Kissing ist eine Gemeinde im schwäbischen Landkreis Aichach-Friedberg und liegt rund fünf Kilometer südlich der Stadtgrenze von Augsburg.
Gemeindeteile Die Gemeinde hat drei Gemeindeteile (in Klammern ist der Siedlungstyp angegeben): Kissing (Pfarrdorf) Mergenthau (Dorf) Ottomühl (Weiler)
Geschichte Römerzeit In römischer Zeit führte die sogenannte Via Julia von Norden nach Süden durch Kissing. Diese bedeutende Fernstraße verband die Provinzhauptstadt Augusta Vindelicorum (Augsburg) mit Iuvavum (Salzburg). Zudem verlief eine Abzweigung über den Fernpass. Am nördlichen Rand des Gemeindegebiets wurden in frührömischer Zeit zwei Kleinkastelle angelegt,Siegmar von Schnurbein: Die neuen römischen Kastelle bei Friedberg, Landkreis Aichach-Friedberg, Schwaben. In: Das Archäologische Jahr in Bayern 1982 (1983), S. 99–101; hier: S. 99. die möglicherweise mit der Landeserschließung und dem Aufbau einer inneren Organisation und Infrastruktur für die neue Provinz Rätien, zu der das Kissinger Gemeindegebiet gehörte, zu tun gehabt haben könnten.Wolfgang Czysz: Ein neues römisches Kastell bei Augsburg. In: Das Archäologische Jahr in Bayern 1980 (1981), S. 112–113; hier: S. 113.
Früh- und Hochmittelalter mini|links|Die beiden Wahrzeichen von Altkissing: Der Burgstall (vorne) und die Pfarrkirche St. Stephan. Blick von Südwesten über die Paar
Ein „Kisingas“ erscheint bereits im Jahr 763 im ältesten Freisinger Traditionsbuch. Reginpert, der Stifter des Klosters Scharnitz stattete damals das junge Kloster mit den Gütern seines Erbteiles aus. Ob es sich hierbei um das Kissing an der alten Römerstraße zum Fernpass handelte, ist nicht zweifelsfrei zu klären. Das Kloster wurde dem hl. Petrus geweiht. Auch in Kissing hat sich eine Peterskirche erhalten, deren Gründung wohl auf das Frühmittelalter zurückgeht. Zudem wird in dieser Quelle ein „Pahara“ genannt, das wohl als das nahe Bachern (Friedberg) zu identifizieren ist. Die erste sichere Ersterwähnung ist aus dem Jahre 935 und lautet „Chissingun“. Der Name geht jedenfalls auf den althochdeutschen Männernamen Kiso/Cisso mit -ing zurück.
955 wurden sicherlich auch auf Kissinger Gemeindegebiet einige Kampfhandlungen der Schlacht auf dem Lechfeld ausgetragen. Eine kleinere Ungarnschutzburg hat sich neben dem Schlossgut Mergenthau auf dem Lechfeld erhalten (Ringwall im Ottmaringer Holz).
Zwischen 972 und 976 übergab der freisingische Vasall Jakob dem dortigen Bischof sein Eigentum in „Kisinga“ und „Salahahe“.
Bis gegen 1031 findet sich der Ortsname noch mehrmals in verschiedenen Schreibweisen in den Freisinger Traditionsbüchern. 1085 erscheint ein Adalbero de Chissingin als Zeuge in einer Urkunde des Klosters Habach. Die Edelfreien von Kissing saßen auf ihrer Turmhügelburg in der Nähe der Pfarrkirche. mini|Blick vom Burgstall auf den Altort mini|Der hochmittelalterliche Burgstall mit der Wallfahrtskapelle mini|hochkant|St. Stephan in Altkissing
Das Dorf entwickelte sich um die Peterskirche herum, deren Patrozinium auf das hohe Alter des kleinen Gotteshauses verweist. In der Nähe haben sich auf dem Fuchsberg (Eierberg) Reste einer frühen Burganlage erhalten. Um 1200 begann man mit der Errichtung einer größeren, wehrhaften Pfarrkirche auf der südlich der Peterskirche gelegenen Geländezunge.
Als der Augsburger Bischof Udalschalk im Jahr 1202 verstarb, vermachte er dem Bistum seinen Eigenbesitz in Kissing. Udalschalk stand in naher Beziehung zu den Welfen oder stammte gar selbst aus diesem Geschlecht. Nordöstlich von Kissing haben sich die ausgedehnten Erdwerke der welfischen Burganlage Mergenthau um das heutige Schlossgut erhalten. Der Bischof hatte die Güter wohl vom 1191 verstorbenen letzten Welfen geerbt.
