Die Binsen (in Deutschland und teilweise der Schweiz und Liechtenstein übliche Bezeichnung) bzw. Simsen (in Österreich übliche Bezeichnung) (Juncus) sind die namengebende Gattung der Familie der Binsengewächse bzw. Simsengewächse (Juncaceae). Die über 300 Arten sind fast weltweit verbreitet. Kennzeichnendes Merkmal sind die starren, rundlichen und borstig zugespitzten Blattspreiten; diese sind meist hohl oder mit einem schwammartigen Sternparenchym (Durchlüftungsgewebe, Aerenchym) erfüllt, welches der Versorgung mit Sauerstoff dient.

Beschreibung mini|280px|Schematische Darstellung einer sechsspelzigen, zwittrigen Blüte von Binsen (Juncus)

Vegetative Merkmale Juncus-Arten sind meist ausdauernde, seltener einjährige krautige Pflanzen. Binsen-Arten sind oft immergrün. Oft werden Ausläufer oder Rhizome gebildet. An den kurzen bis langen kriechenden Rhizomen sind schuppenförmige Niederblätter vorhanden. Etliche Arten bilden Horste. Die Stängel sind anfangs zylindrisch.

Die meist grundständigen, manchmal auch zusätzlich am Stängel wechselständig und dreizeilig verteilt angeordneten Laubblätter sind in Blattscheide und -spreite gegliedert. Die Blattscheiden sind mindestens an einer Seite offen, geschlitzt und im oberen Bereich oft geöhrt. Die einfachen, stängelähnlich stielrunden, seltener grasähnliche flachen, selten schuppenähnlichen Blattspreiten sind in der Regel kahl – im Gegensatz zu den ebenfalls zu den Binsengewächsen gehörenden Hainsimsen (Luzula). Diese Blattspreiten setzen den Stängel oft in gerader Linie fort, so dass der Blütenstand seitenständig erscheint. Stängel und Blätter sind oft mit einem schwammartigen, weißen Mark gefüllt oder hohl und dann nur etagenweise durch Markschichten quer gegliedert. Es liegt Parallelnervatur vor.

Generative Merkmale Der Blütenstand der Binsengewächse ist eine Spirre, eine abgewandelte Form der Rispe. Es sind Tragblätter vorhanden. Bei den Binsen-Arten sind die Blütenstände endständig oder pseudoseitenständig, wenn das Tragblatt scheinbar den Stängel verlängert. Unter den Blüten können zwei Deckblätter vorhanden sein. Die Blütenstände enthalten meist viele Blüten. Die randlichen beziehungsweise unteren Blüten sind am längsten gestielt, die zentralen oder oberen stehen dagegen gestauchter. Auf diese Weise entsteht ein fast trichterförmiges Gebilde. Mehrere Blüten können zusätzlich knäuelig zusammengefasst sein. Es können Deckblätter vorhanden sein.

Die zwittrigen oder eingeschlechtigen Blüten sind relativ klein, radiärsymmetrisch und dreizählig und oft mit doppelter Blütenhülle. Es sind zwei Kreise meist gleicher und freier Blütenhüllblätter vorhanden; manchmal sind nur vier Blütenhüllblätter vorhanden. Die Blütenhüllblätter sind grün bis braun, purpurfarben oder schwarz gefärbt, zuweilen auch transparent. Es sind meist zwei, manchmal nur ein Kreis, mit je drei Staubblättern, manchmal sind nur zwei Staubblätter vorhanden. Die Staubfäden sind fadenförmig. Die Staubbeutel sind länglich oder linealisch. Die Pollenkörner sind immer in Viererpaketen zusammengefasst. Drei Fruchtblätter oberständigen, ein- oder dreikammerigen Fruchtknoten verwachsen. Es sind drei parietale Plazenten mit vielen Samenanlagen vorhanden. Der Griffel endet in drei relativ langen, papillösen, oft eingedrehten Narben.

Die Kapselfrucht öffnet sich fachspaltig = lokulizid mit drei Fruchtklappen und enthält mehrere Samen. Die winzigen Samen sind ellipsoid, eiförmig oder länglich und manchmal besitzen sie geschwänzte Anhängsel an einem oder beiden Enden. Die Samen enthalten Endosperm, das nicht ölhaltig ist und Stärke enthält. Der gerade Embryo besitzt nur ein Keimblatt (Kotyledon).

mini|Sternparenchym im Mark einer Binse

Ökologie Juncus-Arten sind helophytisch bis mesophytisch. Ihre vegetative Vermehrung erfolgt meist über Ausläufer oder Rhizome.

Binsen-Arten verfügen im Mark über ein Sternparenchym. Es handelt sich dabei um ein Durchlüftungsgewebe (Aerenchym). Die Zellen erhalten durch örtlich begrenztes Wachstum der Zellwand armartige Auswüchse und erscheinen so sternförmig. Die großen Interzellularen und Lakunen erleichtern den Gasaustausch bei untergetauchten Organen und erhöhen die Schwimmfähigkeit des Pflanzenkörpers.

