mini|Adam Schall von Bell in einem Mandaringewand

Johann Adam Schall von Bell, SJ (; * 1. Mai 1592 wahrscheinlich in Lüftelberg oder Köln; † 15. August 1666 in Peking) war ein deutscher Jesuit, Wissenschaftler, Missionar und Mandarin am Hof des Kaisers von China.

Leben Jugend und Ausbildung in Europa Schall von Bell entstammte dem rheinischen Adelsgeschlecht Schall von Bell. Johann Adam war der zweite Sohn des Heinrich Degenhard Schall von Bell zu Lüftelberg und dessen vierter Ehefrau Maria Scheiffart von Merode zu Weilerswist. Seine Tante Gudula Scheiffart von Merode, die Schwester seiner Mutter, war mit Wilhelm Adolf von Kinzweiler zu Müddersheim verheiratet, seine Cousine Catharina ließ die Antoniuskapelle in Müddersheim erbauen.

Die Quellen nennen Lüftelberg (heute Teil der Stadt Meckenheim) bzw. Köln, wo die Familie am heutigen Neumarkt 47 ein Stadthaus unterhielt, als wahrscheinlichen Geburtsort.Die Annahme, Schall sei in Glatz geboren, erscheint überaus konstruiert: Franz Volkmer und Wilhelm Hohaus: Denkwürdige Männer aus und in der Grafschaft Glatz. In: Vierteljahrsschrift für Geschichte und Heimatskunde der Grafschaft Glatz. VII. Jahrgang 1887/88, S. 53 f. geben als Geburtsort Glatz an, wo Schall zunächst das Jesuitenkolleg Glatz besucht habe. Diese Angabe beziehen die Autoren auf die Tatsache, dass sich im Glatzer Jesuitenkolleg bis in die Neuzeit ein Porträt Bells befand, auf dem Glatz als Geburtsort angegeben wurde. Zudem sei es Brauch gewesen, Porträts nur von jenen Patres aufzuhängen, die aus dem Kolleg hervorgegangen waren.Hierzu auch: Aloys Bach: Urkundliche Kirchen-Geschichte der Graffschaft Glaz [sic], Breslau 1841, S. 313 (books.google.de). Vermutlich nach einem ersten Privatunterricht besuchte er in Köln das damals von Jesuiten geleitete Gymnasium Tricoronatum.Vorläufer des heutigen Dreikönigsgymnasiums. Die Entscheidung, sich 1607 in Rom zu bewerben, um dort am Collegium Germanicum in erster Linie Mathematik und Astronomie zu studieren, könnte mit dem Ausbruch der Pest in Köln in Zusammenhang stehen. Jedenfalls schickten ihn seine Eltern alsbald nach Rom, obwohl die Bewerbung wegen des noch jugendlichen Alters Adams für ein Jahr zurückgewiesen worden war. In Rom ermöglichte dann eine Vermittlung den verfrühten Zugang zu dem Collegium. Schall absolvierte die Ausbildung am Collegium und trat 1611 in Rom in den Jesuitenorden ein. Nach dem Noviziat wechselte er 1613 an das Collegio Romano; dort studierte er Theologie, aber auch weiterhin Mathematik und Astronomie, insbesondere bei Christoph Grienberger.

Überfahrt nach Macau Eine Gruppe von Jesuiten unter der Leitung des Prokurators Nicolas Trigault trat am 17. April 1618 von Lissabon aus eine Reise nach China an, wo der Orden in Peking eine Missionsniederlassung unterhielt. Zu der Reisegruppe gehörten der aus der Nähe von Konstanz stammende Galilei-Schüler Johannes Schreck (latinisiert: Johannes Terrentius; 1576–1630), der Mailänder Giacomo Rho (1592/1593–1638), der aus dem böhmischen Kaaden stammende Wenzel Pantaleon Kirwitzer (1588–1626) und Adam Schall. Sie reisten auf dem Schiff Bom Jesus (Der gute Jesus) unter dem Kapitän Johann Suarez Enriquez (bis zu dessen Tod im August 1618). Insgesamt waren zu Beginn der Reise 636 Menschen an Bord, darunter 22 für China bestimmte Missionare. Nach der Umsegelung des Kaps der guten Hoffnung erreichte das Schiff am 4. Oktober 1618 Goa.

Am 22. Juli 1619 erreichte die Gruppe dann China und die kleine portugiesische Kolonie Macau gegenüber der Küstenstadt Hongkong. Hier mussten sich die Ankömmlinge zunächst vier Jahre aufhalten, weil in Peking die jesuitischen Missionare gerade vom chinesischen Hof vertrieben worden waren. Den Aufenthalt in Macao nutzte die Gruppe zum Erlernen der chinesischen Sprache.

