mini|180px|Pieter de Graeff, gemalt von Gerard ter Borch in 1674
Pieter de Graeff, Vrijheer der Hohen Herrlichkeit von Zuid-Polsbroek, vrijheer / heer van Purmerland en Ilpendam (* 15. August 1638 in Amsterdam; † 3. Juni 1707) war ein holländischer Aristokrat des Goldenen Zeitalters der Niederlande.
Pieter de Graeff war in der Zeit vor dem Rampjaar 1672 einer der einflussreichsten staatsgesinnten, republikanischen Politiker Amsterdams.Herbert H. Rowen: John de Witt, Statesman of the “True Freedom”. Cambridge University Press, 1983/2002, S. 179. Als Bewindhebber der Niederländischen Ostindien-Kompanie war er nach dem Rampjaar einer der wichtigsten Repräsentanten und Leiter derselbigen. Seine politische Haltung war charakteristisch für seine Familie: einerseits Libertin und staatsgesinnt, andererseits, wenn auch nur bedingt, loyal gegenüber den Oraniern.Pieter C. Vies: (PDF; 2,7 MB, S. 29/30). De Graeff hatte in intimen Kontakt mit den Staatsmännern Johan de Witt und Wilhelm III. von Oranien sowie den Künstlern Joost van den Vondel und Jan Lievens gestanden.
Familie De Graeff Gesellschaftspolitischer Hintergrund Im Laufe des Goldenen Zeitalters der Niederlande standen die Mitglieder der Familie De Graeff in harscher Kritik zum sich immer mehr ausbreitenden Einfluss des Hauses Oranien-Nassau. Gemeinsam mit den führenden republikanischen Staatsmännern, den Gebrüdern Bicker und den De Witt, waren sie für eine Aufhebung der Statthalterschaft, zumindest in der Provinz Holland. Weiters beanspruchten sie den Erhalt einer (ihrer) vollen Souveränität als Stadtregenten.
Kindheit und Jugend mini|160px|Jan Victors, Cornelis de Graeff als Isaak mit seiner Frau Catharina Hooft als Rebekka mit ihren Söhnen Pieter und Jakob als Jacob und Esau (1652)
Pieter de Graeff entstammte dem Geschlecht De Graeff, den Stadtherren von Amsterdam. Er war der erstgeborene Sohn des Staatsmannes und Amsterdamer Regenten Cornelis de Graeff und Catharina Hooft; mit Jacob de Graeff hatte er einen jüngeren Bruder. Pieter genoss in seiner Jugend Erziehung und Privatunterricht bei Johann Amos Comenius, der ihm eine wichtige pädagogische Basis verschaffte. 1652 ließ sich Cornelis de Graeff mit seiner Gattin Catharina Hooft und deren beiden Söhnen Pieter und Jacob durch Jan Victors als Isaak und Rebekka mit ihren Söhnen Jakob und Esau porträtieren. Dieses allegorische Werk und De Graeffs Darstellung als einer der Erzväter eines Volkes und seiner Ehefrau sollte seine Wichtigkeit unterstreichen. Anfang 1655, im Alter von 16 Jahren begleitete Pieter den Amsterdamer Bürgermeister Johan Huydecoper van Maarsseveen auf einer diplomatischen Mission nach Berlin. Die weiteren Reisebegleiter waren Joan Corver und Huydecopers Sohn Joan Huydecoper van Maarsseveen. Die Stadt trat als offizieller Taufpate des Sohnes des Großen Kurfürsten Markgraf Friedrich Wilhelm auf. Diese Patenschaft war von Pieters Vater Cornelis organisiert worden und führte später zum Eingreifen des Kurfürsten als Bündnispartner im Holländischen Krieg.
hochkant=1.8|ohne|mini|Übersicht über die maßgeblichen Familienbeziehungen der Amsterdamer Oligarchie um die Geschlechter Boelens Loen, De Graeff, Bicker (van Swieten), Witsen sowie Johan de Witt im Goldenen Zeitalter.
In den Jahren von 1658 bis 1660 reiste Pieter durch England und Frankreich und erhielt an der Universität Orléans das Lizenziat für ziviles und kanonisches Recht. Die diversen Reiseberichte wurden von Pieter allesamt in seinen Tagebüchern vermerkt, von denen nur die Berichte über die Berliner Reise erhalten geblieben sind. Im Jahre 1660 wurde durch Pieters Vater Cornelis, seinem Cousin Johan de Witt und Gillis Valckenier ein Konsortium gegründet, welches die Vormundschaft über den jungen oranischen Fürsten Wilhelm III. von Oranien-Nassau, das kind van staat, beinhaltete. Die Sommer verbrachten die Gebrüder Pieter und Jacob de Graeff mit Wilhelm, dem späteren König von England, auf dem De Graeffschen Anwesen am Soestdijk, das Wilhelm später erwarb und zum Palais Soestdijk der niederländischen Erbstatthalter und Könige ausbaute.
