mini|Johann Friedrich Struensee, porträtiert von Jens Juel, 1771 (Residenzmuseum im Celler Schloss) mini|Johann Friedrich Struensee, etwa 1770 von Christian August Lorentzen gemaltes Porträt (Dänisches Nationalhistorisches Museum auf Schloss Frederiksborg)

Johann Friedrich Struensee (* 5. August 1737 in Halle; † 28. April 1772 in Kopenhagen) war ein deutscher Arzt und Aufklärer. Etwas über ein Jahr lang war er der faktische Regent von Dänemark. Er wurde von Christian VII. als Graf geadelt.

Struensee, Angehöriger der Familie Struensee und Sohn des von 1759 bis 1791 amtierenden Generalsuperintendenten der Herzogtümer Schleswig und Holstein, Adam Struensee (1708–1791), wurde im Alter von 20 Jahren Armenarzt in Altona. Dort machte er sich während des nächsten Jahrzehnts durch neue, erfolgreiche Therapieformen einen Namen. 1768 begleitete er den geisteskranken dänischen König Christian VII. auf dessen Europareise und 1769 als dessen Leibarzt nach Kopenhagen. Innerhalb kurzer Zeit stieg Struensee zum mächtigsten Mann im Staat auf. Mit einer königlichen Generalvollmacht ausgestattet, versuchte er seit September 1770, Regierung und Gesellschaft im Sinne der Aufklärung umzuwandeln. Durch seine zahlreichen Reformen wurde der dänische Gesamtstaat zum fortschrittlichsten Staat seiner Zeit. Aber Struensee machte sich durch seine rigorose Spar- und Personalpolitik schnell Feinde am Hof. Bereits 1772 wurde er gestürzt und hingerichtet. Ein Teil seiner Reformen, wie die Pressefreiheit, blieb jedoch bestehen.

Sein Liebesverhältnis zur Königin Caroline Mathilde war zur damaligen Zeit ein Skandal und ist noch heute Inhalt von Romanen und Filmen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war er der Vater der Prinzessin Louise Auguste von Dänemark (und damit Vorfahr von Auguste Viktoria, der letzten deutschen Kaiserin).

Leben und Wirken Jugend und Familie Johann Friedrich Struensee wurde in Halle als zweites von sechs Kindern des pietistischen Pastors und Professors der Universität Halle Adam Struensee geboren. Seine Mutter Maria Dorothea war die einzige Tochter des gräflichen Leibarztes auf Schloss Berleburg und späteren dänischen Justizrates Johann Samuel Carl. Carl war von 1732 bis 1742 Leibarzt des dänischen Königs Christian VI. gewesen und hatte 1740 bei der Reform des dänischen Gesundheitswesens mitgewirkt.

Johann Friedrichs Kindheit war von tiefer Frömmigkeit sowie von väterlicher Strenge und Pflichtbewusstsein geprägt.Weisbrich: Struensee. Der Fall. 2011, S. 11. In Halle besuchte er die Latina der Franckeschen Stiftungen und begann wenige Tage vor seinem fünfzehnten Geburtstag mit dem Medizinstudium. Noch vor seinem 20. Geburtstag schloss er das Studium am 14. Februar 1757 mit der Promotion ab. Die Dissertation mit dem Titel De incongruis corporis motis insalubritate (Über die Gesundheitsschädigung durch falsche Körperbewegung) widmete er seinem Großvater, der während Struensees Kindheit eine Zeitlang im Haus der Tochter gelebt hatte.Johannes Jensen: Johann Friedrich Struensee (1737–1772) auf der Website der deutschsprachigen St.-Petri-Gemeinde in Kopenhagen. Bereits in dieser frühen Schrift propagierte er, dass die Natur selbst nach Heilung strebe und es daher Aufgabe der Medizin sein müsse, sie durch Abhärtung und frische Luft zu unterstützen. Auf Anregung seines Großvaters reiste er anschließend nach Berlin, um seine Ausbildung an der Charité fortzusetzen. Dort blieb er allerdings nicht lange, sondern wechselte nach Göttingen, wo er bei Johann Georg Roederer Geburtshilfe lernte.Winkle: Johann Friedrich Struensee. Arzt, Aufklärer und Staatsmann. 1989, S. 20. Auf dem Rückweg erkrankte er an Fleckfieber.

