mini|Pärchen der Gehörnten Mauerbiene in Prä- oder Postkopula

Als Wildbienen bezeichnet man sämtliche Arten der Bienen aus der Überfamilie Apoidea mit Ausnahme der als Nutztiere gehaltenen Honigbienen. Der Begriff Wildbiene hat keine Relevanz in der biologischen Systematik.

In der Zoologie war auch schon der Name Blumenwespen als Bezeichnung für diese Gruppe der Bienen geläufig. Damit drückte man die Ähnlichkeit mancher Bienengruppen, z. B. Maskenbienen oder Blutbienen, mit den verwandten Grabwespen aus. Für größere, pelzigere Arten, etwa Pelzbienen oder Hummeln, ist diese Bezeichnung aber nicht passend. Inzwischen wird diese Benennung auch kaum noch verwendet.

Der Begriff Wildbiene wird heute verwendet, um in Publikationen für die breite Öffentlichkeit, etwa Tipps zum Naturschutz, eine Abgrenzung zur Imkerei aufzuzeigen. Bei der umgangssprachlichen Bezeichnung Biene ist häufig die bekannteste Bienenart, die Westliche Honigbiene gemeint. Frei in der Natur lebende Kolonien von Honigbienen werden umgangssprachlich als „wilde Bienen“, „wildlebende Honigbienen“, „Wildvölker“, „Wildbienen“ oder „verwilderte Honigbienenkolonien“ bezeichnet.

Lebensweise Allgemein Es werden ca. 30.000 unterschiedliche Wildbienenarten auf der Erde beschrieben, davon in Deutschland je nach Expertise, Alter der Publikation und verwendetem Artkonzept 548,Paul Westrich, Holger H. Dathe: Die Bienenarten Deutschlands (Hymenoptera, Apidae). Berichtigungen und Ergänzungen. In: Entomologische Zeitschrift. 108 (1998), Nr. 4, , S. 154–156 (wildbienen.info [PDF, 460 kB]). gut 550Wildbienen: Artenportraits (Einführung). In: Wildbienen.de, Hans-Jürgen Martin, abgerufen am 17. Juli 2021 (private Homepage). oder 574. In Baden-Württemberg leben dabei etwa doppelt so viele Arten wie in Schleswig-Holstein.Birgit Vey: Fast die Hälfte aller Wildbienen ist bedroht. In: Badische Zeitung. 5. Oktober 2013, abgerufen am 7. Oktober 2013.

Die Arten unterscheiden sich optisch durch Größe, Färbung oder Musterung, sind aber vielfach nur schwer bis zur Art bestimmbar. Sie zeigen Längen zwischen 1,3 Millimetern und drei Zentimetern.

Gravierend verschieden sind hingegen die bevorzugten Nahrungspflanzen und Nistplatzanforderungen. Viele solitär lebende Wildbienen sind auf eine einzige Pflanzenart oder Gattung angewiesen, sind also Nahrungsspezialisten (oligolektische Arten). Diese Arten sind also auch auf die Blühzeit ihrer Nahrungspflanzen angewiesen. Andere Arten hingegen können Pollen von verschiedenen Pflanzen nutzen, sind also eher Generalisten (polylektische Arten). Diese Arten können dann auch längere Zeit im Jahr aktiv sein. Staatenbildende Bienen wie die Hummeln und manche Schmalbienen (Lasioglossum) sind ebenso wie die Honigbiene polylektisch. Stets dient der Pollenvorrat als Nahrung für die Larven. Die erwachsenen (adulten) Tiere nehmen als Betriebsstoff insbesondere Nektar auf.

Der Pollen wird unterschiedlich zum Nest transportiert. Wichtig ist dabei meistens, dass die Bienen verzweigte Haare haben. Viele Arten transportieren den Pollen mit den Hinterbeinen (Beinsammler), zum Beispiel die Gattungen Lasioglossum, Halictus und Macropis. Die Sandbienen (Andrena) haben zusätzlich zu den Sammelhaaren an den Beinen auch ein mit Haaren umstandenes „Körbchen“ an den Hinterseiten des Thorax. Die Hummeln tragen ebenso wie die Honigbienen den angefeuchteten Pollen auf der Außenseite der Hinterbeine, die glatt ist, aber mit Haaren umgeben („Höschen“). Die Arten der Megachilidae haben an der Ventralseite des Hinterleibes dichte Haare („Bauchbürste“), mit denen sie den Pollen transportieren. Die Maskenbienen und Holzbienen verschlucken den Pollen und transportieren ihn im Kropf, aus dem sie ihn im Nest (mit dem ebenso gesammelten Nektar) wieder auswürgen.

Eine Besonderheit sind ölsammelnde Bienen wie die Macropis europaea, die an Gilbweiderich Pflanzenöl sammeln.

Verschiedene Bodenarten fördern jeweils das Vorkommen besonderer Wildbienen, da sie unterschiedliche Materialien zum Nestbau benutzen; 75 % nisten im Boden.

