rechts|300px mini|Areal des Legionslagers, Blick aus Nordost (2010) mini|Die Donau bei Albing, links oben die Einmündung des Altarms der heute die NO-Ecke des Lagers überdeckt mini|Grundrisse der Toranlagen von Albing mini|Befundplan des Legionslagers, 1904–2007 mini|Rekonstruktionsversuch der Porta Praetoria des Kastell Pfünz, so ähnlich könnte auch die Porta Principales Dextra (Osttor) des Lagers von Albing geplant gewesen sein mini|Rekonstruktionsversuch des Nordtores von Favianis, so könnte auch die Porta Decumana des Lagers von Albing geplant gewesen sein mini|Konglomerat der Albinger Kastellmauer
Das Legionslager Albing war Stützpunkt einer römischen Legion und einer Reitereinheit am Limes Noricus in Österreich, Bundesland Niederösterreich, Bezirk Amstetten, Gemeinde St. Pantaleon-Erla/Ortsteil Albing. Das Bodendenkmal ist seit 2021 Bestandteil des zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen Donaulimes.
Als Hauptquartier der neu aufgestellten Legio II Italica war es für kurze Zeit militärisches und politisches Machtzentrum der Provinz Noricum sowie Sitz des Legatus Augusti pro praetore provinciae Norici, des Statthalters und Befehlshabers der Legion. Es ist das größte bekannte römische Kastell in Österreich. Die Befestigung wurde jedoch schon kurz vor ihrer Fertigstellung wieder aufgegeben, da die Legion in das günstiger gelegene Lager Lauriacum beim heutigen Enns verlegt wurde.
Name Der antike Name des Lagers ist unbekannt. Die Versuche einer Identifizierung mit Mariniainum, Elegio (evtl. von e(x) legio(ne)Hans Petrovitsch, 2006, S. 306) (Tabula Peutingeriana Segmentum III/5) oder Claudivium (Claudius Ptolemäus 2, 13) sind wissenschaftlich nicht beweisbar.Kurt Genser, 1986, S. 168 Möglicherweise wurde es auch einfach nur als Legio (d. h. bei der Legion) bezeichnet wie auch andere Lager im Imperium wie zum Beispiel León, der Standort der Legio VII Gemina in Spanien.Gerhard Winkler, 2003, S. 133 Die heutigen Orts- und Flurnamen wie zum Beispiel Marksee, Moosmühle lassen auf frühere großflächige Versumpfungen in der Umgebung schließen.Max v. Groller 1906, Sp. 46.
Lage Die Fundstelle liegt etwa zwei Kilometer östlich der heutigen Mündung der Enns und befindet sich etwas abseits der Limesstraße auf einer leicht erhöhten Terrasse, die in der mittleren Kaiserzeit von Donauarmen und sumpfigen Niederungen umgeben war. Maximilian von Groller-Mildensee vermerkte Anfang des 20. Jahrhunderts in seinem Grabungsbericht, dass nur wenige hundert Schritte landeinwärts noch Schotterlagen unter dem Humus lagen und verwies dabei auch auf Spuren von – heute verlandeten – Seitenarmen der Donau um das Kastellareal. Er nahm an, dass das Lager in der Antike noch auf einer Art Schwemmschotterinsel gelegen haben könnte oder teilweise von Donauarmen umflossen war, da keine Wehrgräben nachgewiesen werden konnten.
Forschungsgeschichte Nachdem bereits um 1900 römerzeitliche Mauern und Funde (Münzen, Ziegelstempel) zutage gekommen waren, berichtete E. Schmidel 1902 (nach Versuchsgrabungen) über die Entdeckung von Resten einer Mauer, die sich über einen Kilometer entlang der Straße von Enns nach St. Pantaleon hinzog. Die ersten wissenschaftlichen Ausgrabungen fanden Anfang des 20. Jahrhunderts statt. Oberst Maximilian von Groller-Mildensee und Maximilian Nistler untersuchten große Teilbereiche der Befestigungen.
In den Jahren 1904 bis 1905 wurden, in Verbindung mit den Grabungen in Lauriacum, die Umfassungsmauer, drei Toranlagen und einige Türme freigelegt oder angeschnitten sowie deren Lage durch Sondierungen festgestellt. Dadurch gelang es auch, den Gesamtumfang des Lagers genau zu bestimmen. In den letzten Tagen der Ausgrabung wurde an der Schnittstelle der angenommenen Straßen römerzeitliches Mauerwerk angegraben, aus dessen Schutt Ziegelstempel der legio II Italica geborgen werden konnten.Maximilian von Groller: Die Grabungen im Kastell Albing. In: Der römische Limes in Österreich 8, 1907, S. 157–172.
