mini|x285px|Büste des namensgebenden Mithridates VI. von Pontos im Louvre

Als Mithridatische Kriege werden die drei in den Jahren 89 bis 63 v. Chr. ausgetragenen militärischen Konflikte zwischen der Römischen Republik und dem Königreich Pontos bezeichnet. Ihren Namen verdanken sie dem pontischen König Mithridates VI., dessen Expansionsbestrebungen nach seiner Thronbesteigung um 120 v. Chr. ihn in Konflikt mit den römischen Verbündeten Kleinasiens brachten. Zum wichtigsten Konfliktherd entwickelte sich der Streit um die Thronfolge im Königreich Kappadokien, das zum Spielball des Mithridates und des bithynischen Königs Nikomedes III. geworden war. Rom griff wiederholt militärisch in den Konflikt ein, was schließlich zum Ausbruch des Ersten Mithridatischen Krieges führte.

Nach anfänglichen Erfolgen des pontischen Königs, die durch Roms innenpolitische Konflikte begünstigt wurden, endeten die Kriege mit Mithridates’ Niederlage und der Konsolidierung römischer Macht im östlichen Mittelmeerraum. Die wichtigsten Kampfhandlungen spielten sich in Griechenland, Kleinasien und der Kaukasusregion ab. Der siegreiche römische Feldherr Gnaeus Pompeius Magnus gestaltete die Region nach seinen Vorstellungen um und führte dem Römischen Reich mehrere neue Provinzen zu.

Vorgeschichte Etablierung der römischen Provinz Asia Im Frühling des Jahres 133 v. Chr. verstarb König Attalos III. und ließ sein im Westen Kleinasiens gelegenes pergamenisches Reich testamentarisch Rom zukommen. Bevor Rom sein Erbe antreten konnte, musste jedoch die Rebellion des Aristonikos niedergeschlagen werden, der sich als Sohn des früheren Königs Eumenes II. ausgab und als Eumenes III. die Kontrolle über weite Teile des Reiches übernahm. Aristonikos wurde 129 v. Chr. geschlagen und Teile des Reiches anschließend unter dem Namen Asia als erste römische Provinz östlich der Ägäis in das Römische Reich eingegliedert. Die nicht provinzialisierten Teile des Reiches wurden unter den Königreichen Kleinasiens, die Rom im Kampf gegen Aristonikos unterstützt hatten, aufgeteilt. So wurden Teile der Region Phrygien im zentralen Teil Pergamons zwischen Mithridates V. von Pontos und Nikomedes II. von Bithynien aufgeteilt. Die südöstlich gelegenen Regionen Pisidien, Lykaonien und Pamphylien fielen König Ariarathes VI. von Kappadokien zu.Robert Kallet-Marx: Hegemony to Empire: The Development of the Roman Imperium in the East from 148 to 62 B.C., Berkeley 1995, S. 109.Adrian N. Sherwin-White: Roman Foreign Policy in the East, 168 B.C. to A.D. 1, Norman 1984, S. 88–90.

Rom hatte in den vorangegangenen Jahrzehnten geringes Interesse an den Vorgängen in Kleinasien gezeigt, gute Beziehungen zum pergamenischen Reich unterhalten und es vermieden, sich in Konflikte einzumischen.Robert Kallet-Marx: Hegemony to Empire: The Development of the Roman Imperium in the East from 148 to 62 B.C., Berkeley 1995, S. 97–98. Auch in den Jahrzehnten nach der Etablierung der Provinz Asia bis zum Ausbruch des Ersten Mithridatischen Krieges hielt Rom an dieser zurückhaltenden Politik fest und beschränkte seine militärische Präsenz in Asia auf kaum mehr als eine Legion.Adrian N. Sherwin-White: Roman Foreign Policy in the East, 168 B.C. to A.D. 1, Norman 1984, S. 91–92, 118–119. Die eskalierende Rivalität zwischen den Königreichen Kleinasiens zwang Rom jedoch bald zur Intervention.