Spätmittelalter Gegen Mitte des 15. Jahrhunderts wurden in einem „Ehaftbuch“ die Rechts- und Herrschaftsverhältnisse der „Grafschaft“ Kissing niedergelegt. 1447 verlieh Bischof Peter von Schaumberg das Dorfgericht für 2000 ungarische Gulden an Hans Meuting. In der Folge kam es immer wieder zu Streitigkeiten mit dem bayerischen Landgericht zu Friedberg. Am 12. Juli 1571 wurde deshalb ein Vertrag unterzeichnet, der die Hofmark Kissing der bayerischen Blutgerichtsbarkeit unterstellte. Die niedere Gerichtsbarkeit verblieb beim bischöflichen Richter. Die Bevölkerung musste sich dem Herzog unterwerfen und Leib- und Landsteuer abführen.
Frühe Neuzeit Trotz dieses Vertrages kam es weiterhin zu Konflikten zwischen dem Hochstift und Bayern. Unter Bischof Heinrich von Knöringen empfahl das Domkapitel aus diesem Grund den Verkauf der Hofmark an die Jesuiten. Kissing lag ungünstigerweise auf der bayerischen Lechseite. Man hielt es für besser, „im Land Schwaben ein anders gelegnes Gueth dagegen gleich einzuthuen“.
Der Verkauf wurde am 7. Juli 1602 bestätigt und am 18. Februar 1603 notariell beglaubigt. Die Herrschaft kam für 42.500 Gulden an das Jesuitenkolleg St. Salvator zu Augsburg. In den nächsten vier Jahrzehnten erwarben die Jesuiten systematisch die meisten sonstigen Herrschaftsrechte im Ort hinzu.
Während des Spanischen Erbfolgekrieges wurde das Gut der Jesuiten auf dem Areal der alten Welfenburg Mergenthau verwüstet. Zwischen 1713 und 1715 entstand das erhaltene barocke „Tusculum“ (Landhaus), dessen Architekturgliederung heute allerdings verstümmelt ist. Gleichzeitig errichtete man das Schlösschen unter der Pfarrkirche als Sitz des Landrichters.
19. und 20. Jahrhundert Kissing gehörte dem Jesuitenorden bis zu dessen Auflösung im Jahr 1773. Die Hofmark blieb bis 1848 bestehen, wurde jedoch ab 1803 in das bayerische Staatswesen überführt. Kissing wurde dem Landgericht (später Bezirksamt) Friedberg zugeteilt. Für kurze Zeit gehörte das Dorf dem Lechkreis (Augsburg) an, wurde dann zum Isarkreis (München) und schließlich zum Donaukreis (Ingolstadt) geschlagen. Zwischen 1937 und 1943 gehörte die Gemeinde zu Oberbayern. 1944 wurde der Landkreis Friedberg wegen seiner Nähe zur Großstadt Augsburg endgültig dem Regierungsbezirk Schwaben zugeteilt. 1950 bestätigte die Bevölkerung diese Entscheidung in einer Volksabstimmung.
1837 begann der Bau der Eisenbahnlinie Augsburg-München, die aber westlich am Altort vorbeiführte.
1840 zählte die Gemeinde 915 Einwohner, die fast ausschließlich von der Landwirtschaft lebten. Die meisten Gebäude waren noch mit Stroh gedeckt, was zu zahlreichen Bränden führte. Aus dem Jahr 1903 sind 10 Großbrände überliefert. Zu dieser Zeit hatten sich bereits zahlreiche Handwerksbetriebe angesiedelt. Sechs Wirtshäuser luden zur Einkehr ein.
Im Deutsch-Französischen Krieg und im Ersten Weltkrieg fielen zahlreiche Kissinger auf den Schlachtfeldern Europas. Das Kriegerdenkmal auf der Vorburg des hochmittelalterlichen Burgstalles erinnert an die gefallenen Gemeindeglieder.
Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges (1939) stieg die Einwohnerzahl auf 1665 an.
Nach dem Zweiten Weltkrieg Nach Kriegsende begann ein rascher Aufstieg der Gemeinde. Bedingt durch die Nähe zur Großstadt Augsburg siedelten sich zahlreiche Industriebetriebe (u. a. das Eisenwerk der Gebrüder Frisch) an der Bahnlinie an. Große Neubaugebiete entstanden auf den für die Landwirtschaft nur bedingt geeigneten Äckern des Lechfeldes. Diese Neubauten wurden hauptsächlich von Heimatvertriebenen und Flüchtlingen aus dem Osten bezogen.
1957 errichtete die Gemeinde zwischen den beiden Ortsteilen eine neue Volksschule. In diesem Jahr konnte auch die katholische St. Bernhardskirche in Neukissing geweiht werden. Neben der Schule entstanden die Neubauten des Rathauses und einer Mehrzweckhalle (1972). 1986 kam noch die Paartalhalle als neue Mehrzweckhalle und ein neuer Sportplatz hinzu und hat sich zum stark frequentierten Sport- und Veranstaltungszentrum entwickelt.
1972 vereinigte man die beiden Altlandkreise Aichach und Friedberg im Zuge der Verwaltungsreform zum Landkreis Aichach-Friedberg. 1976 wies die Staatsregierung der Gemeinde eine Funktion als Siedlungsschwerpunkt im Verdichtungsraum Augsburg zu.
