mini|Umschlag der Erstausgabe (1922)

Ulysses (englisch für Odysseus, von ) gilt als der bedeutendste Roman des irischen Schriftstellers James Joyce und als richtungsweisend für den modernen Roman.

Joyce beschreibt im Ulysses in 18 Episoden einen Tag, den 16. Juni 1904, im Leben des Leopold Bloom, seines Zeichens Anzeigenakquisiteur bei einer Dubliner Tageszeitung. In Anlehnung an Homers Irrfahrten des Odysseus lässt er den Leser an den (Irr-)Gängen seines Protagonisten durch Dublin teilhaben.

Joyce schildert dabei nicht nur die äußeren Geschehnisse, sondern auch die Gedanken seiner Protagonisten mit allen ihren Assoziationen, Erinnerungsfetzen und Vorstellungen. Die Sprache wird dabei ungeordnet und bruchstückhaft verwendet, „wie es der Person gerade durch den Kopf geht“. Dieses von Verfassern wie Arthur Schnitzler bekannte Stilelement, der sogenannte Bewusstseinsstrom oder Innerer Monolog, wird hier erstmals zentrales Gestaltungselement eines Romans.

Das vollständige Werk erschien erstmals 1922, in deutscher Sprache 1927.

Entstehung Ursprünglich war der Stoff des Romans als 13. Erzählung in dem Band Dubliner geplant, Joyce entschied sich jedoch anders und begann 1914 mit einer epischen Bearbeitung.

Ab 1918 erschienen Auszüge in mehreren Teilen zuerst in der amerikanischen Zeitschrift Little Review. Wegen Obszönität wurden die entsprechenden Ausgaben mehrfach vom United States Post Office beschlagnahmt. 1919 erschienen weitere fünf Fortsetzungen in der englischen Zeitschrift Egoist der Avantgardistin Harriet Weaver.

Am 2. Februar 1922, seinem 40. Geburtstag, erschien, einer selbstgesetzten Frist Joyce’ entsprechend, die Erstausgabe des Ulysses. Die Arbeit an dem Werk hatte ihn dermaßen erschöpft, dass er mehr als ein Jahr lang nicht schrieb.Bulson, Eric: The Cambridge Introduction to James Joyce. Cambridge University Press, 2006, Seite 14. Die Erstausgabe erschien, verlegt durch Sylvia Beach, Besitzerin der Buchhandlung Shakespeare and Company (Rue de l’Odéon 12) in Paris, allerdings gekürzt um Passagen, die zu dieser Zeit als obszön galten. Die erste vollständige und von Joyce autorisierte deutsche Übersetzung durch Georg Goyert erschien 1927. Ursprünglich hatten die Kapitel des Romans Überschriften, die sich auf die Odyssee beziehen; in der letztlich publizierten Fassung hat Joyce sie weggelassen.

Das Manuskript des Ulysses befindet sich im Rosenbach Museum & Library in Philadelphia.The Rosenbach: James Joyce’s Ulysses

Überblick Ulysses lässt sich in Analogie zu Homers Odyssee in die drei Hauptteile gliedern: „Telemachie“ (Geschichten von Telemachos), „Odyssee“ (Irrfahrten des Odysseus) und „Nostos“ (Heimkehr).

Jedes der 18 Kapitel kann einer Episode aus dem homerischen Epos zugeordnet werden (das selbst 24 Gesänge umfasst). Dabei wird das jeweilige Thema nicht nur inhaltlich, sondern auch durch die stilistische Komposition dargestellt.

Joyce lässt den Leser einen ganzen Tag lang an den (Irr-)Gängen seines Protagonisten Leopold Bloom durch Dublin teilhaben, die in der Nacht schließlich in der Begegnung mit dem jungen Lehrer Stephen Dedalus kulminieren, nachdem sich beide während des Tages schon mehrmals begegnet sind. Auf diese Weise entsteht letztlich ein intensives und realistisches Bild der Stadt Dublin an jenem 16. Juni 1904:

Stephen Dedalus ist auch der Protagonist der ersten drei Kapitel (Telemachie). Auch in Joyce’ gleichzeitig begonnenem, jedoch bereits 1916 veröffentlichtem Roman Ein Porträt des Künstlers als junger Mann ist dieser die Hauptfigur (siehe unter James Joyce). In der Telemach-Figur Stephen Dedalus hat Joyce sich selbst porträtiert. Besonders die ersten drei Kapitel beziehen sich in zahlreichen Anspielungen auf Joyce’ Leben. Richard Ellmann geht hierauf in seiner Joyce-Biografie ein.