Armenarzt in Altona Am 12. Juli 1757 wurde Adam Struensee Hauptpastor der Trinitatiskirche in Altona, der größten Stadt des vom dänischen König regierten Herzogtums Holstein. Der frisch genesene, eben zwanzigjährige Johann Friedrich Struensee folgte seinen Eltern und fand Anfang 1758 eine Anstellung als Stadtphysikus und Armenarzt. Als Arzt bekämpfte Struensee erfolgreich die Ausbreitung von Seuchen durch verbesserte Hygiene – beispielsweise durch ein eigenes Bett für jedes Waisenkind – und führte die Pockenimpfung ein. Anstatt der üblichen Behandlung durch Aderlass und Schwitzen empfahl er frische Luft im Krankenzimmer und die Vernichtung von Kleidungsstücken und Bettzeug der Verstorbenen. Seine Erfahrungen mit derartigen Hygienemaßnahmen und Obduktionen ließen ihn auf die Entstehung von Krankheiten durch Ansteckung schließen. Die Säftelehre, der die meisten seiner Kollegen anhingen, lehnte er als Aberglaube ab.Winkle: J. F. Struensee 1737–1772. Arzt – Aufklärer – Staatsmann. In: Hamburger Ärzteblatt. Jg. 55, 2001, S. 578–589, hier S. 579. Wegen seiner neumodischen Methoden und Lehren stieß Struensee bei vielen Kollegen auf Ablehnung. Vor allem bei Johann Albert Heinrich Reimarus und dem jüdischen Armenarzt Hartog Gerson fand er aber Verständnis und Unterstützung.Winkle: Johann Friedrich Struensee: Arzt, Aufklärer und Staatsmann. Gustav Fischer Verlag, Stuttgart 1983, ISBN 3-437-10845-X, S. 41. Befreundet war er zudem mit dem Pädagogen Johann Bernhard Basedow.

Da Struensee als Armenarzt ohne eigene Praxis keinen festen Patientenstamm unter den Wohlhabenderen aufbauen konnte, war sein Einkommen sehr niedrig. 1760 zogen seine Eltern nach Rendsburg, weil sein Vater zum Generalsuperintendenten von Schleswig und Holstein ernannt worden war, was Struensee zwang, eine eigene Wohnung zu halten. Deshalb ersuchte er bei Johann Hartwig Ernst von Bernstorff, dem dänischen Außenminister und Chef der deutschen Kanzlei in Kopenhagen, um eine Gehaltserhöhung, die ihm auch erlauben würde, anstelle der wenig einträglichen und ungeliebten Praxis medizinische Vorlesungen für seine ungebildeten Kollegen und die Hebammen zu halten. Das Gesuch wurde abgelehnt, Struensee jedoch zum Landphysikus in der Grafschaft Rantzau und der Herrschaft Pinneberg ernannt. In dieser Eigenschaft wurde er auch zu bürgerlichen und adligen Kranken gerufen. mini|hochkant|Struensee (ca. 1768) Über seine Forschungsergebnisse berichtete Struensee in verschiedenen medizinischen Abhandlungen. So veröffentlichte er 1764 mit der veterinärmedizinischen Abhandlung Versuch von der Natur der Viehseuche und der Art sie zu heilen die erste medizinische Beschreibung der Maul- und Klauenseuche. In der seit 1759 erscheinenden Monatsschrift Zum Nutzen und Vergnügen betätigte er sich darüber hinaus auch journalistisch. 1763 wurde diese Schrift, die satirisch Kritik an den Ärzten, aber auch am Adel übte, auf Betreiben des Hamburger Hauptpastors Johann Melchior Goeze verboten. Struensee veröffentlichte jedoch auch weiterhin in verschiedenen Periodika. In seinen Aufsätzen deckte er die Zusammenhänge zwischen mangelnder Bildung, fehlender Hygiene und Krankheiten in den Armenvierteln auf und empfahl Reformen. Dabei sah er den Staat in der Pflicht, für Gesundheit und Aufklärung seiner Bevölkerung zu sorgen, denn die „Vermehrung der Einwohner ist eins der vornehmsten Stücke, das die Statsverständigen anitzt in Bewegung setzt“.Struensee: Gedanken eines Arztes von der Entvölkerung eines Landes. In: Monatsschrift zum Nutzen und Vergnügen. Stück 1, Juli 1763, , S. 1 f; zitiert nach: Winkle: Johann Friedrich Struensee. Arzt, Aufklärer und Staatsmann. 1989, S. 47. Diese Fürsorge sollte sich auch auf ledige Mütter und Geisteskranke erstrecken, die bisher von der Gesellschaft ausgestoßen waren.