Die Bestäubung der Binsen-Arten erfolgt durch Wind (Anemogamie). Die Blütenhülle ist unscheinbar, Nektar und Duftstoffe fehlen. Die Narben sind oft korkenzieherartig eingedreht, um so die Oberfläche zu vergrößern und möglichst viel Pollen aufnehmen zu können.

Die Kurzflüglige Schwertschrecke (Conocephalus dorsalis) ist aufgrund ihrer Fortpflanzungsbiologie überwiegend an Feuchtgebiete gebunden. Die Weibchen legen ihre Eier vor allem in die markhaltigen Stängel der Binsen. Die Eier verbleiben bis zum nächsten Frühjahr in den Pflanzenstängeln. Die Raupen etlicher Arten der Sackträgermotten (Coleophoridae) insbesondere jene der Gattung Coleophora ernähren sich ausschließlich von Juncus-Arten.

Binsen-Arten tragen zur Wasserreinigung bei, indem sie Schadstoffe abbauen. Einige Arten können Phenole aus dem Wasser aufnehmen und werden in sogenannten Pflanzenkläranlagen eingesetzt.

Standorte in Mitteleuropa Die meisten Binsen-Arten Mitteleuropas gedeihen auf feuchten bis nassen, zum Teil überfluteten Standorten in Feuchtgebieten an Gewässern, in Mooren, Feuchtwiesen und in Sümpfen. Gebirgs-Arten Mitteleuropas gedeihen in alpinen Matten, im Geröll und an Felsen.

Systematik und Verbreitung Die Gattung Juncus gehört zur Familie der Juncaceae.

Botanische Geschichte Die Gattung Juncus wurde je nach Autor, beispielsweise Kirschner et al. 1999 in Untergattungen oder Sektionen gegliedert. Molekulargenetische Untersuchungen zeigten im 21. Jahrhundert, dass die Gattung Juncus nicht monophyletisch ist.

Ab 2013 wurden Arten in andere, neue Gattungen ausgegliedert. Zuerst 2013 Oreojuncus Seit Brožová et al. 2022 gibt es sechs Gattungen mehr; dies wurde durch Proćków et al. 2023 bestätigt und es erfolgte die Neukombination der vielen Arten: Agathryon Alpinojuncus Australojuncus Boreojuncus Juncinella Verojuncus

Taxonomie Die Gattung Juncus wurde durch Carl von Linné 1753 in Species Plantarum, Tomus I, Seite 325 und 1754 in Genera Plantarum 5. Auflage, Seite 152 aufgestellt. Der Gattungsname Juncus wird u. a. durch altirische wie altgriechische Begriffe auf eine gemeinsame indogermanische, rekonstruierte Stammform mit eben der Bedeutung „Binse“ zurückgeführt. Ein Zusammenhang mit dem lateinischen iúngere = „zusammenbinden“ liegt nicht vor. Synonyme für Juncus sind: Cephaloxys nom. illeg., Juncastrum , Microschoenus , Phylloschoenus , Tenageia , Tristemon nom. illeg.

Arten und ihre Verbreitung Es gab bis 2023 etwa 310 Arten in der Gattung Juncus s. l. Die Gattung Juncus ist weltweit verbreitet, ihre Verbreitungsschwerpunkte besitzt sie vor allem in den gemäßigten Gebieten der Nordhalbkugel, strahlt aber aus bis in die gemäßigten Gebieten der Südhalbkugel. In den Tropen fehlen die Binsen-Arten im Tiefland, finden sich aber in Höhenlagen ab etwa 2000 Metern. Von den etwa 332 Arten der Gattung Juncus s. l. sind knapp über vierzig in der Neotropis heimisch, sieben im tropischen Afrika und vier im tropischen Asien. etwa 95 Arten kommen in Nordamerika vor. In China kommen etwa 76 Arten der Gattung Juncus s. l. vor; 27 davon nur dort. In Deutschland kommen etwa 29 Arten vor.

Seit Proćków et al. 2023 verbleiben nur noch etwa 20 Arten in der Gattung Juncus s. str.mini|Habitus und Laubblätter von Juncus kraussii im Habitat

