mini|285px|Beziehungen der Redensarten – Links: SuyuDer Begriff Suyu () bedeutet etwa Denkspruch oder Sinnspruch. – Mitte: Yanyu – Unten links: Xiehouyu – Rechts:: Chengyu – ← Roter Pfeil: mündlich – Blauer Pfeil →: schriftlich –
Die chinesischen Sprichwörter spiegeln das traditionelle Leben wider und bilden die Quintessenz der Lebenserfahrung des chinesischen Volkes.
Bei den sprichwörtlichen Redensarten () werden im Allgemeinen Chengyu (), also Redewendungen in festgelegter Form meist aus vier Zeichen bestehend, und Yanyu (), die eigentlichen Sprichwörter, unterschieden. Daneben gibt es Sonderformen der chinesischen Sprichwortkultur wie das Xiehouyu, ein angedeutetes Sprichwort oder Sprichwortellipse genannt. Bei dieser rhetorische Figur wird allgemein der hintere Teil des gesamten Sprichwortes weggelassen werden und nur der vordere Teil des Sprichworts genannt. Schließlich bilden Nongyan, also bäuerliche Weisheiten des Alltags, eine eigenständige Kategorie der Sprichwörter in der chinesischen Sprache. Die Grenzen der Kategorien überschneiden sich gelegentlich und sind auch nicht immer klar abgrenzbar.
Bedeutung China ist bekannt für seine Sprichwortkultur (). Sich in Anlehnung an ein klassisches Werk angemessen auszudrücken, zeugt von Bildung. In der klassischen Rhetorik galten Zitate bekannter Persönlichkeiten als wichtigstes Stilmittel. Das häufige Zitieren von Spruchweisheiten zeugt auch heute noch von gutem Stil.
Eine chinesische Germanistikstudentin berichtet von dem unterschiedlichen Stellenwert, den Sprichwörter in Deutschland und China einnehmen: „Wir mussten während unseres Germanistikstudiums viele deutsche Sprichwörter lernen, da man bei uns glaubt, Sprichwörter im Deutschen sind genau so wichtig, wie diese Sprüche oder Cheng-yu in China. Doch dann kam eine deutsche Lektorin an unsere Hochschule. Wir mussten bei ihr Interpretationen deutscher Literatur schreiben. Und da waren wir völlig verwirrt, als sie nach Rückgabe der ersten Interpretationen uns mitteilte, es sei in Deutschland nicht üblich, wissenschaftliche Arbeiten mit Sprichwörtern zu schmücken.“Margrith A. Lin-Huber: Chinesen verstehen lernen. Verlag Hans Huber 2001. ISBN 3-456-83630-9 Dieser Umstand ist darauf zurückzuführen, dass in Deutschland die Eigenleistung durch die Interpretation mit eigenen Worten im Mittelpunkt steht und in der westlichen Kultur und Sprachgewohnheit etwas individuell und direkt ausgedrückt werden soll. Hingegen wird in China traditionell als Bestätigung zum Verständnis und zur Leistung mehr Wert auf das korrekte Wiedergeben und Zitieren von anderen gelegt, welches zusätzlich auch als Würdigung verstanden werden kann. Dies spiegelt sowohl sprachlich als auch kulturell den Unterschied im Denken und Handeln beider Kulturen, verwurzelt in der bildlichen Schrift, und verdeutlicht die Gewohnheit in der chinesischen Sprache, Dinge poetisch bildhaft auszudrücken. Diese Tatsache gründet historisch im Konfuzianismus und sprachlich verstärkt durch die lange Tradition der klassischen Rhetorik in der chinesischen Kultur, wo das Lernen von anderen und deren Würdigung als tugendhaft, indirekte Ausdrucksweise und Verhalten in der chinesischen Gesellschaft als gebildet, zivilisiert und höflich gilt.
Chengyu Am bekanntesten sind die Chengyu (; veraltete Transkription nach Lessing-Othmer: Tschëngyü; Stange: Tsch’engyü; Unger: ch’engyüh; Ad-hoc-Umschrift: Tschengju), viergliedrige Redewendungen, die oft einen literarischen Hintergrund haben. Chengyu sind Verkürzungen längerer Äußerungen. Oft sind die Hintergrundgeschichten in Vergessenheit geraten, während die Redewendung geblieben ist. In seltenen Fällen weicht manche Chéngyǔ von der Norm ab und sind drei- oder fünfgliedrig, d. h., sie haben drei oder fünf Schriftzeichen pro Glied (siehe ).
Beispiele für Chengyu
Àiwū-jíwū. (~ Liebe für jemanden schließt auch den Raben auf seinem Hausdach ein. ~ Wer jemanden liebt, liebt alles an ihm. ~ Wer mich liebt, liebt auch meinen Hund. ~ Einen Menschen mit Haut und Haaren lieben.)
Sàiwēng-shīmǎ, yānzhī-fēifú. (~ War es denn nicht ein Glück, dass dem Alten an der Grenze sein Pferd davonlief? ~ Ein heutiges Unglück muss nicht zwangsläufig auch in Zukunft ein Unglück bedeuten.)