Ehe und Nachkommen 160px|mini|Hochzeitsbildnisse von Pieter de Graeff und Jacoba Bicker, gemalt im Jahre 1663 durch Caspar Netscher (Rijksmuseum Amsterdam)
Pieter eheliche 1663 seine Cousine Jacoba Bicker (1640–1695), Tochter von Johan Bicker und Agneta de Graeff van Polsbroek (1603–1656) sowie Schwester von Johan de Witts Ehefrau Wendela Bicker. Bei ihrer Hochzeit auf Schloss Ilpenstein hielt De Witt die Hochzeitsrede. Die dabei anwesenden Poeten Gerard Brandt,Pieter de Graeff. In: Het Huis te Ilpendam en deszelfs voornaamste Bezitters. S. 327 (niederländisch, dbnl.org). Jan VosHuwelyk van den Eed. Heer Pieter de Graaf, Iongheer van Zuidt-Polsbroek, En Mejuffer Jakoba Bikker. In: Jan Vos: (niederländisch, dbnl.org). und Joost van den VondelJoost van den Vondel: Ter bruiloft van den weledelen heer Peter de Graef, Jongkheer van Zuitpolsbroek en de weledele mejoffer Jakoba Bikker (niederländisch, dbnl.org). „besangen“ diese Hochzeit. Zu Pieters Schwager zählten weiters der hohe Beamte Gerard Bicker (I) van Swieten, der Waffenhändler Jacob Trip sowie der Bankier und Financier Jean Deutz. Aus seiner Ehe gingen drei Kinder hervor, zwei Söhne und eine Tochter. Seine beiden Söhne, Cornelis und Johan traten des Vaters Erbe in Zuid-Polsbroek, Purmerland und Ilpendam an.
Agneta de Graeff (1663–1725), ehelichte Jan Baptiste de Hochepied II (1669–1709), Deputierter bei der Generalitätsrechenkammer. Agneta besaß das Haus „Korte Vijverberg 3“ in Den Haag, dem gegenwärtigen Kabinett des Königs und hatte bei ihrem Tod ein Vermögen von 867.000 Gulden, von dem sie ihrem Cousin Gerard Bicker (II) van Swieten 525.000 Gulden nachließ Cornelis de Graeff (1671–1719) promovierte an der Universität Leiden zum Magister der Rechte und war Kanoniker im Domkapitel von St. Pieter in Utrecht. Johan de Graeff (1673–1714) absolvierte ein Rechtsstudium an der Universität Leiden, war Stadtsekretär, Schöffe und Mitglied des Amsterdamer Magistrates (niederländisch: Magistraat oder vroedschap). Johan war mit Johanna Hooft (1678–1738) verheiratet.Pieters Sohn Jan (Johan) de Graeff in Heren van Holland Dieser Ehe entsprangen fünf Kinder, unter anderem Johans einziger Sohn Gerrit de Graeff, welcher das De Graeffsche Erbe antrat.
