Die Ruine der romanischen Burg Přimda () liegt auf dem hohen, weithin sichtbaren Berg Přimda () nordwestlich der gleichnamigen Landstadt in Westböhmen in der Nähe der Grenze zu Bayern. Der in den 20er Jahren des 12. Jahrhunderts errichtete Wohnturm gehört zusammen mit der Prager Burg zu den ältesten steinernen Burgen in Böhmen.
Nachdem die Burg im 12. und 13. Jahrhundert als königliche Grenzbefestigung und mehrfach als Gefängnis für Angehörige des Herrscherhauses und andere hochrangige Personen gedient hatte, wechselten sich im 14. bis 16. Jahrhundert der römisch-deutsche Kaiser und wichtige böhmische Adelsgeschlechter mehrfach in ihrem Besitz ab. Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts wurde sie nicht mehr bewohnt und so dem Verfall preisgegeben. Seit 1675 ist die Anlage – mit Unterbrechung infolge der Enteignung der Familie durch die Nationalsozialisten nach der Besetzung des Sudetenlandes 1938 und in der Zeit des real existierenden Sozialismus – im Besitz der Familie Nowohradsky-Kolowrat. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die malerische Burgruine „wiederentdeckt“ und seither mehrfach umfassend renoviert und restauriert. Dabei wurden auch Bauuntersuchungen und mehrere kleine Ausgrabungskampagnen im Burgareal durchgeführt, durch deren Ergebnisse die Entstehungszeit einiger Burgteile und ihre Funktion genauer bestimmt werden konnte.
Die frei zugängliche Ruine ist ein häufig besuchtes Wander- und Ausflugsziel. Von der Stadt Přimda unterhalb der Burg, die wenige Kilometer entfernt von der Autobahn D5, der Fortsetzung der Bundesautobahn 6 von Nürnberg über den Grenzübergang Waidhaus und weiter nach Plzeň und Prag, liegt, führen Wanderwege mit teils kurzen, aber steilen Anstiegen zur Burg. Südlich unterhalb des Burgberges liegt die kleine Ansiedlung Mílov.
Geschichte Gründung mini|Nordwand im 1. Obergeschoss mit Durchgang zum Risalit, Fenster und Kaminrest mini|hochkant|Wange des romanischen Kamins
Der bedeutende böhmische Chronist Cosmas von Prag erwähnte in seiner Chronica Boemorum für das Jahr 1121, dass „einige Deutsche innerhalb der Grenzen Böhmens im Wald, durch den man zum Dorf Bela gelangt, auf einem steilen Felsen eine Burg gebaut“ hätten.Eodem anno quidam ex Teutonicis infra terminos Boemorum in silva, ad quam itur per villam Bela, in prerupta rupe edificant castrum. Quod audiens dux Wladizlaus acceptis tribus scaris ex electis militibus repente ex inproviso irruens obtinuit castrum, ubi in primo accessu missis de muro sagittis vulnerati sunt, non tamen ad mortem, duo mulites ducis, Oldalricus filius Wacemil et Olen filius Borsa. Illos autem Teutonicos, qui erant in castro capti, nisi comes Albertus superveniens multis precibus et innata sibi sagacitate liberasset, procul dubio iam dux in eadem silva omnes supendi iusserat. – Berthold Bretholz (Hrsg.): Die Chronik der Böhmen des Cosmas von Prag. MGH SS rer. Germ. 6. Berlin 1923, S. 220 Z. 7–18. Online-Edition: Digitale Bibliothek - Münchener Digitalisierungszentrum . Cosmas nennt jedoch keinen Namen und gibt lediglich an, dass diese Burg am Weg nach Bělá lag, das wiederum zumeist mit dem heutigen Bělá nad Radbuzou (deutsch Weißensulz) gleichgesetzt wird. Als der böhmische Herzog Vladislav I. davon erfuhr, zog er gegen diese Burg und eroberte sie. Er wollte die Eindringlinge hart bestrafen, doch setzte sich Graf Albrecht, der höchstwahrscheinlich dem ostbayerischen Adelsgeschlecht von Bogen angehörte, für sie ein. Häufig wird davon ausgegangen, dass Diepold III. von Vohburg (fälschlich oft Diepold II.), Markgraf des bayerischen Nordgaus, hinter der Burggründung stand, ohne dass es dafür Belege gäbe.