Arten-Unterteilung nach Sozialität der Lebensweise Wildbienenarten können nach ihrer Lebensweise in drei Großgruppen eingeteilt werden:

Bienen mit sozialer Lebensweise

mini|Oberirdisches Ackerhummel-Nest (obere Wachsabdeckung der Nestkugel wurde entfernt) Bienen mit sozialer Lebensweise sind die Furchenbienen, Hummeln und Honigbienen. Diese Bienen betreiben im Gegensatz zu Solitärbienen Brutpflege; sie versorgen und füttern ihren Nachwuchs, wenn dieser schlüpft und treten mit ihm in Wechselwirkung. Es besteht Arbeitsteilung, mehrere unterscheidbare Teilgruppen, die Kasten genannt werden, erfüllen arbeitsteilig verschiedene Aufgaben. Mehrere Generationen leben zusammen, meist in Familienverbänden aus Müttern und Töchtern.

Zu den primitiv eusozialen Arten gehören die Furchenbienen der Gattungen Halictus und Lasioglossum. Bei ihnen unterscheiden sich die Individuen der Kasten nur im Verhalten oder ggf. der Physiologie, aber nicht morphologisch. Es gibt hier verschiedene Stadien der sozialen Lebensweise: manche Arten bilden Nestaggregationen (d. h. mehrere Weibchen nisten nahe beieinander) und bei anderen Arten benutzen mehrere Weibchen ein gemeinsames Nest. Bei wieder anderen Arten kommen echte Arbeiterinnen vor, d. h. einige Weibchen versorgen im gemeinsamen Nest die Brut ihrer Mutter, anstatt eigenen Nachwuchs großzuziehen (wie zum Beispiel die o. g. Hummeln und die Honigbiene). Ein Beispiel hierfür sind die Waben der Vierbindigen Furchenbiene (Halictus quadricinctus).

Komplex eusoziale Arten unterscheiden sich in Verhalten, Physiologie, Körpergröße und unterschiedlicher Morphologie mit unterschiedlichen Körpermerkmalen. Hierzu gehören die Honigbienen (Apini) und die stachellosen Bienen (Meliponini).

Die Hummeln (Bombus) stehen zwischen primitiv und komplex eusozial. Ein Honigbienenvolk besteht kontinuierlich über mehrere Jahre, ganz im Gegensatz zu den Hummeln. Hier ist dieses Verhalten nur in einem bestimmten Zeitraum, in der Vegetationszeit zu finden. Danach löst sich der Staat auf und alle Tiere sterben ab, bis auf die jungen, bereits begatteten Königinnen. Diese fliegen aus und suchen sich geschützte Verstecke zum Überwintern, um dann im nächsten Frühjahr wieder ein neues Volk zu gründen.

Solitär lebende Bienen mini|Rotpelzige Sandbiene (Andrena fulva) mini|Weibchen einer Hosenbiene Dasypoda altercator (= D. hirtipes) mit auffällig behaarten Hinterbeinen Die solitär lebenden Bienen, so genannte Einsiedlerbienen, sind mit einem Anteil von 95 % der Arten die größte dieser drei Gruppen: Die Einsiedlerbienen sind Einzelgänger und sowohl Weibchen wie Männchen, die meist als Puppe oder junge, in der Puppenhülle eingeschlossene Imagines überwintert haben, kommen im Frühjahr des nächsten Jahres aus der Brutröhre heraus, um für Nachkommen zu sorgen. Da die Individuen dieser Arten nur wenige Wochen leben, beginnt das Weibchen nach der Paarung sofort mit dem Nestbau und der Sammlung von Nektar und Pollen. Die eingeholte Nahrung dient nur zum kleinen Teil der Deckung des eigenen Bedarfes. Vielmehr lagert die Biene die Nahrung in einer Brutzelle ein, in die sie, wenn ausreichend Nektar und Pollen angesammelt sind, ein Ei ablegt. Daraufhin verschließt sie das Gelege mit einer Trennwand aus Lehm u. a., um weitere Brutröhren anzulegen. Dieses Verhalten wird als Brutfürsorge bezeichnet. Die später schlüpfende Larve kann sich dann vom angesammelten Proviant ernähren und entwickelt sich zur ausgewachsenen Biene.

