion aus einem Holzfachwerk besteht. Die Zwischenräume zwischen den Hölzern, die Gefache, können mit unterschiedlichen Materialien ausgefüllt oder bekleidet werden. Als Bauholz wird – mit Ausnahme der Spätzeit dieser Bauweise – Rundholz mittels Axt, Breitbeil und Dechsel zu einstieligen Balken mit rechteckigem Querschnitt behauen. Die Bauhölzer werden zimmermannsmäßig verbunden, unter weitestgehendem Verzicht metallischer Verbindungsmittel wie Nägel oder Schrauben.
Aus der frühgeschichtlichen Pfostenbauweise entwickelte sich das Fachwerkhaus zunächst zum Firstsäulen- und Firstsäulenständerhaus. Statt auf einer Schwelle aufzuliegen, waren die Wandpfosten hier zunächst vielfach noch im Erdreich eingegraben.
Über die Firstständerbauweise entwickelte sich schließlich der Stockwerkbau, der bis in das 19. Jahrhundert eine der vorherrschenden Bauweisen blieb und in Mitteleuropa nördlich der Alpen bis nach England verbreitet war. In der Spätzeit dieser Bauweise kam im Alpenraum das damit verwandte Bundwerk auf. Als der moderne Nachfolger der Fachwerkbauweise kann die Holzrahmenbauweise gesehen werden.
mini|300px|Fachwerkbegriffe nach Otto Lueger (1906):
Fig. 1: Standard-Fachwerk mit a) Wandschwelle, b) Eckpfosten, c) Fenster- oder Türpfosten, d) Zwischen- oder Bundpfosten, e) wandhohen Streben, f) Riegel, g) Sturz. Der auf den Pfosten der vorderen Seite ruhende Rähmbalken (auch: Pfette) ist nicht gekennzeichnet.
Fig. 2: Fachwerkgebäude, dessen allseitig vorkragendes Obergeschoss auf vorspringenden Balkenköpfen ruht. Der diagonale Eckstichbalken und die seitlich darauf folgenden Stichbalken (auch Sucher) werden innenseitig mit dem ersten Deckenbalken verbunden, um nicht durch die Auflast abzukippen.
Begriff Der Begriff Fachwerk ist seit dem 17. Jahrhundert belegt. Fach und Gefach sind die Bezeichnungen für die durch die tragenden Balken gebildeten Zwischenräume, und -werk ist das zugehörige Kollektivum.Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. 25., durchgesehene und erweiterte Auflage. De Gruyter, Berlin/Boston 2011, unter Fachwerk.Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Erarbeitet unter der Leitung von Wolfgang Pfeifer. Akademie, Berlin 1989 und dtv, München 1995 (mit mehreren weiteren Auflagen), unter Fach.
Konstruktion Planung Ursprünglich fertigte der Zimmermann, der oft auch gleichzeitig Baumeister war, einen Aufriss oder eine Aufschnürung direkt auf dem Werkboden, später auf einer Holzfläche, dem Reißboden. Heute wird die Konstruktion häufig vom Fachmann mit einer Abbundsoftware entworfen und im Abbundzentrum ausgeführt.
Bauteile mini|Video: Zimmerer bauen eine Fachwerkwand einer Scheune, 1997 mini|Video: Verkleiden der Wetterwand eines Fachwerkhauses im LVR-Freilichtmuseum Kommern mit Stroh, 1981 mini|Barocke Begriffe der Fachwerk- und Dachkonstruktion am stilisierten Beispiel eines Stockwerkbaus mit doppelt stehendem Stuhl, wortgetreu zitiert nach Johann Friedrich Penther (1744Johann Friedrich Penther: Ausführliche Anleitung zur bürgerlichen Bau-Kunst (Band 1): Enthaltend ein Lexicon Architectonicum oder Erklärungen der üblichsten Deutschen, Französischen, Italiänischen Kunst-Wörter der Bürgerlichen Bau-Kunst (…). Johann Andreas Pfeffel, Augspurg 1744, Tafel XXIII, Fig. 16. (Digitalisat auf digi.ub.uni-heidelberg.de, Text der Bilderläuterung; beides abgerufen am 15. Februar 2024)): a Band Contrevent, b Couverture a claire voye, c-d Blatstücke, c-d-o Ständerwerck, f Dach-Balcken, g Dachstuhl, Dachstuhl-Säulen, h-i Fach, k Fetten, l Poteau, m Riegel, n-o Sabliere, o Schwellen, r Spann-Riegel, s Sparren, x Latte. Die vertikalen Hölzer werden als Pfosten, Stiel, Stütze, Stab oder Ständer, die leicht schräg stehenden als Strebe oder Schwertung bezeichnet, die horizontalen als Schwelle, Rähm, Riegel oder Pfette. Im Winkel von meist 45 Grad verlaufende Hölzer zur Querstabilisierung nennt man Bänder oder Bug, sie verbinden die senkrecht stehenden Ständer mit Schwelle oder Rähm. Streben sind oft symmetrisch angeordnet und sollen auftretende seitliche Kräfte abfangen.
