Als Giebel wird in der Architektur das Wandfeld eines Satteldachs bezeichnet und davon abgeleitet im Kleinen auch die giebelartige Bekrönung eines Fensters oder anderen Bauteils.Nach Hans Koepf, Günther Binding: Bildwörterbuch der Architektur. Mit englischem, französischem, italienischem und spanischem Fachglossar (= Kröners Taschenausgabe. Bd. 194). 4., überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2005, ISBN 3-520-19404-X (Digitalisat auf moodle.unifr.ch, abgerufen am 17. Januar 2024), S. 217. mini|Gelb: Giebel Giebelwand wird die giebelseitige Fassade eines Gebäudes genannt; sie ist häufig weniger breit als die Längsseiten des Gebäudes. Die Schnittlinie zwischen Giebel und Dach bzw. der giebelseitige Dachüberstand ist der Ortgang.
Begriffsherkunft Das Wort Giebel ist im Deutschen seit dem 10. Jahrhundert belegt: althochdeutsch gibili, mittelhochdeutsch gibel. Das althochdeutsche Wort bedeutet Vorderseite. Nach Friedrich Kluge liegt vermutlich eine Übertragung des Begriffs auf althochdeutsch gëbal und mittelhochdeutsch gëbel (= Kopf) vor.Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 6. verbesserte und vermehrte Auflage, Karl J. Trübner, Straßburg 1899, S. 145. (Digitalisat auf digitale-sammlungen.de, abgerufen am 27. April 2025)
Giebelformen Der Giebel ist ein Teil des Dachs und damit eines der ältesten und bedeutendsten Elemente der Architektur.mini|hochkant=1.2|Bezeichnungen am Dach Die Form des Giebels hängt von der Dachform und -konstruktion ab. Bei der häufigen Form des Satteldaches entsteht ein Giebeldreieck. Bei einem Krüppelwalm entsteht eine trapezförmige Fläche, während ein Gebäude mit einem Walmdach keinen Giebel besitzt. Entsprechend der Dachneigung (steil/spitz bzw. flach) existieren auch die Begriffe Spitzgiebel und Flachgiebel. Ein Knickgiebel passt sich mit mehreren Winkeln der Dachform beispielsweise eines Mansarddaches an. Als Knickgiebel wird auch ein Schweifgiebel bezeichnet, dessen Wellen durch einen Knick unterbrochen werden. Ein Rundgiebel bildet die Front eines Tonnendachs, wenn er nicht als dachformunabhängiger Schildgiebel vorgesetzt ist.
Ein Zwerchgiebel steht zwerch (quer, also rechtwinklig) zum Giebel des Hauptdaches. Ein Giebel über einem Mittelrisalit, einem hervorspringenden Gebäudeteil, wird auch als Frontispiz bezeichnet.Hans Koepf, Günther Binding: Bildwörterbuch der Architektur. Mit englischem, französischem, italienischem und spanischem Fachglossar (= Kröners Taschenausgabe. Bd. 194). 4., überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2005, ISBN 3-520-19404-X (Digitalisat auf moodle.unifr.ch, abgerufen am 14. Februar 2024), S. 194: Frontispiz.
Ragt die Giebelscheibe über Dachfläche und Dachfirst hinaus, ist es ein Schildgiebel. Das Dach schließt dann von hinten an den Giebel an, der eine eigenständige Form ausbilden kann. Ist der Giebel deutlich größer dimensioniert als das dahinterliegende Dach spricht man von einem Scheingiebel.
Giebelumriss und Giebelränder als wichtige Fassadenbestandeteile waren innerhalb der Architekturgeschichte vielfach Träger von Giebelzier. Bei repräsentativen Gebäuden sind sie teilweise mit Ornamenten oder Bauplastiken geschmückt.
Unter einem Ziergiebel wird nicht nur der geschmückte, verzierte Dachgiebel verstanden, sondern in der historischen Architektur auch die entsprechend verkleinerte Zierform als Bekrönung eines Portals oder eines Fensters. Bei einem vorspringenden Bauglied wird hier auch von einer Verdachung gesprochen. Vgl. auch Fronton, Supraporte.
