mini|hochkant=1.7|Blick aus der Schmiedestraße auf die Marktkirche

Die evangelisch-lutherische Marktkirche St. Georgii et Jacobi ist die älteste der drei Pfarrkirchen in der Altstadt von Hannover (die beiden anderen sind Aegidienkirche und Kreuzkirche). Die Hallenkirche mit ihrem 97 Meter hohen Turm gehört zu den Wahrzeichen Hannovers. Die Marktkirche ist die Predigtkirche des Landesbischofs der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und des Stadtsuperintendenten des Kirchenkreises Hannover (bis Juni 2024: Stadtkirchenverband Hannover), der die erste Pfarrstelle innehat. Sie ist Kirche des Rates der Stadt Hannover und des niedersächsischen Landtages.

Geschichte mini|Die Marktkirche Anfang des 19. Jahrhunderts;Ölgemälde nach Domenico Quaglio von 1832 mini|hochkant|Die ausgebrannte Marktkirche 1947 mit dem rekonstruierten Dachstuhl, gesehen vom Bohlendamm

Von einem romanischen Vorgängerbau, der um 1125 an gleicher Stelle entstand und erstmals 1238 unter dem Namen St. Georgii erwähnt wird, wurden im Jahr 1952 Fundamente bei Ausgrabungen entdeckt. Bereits 1340 wurden die ersten farbig verglasten Fenster fertiggestellt; von 1342 datiert die Bezeichnung als ecclesia Sanctorum Jacobi et Georgii. Jakobus, der im Mittelalter sehr populäre Schutzpatron der Pilger und Kaufleute (spanisch: Santiago), und der Heilige Georg, einer der 14 Nothelfer und bekannt als legendärer Drachentöter, sind die Namenspatrone der Kirche. Von 1344 ist ein Spendenaufruf an die Bürger zum Kirchenbau überliefert, 1347 begann man, das Fundament des Turms zu errichten. Zwei Jahre später wurde die Genehmigung zum Abriss des alten Kirchenbaus (um den herum man die neue Kirche errichtete) gegeben. Um 1360 erfolgte die Kirchenweihe. Im Jahre 1368 wurde wegen Not- und Pestzeiten und daraus resultierendem Geldmangel der Bau des Kirchturms unterbrochen. Ursprünglich steiler geplant, erhielt die Turmspitze nun einen Dachreiter in Form des verkleinerten Abbilds des Turmes selbst. Das für die Aufrichtung des Dachstuhls überlieferte Datum 1388 wurde dendrochronologisch (Fälldaten 1385–1388) bestätigt.

Nach dem 14. Jahrhundert wurde an der Nordseite der Kirche ein heute verschwundener kleiner Anbau errichtet, der als „Gerkammer“ (Sakristei) benutzt wurde. Daran westlich anschließend bestand seit 1510 die größere und etwas jüngere ehemalige Sankt Annenkapelle, auch Sodensche Kapelle genannt.Arnold Nöldeke: Denkmäler des „alten“ Stadtgebietes Hannover. (Eingemeindungsstand bis 1. Januar 1870), in ders.: Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover, hrsg. vom Provinzialausschuss und Landesdirektorium der Provinz Hannover, 1. Teil: Regierungsbezirk Hannover, Heft 1 und 2 (Heft 19 und 20 des Gesamtwerkes), Stadt Hannover, Selbstverlag der Provinzialverwaltung, Theodor Schulzes Buchhandlung, Hannover, 1932, S. 79; Text-Digitalisat im Internet Archive und durch Kooperation mit der University of Toronto.

Von 1852 bis 1855 wurde das Kircheninnere unter Leitung von Ludwig Droste restauriert, neu bemalt und ausgestattet, wobei der Duve-Altar spurlos verschwand. Bei zwei Luftangriffen auf Hannover während des Zweiten Weltkriegs wurde die Kirche im Juli und Oktober 1943 bis auf die Außenmauern und die Säulen zerstört. Der überwiegende Teil des Dachstuhls blieb jedoch erhalten. Der Wiederaufbau erfolgte 1946–1952 durch die Huta Hoch- und Tiefbau nach Plänen des Architekten Dieter Oesterlen, wobei der Ziegelstein im Inneren vollständig freigelegt wurde.

Beschreibung Maße, Material und Raumform Länge der Kirche (einschließlich Turm): 61,50 m Gesamtbreite: 26,60 m Traufhöhe: 19 m Höhe des Turms: 97,26 m (mit Wetterhahn genau 98 m) Breite des Mittelschiffs: 8 m, der Seitenschiffe je 5,40.