Im Jahre 1985 dokumentierte Erwin M. Ruprechtsberger bei Bauarbeiten Fundamente der Kastellmauer in 1,3 bis 1,5 m Tiefe. Die durch Kalkmörtel verbundenen Geschiebesteine des Mauerwerkes verliefen in südwest-nordöstlicher Richtung und saßen auf einer Lage Kieselsteine auf. Man kam dabei zu dem Schluss, dass das Lager nie vollendet wurde. Man stieß teilweise auf nur halbfertige Fundamente, das Lager wurde scheinbar noch vor Fertigstellung der Ringmauer aufgegeben. Auch konnten keine Kleinfunde gemacht werden, auf diesen Umstand hatte schon Max von Groller hingewiesen.Erwin M. Ruprechtsberger: Fundbeobachtungen im Legionslager von Albing/St. Pantaleon/NÖ. In: Pro Austria Romana 35, 1985, S. 13. Jener Teil der Mauer, der durch die Baugrube verlief, wurde geborgen und beim Sportplatz der Hauptschule 1 in Enns aufgestellt.Erwin M. Ruprechtsberger: Die Legionslager in Albing und Lauriacum, in: Ausstellungskatalog Oberösterreich – Grenzland des römischen Reiches (Kataloge des OÖ. Landesmuseums), 1986, S. 71–78.
Auf einem benachbarten Grundstück wurde beim Bau eines Hauses die Mauer wieder in 2,5 m Tiefe beobachtet, genau an der Stelle, wo schon Groller deren Verlauf zuletzt in einer von ihm als fundleer beurteilten Überschwemmungszone angetroffen hatte. Die Abbruchkante entspricht dem Verlauf der Straße, die am Donaualtarm entlangführt.
Eine Anrainerin wies die Archäologen 2006 auf einen bewuchsarmen Streifen in den umliegenden Feldern hin (sogenannter Hitzeriegel), der – wie sich später bei einer Nachgrabung herausstellte – den Verlauf der Kastellmauer und die Position eines Zwischenturmes markierte.Fundberichte aus Österreich 45, 2006, S. 33. Ebenfalls 2006 wurden im Rahmen einer Baumaßnahme Teile der Porta decumana (Südwesttor) des Lagers freigelegt.Gottfried Artner, Silvia Müller, Roman Igl: Neues zur römerzeitlichen Legionsfestung in Albing, NÖ. Eine ewige Baustelle? In: Raimund Kastler, Felix Lang, Holger Wendling (Hrsg.): Faber Salisburgi. Festschrift für Wilfried K. Kovacsovics zum 65. Geburtstag. Universität Salzburg, Fachbereich Altertumswissenschaften, Salzburg 2018, ISBN 978-3-9504667-0-6, S. 33–40, hier S. 36–37.
Im Folgejahr, 2007, fanden Grabungen im Bereich des Stabsgebäudes (principia) statt, bei denen die unfertigen Grundmauern sowie Spuren von nicht beendeten Bautätigkeiten (zwei Mörtelwannen) nachgewiesen wurden. Von 2008 bis 2014 lief schließlich ein Forschungsprojekt des Österreichischen Archäologischen Instituts in Kooperation mit dem Bundesdenkmalamt, bei dem alle Flächen des Lagers, die für die Begehung zugänglich waren, geophysikalisch untersucht wurden. Dabei wurde flächendeckend (auf 21,1 Hektar) Geomagnetik und an besonders aussagekräftigen Stellen (Befestigung und Stabsgebäude, insgesamt 4,2 Hektar) auch Georadar eingesetzt.Stefan Groh: Im Spannungsfeld von Macht und Strategie. Die legio II Italica und ihre Castra von Ločica (Slowenien), Lauriacum/Enns und Albing (Österreich). Gesellschaft für Landeskunde und Denkmalpflege Oberösterreich, Linz 2018, ISBN 978-3-902299-10-9, S. 13–14 und 25–26. Die Ergebnisse dieser Forschungen legte Stefan Groh 2018 in einer Monographie zu den drei Legionslagern der Legio II Italica (Ločica, Lauriacum und Albing) vor. Dabei kam er zu dem Ergebnis, dass die bisherige Chronologie der Lager zu korrigieren ist und das Legionslager Albing nicht vor Lauriacum in den 170er Jahren errichtet wurde, sondern aus den 210er Jahren stammt und als Ersatz für Lauriacum geplant, dann aber nicht fertiggestellt wurde.Stefan Groh: Im Spannungsfeld von Macht und Strategie. Die legio II Italica und ihre Castra von Ločica (Slowenien), Lauriacum/Enns und Albing (Österreich). Gesellschaft für Landeskunde und Denkmalpflege Oberösterreich, Linz 2018, ISBN 978-3-902299-10-9, S. 91–92. Seine Ergebnisse fanden Zustimmung in der Forschung.Veronika Fischer: Rezension zu Stefan Groh, Im Spannungsfeld von Macht und Strategie. In: Bonner Jahrbücher. Band 220, 2020, S. 498–502, DOI:10.11588/bjb.2021.1.95999 (Open Access); Gottfried Artner, Silvia Müller, Roman Igl: Neues zur römerzeitlichen Legionsfestung in Albing, NÖ. Eine ewige Baustelle? In: Raimund Kastler, Felix Lang, Holger Wendling (Hrsg.): Faber Salisburgi. Festschrift für Wilfried K. Kovacsovics zum 65. Geburtstag. Universität Salzburg, Fachbereich Altertumswissenschaften, Salzburg 2018, ISBN 978-3-9504667-0-6, S. 33–40, hier S. 39.