Heute besteht der Ort noch immer aus zwei Teilen. Westlich der Paar liegt das vorstädtisch geprägte Neukissing mit dem alten und dem neuen Bahnhof und den Industriegebieten. Der Altort unter der Kirche und dem Burgstall hat sich zumindest in seinem Kern noch sein landwirtschaftlich geprägtes schwäbisch-bayrisches Dorfbild bewahrt.
Viele Kissinger pendeln täglich zur Arbeit in die nahen Großstädte Augsburg und München. Die Industrie- und Dienstleistungsbetriebe westlich der Bundesstraße nach München bieten jedoch zahlreiche Arbeitsplätze in der Gemeinde. Um die Jahrtausendwende wurden weitere große Baugebiete ausgewiesen. Wegen des hohen Freizeitwertes ist Kissing besonders bei jungen Familien aus dem Großraum Augsburg-München als Wohnort beliebt. In Lechnähe wurden zwei ehemalige Kiesgruben zu großen Badeseen umgestaltet. Bei Merching ergänzt die Lechstaustufe 23 das Freizeitangebot. Am Lechrain ermöglichen größere Waldbestände ausgedehnte Wanderungen.
Einwohnerentwicklung Zwischen 1988 und 2019 wuchs die Gemeinde von 8.737 auf 11.621 um 2.771 Einwohner bzw. um 33,0 %.
Politik Gemeinderat Der Gemeinderat Kissings setzt sich aus dem Ersten Bürgermeister und 24 Gemeinderatsmitgliedern zusammen. Die vergangenen Kommunalwahlen führten zu folgenden Ergebnissen:
Parteien und Wählergemeinschaften 2020 2014 % Sitze % Sitze Christlich-Soziale Union in Bayern (CSU) 42,1 10 36,7 9 Bündnis 90/Die Grünen (Grüne) 21,4 5 11,3 3 Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) / Freie Bürger 20,1 5 40,3 9 Freie Demokratische Partei (FDP) 2,9 1 – – Freie Wähler (FW) 13,5 3 11,7 3 Gesamt (evtl. nach Korrektur von Rundungsungenauigkeiten) 100 24 100 24 Wahlbeteiligung 54,5 %
Bürgermeister Manfred Wolf war seit 1996 der Bürgermeister, dieser wurde 2002, 2008 und 2014 wiedergewählt.Nach 22 Jahren: Bürgermeister Wolf hört zum Ende des Jahres auf. In: Augsburger Allgemeine, veröffentlicht am 14. Dezember 2018, abgerufen am 12. Januar 2026. Er trat aus gesundheitlichen Gründen zum 1. Januar 2019 zurück.Augsburger Allgemeine "Wer wird neuer Bürgermeister in Kissing?" - (Stand: 27. Februar 2019)Website des nunmehr Ex-Bürgermeisters - (Stand: 27. Februar 2019) In der Wahl vom 24. März 2019 setzte sich Reinhard Gürtner als sein Nachfolger durch.
Wappen
Nach der Genehmigung des Bayerischen Staatsministeriums konnte die Gemeinde Kissing auch eine eigene Fahne annehmen. Die Farben der dreistreifigen Fahne richten sich nach den Hauptfarben des Gemeindewappens: Weiß (Silber) – Rot – Gelb (Gold)
Wirtschaft und Infrastruktur Verkehr Bahn Kissing liegt an der Bahnstrecke Augsburg–München, die bereits 1840 als eine der ersten bayerischen Eisenbahnverbindungen eröffnet wurde. Im Zuge des viergleisigen Ausbaus der Strecke wurde im November 2001 der alte Bahnhof geschlossen und durch einen etwas weiter südlich gelegenen neuen Haltepunkt ersetzt. Seit Ende 2008 wird dieser Haltepunkt zu den Hauptverkehrszeiten zwischen Augsburg und Mering viertelstündlich bedient. Nach München wurde ein Halb-Stunden-Takt eingerichtet. Die Verbindung mit der Ammerseebahn und weiter Richtung Weilheim und Schongau wird stündlich angeboten.
Straße Durch Neukissing hindurch verläuft in Nord-Süd-Richtung die Bundesstraße 2. Über Mering und Königsbrunn wird die B 17 in Richtung Landsberg am Lech und Füssen erreicht. Über Friedberg führt der Weg zur Autobahnanschlussstelle 74a (Derching) an der Bundesautobahn 8.
Bus mini|DRB-Bus im Augsburger Verkehrs- und Tarifverbund (AVV) Linie Linienverlauf Verkehrsunternehmen Mering – Kissing – Augsburg-Hochzoll DB Regio Bus Bayern GmbH (DRB) Mering – Kissing – Friedberg DB Regio Bus Bayern GmbH (DRB) Anruf-Sammel-Taxi Mering – Kissing – Friedberg Taxi Ruf (im Auftrag von DB Regio Bus Bayern GmbH (DRB))
Fußwege