+ Übersicht der Giebelformen Bezeichnung Beschreibung Abbildung Dreiecksgiebel, auch Tempelgiebel, Pediment, Fronton, Frontispiz, Ziergiebel Der flache Dreiecksgiebel findet sich bereits in der griechischen Architektur der Antike. Er wurde in der Renaissance, im Barock und im Klassizismus aufgegriffen. Dabei findet sich – wie bereits in der Antike – auch die gesprengte und verkröpfte Ausführung. Zahlreiche Variationen tauchen als Bekrönung oder Verdachung über Türen und Fenstern als Ziergiebel auf.Absatz nach Wilfried Koch: Baustilkunde. 27. Auflage. Gütersloh/München 2006. 100x100px|zentriert Staffelgiebel, auch Treppengiebel oder Stufengiebel Beim Staffelgiebel ist die Kontur seitlich abgetreppt. Diese Form entstand zunächst aus technischen Gründen, um die einzelnen waagerecht durchgeführten Steinschichten gerade abzuschließen und mit Dachziegeln eindecken zu können.Satz nach Hans Koepf, Günther Binding: Bildwörterbuch der Architektur (= Kröners Taschenausgabe. Band 194). 4., überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2005, ISBN 3-520-19404-X. Der Staffelgiebel war dominierend in den Gebieten der Backsteingotik, insbesondere im Nord- und Ostseeraum vom 14. bis zum 17. Jahrhundert.Satz nach Hans-Joachim Kadatz: Wörterbuch der Architektur. Leipzig, 1988, Lemma Staffelgiebel. Während der Renaissance wurden gestaffelte Giebel mit Obelisken und Voluten geschmückt. Voluten wurden damals als Ornamente verwendet, die zwischen waagerechten und senkrechten Bauteilen vermitteln sollten.Satz nach Wilfried Koch: Baustilkunde. 27. Auflage. Gütersloh/München, 2006, Stichwortverzeichnis Volute . Insofern wurden die Stufen des Staffelgiebels damit „verschleift“.Nach Wilfried Koch: Baustilkunde. 27. Auflage. Gütersloh/München, 2006, Stichwortverzeichnis Giebel . Es entstand der Volutengiebel. 100x100px|zentriert Schildgiebel Giebel, dessen frontale Mauerscheibe über Dachfläche und Dachfirst hinausragt. zentriert|118x118px Schweifgiebel Der Schweifgiebel oder geschweifte Giebel hat einen geschweiften Umriss.Nikolaus Pevsner, Hugh Honour, John Fleming: Lexikon der Weltarchitektur. Prestel, München 1971, unter Giebel. alt=|zentriert|102x102px Schweifwerkgiebel Mit Schweifwerk dekorierter Giebel.Henry-Russell Hitchcock: Netherlandish scrolled gables of the sixteenth and early seventeenth centuries. University Press, New York 1978 (englisch). zentriert|101x101px Volutengiebel Der Volutengiebel ist durch seitliche Voluten eingerahmt. Voluten wurden in Renaissance und Barock als Ornamente verwendet, die zwischen waagerechten und senkrechten Bauteilen vermitteln sollten.Satz nach Wilfried Koch: Baustilkunde. 27. Auflage. Gütersloh/München 2006, Stichwortverzeichnis Volute . Ausgehend von Italien verbreitete sich diese Giebelform während der Hochrenaissance in vielen Variationen in fast allen Ländern der Renaissance, besonders in den Niederlanden und in Deutschland, und wurde bis in das 18. Jahrhundert hinein verwendet.Satz nach Hans-Joachim Kadatz: Wörterbuch der Architektur. Leipzig 1988, Lemma Volutengiebel. 100x100px|zentriert Gesprengter Giebel Die Seiten des Giebels sind nicht bis ganz oben geführt, das Mittelteil ist ausgespart. Dieses Merkmal der Giebelausführung ist immer mit einer konkreten Giebelform kombiniert. 100x100px|zentriert Verkröpfter Giebel Das Mittelteil tritt gegenüber den Seitenteilen vor oder zurück.Satz nach Nikolaus Pevsner, Hugh Honour, John Fleming: Lexikon der Weltarchitektur. 3. Auflage. Prestel, München 1992, Lemma Giebel. Vergleichbar auch bei Fritz Baumgart: DuMont’s kleines Sachlexikon der Architektur. Köln 1977, Lemma Giebel. Dieses Merkmal der Giebelausführung ist immer mit einer konkreten Giebelform kombiniert. 100x100px|zentriert Scheingiebel, auch Blendgiebel Die Giebelform nimmt keinen Bezug auf die Dachform oder Neigung.Satz nach Nikolaus Pevsner, Hugh Honour, John Fleming: Lexikon der Weltarchitektur. 3. Auflage. Prestel, München 1992, Lemma Giebel. Dies ist besonders ausgeprägt im Inn-Salzach-Stil. zentriert|138x138px Glockengiebel Mauerartiger Giebelaufbau mit einer oder mehreren Öffnungen, in denen Glocken aufgehängt sind. zentriert|136x136px Kapitänsgiebel (auch Friesengiebel) Bezeichnet in Norddeutschland ein aus dem Dach besonders hoch aufragendes Zwerchhaus. zentriert|156x156px
Diese Giebelformen und -ausführungen wurden im 19. Jahrhundert, in der Architektur des Historismus, wieder aufgegriffen. Bereits vorher wurden sie nicht nur in der Baukunst, sondern auch bei der Gestaltung von Möbeln und anderen Gebrauchsgegenständen benutzt.