Die Gruppe geriet in eine frühkolonialistische Auseinandersetzung. Ein niederländisches Schiffskommando versuchte Macao zu erobern. An der militärischen Verteidigung beteiligten sich die Missionare; sie verfügten über hinreichende waffentechnische Kenntnisse, reparierten vier alte Kanonen und erreichten mit deren Einsatz die Vertreibung der Angreifer. Schall soll den niederländischen Hauptmann selbst gefangen genommen haben.

Leben in China In Peking war man an den fachkundigen Personen aus Europa interessiert. 1623 konnte sich die jesuitische Gruppe in Peking niederlassen. In den Jahren 1627 bis 1630 war Schall in Singanfu (heute Xi’an) als Seelsorger tätig. Ab 1630 wirkte er wieder in Peking.

Er veröffentlichte in diesem Jahr in chinesischer Sprache den Traktat über das Fernrohr. Darin findet sich eine Zeichnung über das Planetensystem, bei dem die Erde im Mittelpunkt steht, die Sonne und der Mond um die Erde kreisen und die Planeten wiederum um die Sonne. Dies entsprach dem Theoriestand des Astronomen Tycho Brahe (1546–1601), der von der Kirche toleriert wurde. Schalls Kenntnisse entsprachen jedoch auch den Vorstellungen des Nikolaus Kopernikus. Nur aufgrund seines Einfühlungsvermögens der chinesischen Kultur gegenüber vertrat er diese Erkenntnis nicht. Es war die Zeit, in der der Vatikan Galileo Galilei bedrohte.

Im Jahr 1630 wurde Schall zusammen mit Giacomo Rho vom kaiserlichen Hof mit der aufwändigen Reform des chinesischen Kalenders beauftragt, einer Arbeit, die gerade erst von Johannes Schreck aufgenommen, dann aber wegen dessen Todes abgebrochen worden war. Als Nachweis für die legitime Herrschaft des jeweiligen Herrschers hatte der Kalender politische Bedeutung und enthielt auch Vorschriften für das tägliche Leben. Für diesen Auftrag musste Schall lateinisch geschriebene Fachbücher ins Chinesische übersetzen, eine Schule für mathematische Berechnungsaufträge aufbauen und astronomische Instrumente modernisieren lassen. Für Schalls kopernikanisches Weltbild und konfessionspolitische Offenheit spricht, dass der Protestant Johannes Kepler im Kontakt mit Schall 1632 seine Rudolfinischen Tafeln nach Peking sandte, um die Kalenderarbeiten zu unterstützen. 1634 baute Schall das erste galileische Fernrohr in Peking. 1635 wurde das Kalenderwerk veröffentlicht. Beide befinden sich heute noch in Peking.

Schall und die anderen Jesuiten bemühten sich parallel um die christliche Mission einer Schicht chinesischer Bürger und Hofbeamten. Hier bildeten sich viele Gemeinden (die Pekinger war die wichtigste), in der chinesische Ansichten, Lebensgewohnheiten und Riten mit christlichen Anschauungen und Lebensgestaltungen eine Symbiose eingingen. Die Koexistenz mit dem Konfuzianismus, die Beibehaltung der Ahnenverehrung bei christlich getauften Chinesen und auch die von den Jesuiten benutzte Gottesbezeichnung „Tianzhu“ (Tien tschu, ) – dies und Weiteres stieß auf Widerspruch bei ebenfalls in Peking weilenden Dominikanern und Franziskanern, die nach Rom meldeten, dass die Jesuiten Irrlehren verbreiten würden. Im Vatikan entbrannte der Ritenstreit.

1640 übersetzte Schall Georgius Agricolas De re metallica ins Chinesische und stellte das Werk am Kaiserhof vor. 1642 lenkte er die Produktion von hundert Kanonen für das Kaiserhaus, welches von den Mandschu angegriffen wurde. 1644 wurde er nach einer wiederholt erfolgreichen astronomischen Prognose zum Präsidenten des kaiserlichen astronomischen Instituts berufen.Dieses Amt blieb bis 1744 in den Händen der Jesuiten. Zwischen 1651 und 1661 wurde er zusätzlich einer der wichtigsten Berater des ersten Mandschu-Kaisers Shunzhi, dem, 1644 als Kind auf den Thron gekommen, Schall ein väterlicher Lehrer gewesen war. Shunzhi beförderte Schall 1658 zum Mandarin 1. Klasse und 1. Grades.