Pontische Expansion und Streit um die kappadokische Thronfolge Nach dem Tod Mithridates’ V. im Jahr 120 v. Chr. verbrachte sein Sohn Mithridates VI. die ersten Jahre seiner Herrschaft im Exil; regiert wurde Pontos von seiner Mutter, die ihren jüngeren Sohn bevorzugte. Erst um 111 v. Chr. errang er die vollständige Kontrolle über Pontos und ließ seine Familie einsperren.Adrian N. Sherwin-White: Roman Foreign Policy in the East, 168 B.C. to A.D. 1, Norman 1984, S. 102. Mithridates setzte die unter seinem Vater begonnene Expansion des Reiches fort und weitete die pontischen Grenzen entlang der östlichen Küste des Schwarzen Meeres bis über die Krim und innerhalb Kleinasiens nach Armenia Minor aus. Zwischen 108 und 103 v. Chr. fielen Mithridates und Nikomedes III. gemeinsam in Paphlagonien ein und teilten das Königreich untereinander auf.Adrian N. Sherwin-White: Roman Foreign Policy in the East, 168 B.C. to A.D. 1, Norman 1984, S. 104–105. Die Allianz der beiden Könige zerbrach jedoch schon kurz darauf am parallel verlaufenden Streit um die Thronfolge in Kappadokien.

Ariarathes VI., König von Kappadokien, war zu Beginn der pontischen Expansion mit Mithridates’ Schwester Laodike verheiratet. Um seinen Einfluss zu mehren, ließ er ihn wahrscheinlich um 111 v. Chr. von einem kappadokischen Adligen namens Gordios ermorden.Adrian N. Sherwin-White: Roman Foreign Policy in the East, 168 B.C. to A.D. 1, Norman 1984, S. 105. Nikomedes ergriff diese Gelegenheit, um in Kappadokien einzufallen, die verwitwete Laodike zu heiraten und so die Kontrolle über das Königreich zu übernehmen. Mithridates reagierte seinerseits mit einer Invasion, ließ das Paar entthronen und installierte stattdessen seinen Neffen Ariarathes VII., einen Sohn Laodikes, auf dem Thron. Als Ariarathes VII. sich seinen Befehlen widersetzte, ermordete Mithridates ihn eigenhändig und ließ nun seinen eigenen achtjährigen Sohn unter dem Namen Ariarathes IX. auf den Thron folgen. Die kappadokische Nobilität wehrte sich gegen diese Einmischung und rief einen weiteren Sohn Laodikes, Ariarathes VIII., zum König aus. Die beiden Könige regierten Kappadokien für einen unbekannten Zeitraum unter geteilter Herrschaft, bis Ariarathes VIII. von Mithridates’ Armee vertrieben wurde. Nikomedes entsandte seine Frau Laodike schließlich zusammen mit einem vermeintlichen dritten Sohn nach Rom, um die Unterstützung des Senats zu erbitten. Mithridates reagierte wiederum mit einer Gesandtschaft unter Gordios und behauptete eine verwandtschaftliche Verbindung zwischen seinem Sohn Ariarathes IX. und dem früheren König Ariarathes V. Der römische Senat wies jedoch beide Gesuche als illegitime Usurpationsversuche zurück und deklarierte das Königreich Kappadokien als „frei“. Diese Entscheidung stellte die Nobilität des Königreiches nicht zufrieden; sie bat den Senat um die Ernennung eines Königs. Die Entscheidung wurde der Nobilität überlassen, die Ariobarzanes I. zum König wählte.Adrian N. Sherwin-White: Roman Foreign Policy in the East, 168 B.C. to A.D. 1, Norman 1984, S. 105–107. Im Jahr 96/95 v. Chr. entsandte Rom schließlich ein kleines Heer unter Lucius Cornelius Sulla, der zu diesem Zeitpunkt Statthalter in Kilikien war, um Ariobarzanes’ Herrschaft zu sichern.Robert Kallet-Marx: Hegemony to Empire: The Development of the Roman Imperium in the East from 148 to 62 B.C., Berkeley 1995, S. 248–249, 355–360. Mithridates musste sich dem römischen Willen beugen und zog aus Kappadokien ab. Die genaue Chronologie und Datierung dieses langen Thronstreits sind umstritten.

Durch den zunehmend ausartenden Konflikt zwischen Nikomedes und Mithridates sah sich Rom zum ersten Mal seit der Rebellion des Aristonikos über 30 Jahre zuvor zu einem militärischen Eingreifen in Kleinasien gezwungen. Dennoch bewirkte dieser Vorfall keinen Wandel der von Passivität bestimmten römischen Politik. Zwar wurde an Mithridates ein Exempel statuiert, als ihm die Kontrolle über die phrygischen Besitztümer entzogen wurde, die sein Vater nach der Rebellion des Aristonikos erhalten hatte,Robert Kallet-Marx: Hegemony to Empire: The Development of the Roman Imperium in the East from 148 to 62 B.C., Berkeley 1995, S. 240–242, 249–250. doch sah Rom die Ordnung in der Region als wiederhergestellt an und erwartete keine weitere Missachtung seiner Vormachtstellung.Robert Kallet-Marx: Hegemony to Empire: The Development of the Roman Imperium in the East from 148 to 62 B.C., Berkeley 1995, S. 249–250.