Giebelschmuck mini|hochkant|Giebelreiter auf dem historischen Rathaus in Waiblingen In der antiken Architektur, insbesondere dem Tempelbau, ist das Tympanon die dreieckige Giebelfläche, die durch ihre Größe und Frontalität hervorgehoben war und mit figürlichem oder ornamentalem Dekor versehen wurde. Giebelfeld ist eine Eindeutschung von Tympanon, bezeichnet allgemein aber auch ein Giebeldreieck, insbesondere wenn dies von Gesimsen eingefasst und plastisch geschmückt ist.Satz nach Günther Wasmuth (Hrsg.): Wasmuths Lexikon der Baukunst. Berlin 1929–1932 (4 Bände).
Das Giebelgesims ist ein Gesims, das den schräg ansteigenden Giebelschenkel (Ortgang) begleitet. Im Zusammenhang mit der antiken Architektur wird auch der Begriff Schräggeison verwendet. Als Giebelfuß bezeichnet dabei eine waagerechte untere Begrenzungslinie, beispielsweise als Giebelfußgesims. Die Giebelspitze, als der höchste Punkt eines Giebels, wurde besonders betont und gestaltet. Die Giebelähre ist eine ährenartige Verzierung auf Giebel- und Turmspitzen, die im Mittelalter und während der Renaissance aus Eisen oder gebranntem Ton hergestellt wurde. Die Giebelblume ist eine Bezeichnung für eine stilisierte Blume, die, oft mit Figuren, Abzeichen und Symbolen verbunden, insbesondere in der Gotik zur Bekrönung von Giebeln und Dachfirsten diente, beispielsweise in Form einer Kreuzblume. Der Giebelreiter ist ein Dachreiter, ein Dachaufbau häufig als kleiner Turm, der auf dem Giebel aufsitzt. Er gilt als ein Merkmal städtischer Profanbauten, findet sich also beispielsweise bei historischen Rathäusern. Der Giebelspieß ist im Holzbau der Schweiz ein über die Giebelspitze hinaus hochgeführter Holzständer. In Westfalen, und dort insbesondere im Ravensberger Land wird der Giebelspieß bzw. Giebelpfahl oder Firstpfahl als Geckpfahl bezeichnet. Die Giebelzinne kann ein Akroterion meinen, ein antikes Architekturelement zur Bekrönung von Giebeln, beziehungsweise dessen Nachbildung in einer späteren Epoche. Der Giebelbogen ist eine Bezeichnung für einen Spitzbogen mit geraden Bogenschenkeln, er tritt in der romanischen und angelsächsischen Ornamentik auf.Nach Günther Wasmuth (Hrsg.): Wasmuths Lexikon der Baukunst. Berlin 1931. Bei Hans Koepf, Günther Binding: Bildwörterbuch der Architektur. 4. Auflage. Kröner, Stuttgart 2005, wird darunter eine Bogenkonstruktion verstanden, vgl. Bogen (Architektur)#Giebelbogen. Das Giebelgebänk ist eine seltene alte Benennung für Wimperg, einen gotischen Ziergiebel. Die Schaumburger Mütze ist eine gewölbte Verkleidung der Giebelfläche im Schaumburger Land. Pferdeköpfe bezeichnet nach oben verlängerte Windbretter, die sich vor dem First kreuzen und als Pferdeköpfe gestaltet sind.
Konstruktion Der Giebel liegt in der Regel an der Schmalseite eines Gebäudes. Da eine Balkenlage als innere Geschossdecke normalerweise über den schmaleren Abstand gespannt ist, liegen deren Balken häufig parallel zum Giebel. Der Giebelbalken (oder Ortbalken) ist derjenige Balken, der unmittelbar neben dem Giebel(mauerwerk) angebracht ist. Ein sogenannter Giebelanker verbindet eine Giebelwand mit einer Balkenlage. Ziel ist die Rückverankerung und Aussteifung des Mauerwerks. Diese Technik kann als historisch gelten, heute werden dazu in der Regel Stahlbetonbauteile verwendet. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war die Verankerung von Mauerwerk in die Holzbalkendecken der Geschosse mit Hilfe von Metallankern jedoch noch die gängige Methode.