Das Gorman-Gilbert-Schema

Der Roman in seiner von Joyce nach vielfachen Überarbeitungen veröffentlichten Fassung besitzt keine Kapitelüberschriften. Der Autor hat aber einigen befreundeten Personen Schemata überlassen, die jedem Kapitel ein Organ, eine wissenschaftliche Disziplin, eine Farbe, ein Symbol, eine Technik zuordnen und die jeweiligen Protagonisten der Handlung mythischen und literarischen Personen zuordnet.

Die bekannteste und umfangreichste Version dieses „Schlüssels zum Roman“ ist das so genannte Gorman-Gilbert-Schema. Stuart GilbertSiehe :en:Stuart Gilbert (engl. WP). und Herbert Gorman veröffentlichten es 1930, um den Roman gegen den Vorwurf der Obszönität zu verteidigen.

Die von James Joyce 1921 für Gilbert im Schema als Lesehilfe angegebenen Stichworte erschließen sich meist nicht von selbst aus dem Text des jeweiligen Kapitels. Einzelne Zuordnungen und Verschlüsselungen werden nach wie vor in der Literaturwissenschaft kontrovers diskutiert.

Besonderheiten des Romans Bewusstseinsstrom

Der Bewusstseinsstrom ist keine Erfindung von James Joyce, aber im Ulysses erstmals konsequent durchgehalten. Hierdurch erreichte Joyce die größtmögliche Nähe zu den Personen seines Romans, wenngleich dieses Vorgehen den Zugang zur Erzählung zunächst erschwert.

Analog zur Arbeitsweise des Bewusstseins verläuft der literarische „Sprachstrom“ nicht linear. Worte und Sätze sind unvollständig, das Thema ändert sich mitten im Satz. Wie Geräusche aus der Außenwelt in das Bewusstsein eindringen, so schieben sich die Beschreibungen davon als Schnipsel in den Verstand des Lesenden – die Assoziationen scheinen völlig frei zu fließen. Es können dabei Gedankeninhalte unterschiedlicher Personen ineinander übergehen, so dass nur noch die jeweils charakteristische Sprachebene eine Unterscheidung der Personen zulässt. Auf diese Weise konnte Joyce beliebig viele Anspielungen und Wortspiele im Roman unterbringen, wie er später stolz erklärte:

Häufig, besonders im (zehnten) „Irrfelsen“-Kapitel, überlagern und überschneiden sich die Gedanken mehrerer Personen, die sich flüchtig begegnen, Straßengeräusche dringen kurz ins Bewusstsein ein oder bleiben gerade an dessen Schwelle stehen. Ereignisse, die sich gleichzeitig an verschiedenen Orten Dublins abspielen, durchdringen sich, stehen nebeneinander oder verschwimmen zu einem einzigen Eindruck.

Sprache Je nachdem, mit welcher Person Joyce den Bewusstseinsstrom synchronisiert, passt sich der Buchtext exakt der Person an. Handelt oder denkt Stephen Dedalus, der Intellektuelle, so hebt sich das Sprachniveau, lateinische Zitate werden eingefügt, der Satzbau ist kompliziert. Fokussiert sich die Aufmerksamkeit auf drei Mädchen, so nimmt der Text die Gestalt einer spätviktorianischen Liebes-Schmonzette an.

Im 14. Kapitel („Die Rinder des Sonnengottes“) wird das Wachstum eines Kindes im Leib der Mutter sprachlich symbolisiert, indem der Text sich schrittweise vom Altenglischen bis zur modernen hiberno-englischen Umgangssprache entwickelt. Mit Hilfe wechselnder Sprachstile vollzieht der Text gleichsam die „Ontogenese“ der englischen Sprache von frühesten angelsächsischen Dokumenten wie dem Beowulf ausgehend über Jean de Mandeville, Daniel Defoe, Laurence Sterne, Edward Gibbon, Thomas Carlyle, John Ruskin, Oscar Wilde bis hin zu moderner irisch-englischer Umgangssprache. Mit der Geburt des Kindes („Hoopsa boyaboy hoopsa!“) erblickt gleichzeitig die Gossensprache das Licht der (literarischen) Welt.

Das siebte Kapitel („Äolus“) ist vollständig in Form kurzer Zeitungsartikel verfasst.

Das letzte Kapitel, der berühmte Schlussmonolog von Blooms Frau Molly, „Penelope“ genannt, besteht aus acht langen Sätzen ohne Interpunktionszeichen, die den Leser Mollys Bewusstseinsstrom miterleben lassen.