Stechende Binse (Juncus acutus ) Es gibt zwei Unterarten. Juncus biflorus : Sie ist von den USA über Karibische Inseln und Zentral- bis Südamerika verbreitet. Juncus cooperi : Sie kommt von Nevada und Kalifornien bis ins nordwestliche Mexiko vor. Juncus dulongjiongensis : Sie gedeiht in Höhenlagen von 2500 bis 3500 Metern nur vom zentralen bis westlichen Yunnan. Juncus fascinatus (Syn.: Juncus crassifolius var. fascinatus , Juncus validus var. fascinatus ): Den Rang einer Art hat sie 2014 erhalten. Dieser Endemit kommt nur in Texas vor. Juncus fauriensis : Sie kommt in Japan und in Russlands Fernem Osten vor. Juncus fominii : Sie kommt von der Ukraine bis zum nördlichen Kaukasusraum vor. Juncus heldreichianus : Sie kommt von Albanien bis Zentralasien vor. Juncus kraussii : Sie kommt auf der Südhalbkugel im südlichen Afrika, in Australien bis Neuseeland und in Südamerika vor. Juncus lancangensis : Sie wurde 2001 aus Yunnan erstbeschrieben. Juncus littoralis : Sie kommt vom Mittelmeerraum bis zum Iran vor. Juncus lomatophyllus : Sie kommt von Simbabwe bis Südafrika vor. Juncus longii : Sie kommt in den südöstlichen Vereinigten Staaten vor. Meerstrand-Binse (Juncus maritimus ) Juncus prominens : Sie kommt von Japan und den Kurilen bis Kamtschatka vor. Juncus rigidus Sie kommt in Afrika und von Sardinien bis Pakistan vor. Juncus roemerianus : Sie kommt von den südöstlichen Vereinigten Staaten bis Texas, auf den Bahamas, Bermuda und Hispaniola vor. Juncus socotranus : Sie kommt auf der Arabischen Halbinsel, auf Sokotra und im Iran vor. Juncus tweedyi : Sie kommt in Kanada und in den Vereinigten Staaten vor.

Es gibt etwa 22 Naturhybride in der Gattung Juncus s. l.:mini|Naturhybride Juncus ×diffusus

Juncus ×alpiniformis = Juncus alpinoarticulatus × Juncus articulatus Juncus ×brueggeri = Juncus conglomeratus × Juncus effusus Juncus ×correctus Juncus ×degenianus = Juncus articulatus × Juncus subnodulosus Juncus ×diffusus = Juncus effusus × Juncus inflexus. Juncus ×donyanae = Juncus acutiflorus subsp. rugosus × Juncus striatus Juncus ×fallax = Juncus fontanesii × Juncus valvatus Juncus ×fulvescens = Juncus articulatus × Juncus brevicaudatus Juncus ×gracilescens = Juncus alpinoarticulatus × Juncus brevicaudatus Juncus ×inundatus = Juncus balticus × Juncus filiformis Juncus ×lancastriensis = Juncus balticus × Juncus inflexus Juncus ×langii = Juncus acutiflorus × Juncus alpinoarticulatus Juncus ×lemieuxii = Juncus articulatus × Juncus canadensis Juncus ×montellii = Juncus arcticus × Juncus filiformis Juncus ×montserratensis = Juncus acutiflorus × Juncus articulatus Juncus ×murbeckii = Juncus anceps × Juncus articulatus Juncus ×nodosiformis = Juncus alpinoarticulatus × Juncus nodosus Juncus ×obotritorum = Juncus balticus × Juncus effusus Juncus ×oronensis = Juncus tenuis × Juncus vaseyi Juncus ×ruhmeri = Juncus conglomeratus × Juncus inflexus Juncus ×sallandiae = Juncus dudleyi × Juncus tenuis Juncus ×stuckeyi = Juncus alpinoarticulatus × Juncus torreyi Juncus ×valbrayi = Juncus acutiflorus × Juncus anceps

Seit Proćków et al. 2023 gehören viele Arten nicht mehr zur Gattung Juncus s. str.mini|Einblütige Binse (Oreojuncus monanthos) mini|Dreiblatt-Binse (Oreojuncus trifidus) Nicht mehr zur Gattung Juncus gehören die beiden Arten der 2013 aufgestellten Gattung Oreojuncus : Einblütige Binse (Juncus monanthos ) → seit 2013 Oreojuncus monanthos Dreiblatt-Binse (Juncus trifidus ) → seit 2013 Oreojuncus trifidus

mini|Habitus und Laubblätter von Agathryon breweri im Habitat mini|Habitus, Laubblätter und Blütenstände von Agathryon confusum im Habitat mini|Kapselfrucht und Samen von Agathryon confusum mini|Spirren der Flatter- (Agathryon effusum) und der Knäuel-Binse (Agathryon conglomeratum) mini|Fruchtstand von Agathryon continuum mini|Laubblätter der Sorte ‘Curly Wurly’ von Agathryon decipiens im Habitat mini|Habitus, Laubblätter und Blütenstände von Agathryon drummondii im Habitat mini|Bodden-Binse (Agathryon gerardii) mini|Habitus, Laubblätter und Blütenstände von Agathryon hybridum im Habitat mini|Blattspreite mit Mark der Blaugrünen Binse (Agathryon inflexum) mini|Agathryon imbricatum mini|Gämsen-Binse (Agathryon jacquinii) mit charakteristisch gedrehten Narbenästen mini|Blütenstand von Agathryon occidentale mini|Habitus, Laubblätter und Blütenstände von Agathryon sarophorum mini|Illustration der Sand-Binse (Agathryon tenageia) mini|Blütenstand von Agathryon textilis