mini|Illustration aus einem Vishnusahasranama-Manuskript von 1690 Stotras (auch Stavas oder Stutis) sind religiöse Texte des Hinduismus, die gesungen oder rezitiert werden. Es handelt sich bei diesen Texten um Sanskrit-Hymnen. In den Stotras wird oft ein vereinfachtes Sanskrit verwendet. Stotras enthalten Reime, Alliterationen, Metren und Refrains. Die Texte stellen im Allgemeinen Hymnen dar, die eine bestimmte Gottheit verehren und preisen, es gibt jedoch auch andere Stotras, die z. B. Heilige oder Lehrer wie Shankara preisen. Bekannte Stotras sind die Lieder des Gitagovinda.
Nama-Stotras stellen Listen von Namen, Eigenschaften, Attributen und Beschreibungen einer bestimmten Gottheit dar. Diese werden oft in Tempeln rezitiert. Nama-Stotras sind beispielsweise im Brahmanda-Purana enthalten.Cush, Robinson, York: Encyclopedia of Hinduism. London 2008, S. 712 f.
mini|Shri Maruti (Hanuman)-Stotra In der indischen Literatur liegen sehr viele unterschiedliche Typen von Stotras vor, einige stellen formelhafte Gebete dar, während andere ausgearbeitete, komplexe Dichtungen sind. Im Allgemeinen handelt es sich jedoch um devotionale Poesie, die größtenteils direkt eine Gottheit anspricht. Viele Stotras werden berühmten Persönlichkeiten wie Shankara, Vedanta Deshika oder Abhinavagupta zugeschrieben, häufig sind die Verfasser aber auch anonym.
Ein großer Teil der Stotras ist an die Hauptgottheiten Shiva, Vishnu oder die Göttin (Mahadevi, Lakshmi, Durga usw.) gerichtet oder an andere wichtige Gottheiten wie Surya, Ganesha und die Planeten. Nahezu jede hinduistische Gottheit hat eigene Stotras. Abgesehen von Stotras an diese Götter gibt es auch Stotras die Ereignisse wie Shivas Tandava besingen oder Pilgerorte (zum Beispiel den Ganges) und spirituelle Lehrer. Neben diesen konkreten Stotras gibt es auch solche, die abstrakte, philosophische Ideen und Realitäten beschreiben.
Die Stotras werden nicht nur nach den jeweiligen Gottheiten unterschieden, sondern sie können auch nach verschiedenen Zwecken unterschieden werden: Es gibt zum Beispiel eigene Stotras für Pujas, Stotras die das rituelle Wecken der Gottheit am Morgen begleiten oder Stotras die zur Vergebung von Sünden dienen. Im Allgemeinen dienen Stotras an Gottheiten auch weltlichen Zwecken wie Anrufung um Schutz, Gesundheit und Reichtum. Am Ende eines Stotras gibt es zumeist Verse, die Phalashrutis genannt werden. Diese geben Aufschluss über die Funktion des jeweiligen Stotras und die Art, wie es zu rezitieren ist. Die Phalashrutis beschreiben, welchen Nutzen das Stotra hat und es können auch Beschreibungen vorliegen, wie oft ein Stotra zu rezitieren ist. Dies deutet darauf hin, dass Stotras ähnliche Funktionen wie Mantras haben.
Stotras, die auf Sanskrit sowohl öffentlich als auch privat rezitiert werden, sind eine der wichtigsten Formen der Verwendung von Sanskrit-Texten in der hinduistischen Religion.Knut A. Jacobsen, Johannes Bronkhorst (Hrsg.): Brill's Encyclopedia of Hinduism; Vol. II. Leiden (u. a.), Brill 2010, S. 193–195
Verwandtschaft mit vedischen Hymnen Vedische Hymnen und die späteren Stotras scheinen eine nähere Verwandtschaft aufzuweisen. Im Samaveda kommen Hymnen vor, die auch Stotras genannt werden, und diese Hymnen werden gleich den späteren Stotras gesungen. Beiden gemeinsam ist die Lobpreisung, die Anrufung der Macht einer einzelnen Gottheit und der Gebrauch von Vokativen, Segnungen und Huldigungen. In beiden erscheinen außerdem Anklänge und Bezüge auf Erzählungen über die Götter und deren Heldentaten, und die Texte enthalten manchmal Erklärungen über ihren Nutzen, zum Beispiel Reichtum oder Sieg.