Leibarzt und Regent des dänischen Königs mini|hochkant|Christian VII. im Krönungsornat Durch seine Behandlungserfolge gewann Struensee im Laufe der Zeit einen guten Ruf beim holsteinischen Adel. Da er auch für eine neuartige Therapie bei Geisteskrankheiten bekannt war, wurde er 1767 gerufen, um den jungen dänischen König Christian VII. bei dessen Aufenthalt in Altona zu behandeln.

Christian VII. Christian VII. war 1766 kurz vor seinem 17. Geburtstag König geworden. Als Kind war er sehr restriktiv erzogen worden. Später hatte sein Lehrer Élie-Salomon-François Reverdil sein Interesse an der Aufklärung geweckt. Als König erwies er sich bald als unberechenbar und sein Benehmen bei Hof als zunehmendes Ärgernis. Er widersetzte sich der Hofetikette. Seine junge Ehefrau, die englische Prinzessin Caroline Mathilde, hatte er bereits bei ihrer Ankunft in Dänemark mit der Erklärung brüskiert, sie nicht zu lieben. Stattdessen ließ er sich von seinem Hofmarschall Conrad Holck (1745–1800) zu übermäßigem Alkoholgenuss, sexuellen Ausschweifungen und Gewaltexzessen animieren.Keitsch: „Alles was ich that, bezog sich blos auf die Person des Königs“. In: Schmieglitz-Otten, Steinau: Caroline Mathilde. 1751–1775. 2001, S. 71–106, hier S. 72. Das Ansehen des Königs in der Öffentlichkeit begann darunter zu leiden.

Christian VII. war nicht nur psychisch labil, sondern auch wenig an der Regierung interessiert. Das war durchaus im Interesse der Minister, die bereits zu Zeiten seines alkoholkranken Vaters Friedrich V. den König weitgehend von den Regierungsgeschäften ferngehalten hatten. Das absolutistische Königsgesetz (Kongelov) verlangte zwar, dass jede Entscheidung vom König selbst getroffen werden musste, praktisch legte ihm das Geheime Conseil unter Vorsitz von Bernstorff fertig ausgearbeitete Beschlüsse vor, die er nur noch unterschreiben musste. Christian VII. langweilte sich daher während der Ratsversammlungen. Manchmal traf er jedoch willkürliche Personalentscheidungen, die die Regierung in Unruhe versetzten. So hatte er kurz nach seinem Regierungsantritt 1766 den angesehenen Adam Gottlob von Moltke entlassen.

König Christians Reise Im Jahre 1768 stellte Bernstorff Struensee, vermittelt durch den Grafen Schack Carl von Rantzau-Ascheberg und den Hofmarschall Conrad Holck, als Reisearzt für den König auf dessen einjähriger Europareise ein. Die Reise, die durch den Schatzmeister Heinrich Carl von Schimmelmann finanziert wurde, führte durch das Heilige Römische Reich, die Niederlande, England und Frankreich. In den Niederlanden besichtigte die Reisegesellschaft u. a. soziale Einrichtungen, Manufakturen und eine Herrnhuter Siedlung.J. Kr. Höst: In: Kopenhagener Börsenhalle, Nr. 9, 10, 11 u. 12 (Bearbeitet und neu herausgegeben von Friedemann Prose (Kiel, 2012)) In Frankreich kam er in Kontakt mit Denis Diderot und anderen führenden Aufklärern. Während des Aufenthalts bei Christians Schwager Georg III. erlebte Struensee die Folgen der beginnenden Industrialisierung für die arme Bevölkerung wie Landflucht, Bildung von Slums und die daraus resultierende Zunahme sozialer Probleme und Krankheiten, besonders des Alkoholismus und der Syphilis. Zahlreiche seiner späteren Reformen wurden von diesen Erfahrungen geprägt.Winkle: J. F. Struensee 1737–1772. Arzt – Aufklärer – Staatsmann. In: Hamburger Ärzteblatt. Jg. 55, 2001, S. 578–589, hier S. 587. In Oxford verlieh die medizinische Fakultät Struensee im Rahmen einer Feier dem König, Bernstorff, Holck und etlichen anderen Reisebegleiter die juristische Ehrendoktorwürde.Winkle: Johann Friedrich Struensee. Arzt, Aufklärer und Staatsmann. 1989, S. 159.

Struensees Aufstieg