Wappen
Das Wappen von Pieter de Graeff ist geviert und mit einem Herzschild versehen und zeigt seit 1678 folgende Symbole:
Herzschild zeigt die drei silbernen Rauten auf Rot (ursprünglich von der Familie Van Woerdern van Vliet) der Hohen Herrlichkeit Zuid-Polsbroek Feld 1 (links oben) zeigt die silberne Schaufel auf Rot seiner väterlichen Vorfahren, der Herren von Graben Feld 2 (rechts oben) zeigt den silbernen Schwan auf Blau des Lehensgutes Vredenhof [oder den Schwan des Waterlandes seiner Vorfahren, den De Grebber] Feld 3 (links unten) zeigt die silberne Gans in Blau von Purmerland (Hohe Herrlichkeit Purmerland und Ilpendam) Feld 4 (rechts unten) zeigt die roten und schwarzen Löwen auf Gold (das Wappen der Grafschaft Holland) für Ilpendam (Hohe Herrlichkeit Purmerlandund Ilpendam) über einem nicht näher behandelten blauen Bereich Schildhalter sind zwei silberne Schwäne Helmüberzüge in Rot und Silber Helmschmuck zeigt einen aufrechten silbernen Spaten mit Straußenfedern (Herren von Graben) Motto: MORS SCEPTRA LIGONIBUS AEQUAT (Der Tod macht das Zepter und die Schaufel gleich)
Politische Tätigkeit Ämter und Wirken 1662 erhielt Pieter sein erstes öffentliches Amt als Hauptmann der Amsterdamer Bürgergarde. Mit dem Tod seines Vaters Cornelis wurde Pieter im Jahre 1664 Vrijheer van Zuid-Polsbroek. Gleichfalls übernahm er auch des Vaters Funktion als Bewindhebber der Niederländischen Ostindien-Kompanie (einer der Leiter dieser Handelsgesellschaft, welche auch kurz VOC genannt wird). Pieter hatte viel Interesse an der Bodenkultur, deren er auch als Bewindhebber der VOC sowie als Landesherr eifrigst nachkommen konnte. 1666 wurde Pieter Kommissar des Seehandels in Amsterdam und zum militärischen Kommandanten von Amsterdam ernannt. 1668 trat er als Schöffe (niederländisch: schepen) in die Amsterdamer Stadtregierung ein. Er wurde auch Mitglied des Amsterdamer Magistrats (niederländisch: vroedschap) Politisch stand er auf der Seite seines Verwandten und Freundes Johan de Witt, dessen vertrauter Ratsmann er war und mit dessen ihm eine intensive briefliche Korrespondenz verband. Das Verhältnis zwischen den beiden wird als sehr gut und innig beschrieben. Einige Briefe zwischen den beiden haben die Ausbildung des jungen oranischen Fürsten Wilhelm III. zum Inhalt.Het Huis te Ilpendam en deszelfs voornaamste Bezitters. S. 329 (niederländisch, dbnl.org). Als De Graeffs Schwägerin und Cousine Wendela Bicker 1668 verstarb, wurden er und sein Schwager Jean Deutz zum Vormund deren Neffen und Nichten bestellt, und für die Abwicklung des Nachlasses zuständig.Saskia Kuus: De verkoop van een aantal van Wendela’s juwelen door Jacoba Bicker. 24. Oktober 2020 door (niederländisch, johandewitt.nl). Zu Anfang der 1670er Jahre kristallisierte sich in der Amsterdamer Stadtregierung unter dem Einfluss der oranisch gesinnten Bürgermeister Gillis Valckenier und Coenraad van Beuningen eine Anti-De Witt Faktion heraus. Im Verlauf des Jahres 1671 erhielt die republikanische Staatspartei unter der Führung von Pieter die Oberhand in der Amsterdamer Stadtregierung zurück. Für eine kurze Zeit sah es danach aus, als könne sich De Witts republikanisches System konsolidieren.
Absetzung und Tätigkeit als Handelsherr mini|180px|Emanuel de Witte Porträt einer Familie in einem Interieur (1678). Ilse Manke, die Verfasserin der bisher einzigen Monographie über Emanuel de Witte identifizierte in den dargestellten Personen die Familie von Pieter de Graeff, seine Ehegattin Jacoba Bicker und deren gemeinsame Tochter Agneta de Graeff.
Im Rampjaar 1672 eroberte Ludwig XIV. von Frankreich große Gebiete der Niederländischen Republik. Um die Provinz Holland zu schützen, ließen die Generalstaaten die Deiche zerstechen und die Schleusen öffnen und setzten so Teile des Landes unter Wasser. Dadurch wurde der Vormarsch Frankreichs zwar gestoppt, doch weite Landstriche waren verwüstet, was die Bevölkerung allgemein Johan de Witt anlastete. Am 21. Juni 1672 wurde durch Jacob van der Graeff ein Mordanschlag auf ihn verübt, den er schwer verwundet überlebte. Da er für längere Zeit rekonvaleszent war, konnte er nicht verhindern, dass Wilhelm III. von Oranien am 29. Juni von den Staaten von Holland zum Statthalter ernannt wurde. Vom 19. Juli addiert ein Brief von De Graeff an De Witt, der sich auch auf das Attentat bezieht. Er drückt seine Freude über dessen Genesung aus, von der er gerade gehört hatte. Er schreibt weiters über zwei von De Witts Kindern, die sich zu dieser Zeit bei De Graeff in Amsterdam aufhielten. Da De Witt auf dem Weg der Besserung ist, planen sie, die Kinder zurück zu ihrem Vater nach Den Haag zu schicken. De Graeff betont noch, dass keine Eile besteht, da er die Gesellschaft der Kinder als sehr angenehm empfinde.Johan de Witt Stichting: De zwager van De Witt. 22. Februar 2022 (niederländisch, johandewitt.nl)