Trotz dieser Gemeinsamkeiten gibt es auch große Unterschiede zwischen vedischen Hymnen und den späteren Stotras. Zunächst unterscheiden sich die Gottheiten der vedischen Hymnen von denen der Stotras und die Theologie und Liturgie, auf die Bezug genommen wird, unterscheiden sich ebenso. Beispielsweise werden nicht-vedische Stotras benutzt, um Murtis (Tempel-Statuen) zu visualisieren, und sie sind mit den nachvedischen Kavyas (Sanskrit-Dichtung) verwandt. Zudem ist die Theologie der Stotras als devotional zu betrachten, während die vedischen Hymnen von der Mimamsa-Schule dahingehend gedeutet werden, dass sie dem Zuhörer bestimmte Handlungen empfehlen und ihn abschrecken, andere zu begehen. Vedische Hymnen werden hier als Atharvada angesehen, als eine Stellungnahme, die im Gegensatz zu einer devotionalen Interpretation steht.
Da vedische Hymnen und Stotras sehr unterschiedlich sind, werden sie nicht als eine Literaturform angesehen, jedoch weisen sie eine Verwandtschaft auf und gelten beide als Gebet und Lobpreisung.Knut A. Jacobsen, Johannes Bronkhorst (Hrsg.): Brill's Encyclopedia of Hinduism; Vol. II. Leiden (u. a.), Brill 2010, S. 196
Stotras im Ramayana und Mahabharata Im Ramayana und im Mahabharata liegen eine Anzahl von Stotras vor, obwohl diese wahrscheinlich zu den jüngeren Schichten der Epen gehören. Einige Stotras beziehen sich sogar auf die ganze Erzählung der jeweiligen Schrift.
Im Ramayana liegt ein weit bekanntes Stotra vor, das Adityahrdaya. Die Geschichte um dieses Stotra ist folgende: Rama fürchtet sich während der Schlacht mit dem Dämon Ravana, woraufhin der Heilige Agastya ihn darin unterrichtet, ein Stotra für den Sonnengott Aditya zu rezitieren. Nachdem Rama dieses mit Blick auf die Sonne rezitiert hat, erholt er sich und besiegt Ravana in der Schlacht.
Im Mahabharata liegen auch weit verbreitete Stotras vor, z. B. Durgastava, das in sieben Versionen verbreitet ist, und Durgastotra, beide an die Göttin Durga gerichtet, und das Vishnusahasranama, ein berühmtes Namastotra an Vishnu.
Die Hymnen des Mahabharata, die an Durga gerichtet sind, sind wahrscheinlich älter als das Devi Mahatmya (6. Jahrhundert) und können deshalb Aufschlüsse darüber geben, wie die frühe Verehrung der Göttin ausgesehen hat.
Ein weiteres bekanntes Stotra des Mahabharata ist das des Bhishma, der Krishna auf seinem Sterbebett anruft.Knut A. Jacobsen, Johannes Bronkhorst (Hrsg.): Brill's Encyclopedia of Hinduism; Vol. II. Leiden (u. a.), Brill 2010, S. 197–198
Stotras in Kavyas Ebenso wie Stotras in anderen Schriften vorkommen, erscheinen sie auch in den Mahakavyas (Hofepen, Kunstepen oder 'große Dichtung'). Im Haravijaya des Dichters Ratnakara gibt es z. B. zwei Stotras, an Shiva und an die Göttin Candi. Im Kiratarjuniya des Dichters Bharavi, das an eine Episode des Mahabharata angelehnt ist, erscheint Shiva in einer Kampfszene dem Arjuna, und dieser rezitiert daraufhin ein Stotra an den Gott.
Frühe Beispiele von Stotras, die in Mahakavyas eingebettet sind, liegen bei Kalidasa vor. Ein Stotra im Kumarasambhava handelt davon, wie die Götter unter Indras Führung Brahma um Hilfe bitten, um dem Dämon Taraka zu entkommen. In einem anderen Mahakavya Kalidasas, dem Raghuvamsa gibt es eine ähnliche Szene, in der der Adressat des Stotras nun Vishnu ist.
Die Poesie der Stotras ist einfacher gestaltet als die übrige Poesie dieser Kavyas. In späteren Kavyas hingegen wie dem Haravijaya gleicht die dichterische Qualität der Stotras dem übrigen Text.
Poesie von sehr hoher Qualität findet man nicht in den Stotras, die in Kavyas enthalten sind, sondern diese liegen als einzelne Werke vor, die teilweise auch Stotrakavyas genannt werden. Die Anzahl an Stotras, die als qualitativ hochwertige Poesie angesehen werden, ist deshalb begrenzt.
Im 7. Jahrhundert entstanden wichtige Werke dieser Stotrakavyas. Am Hofe des Königs Harsha dichtete Bana das Candishataka, ein Werk, das an die Göttin Candi gerichtet ist, die in vielen Formen wie Durga, Devi, Kali und Parvati erscheint. Besungen wird besonders der linke Fuß der Göttin, mit dem sie den Büffeldämon Mahishasura (Mahisha) niedertritt, ein Symbol für den Sieg. Das Candishataka stellt u. a. deshalb ein wichtiges Werk der frühen Stotra-Literatur dar, da die Göttin durchgehend als wohlwollend angesehen und gepriesen wird, um Segen zu erlangen.