Bǎiwén bùrú yíjiàn. (~ Einmal sehen ist besser als hundertmal hören. ~ Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.)
Bùdēng-gāoshān, bùxiǎn-píngdì. (~ Wer die hohen Berge nicht besteigt, erkennt die Ebene nicht. / Erst wenn man die hohen Berge besteigt, werden die Ebene ersichtlich. ~ Erst von einer großen Anhöhe aus kann man das Niedrige beurteilen.)
Jūnzǐ-yìyán, sìmǎ-nánzhuī. (~ Das Wort eines Edelmannes kann selbst ein Vierergespann schwer einholen. ~ Ein Mann, ein Wort.)
Móushì-zàirén, chéngshì-zàitiān. (~ Dinge zu planen liegt beim Menschen. Dinge erfolgreich zu beenden liegt beim Himmel. ~ Der Mensch denkt, Gott lenkt.)
Rùjìng-wènsú. (~ Kommt man in ein fremdes Land, fragt man nach seinen Sitten. ~ Andere Länder, andere Sitten; Wenn in Rom, wie die Römer tun – Hl. Ambrosius)
Rùguó-wènjìn, rùxiāng-suísú. (~ Kommt man in ein fremdes Land, fragt man nach seinen Verboten, kommt man in ein fremdes Dorf (Gemeinde), richtet man sich (folgt man) nach dessen Sitten und Gebräuchen. ~ Andere Länder, andere Sitten; Andere Familien, andere Gewohnheiten; Wenn in Rom, wie die Römer tun; latein: – Hl. Ambrosius)
Yanyu Yanyu () sind Spruchweisheiten, die zum Volksgut geworden sind. Mit ihren direkten Aussagen werden sie – anders als die hochstilisierten Chengyu, die einen bestimmten Bildungsgrad voraussetzen – auch vom einfachen Volk verstanden.
Bǎi shì xiū lái tóngchuán dù, qiānzǎi xiū de gòng zhěn mián. (~ Es dauert hundert Wiedergeburten, bis zwei Personen im gleichen Boot übersetzen; es dauert tausend Generationen, bis zwei dasselbe Kopfkissen teilen.)
Bīng fēng sān chǐ, jué fēi yí rì zhī hán. (~ Eine Vereisung von drei Fuß ist gewiss nicht das Ergebnis der Kälte eines Tages. ~ Gut Ding will Weile haben. Allerdings hat dieses Sprichwort in China eine negative Bedeutung und wird eher mit „Schlechte Zustände deuten auf lange Vernachlässigung hin“ übersetzt)
Jiājiā dōu yǒu yìběn nán niànde jīng. (~ Jede Familie hat einen Band ihrer Geschichte, aus dem schwer zu erzählen ist; Jede Familie hat ihre eigenen inneren Zwänge – Es bedeutet, dass ein Außenstehender ohne Einsicht Schwierigkeiten und interne Gründe einer Gemeinschaft nicht erkennt und nicht nachvollziehen kann.)
Lùyáo zhī mǎ lì, rìjiǔ jiàn rén xīn. (~ Ist der Weg lang, erkennt man die Stärke eines Pferdes; sind viele Tage verstrichen, sieht man den Charakter eines Menschen.)
Rén yào miàn, shù yào pí. (~ Menschen brauchen ein Gesicht, Bäume brauchen eine Rinde; Das eigene Gesicht wahren ist nachvollziehbar.)
Shuǐ néng zài zhōu yì néng fù zhōu. (~ Wasser kann das Boot tragen und kann das Boot versenken.)
Tiānxià wūyā yìbān hēi. (~ Alle Raben unter dem Himmel sind allgemein schwarz.)
Yù bù zhuó bù chéng qì. (~ Jade, die nicht bearbeitet wird, wird nicht zu einem Gefäß; Früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will.)
Zhī zǐ mò ruò fù. (~ Niemand kennt den Sohn so gut wie der Vater.)
Rén pà chū míng, zhū pà zhuàng. (~ Ein Mensch fürchtet sich davor, berühmt zu werden, ein Schwein davor, fett zu werden.)
Nongyan Eine selbstständige Gruppe bilden die Bauernsprichwörter Nongyan (). Hierbei geht es um Vorzeichen, die mit der Landwirtschaft zu tun haben, und um Sprichwörter, die den Zeitpunkt von Aussaat und Ernte betreffen. Sie entsprechen im deutschsprachigen Raum am ehesten den Bauernregeln.
Chūn zhēng rì, xià zhēng shí. ~ Im Frühling zählt jeder Tag, im Sommer jede Stunde.
Chūnyǔ guì rú yóu. ~ Frühlingsregen ist so kostbar wie Öl.
Xiehouyu Ein besonderer Typ sind die angedeutete Sprichwörter Xiehouyu ().