Bereits der tschechische Historiker und Politiker František Palacký setzte in seiner ab 1836 auf Deutsch und ab 1848 auf Tschechisch erschienenen Geschichte von Böhmen diese Burg mit Přimda gleich. „Ohne jeden Zweifel“ sah auch der tschechische Burgenforscher August Sedláček in der Erwähnung bei Cosmas die erste Nennung von Přimda. Ihm folgte wiederum Dobroslava Menclová. Diese Ansicht setzte sich daraufhin weitestgehend durch und wird auch von heutigen Burgenforschern, insbesondere Tomáš Durdík, vertreten. 2008 meldete jedoch der Bauforscher und Denkmalpfleger Vladislav Razím Zweifel an dieser Gleichsetzung an und berief sich dabei auf ältere Stimmen, die allerdings bislang größtenteils ungehört geblieben seien. Er wies erneut darauf hin, dass keine Belege für die Identifizierung der in der Cosmas-Chronik genannten Burg mit der romanischen Anlage vorliegen und diese besser südwestlich auf dem Plattenberg (Velký Zvon) zu suchen sei, für den im 17. Jahrhundert der Name Turmberg belegt ist. Dort finden sich allerdings keine Überreste einer Befestigung. Die erste sichere Nennung der Burg Přimda erfolgte nur wenige Jahre später. Zum Jahr 1126 erwähnt der so genannte Vyšehrader Kanoniker in seiner Fortsetzung der Cosmas-Chronik, dass zu dieser Zeit die Befestigungen Přimda, Görlitz und Tachov wiedererrichtet wurden.Eodem tempore quasdam munitiones Bohemi reaedificaverunt, quae slavice Przimda, Yzcorelik, Tachow appelantur. – Rudolf Köpke: Cosmae chronica Boemorum. In: Georg Heinrich Pertz (Hrsg.): Chronica et annales aevi Salici. Monumenta Germaniae Historica 11. Scriptores 9. Hahn-Verlag, Hannover 1851, Unveränderter Nachdruck Hiersemann-Verlag, Stuttgart 1983, ISBN 3-7772-6313-3, S. 1–209, 843–846, hier S. 133 Z. 29–30. Online-Edition: Digitale Bibliothek - Münchener Digitalisierungszentrum ; Josef Emler (Hrsg.): Cosmae Chronicon Boemorum cum continuatoribus (Fontes rerum Bohemicarum T. 2). Prag 1874, Nachdruck Georg Olms Verlag, Hildesheim u. a. 2004, ISBN 3-487-12666-4, S. 205 Z. 4–6. Online-Edition: Filozofický ústav AVEine aktuelle Zusammenfassung der Diskussion um den Ursprung der Burg bei Jan Klápšte: Adel, Burg und Herrschaft - eine ewig strittige Problematik der tschechischen Mediävistik? In: Adel, Burg und Herrschaft an der "Grenze". Österreich und Böhmen. Beiträge der interdisziplinären und grenzüberschreitenden Tagung in Freistadt, Oberösterreich, vom 26. bis 28. Mai 2011, (Studien zur Kulturgeschichte von Oberösterreich 34), hrsg. von Klaus Birngruber, Christa Schmid, Linz 2012, S. 225–238, hier S. 323ff. , ergänzend der Kommentar von Karel Nováček, Komentář ke studii Jana Klápště "Adel, Burg und Herrschaft– eine ewig strittige Problematik der tschechischen Mediävistik?"
Diese Bauaktivitäten waren Teil eines großangelegten Befestigungsprogramms an den Grenzen Böhmens. Dies wurde von dem mittlerweile zum Nachfolger seines 1125 verstorbenen Bruders Vladislav bestimmten Herzog Soběslav I. vorangetrieben, der als Heerführer weithin berühmt war. Im selben Zusammenhang wurde 1129 auch das zu Böhmen gehörende Glatz (tschechisch Kladsko) genannt, dessen Burg die Grenze gegenüber Polen sichern sollte. Bereits 1126 hatte Soběslav I. ein Heer des deutschen Königs Lothar III. von Süpplingenburg in der Schlacht bei Chlumec besiegt und den König gefangen genommen. Für dessen Freilassung ließ sich Soběslav von Lothar mit Böhmen belehnen. Obwohl bei Cosmas ausdrücklich von einem Umbau die Rede ist, möchte Vladislav Razím Herzog Soběslav I. als Bauherr des steinernen Turms der Burg Přimda ansehen, da die archäologischen Ausgrabungen keinerlei Hinweise auf eine Vorgängerbebauung erbrachten. Er zieht Vergleiche zu den nach 1235 errichteten beiden Türmen des Haupttors der Prager Burg. Die Bauzeit der Burg könnte sich nach Razím jedoch noch bis in die Regierungszeit des 1140 zum Herzog berufenen und 1158 zum ersten böhmischen König gekrönten Vladislav II. hingezogen haben.
Ins Reich der Legenden gehört dagegen die auch noch heute bisweilen kolportierte Angabe (so zum Beispiel auf den Informationsschildern auf der Burg), wonach bereits im Jahr 925 eine später wieder verlassene Burg an dieser Stelle gegründet worden sei. Wie wirksam solche ungeprüft aus älteren Chroniken übernommenen Geschichten jedoch sein können, zeigt die 1925 begangene 1000-Jahr-Feier in Přimda, die etwa 20.000 Besucher anlockte und zu einer weiten Verbreitung des angeblichen Gründungsjahres sorgte.