Als 1661 der Kaiser Shunzhi plötzlich starb, behielt Schall zunächst seine Ämter und seine Macht. Nach einer zwischenzeitlichen Beruhigung war der Ritenstreit infolge einer dominikanischen Visitation in Peking wieder entfacht. Schall sah sich einer römischen Anklage gegenüber. Auch seine politisch-wissenschaftlichen Ämter lösten nun erhebliche Kritik aus: Im Vatikan verstärkte sich der Standpunkt, Jesuiten sollten eigentlich keine weltlichen Ämter bekleiden.

1664 erlitt Schall einen Schlaganfall, dessen Folgen sein Sprechvermögen einschränkten. Dies nutzten Gegner bei Hof, um ihn zu beschuldigen, seinerzeit den Tod des Herrschers provoziert zu haben: Er habe absichtlich Ort und Zeit der Beerdigung eines Sohnes von Shunzhi falsch berechnet. Die Anklage, die auch andere Jesuiten betraf, lautete auf Hochverrat, auf Zugehörigkeit zu einer mit der rechten Ordnung unvereinbaren Religionsgemeinschaft und auf Verbreitung falscher astronomischer Lehren. Schall wurde über den Winter 1664/1665 eingekerkert. Nicht angeklagte Jesuiten wurden nach Kanton ausgewiesen. Am 15. April 1665 wurde Schall nach einem Schauprozess für schuldig befunden.

Er hatte sich wegen seiner Behinderung von seinem inzwischen in Peking tätigen Mitbruder Ferdinand Verbiest verteidigen lassen müssen. Für die Strafzumessung war das Justizministerium zuständig. Hier entschied man mit Billigung des kaiserlichen Regenten auf die grausamste Todesstrafe, die das Strafrecht vorsah: Lingchi (Zerstückelung bei vollem Bewusstsein). Doch als sich kurz vor dem Vollstreckungstermin ein heftiges Erdbeben ereignete, wurde dies von den Richtern als göttliche Antwort und als Beweis für Schalls Unschuld interpretiert. Am 15. Mai 1665 wurde Schall auf Veranlassung des neuen Kaisers Kangxi aus der Haft entlassen. Er starb in der Jesuiten-Mission in Peking am 15. August 1666 im Alter von 74 Jahren, ohne dass der Kirchenprozess zu einem Ende gekommen war. Kaiser Kangxi rehabilitierte Schall und ließ ihm persönlich einen noch heute vorhandenen prächtigen Grabstein setzen.

Einordnung Adam Schall von Bells Bedeutung wird vordergründig mit der Aussage unterlegt, er sei in der Geschichte der chinesischen Kaiserzeit der höchstrangige Ausländer am Hof gewesen. Für die historische Sicht maßgeblicher ist jedoch: Schall und die Jesuitengruppe insgesamt bauten auf die Kontakte, die in damaligen Bildungsschichten das Chinabild in Europa und das Europabild in China von gegenseitigen Vorurteilen abrücken halfen. Hierfür stehen die „Novissima sinica“ von Gottfried Wilhelm Leibniz, in denen China als kulturelles Vorbild erscheint, oder auch das Faible für Chinoiserien an europäischen Höfen und in der Barockkunst.

Die Jesuiten waren um der Mission willen aufgebrochen. Sie stellten dazu auch strategische Pläne auf, wie man als Missionar in Anpassung an die im Gastland vorherrschenden Sitten aufzutreten habe, welche Bevölkerungsschicht für eine Berührung mit christlichen Gedanken besonders empfänglich sein könnte, welche Assimilation man mit asiatischen Weltanschauungen eingehen könne. Erfolge und Misserfolge zu bewerten, ist hier nicht die Aufgabe. Kaiser Shunzhi persönlich nahm wohl von Adam Schall viel Wissen über das Christentum auf, ließ sich aber nicht taufen. Dass die chinesische Distanz gegenüber Fremden, aber auch generell gegenüber der Macht eine maßgebliche Größe blieb, zeigt die politisch-juristische Behandlung, die Schall erfuhr, nachdem der Kaiser, in dessen Gunst er stand, gestorben war.

Schall und andere machten besonderen Eindruck durch ihre astronomischen Fähigkeiten bei der Voraussage von Sonnen- und Mondfinsternissen. Chinesische Gelehrte verfügten selbst über gute Kenntnisse; die Jesuiten konnten wegen der größeren Präzision ihrer Verfahren überzeugen.

Mit verschiedenen Dekreten, einem letzten im Jahre 1742, beendete der Vatikan den Ritenstreit. Er entzog damit de facto der katholischen Mission eine dauerhafte Chance, in China rezipiert zu werden, die bis 1936 im Verbot der Inkulturation weiter galt.

Erinnerungsstätten mini|hochkant|Skulptur Johann Adam Schall von Bells an der Minoritenkirche in Köln mini|hochkant|Skulptur in Lüftelberg