Xiehouyu stellen eine spezielle Form der chinesischen Redensarten dar. Sie sind vornehmlich in der gesprochenen Sprache anzutreffen. Es handelt sich dabei um zweigliedrige Phraseme, die in der Regel aus einem bildhaften A-Teil und einem idiomatischen B-Teil – der manchmal unausgesprochen bleibt – bestehen. Die Bilder aus dem A-Teil beschreiben vor allem Dinge aus dem chinesischen Alltag, aber auch historische Personen und Begebenheiten. Die Idiome aus dem B-Teil fallen in den Bereich der chinesischen Umgangssprache.
Bāgē(r) de zuǐba——suí rén shuō. ~ Schnabel eines Haubenmainas (Haubenstars) —— spricht nach, was andere sagen; jmdm. immer zustimmen; das sagen, was der andere hören möchte; jmdm. nach dem Mund reden, ein Wendehals sein, keine eigene Meinung und Standpunkt haben
Bāxiān guò hǎi——gè xiǎn qí néng. ~ Die Acht Genien überqueren das Meer —— jeder zeigt, was er kann; jeder gibt sein Bestes; jeder tut, was er [am besten] kann. Die Acht Genien – auch „Acht Unsterbliche“ () genannt – sind Teil der taoistischen Mythologie. Die Legende besagt, dass jeder von ihnen ein besonderes Requisit besaß. Diese Zauberwaffen kamen u. a. dann zum Einsatz, wenn die Genien das Meer überqueren wollten, um zum Geburtstag der Königlichen Mutter des Westens () ins Paradies des Westens () zu gelangen: Jeder machte sich seine übernatürlichen Fähigkeiten zunutze und stellte sein besonderes Können zur Schau.
Gǒu yǎo hàozi——duō guǎn xiánshì. ~ Ein Hund schnappt nach Mäusen —— kümmert sich um Dinge, die ihn nichts angehen (Mäusefangen ist bekanntlich Katzensache), die Nase in anderer Leute Angelegenheiten stecken
Ní púsà guòjiāng——zìshēn–nánbǎo. ~ Der Lehm-Buddha überquert den Fluss —— sich selbst nicht schützen können (geschweige denn andere) Aus Lehm geformte oder aus Holz geschnitzte Buddhafiguren werden als Talisman angesehen. Würde eine solche Figur aus ungebranntem Ton einen Fluss überqueren und somit für längere Zeit dem Wasser ausgesetzt sein, löste sie sich bald auf. Solch ein Lehm-Buddha, der sich selbst (zìshēn) kaum erhalten (nán bǎo) kann, dürfte auch nur schwerlich als Talisman anderen eine Hilfe sein. Bei Schwierigkeiten tröstet man sich mit dieser Wendung; oder aber man verwendet sie, indem man sich mit dem Lehm-Buddha vergleicht, als Ausrede, mit der man einen Hilfesuchenden höflich abzuwimmelt.
Ròubāozi dǎ gǒu——yǒu qù wú huí. ~ Mit einem Fleischpastetchen nach einem Hund werfen —— das siehst du nicht wieder! Etw. abschreiben/abhaken können; mit der „Never-Come-Back-Airline“ fliegen Ròubāozi sind gedämpfte Teigtaschen mit einer Fleischfüllung; ein Leckerbissen, den sich kein Hund entgehen lässt. Spöttische Bemerkung über Leute, die ihre Schulden nicht zurückzahlen.
Zhǐlǎohǔ——xià buzhù rén. ~ Papiertiger —— kann keinen erschrecken
Bèi zi lǐ fàng pì——néng wén néng wǔ. ~ Unter der Decke furzen —— gewandt in Worten und Waffen „“ (néngwén-néngwǔ) ist ein Lobesausdruck für eine vielseitig gebildete Person, die mit dem Stift, aber auch mit Waffen gut umgehen kann, also eine Person, die sowohl in geistig „zivilen“ als auch physisch „martialischen“ Künsten zuhause ist. Der Humor und Zusammenhang zum ersten Teil ergibt sich aus der Doppeldeutigkeit: Das gleichklingende „/“ (néngwén-néngwǔ) bedeutet „obwohl zugedeckt, kann gerochen werden“.., von In: Baidu Zhidao, 14. September 2018. (chinesisch)
Literatur Elke Spielmanns-Rome: Chinesische Sagwörter (xiēhòuyǔ, ) in lexikographischen Quellen. Dissertation, Bonn 2014, . Wan-Hsuan Yao-Weyrauch: Die Rolle der Frau im deutschen und chinesischen Sprichwort. Dissertation (Philosophie), Bochum 1989. Wan-Hsuan Yao-Weyrauch: Frauen zählen nicht als Menschen – Chinesische Sprichwörter über das weibliche Geschlecht. Heuchelheim 2006.
Sprichwortsammlungen Patrick Doan: Calembours et subjections de la langue chinoise. Xiēhòuyǔ xuǎnjí. Paris 2003 (französisch). Hong Hu. Chinesische Redewendungen leicht gemacht (). Chinabooks, 2011. ISBN 978-3-905816-35-8. Li Lanqin und Wang Xin: Geschichten von chinesischen Sprichwörtern (). China Book Trading, 2009. 236 Seiten. ISBN 978-7-119-06018-7.