Grenzburg und Gefängnis im 12. und 13. Jahrhundert Für das Jahr 1150 wird in den Annalen von Vincentius, dem Kaplan des Prager Bischofs Daniel I., ausdrücklich ein unteres Gefängnis im Turm genannt.… quam ab nobilibus suis honestissime Prage susceptus filium Zobezlai in castrum Primda firmissime custodiendum transmittit. Josef Emler (Hrsg.): Cosmae Chronicon Boemorum cum continuatoribus (Fontes rerum Bohemicarum T. 2). Prag 1874, Nachdruck Georg Olms Verlag, Hildesheim u. a. 2004, ISBN 3-487-12666-4, S. 419 Z. 3–6. – Anno dominice incarnationis MCL filius Zobezlai, a suis quibusdam fautoribus castellano Bernardo de nocte interfecto et in inferiorem turris carcerem miserabiliter detruso, de carcere Prinda euasit. ebd. S. 419 Z. 33–37. Online-Edition: Filozofický ústav AV Přimda gehört damit zu den ersten sicher belegten Burgen mit Nutzung als Gefängnis. Dem bekanntesten Insassen, dem späteren böhmischen Herzog Soběslav II., gelang nach zwei Jahren die Flucht an den Hof des schwäbischen Herzogs Friedrich Barbarossa. Einige Freunde von ihm hatten zuvor in der Nacht den Kastellan der Burg getötet. Nach seiner Rückkehr 1161 nach Böhmen wurde Soběslav II. jedoch erneut gefangen gesetzt und bis 1173 wiederum auf der Burg Přimda in Arrest genommen, bis er auf Geheiß des nunmehr zum Kaiser gekrönten Friedrich I. entlassen werden musste.… et in castro munitissimo Prinda sub districtissima custodia multo tempore macerandus retruditur. ebd. S. 268 Z. 34–36. Online-Edition: Filozofický ústav AV – … inde in castellum Prindam deducitur, Conrado Stvrm, cuidam carnifici, custodiendus committitur. ebd. S. 452 Z. 32–34. Online-Edition: Filozofický ústav AV - Erat Oalricus, filius antiqui Zobezlai, frater iunioris Z[obeslai], in curia imperatoris cum suis profugis, qui habens et in Boemia multos occulte sibi fauentes, satagebat omni conatu impetrare de gratia cesaris tum sibi panem, tum fratri suo Z[obezlao] liberationem, qui iam fere tredecim et prius tribus annis uinculatus tenebatur in Prinda. – ebd. S. 465 Z. 7–14. Online-Edition: Filozofický ústav AV
Im 13. Jahrhundert gehörte die Burg auf Grund ihrer Lage an der Landesgrenze und in der Nähe eines wichtigen Handelsweges von Prag über Pilsen (deutsch: Pilsen) nach Nürnberg weiterhin zu den bedeutendsten Königsburgen und der Kastellan von Přimda zu den wichtigsten Amtsträgern unter der Herrschaft der Přemysliden. 1233, 1238 und 1257 wird jeweils ein Burggraf genannt.Aus RBM II S. 1388 kann folgende Reihenfolge der Burggrafen zu Pfraumberg abgeleitet werden: Rademirus (de Skrziwin) 1252 – 1255, Wilhelmus (de Sitingo) Januar 1256 – März 1269, Bohuslaus (de Bore) 1272 – 1284, Beneda de Trebl 1285 – 1286; Theodericus de Spaczman 1289 – 1295, Bohuslav de NN 1306.
Spätes Mittelalter und Frühe Neuzeit Auf Grund ihrer Lage an der Grenze zu Bayern behielt die Burg auch nach dem Aussterben der Přemysliden ihre Bedeutung. Allerdings verpfändete der in finanzielle Schwierigkeiten geratene Johann von Böhmen die Burg noch vor 1318 an seinen Kämmerer und Marschall Wilhelm Hase von Waldeck und nach dessen Tod zwei Jahre später an dessen Neffen. Kurz nach 1320 erwarb der König die Burg zurück, um sie nun an seinen Vertrauten, den Richter der Prager Altstadt, Jakub Frenclín, auszugeben. Unter ihm wurde die Burg ausgebaut. Aus einer Schriftquelle aus dem Jahr 1336 geht hervor, dass die Burg mit einer steinernen Mauer mit hölzernem Wehrgang umgeben war. Spannungen im Reich und die Feindschaft zwischen Ludwig dem Bayern und König Johann führten im selben Jahr zu dem erfolglosen Versuch, die wichtige Grenzburg zu erobern. Die Besatzung verteidigte die Burg, obwohl Burggraf Frenclín mit einer Hundertschaft Bewaffneter – angeblich 28 gepanzerte Reiter und 75 leichtbewaffnete Kämpfer – nach Österreich gezogen war, um seinen König im Kampf gegen Ludwig den Bayern zu unterstützen. Jedoch wurden die Vorburg und die Stadt verbrannt.