Kriegsausbruch mini|x215px|Machtverhältnisse in Kleinasien vor Ausbruch des Krieges

Mithridates setzte seine Pläne nun jedoch auf indirektem Wege fort. Um 92 v. Chr. ging er ein Bündnis mit dem armenischen König Tigranes II. ein und bot ihm seine Tochter Kleopatra zur Frau. Daraufhin fiel er auf Wunsch seines neuen Schwiegervaters im benachbarten Kappadokien ein, entthronte Ariobarzanes I. und setzte Ariarathes IX. wieder in die Herrschaft ein. Etwa zur gleichen Zeit war der bithynische König Nikomedes III. verstorben, und sein Sohn Nikomedes IV. war ihm auf den Thron gefolgt. Dessen Halbbruder Sokrates Chrestos beanspruchte jedoch den Thron und vertrieb, unterstützt durch Mithridates, Nikomedes aus Bithynien, der daraufhin nach Rom flüchtete und den römischen Senat um Hilfe anrief. Auch der aus Kappadokien geflüchtete Ariobarzanes bat um die Unterstützung Roms. Der Senat schickte daher im Jahr 91 v. Chr. eine Gesandtschaft unter Führung des Manius Aquillius mit dem Auftrag nach Kleinasien, die Macht der beiden Könige wiederherzustellen.Robert Kallet-Marx: Hegemony to Empire: The Development of the Roman Imperium in the East from 148 to 62 B.C., Berkeley 1995, S. 250–251.Adrian N. Sherwin-White: Roman Foreign Policy in the East, 168 B.C. to A.D. 1, Norman 1984, S. 111. Mithridates wurde angewiesen, dieses Vorhaben zu unterstützen. Erst als Aquillius zusammen mit dem Prokonsul der Provinz Asia, Gaius Cassius, mit einem in der Region ausgehobenen Heer in Kappadokien und Bithynien einmarschierte, gab Mithridates seine Unterstützung für Chrestos und Ariarathes auf, so dass Nikomedes und Ariobarzanes 90 v. Chr. wieder die Kontrolle in ihren Königreichen übernehmen konnten.

Die Verantwortung für den Ausbruch des Krieges im Folgejahr wird von Appian, der wichtigsten historischen Quelle, vor allem Aquillius zugeschrieben. Nach Appians Überlieferung soll Aquillius Nikomedes dazu gedrängt haben, in angrenzende Regionen des pontischen Königreiches einzufallen und diese zu plündern. Als Druckmittel soll Aquillius die große Schuld, die Nikomedes ihm gegenüber aufgrund der vorangegangenen Wiederherstellung seiner Macht hatte, geltend gemacht haben. Aquillius soll dabei die ihm vom Senat übertragenen Kompetenzen überschritten und Nikomedes bewusst zu einem offenen Krieg mit Mithridates angestiftet haben.Appian, Mithridatica, 11–17. Diese Beschreibung der Ereignisse wurde von weiten Teilen der modernen Forschung anerkannt, fand allerdings auch entschiedenen Widerspruch.Robert Kallet-Marx: Hegemony to Empire: The Development of the Roman Imperium in the East from 148 to 62 B.C., Berkeley 1995, S. 251–260, sieht den Ausbruch des Krieges als das Ergebnis einer Miskalkulation, keiner gezielten Eskalation; Brian C. McGing: Mithridates VI Eupator: Victim or Aggressor? In: Mithridates VI and the Pontic Kingdom. Aarhus University Press, Aarhus 2009, S. 203–216, hält Kallet-Marx in Teilen für überzeugend und sieht beide Parteien gleichermaßen als Aggressor. Mithridates reagierte auf diese Aggressionen zunächst auf diplomatischem Wege. Er bat den Senat um Roms Neutralität und die Erlaubnis, den Konflikt zwischen ihm und Nikomedes ohne Roms Einmischung austragen zu dürfen. Die römische Antwort untersagte ihm jedoch jede Reaktion auf Nikomedes’ Aggression und wies beide Könige an, die Kampfhandlungen einzustellen. Der Senat unternahm allerdings keine Anstrengungen, seinen Willen zu vollstrecken, sodass Nikomedes seine Überfälle ungestört fortsetzen konnte. Mithridates ließ daraufhin im Sommer 89 v. Chr. seinen Sohn Ariarathes IX. in Kappadokien einmarschieren und Ariobarzanes I. erneut entthronen.

Erster Mithridatischer Krieg (89–85 v. Chr.) Pontische Offensive in Kleinasien