Das Material ist überwiegend roter Backstein. Sockel, Gesimse, Westportal und Mauerecken des Turms bestehen aus Sandstein. Die dreischiffige Halle von fünf Jochen Länge ist im deutlich größeren Hauptchor mit einem 7/10-Polygon, in den Seitenapsiden mit einem 5/10-Polygon geschlossen. Als Vorbild dafür wird die Wiesenkirche in Soest genannt, auch der mächtige Westturm steht in der Tradition westfälischer Vorbilder (z. B. die Türme der Pfarrkirchen in Salzkotten und Geseke), während für das Langhaus mit seinen von Dienstbündeln umstandenen Rundpfeilern auf St. Johannis in Lüneburg verwiesen wird.Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Niedersachsen – Bremen, (Deutscher Kunstverlag: München) 1992, S. 608–610.Unter den großen Bauten der norddeutschen Backsteingotik ist die Marktkirche das südlichst gelegene Beispiel.

Hochaltar mini|Der Hochaltar der Marktkirche mini|Rückseite Hochaltar Das Retabel des Hochaltars war ursprünglich ein Doppelflügelaltar. Der Altar, entstanden um 1480, wurde 1663 beim Einbau des (von Johann Duve gestifteten) Barockaltars in die Aegidienkirche verbracht. Von dort gelangte er 1856 bei der Renovierung der Aegidienkirche ins Welfenmuseum, blieb deshalb im Zweiten Weltkrieg (bis auf die äußeren Flügel) unzerstört und befindet sich seit 1952 wieder in der Marktkirche.

Bei geöffneten Flügeln ist in 21 aus Lindenholz geschnitzten Szenen die Passion Jesu nach graphischen Vorbildern Martin SchongauersWaldemar R. Röhrbein, Karl-Heinz Grotjahn: Marktkirche S. Georgii et Jacobi. In: Stadtlexikon Hannover. S. 426–427. zu betrachten. Am unteren Rand befinden sich Medaillons der Prophetenköpfe, dabei fällt als „kulturhistorisches Kuriosum“ (U. Müller) der Erzvater Jakob mit Brille (vierter von links) auf. Die Außenseiten der gemalten Innenflügel (die Außenflügel sind bis auf Reste zerstört) zeigen Szenen aus Leben und Martyrium der beiden Kirchenpatrone Jakobus und Georg.

Sonstiges mini|hochkant|Kirchenschiff mini|Reliefs Um 1500 entstanden vermutlich in Hildesheim die beiden in den Seitenchören aufgestellten Taufbecken aus Messing. Das auf fünf Löwen ruhende im rechten (südlichen) Chor stammt aus der 1943 zerstörten Aegidienkirche. Besonders reizvoll sind die Farbverglasungen in den drei östlichen Fenstern des Hauptchors. Von den 30 Scheiben des mittleren Chorfensters stammen 20 mit ihren Märtyrerszenen noch aus dem 14. Jahrhundert (um 1370), sie gehören zu den bedeutendsten in Norddeutschland. Andere sind aus verschiedenen Fenstern hierher versetzt oder stammen aus den Restaurierungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Zwei Fenster schuf das Atelier Alexander Linnemann und Otto Linnemann aus Frankfurt. Im Jahr 1624 war der Knopf und Wetterhahn auf dem Kirchturm durch Wind und Wetter so beschädigt, dass er erneuert werden musste. 1702 wurde die Turmspitze mit Kupfer belegt und ein neuer Hahn aufgesetzt, der aber im darauffolgenden Jahr wieder herunterfiel. Erst 1705 wurde abermals ein neuer Hahn aufgesetzt. Beim Wiederaufbau entstand im Tiefgeschoss der Bödekersaal, der Gemeindesaal, der nach Senior Hermann Wilhelm Bödeker, Marktkirchenpastor 1825–1875, benannt wurde. Hier sind auch die Kirchenfundamente zu sehen, die, wie man beim Wiederaufbau feststellte, mehr als drei Meter in die Tiefe reichen. Im Bödekersaal findet sich aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges eine Gedenktafel für 21 bei Hainholz gefallene Bürger; die Tafel ließ Pastor David Meyer anfertigen.Dirk Böttcher: Meyer, (2) David (auch Meier). In: Dirk Böttcher, Klaus Mlynek, Waldemar R. Röhrbein, Hugo Thielen: Hannoversches Biographisches Lexikon. Von den Anfängen bis in die Gegenwart. Schlütersche, Hannover 2002, ISBN 3-87706-706-9, S. 252. Im Jahr 2017 beschloss der Kirchenvorstand, das Angebot einer Schenkung des Altbundeskanzlers Gerhard Schröder in Form eines von Markus Lüpertz gestalteten 13 Meter hohen Reformationsfensters anzunehmen.Reformationsfenster auf marktkirche-hannover.de, abgerufen am 3. Dezember 2021. Nach einem vom Erben des Architekten des Kirchenwiederaufbaus angestrengten Rechtsstreit um das Urheberrecht wurde 2021 vor dem Oberlandesgericht Celle ein Vergleich erzielt, der den Einbau des 150.000 Euro teuren Buntglasfensters ermöglicht.Hannoveraner Marktkirche bekommt das „Reformationsfenster“. Webseite des OLG Celle, 30. November 2021.Kirchenfenster wird nach Rechtsstreit nun doch eingebaut. Der Spiegel vom 30. November 2021. Im März 2022 verschob der Kirchenvorstand den Einbau des Fensters auf unbestimmte Zeit. Als Grund wurde die Haltung des Altkanzlers zum russischen Überfall auf die Ukraine und seiner unzureichenden Distanzierung vom russischen Präsidenten Putin genannt.Einbau-Stopp von Kirchenfenster: Künstler kritisiert Gemeinde, ndr.de, 5. März 2022. Am Reformationstag 2023 wurde das Fenster schließlich bei einem feierlichen Gottesdienst eingeweiht.Marktkirche Hannover: Umstrittenes Lüpertz-Fenster eingeweiht, ndr.de vom 31. Oktober 2023.