Das Suryashataka des Mayura ist an den Sonnengott Surya gerichtet. Mayura war vermutlich ein Zeitgenosse Banas, und um vieles berühmter als dieser. Das Suryashataka ähnelt dem Candishataka: zunächst erscheint die Gottheit als ausschließlich wohlwollend und segensreich, außerdem zeigen beide Werke Bezüge zu den Veden, den Puranas und den Epen und benutzen eine Vielzahl von poetischen Figuren. Die Legende um das Suryashataka besagt, dass der Dichter Mayura durch diese Hymne von Lepra geheilt wurde, und so ist es Tradition, Stotras an Surya zum Zweck der Heilung und zur Vergebung der Sünden zu rezitieren. Diese Intention wird im Suryashataka selbst erwähnt, in der sechsten Strophe wird angesprochen, dass Surya von Sünden befreit und heilt.
Abgesehen von Hymnen an die Sonne gibt es noch andere Stotras, denen Heilkraft zugesprochen wird. Das Narayaniya des Brahmanen Narayana Bhatta, das gegen Ende des 16. Jahrhunderts verfasst wurde, fasst das Bhagavatapurana in etwa tausend Versen zusammen und am Ende jeder Einheit wird ein Gebet rezitiert, um Leid zu beenden. Das Narayaniya ist in Bhattas Heimat Kerala sehr verbreitet, und der Legende nach wurde Narayana Bhatta selbst von einer Krankheit geheilt, indem er dieses Stotra rezitierte.
Stotras, die neben den religiösen Intentionen auch qualitativ hochwertige Dichtung enthalten, sind zwar nur in begrenzter Anzahl vorhanden, jedoch hatten diese einen großen Einfluss auf die allgemeine Einschätzung und Interpretation von Stotras, auch deshalb, weil sie sehr weit verbreitet sind und die Kommentarliteratur zu diesen Stotras sehr umfangreich ist. Darüber hinaus werden sie auch als beispielhaft für poetisch wertvolle Hymnen angesehen.
Beispiele für solche literarisch hochwertigen Stotras wären das Mukundamala des Kulashekara, das an Mukunda (Vishnu) gerichtet ist oder das Mahimnastava, das einem Gandharva zugeschrieben wird. Das Mahimnastava wird auch Shivanahimnastava oder Shivanahimnastotra genannt und wird in vielen Sanskrit-Schriften als vorbildlich erwähnt. Aus diesem Grunde ist es auch Vorbild anderer Stotras wie z. B. dem Vishnunahimnastava.Knut A. Jacobsen, Johannes Bronkhorst (Hrsg.): Brill's Encyclopedia of Hinduism; Vol. II. Leiden (u. a.), Brill 2010, S. 198–200
Stotras in den Puranas und Tantras Die Puranas und Tantras enthalten gleichfalls eine größere Anzahl an Stotras, obwohl einige Stotras, die den Puranas und Tantras zugeordnet werden, in deren Auflagen meistens nicht enthalten sind. Die Stotras der Puranas und Tantra werden auch als einzelne Texte herausgegeben.
In den Puranas und Tantras gibt es viele Namastotras sowie Stotras, die zum Schutz dienen (Kavaca, Raksha). Einige Stotras sind in diesen Werken in die Erzählung eingebettet, während andere als Teil der Verehrungspraktiken angesehen werden. Die Stotras der Puranas und Tantras sind im Gegensatz zu Stotras anderer Herkunft in Bezug auf die Poesie von minderer Qualität.
Im Devi Mahatmya des Markandeyapurana liegen besonders populäre Stotras an die Göttin (Durga) vor. Inhaltlich erzählen zwei dieser Stotras, wie die Götter Durga preisen, nachdem sie den Dämon Mahisha bzw. den Dämon Shumbha getötet hat. Durga beantwortet diese Lobpreisungen mit einem Versprechen, dass diejenigen, die diese Hymne singen, von allem Unglück befreit werden.Knut A. Jacobsen, Johannes Bronkhorst (Hrsg.): Brill's Encyclopedia of Hinduism; Vol. II. Leiden (u. a.), Brill 2010, S. 200–201
Namastotras Im Namastotra werden der göttliche Name und die göttlichen Attribute (Epitheta) zum Schutz und zur Befreiung oder Erlösung angerufen. Diese Namen haben im Hinduismus schon immer eine große Rolle gespielt und der Hinduismus ist die einzige Religion, in der sich solche Hymnen entwickelt haben.