Die behauenen Hölzer haben typischerweise einen Querschnitt von etwa 10 × 10 Zentimeter bis etwa 18 × 18 Zentimeter.
Aufeinandertreffende Teile bilden Holzverbindungen, die oft verzapft und mit Holznägeln gesichert sind. Ein Holznagel besteht aus einem langen, vierkantigen, am Ende zugespitzten Schaft und kann einen verdickt ausgebildeten Kopf besitzen. Die häufigste Holzart bei Holznägeln ist Eiche. Die kraftschlüssige Verbindung des Holznagels wurde durch das Verkeilen der Schaftkanten in dem kleiner gebohrten Loch des Gegenholzes hergestellt.Thomas Eißing, Benno Furrer, Christian Kayser, Stefan King, Ulrich Klein, Ulrich Knapp, Burghard Lohrum, Tilmann Marstaller, Claudia Mohn, Heinz Pantli, Hans-Hermann Reck, Daniel Reicke: Vorindustrieller Holzbau. Terminologie und Systematik für Südwestdeutschland und die deutschsprachige Schweiz (= Südwestdeutsche Beiträge zur historischen Bauforschung, Sonderband.) 2., überarbeitete Auflage. Universität Heidelberg / Universitätsbibliothek, Heidelberg 2023, ISBN 978-3-96929-223-5 (Digitalisat), S. 62.
Die Fachwerkhölzer werden beim Zuschnitt (Abbinden) mit Abbundzeichen versehen, um sie nach dem Transport zum Bauplatz schnell und richtig wieder zusammensetzen zu können.
Auch können Fachwerkkonstruktionen abgebaut und wieder aufgebaut sowie einzelne Teile ersetzt werden (Modulbauweise).
Materialien mini|Neubau, Typ des Egerländer Fachwerkhauses, mit vielen Streben
Als Holzarten werden zumeist Stieleiche oder Traubeneiche, in nadelholzreichen Gebieten Tanne verwendet, da sie witterungsbeständig sind und Fäulnis widerstehen – konstruktiven Holzschutz vorausgesetzt. Welch hohes Alter solche Hölzer erreichen können, darauf wird im Kapitel Geschichte eingegangen.
Zum Ausfüllen der Zwischenräume (der Gefache) gibt es verschiedene Möglichkeiten: Flechtwerk mit Lehmbewurf (Klaiben), das Geflecht ist aus festen Hölzern (Lehmstaken), zusätzlich auch aus biegsamen Ruten (Fachgerten), beispielsweise aus Weidenholz. Lehmwickel mit Kalk- oder Lehmputz. Ausmauerung mit Backsteinen, Bruchstein oder Lehmbausteinen und gegebenenfalls verputzt. Ausladhölzer, kurze, kantig behauene Holzklötze, die in den Fächern waagerecht übereinandergelegt sind. Die Fugen sind mit einer Mischung aus Moos und Kuhmist gedichtet (Oberharz).[Voruntersuchung Bergstadt Altenau zur Städtebaulichen Eigenart und Gestalt sowie zu Erhaltungsmöglichkeiten der historischen Altstadt, 2014, Seite 22, Dokument abgerufen am 8. Juni 2024 jedoch nicht regelkonform verlinkbar.]
Schmuckformen im Fachwerk Die künstlerische Ausgestaltung von Fachwerkhäusern ist je nach Region und Erbauungszeit unterschiedlich stark ausgeprägt. Als Schmuck kommen insbesondere die Anordnung der tragenden und aussteifenden Balken, das Einfügen von zusätzlichen, statisch nicht wirksamen Hölzern als Schmuckelemente, das Gestalten von Hölzern durch Schnitzwerk und Bemalung sowie die farbliche Fassung der Gefache oder die Anordnung der Klinker zur Anwendung. Die verwendeten Schmuckformen variieren regional und zeitlich sehr stark und tragen teilweise auch unterschiedliche Bezeichnungen.