Subjektive Zeit und das Phänomen der Begegnung Zeit verstreicht im Ulysses nicht ausschließlich geradlinig. An einigen Stellen kann der Zeitpunkt im Roman objektiv festgelegt werden, etwa durch eingefügte Uhrenschläge, Kirchenglocken oder den mittäglichen Böllerschuss.

In ihrem Ablauf, als kontinuierlicher Prozess, ist die Romanzeit dagegen subjektiv und vom individuellen Erleben bestimmt. Bestenfalls verbringen einige Individuen gemeinsam einen Zeitabschnitt. In diesem Fall wird die objektive Zeitdauer des kollektiv Erlebten unscharf. Im Extremfall können räumlich weit getrennte, aber exakt gleichzeitig stattfindende Ereignisse im Roman in einem Satz oder Textabschnitt „stattfinden“ und sich gegenseitig durchdringen, das heißt in einen Bezug zueinander gesetzt werden. Zeitliche Deckungsgleichheit macht die exakte Bestimmung des Ortes wiederum unmöglich.

Im Gegensatz zur linear kohärenten Zeitstruktur des klassischen realistischen Romans wagt es Joyce im Ulysses, die Zeit dem jeweiligen individuellen Erleben der Romanfiguren als innere Zeit oder „Lebenszeit“ anzupassen. Das literarische Mittel hierzu ist die Technik des inneren Monologs. Begegnen sich Individuen, so berühren sich kurzzeitig die Zeitebenen. Die Bewusstseinsmonologe verschmelzen, um sich unmittelbar danach wieder zu trennen. Es gelingt dem Roman, diese kurzfristige Synchronisation des individuellen Zeiterlebens und der Bewusstseinsebenen in äußerster sprachlicher Präzision wiederzugeben.

Erzählhaltung, Rolle des Lesers Die Genauigkeit, in der die alltäglichen Begegnungen und die Gedanken der Protagonisten reproduziert sind, lässt Erläuterungen eines Erzählers nicht zu. Die Distanz zwischen Erzählendem und Lesendem ist weitestgehend aufgehoben (es sei denn, die Erzähltechnik unterliegt den Gattungskonventionen, wie zum Beispiel im 13. Kapitel Nausikaa). Der Leser muss die Ereignisse und Personen selbst ordnen, er „lebt mit“ den agierenden Personen. Der Autor überlässt den Leser unmittelbar dem Geschehen und den handelnden Personen und tritt (auf den ersten Blick) selbst vollständig zurück.

Die völlige Aufhebung jeder Distanz zwischen den Romanfiguren und dem Leser, die den Erzähler und die Vorstellung eines Autors (vgl. impliziter Autor) vordergründig ins Nichts verschwinden lässt, gehört zum Faszinierendsten, was Ulysses seinen Lesern bieten kann. Aber da der Autor, Joyce, allein bestimmt, welche Aspekte des 16. Juni 1904 er dem Bewusstsein des Lesers zukommen lässt, ist dieser somit aufs Äußerste, in jedem Wort, präsent. Für die Dauer der Lektüre kontrolliert der Autor das Bewusstsein des Lesers, der sich in bis dahin literarisch-technisch nie für möglich gehaltenem Ausmaß darauf einlassen muss.

Der Roman erfordert einen neuen Typ Leser, der sich im Buch ohne Führung und Kommentar des Erzählers zurechtfindet. Der Leser „geht im Buch spazieren“ wie ein wirklicher Wanderer durch eine wirkliche Stadt.

Am Ende des Buches hat der Leser, der sich auf Joyce einlässt, einen echten Tag im Dublin des Jahres 1904 erlebt, mit allen Eindrücken, die ein Lebenstag mitbringt. Joyce meinte, aus seinem Buch könne man Dublin vollständig rekonstruieren. Dennoch ist dieser Alltag nur insofern authentisch, als er dem subjektiven Erleben seines Romanautors entspricht.

Mehr noch als die angeblich „pornografischen“ Passagen des Buches (die auf den heutigen Leser kaum noch anstößig wirken) verstörte diese radikal neue Schreibweise Joyce’ seine Leser. Nur langsam entwickelte sich das Verständnis für James Joyce und sein Werk.

Bezug zur Odyssee Parallel zu Homers Versepos Die Odyssee gliedert sich Ulysses in drei große Teile: Telemachie, Odyssee, Nostos. Diesen sind wiederum 18 (3+12+3) Episoden aus dem Epos zugeordnet. Ursprünglich hatten die Kapitel des Romans Überschriften, die sich auf die Odyssee beziehen; in der letztlich publizierten Fassung hat Joyce sie weggelassen.