Kuckucksbienen Die dritte und letzte Gruppe sind die Kuckucksbienen: Sie bauen, anders als ihre Verwandten aus den vorherigen Gruppen, keine eigenen Nester, sondern haben sich darauf spezialisiert, fremde Nester für die Aufzucht ihrer eigenen Brut zu nutzen – wie der Kuckuck, daher der Name. Sie nutzen die Situation, wenn die Nestbauerin (meist eine Solitärbiene) gerade auf Pollensuche ist, und legen ihre Eier in die fremde Brutzelle, die schon teilweise mit Vorrat gefüllt ist. Die fremden Eier oder Larven werden dabei teilweise ebenfalls zu Futtervorräten. Nehmen die schmarotzenden Bienen in einer Wirtspopulation überhand, bricht diese im nächsten Jahr bei ungünstigen Verhältnissen zusammen, da nun die Anzahl der Schmarotzer die der Wirte übersteigt. Folgerichtig verschwinden dann auch alle Schmarotzer. Einzelne überlebende oder eingewanderte Solitärbienen bauen nach und nach von neuem eine Wirtspopulation auf, und bald ist auch wieder die Schmarotzerart zu finden. Kuckucksbienen bevorzugen oft die gleichen Pflanzen als Nahrungsquellen wie ihre Wirtsbienen. Rund 25 % der heimischen Wildbienenarten sind Kuckucksbienen. Beispiele für Kuckucksbienen sind Arten der Blutbienen (Sphecodes spec.), Kegelbienen (Coelioxys spec.) und Fleckenbienen (Crocisa spec.).

Wildbiene des Jahres Als Aktion des Arbeitskreises Wildbienen-Kataster, der Landesanstalt für Bienenkunde Baden-Württemberg sowie der Imkerverbände Badens und Württembergs benennt seit 2013 das Kuratorium „Wildbiene des Jahres“ „alljährlich eine besonders interessante Wildbienenart […], um einen Einblick in die faszinierende Welt der Wildbienen zu ermöglichen“:Wildbiene des Jahres 2020. (PDF; 5,3 MB) In: wildbienen-kataster.de, 19. November 2019, abgerufen am 15. Juli 2021.

Folgende Arten wurden seit dem Jahr 2013 zur „Wildbiene des Jahres“ ausgewählt:

2013: Zweifarbige Schneckenhausbiene (Osmia bicolor) 2014: Garten-Wollbiene (Anthidium manicatum) 2015: Zaunrüben-Sandbiene (Andrena florea) 2016: Waldhummel (Bombus sylvarum) 2017: Knautien-Sandbiene (Andrena hattorfiana) 2018: Gelbbindige Furchenbiene (Halictus scabiosae) 2019: Senf-Blauschillersandbiene (Andrena agilissima) 2020: Auen-Schenkelbiene (Macropis europaea) 2021: Mai-Langhornbiene (Eucera nigrescens) 2022: Rainfarn-Maskenbiene (Hylaeus nigritus) 2023: Frühlings-Seidenbiene (Colletes cunicularius) 2024: Große Holzbiene (Xylocopa violacea) 2025: Garten-Blattschneiderbiene (Megachile willughbiella)

Für das Jahr 2019 wurde außerdem die Rote Mauerbiene zum „Insekt des Jahres“ gewählt.

Gefährdung und Schutz

Mehr als 50 % der deutschen Wildbienenarten stehen auf der Roten Liste gefährdeter Arten, 7 % sind inzwischen verschollen und höchstwahrscheinlich ausgestorben. In der Schweiz sind 45 % der heimischen Wildbienen gefährdet, davon sind 9,6 % in der Schweiz ausgestorben. Wildbienen sind zwar in Deutschland laut Bundesartenschutzverordnung geschützt, aber es wird auch darauf hingewiesen, dass die Wirkung des gesetzlichen Naturschutzes „umstritten“ ist. Es gibt eine Reihe von Initiativen zur Förderung der Bestände, z. B. von der Deutschen Wildtierstiftung, aber die wirklichen Ursachen, vor allem Verlust des Lebensraumes und die vielfältigen Schadstoffbelastungen, führen zu immer weiterem Rückgang der Bestände.

Honigbienen können Viren wie z. B. das Flügeldeformationsvirus auf Wildbienen und Hummeln übertragen.Robyn Manley u. a.: Knock‐on community impacts of a novel vector: spillover of emerging DWV‐B from Varroa‐infested honeybees to wild bumblebees. In: Ecology Letters. 2019, doi:10.1111/ele.13323 (englisch). –Nadja Podbregar: Neue Gefahr für Wildbienen. Parasitische Varroa-Milbe fördert Übertragung tödlicher Viren auf Hummel und Co. In: Scinexx. 19. Juni 2019, abgerufen am 17. Juli 2021 (Quelle: Universität Ulm).Samantha A. Alger u. a.: RNA virus spillover from managed honeybees (Apis mellifera) to wild bumblebees (Bombus spp.). In: PLOS ONE. 14, 2019, S. e0217822, doi:10.1371/journal.pone.0217822 (englisch). –Insektenforschung. Können Honig-Bienen Hummeln schaden? In: MDR.de. Sendereihe Tierisch tierisch. 28. Juni 2019, abgerufen am 17. Juli 2021. Honigbienen stehen auch sonst in Konkurrenz zu den Wildbienen. Da die Blütenflächen beschränkt sind, kann es wegen der hohen Dichte an Honigbienenvölkern, besonders in den Städten, zu einem Nahrungsmangel kommen.