Erneute Baumaßnahmen führten 2016 und 2017 zu weiteren archäologischen Untersuchungen, bei denen ein weiterer Zwischenturm der Lagermauer freigelegt wurde. Von diesem Turm ausgehend wurde noch ein 34 Meter langer Streifen ins Lagerinnere aufgedeckt, in dem sich jedoch keinerlei archäologische Spuren, sondern nur gewachsener Boden fanden.Gottfried Artner, Silvia Müller, Roman Igl: Neues zur römerzeitlichen Legionsfestung in Albing, NÖ. Eine ewige Baustelle? In: Raimund Kastler, Felix Lang, Holger Wendling (Hrsg.): Faber Salisburgi. Festschrift für Wilfried K. Kovacsovics zum 65. Geburtstag. Universität Salzburg, Fachbereich Altertumswissenschaften, Salzburg 2018, ISBN 978-3-9504667-0-6, S. 33–40, hier S. 38. Das 2017 etwa zehn Kilometer östlich von Enns in St. Pantaleon (Niederösterreich) im Ortsteil Stein entdeckte Kohortenkastell existierte schon seit Mitte des 1. Jahrhunderts und bewies, dass die Region schon kurz nach der römischen Eroberung militärisch erschlossen wurde.
Entwicklung Die Legio II Italica wurde um 165 n. Chr. von Kaiser Mark Aurel zur Verstärkung der Donauarmee gegen die Markomannen ausgehoben und war die erste in Noricum stationierte Legion seit Eingliederung der Provinz in das Imperium Romanum unter Claudius. Um 170 n. Chr. wurde sie im Zuge der Markomannenkriege an die norische Donaugrenze verlegt, wo die Soldaten bei Albing mit dem Bau des Lagers begannen. Möglicherweise stand hier schon seit dem 2. Jahrhundert ein Auxiliarkastell.R. Harreither 2003, S. 128. Ein großer Teil der markomannischen Invasoren, die durch das Tal der Aist in den Süden vorgedrungen waren, hatte wahrscheinlich an dieser Stelle die Donau überschritten.Gerhard Winkler 1982, S. 137. Die dauerhafte Stationierung einer Legion in Noricum brachte für die Provinz tiefgreifende Veränderungen. Die bedeutendste war sicher die Übernahme der Agenden eines Statthalters durch den Legionslegaten.
Das Lager konnte allerdings nur wenige Jahre genutzt werden. Als wiederholt verheerende Überschwemmungen auftraten, war die Verlegung der Legion nach Lauriacum wohl unumgänglich geworden. Der Grund hierfür dürfte eine ab dem späten 2. Jahrhundert einsetzende Klimaveränderung gewesen sein, die zur Zunahme solcher Hochwasserkatastrophen, damit unweigerlich auch zu einem kontinuierlichen Anstieg des Grundwasserspiegels und einem Rückstau der Enns führte.Johann Offenberger 1983, S. 152–154. Ob das Albinger Lager aber tatsächlich nur wegen der Hochwassergefahr verlassen wurde, ist von der Forschung noch nicht befriedigend geklärt worden. Auch das Legionslager von Regensburg wurde auf hydrologisch ungünstigem Terrain angelegt. Den Ingenieuren jener Zeit standen aber durchaus wirksame technische Möglichkeiten zur Verfügung, um das Areal trotzdem bebaubar zu machen, im Fall von Regensburg durch Aufschüttung einer 1,10 m hohen Kiesterrasse. Dennoch könnte es in einer regenreichen Jahreszeit zu einer teilweisen Unterspülung des Uferbereiches gekommen sein, die das Lager zwar noch nicht unmittelbar bedrohte, für die nähere Zukunft aber permanent die Gefahr einer Unterspülung und Abrutschung eines Teils des Lagerareals gegeben war. Dies konnte bei mehreren Kastellen am norischen Limes beobachtet werden.Hans Petrovitsch 2006, S. 306. Den Grabungsberichten Max von Grollers ist jedenfalls zu entnehmen, dass das Lager schon vor Beendigung der Bauarbeiten wieder aufgegeben worden sein könnte:
Am Südwest- und am Südosttor konnte keine Straßenschotterung nachgewiesen werden,Hannsjörg Ubl: persönliche Mitteilung vom Juli 1998.