Heute nimmt man an, dass viele der ehemals verwendeten Schmuckformen in direkter Beziehung zum Erbauer standen. Einige der verwendeten Schmuckelemente durften nur von erfahrenen Handwerksmeistern ausgeführt und errichtet werden. mini|Knaggen am Hunebergschen Haus, Braunschweig, 1524, im 20. Jh. an den Burgplatz umgesetzt mini|hochkant|Fächerrosetten am Dielenhaus Strukturstr. 7, Verden (Aller), 1577 Beim Fachwerkbau gibt es unter anderem folgende Schmuckformen: Andreaskreuz Balkenkopf Bundwerk Bügel- oder Trapezfries (etwa 1500–1540) Doppelstrebe Diamantband (als Steigerung des Kettenfrieses) Inschriften (zum Beispiel ) Fächerrosette (etwa 1535–1560) Figurenfries Ketten- oder Bandfries (etwa 1550–1670) Knaggen (die Konsolen) verziert mit Heiligenfiguren, Roll- und Volutenformen oder Kerben (zum Beispiel Huneborstelsches Haus oder Haus Ritter Sankt Georg in Braunschweig) Kreuzfries Laubstab (etwa 1520–1550) Mann, eine Form des Strebenkreuzes in diversen Varianten, auch Wilder Mann genannt Pyramidenbalkenkopf Schiffskehle Stiel mit Fußbändern Sonnenscheibe (aus der steinernen Renaissancearchitektur; Braunschweig 1533 – Bad Salzuflen 1633) Schrägkreuzfries Treppenfries (Halberstadt Ratskeller 1461, Kriegsverlust – Braunschweig 1526), Beispiel: Haus Ritter Sankt Georg in Braunschweig Tauband (wie ein Tau gedrehter Zierstab mit rundem Querschnitt – Bad Wildungen: Haus Rebenstock) Eine in der Holzfachwerk-Architektur des 19. Jahrhunderts weit verbreitete Sonderform des Zierfachwerks ist Technisches Fachwerk (auch Technizistisches Fachwerk), das sich durch Rasterfachwerk, gefaste Hölzer und zurückliegende Sichtziegelgefache auszeichnet.Michael Imhof: Historistisches Fachwerk. Zur Architekturgeschichte im 19. Jahrhundert in Deutschland, Großbritannien (Old English Style), Frankreich, Österreich, der Schweiz und den USA. Bayerische Verlagsanstalt, Bamberg 1996, ISBN 3-87052-796-X, S. 210–212. (Kapitel „Technisches“ Fachwerk)
Geschichte Neolithikum Für die Michelsberger Kultur des Jungneolithikums wurden Fundamente von Häusern gefunden, die in Schwellbalken-Holzfachwerktechnik gebaut wurden.
Antike mini|Holzrahmenkonstruktion minoischen Typs, etwa 1700 v. Chr., Akrotiri auf Santorin mini|Antikes Haus in Herculaneum mit Fachwerkelementen
Der römische Architekt und Architekturtheoretiker Vitruv erwähnte um 33 vor Christus in seinem Werk De Architectura die Fachwerkbauweise, allerdings wegen der Brennbarkeit in negativen Zusammenhang mit dem Ausruf „Craticii vero velim quidem ne inventi essent“ („Fachwerk, wünschte ich, wäre nie erfunden worden“Vitruv. Zehn Bücher über Architektur. Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Curt Fensterbusch. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1964. 4. Auflage: 1987, ISBN 3-534-01121-X, 2. Buch, 8. Kapitel, S. 116 (lateinisch) / S. 117 (deutsch).).
Antike Fachwerkbefunde sind überliefert: In der im Jahre 79 vom Vesuv verschütteten antiken römischen Stadt Herculaneum ist ein Gebäude erhalten, welches teilweise in Fachwerkbauweise (lateinisch: Opus Craticium) errichtet wurde. Auch das sogenannte römische Streifenhaus des 1. Jahrhunderts wurde bereits in Fachwerktechnik errichtet.
Im Römermuseum Schwarzenacker ist eine Fachwerkwand der Zeit ca. 100–275 n. Chr. rekonstruiert worden.
Fachwerkbauten sind auch aus den holzreichen Gegenden des ehemaligen Osmanischen Reiches von Bulgarien bis Syrien bekannt.
Mittelalter In Deutschland lassen sich zwei Arten der Verzimmerung unterscheiden: Zum einen der ältere mittelalterliche Ständerbau (auch Geschossbau oder Säulenbau genannt), bei dem die Wandständer von der Schwelle bis zum Traufrähm durchgehen, und zum anderen der jüngere Stockwerksbau, bei dem jedes Stockwerk als in sich geschlossenes Modul hergestellt wurde. Auslöser dieser Weiterentwicklung war vermutlich Holzmangel im Umfeld wachsender Städte. Doch auch der Wunsch nach höheren Gebäuden oder kürzeren Bauhölzern, die leichter zu verarbeiten und zu transportieren sind, könnte die Entstehung des Stockwerkbaus gefördert haben. Das älteste bekannte Beispiel ist das Bäckerhaus in Eppingen in der Altstadtstraße 36 aus dem Jahre 1412. Hier kommt es bis etwa 1620 oft vor, dass das obere Stockwerk etwas über das untere Stockwerk hervorragt.
13. bis 14. Jahrhundert mini|hochkant|Bergstraße 7, Limburg, Traufseite 1291 (d)