Orgeln Erste Hinweise auf eine Orgel in der Marktkirche finden sich in Quellen für das Jahr 1403; das Instrument muss an der Seite der St.-Annen-Kapelle im nördlichen Seitenschiff gestanden haben. Eine erste Orgel auf der Westempore der Marktkirche wurde in den Jahren 1589–1594 erbaut, begonnen durch die Orgelbauer Henning Henke und Severin Krosche aus Hildesheim, fertiggestellt durch den Orgelbauer Andreas de Mare. Im Laufe der Jahre wurde dieses Instrument mehrfach ergänzt und umgebaut, u. a. durch die Orgelbauer Conrad Abt (Minden), Adolph Compenius und Friedrich Besser (Braunschweig). Im Jahre 1733 wurde das Instrument durch den Hoforgelbauer Christian Vater aus Hannover umfassend repariert und vergrößert.

mini| Die große Orgel der Marktkirche, mit Organist Ulfert Smidt

Von 1852 bis 1855 wurde die Marktkirche umgebaut. In der Turmhalle wurde ein Zwischengewölbe mit einer neuen Empore eingezogen. Auf dieser Empore errichtete der Orgelbauer Eduard Meyer (Hannover) ein neues Instrument in einem neogotischen Gehäuseprospekt. In dem Instrument, das 46 Register hatte, wurde Pfeifensubstanz aus dem bisherigen Instrument wiederverwendet. 1893 wurde die Orgel von der Orgelbaufirma Furtwängler & Hammer umgebaut und erweitert, und 1940/41 im Sinne der Orgelbewegung umgebaut. Im Zweiten Weltkrieg wurde dieses Instrument weitgehend zerstört und 1946 beim Wiederaufbau der Kirche beseitigt.Kirchenvorstand (Hrsg.): Orgelbuch Marktkirche Hannover – Die Geschichte einer Orgellandschaft. 2009, S. 60/62.

Hauptorgel Die heutige große Orgel befindet sich an der Rückwand des südlichen Seitenschiffs der Marktkirche. Sie geht zurück auf ein Instrument, das in den Jahren 1953–1954 von den Orgelbaufirmen Emil Hammer Orgelbau (Hannover) und Rudolf von Beckerath Orgelbau (Hamburg) mit 61 Registern auf vier Manualen und Pedal erbaut wurde. Der von Dieter Oesterlen entworfene Orgelprospekt mit seinen geschwungenen Linien im Nierentisch-Design steht unter Denkmalschutz. Bereits kurz nach Einweihung zeigten sich erste Probleme mit dem technischen Zustand; das Instrument erwies sich als anfällig und reparaturbedürftig, so dass bereits in den 1960er Jahren erste Planungen hinsichtlich einer gründlichen Überarbeitung begannen. In den 1970er Jahren wurde das Instrument durch die Orgelbaufirma Rensch (Lauffen/Neckar) umgebaut; Veränderungen wurden nicht nur im technischen Bereich durchgeführt, sondern die Disposition wurde im französisch-symphonischen Sinne verändert. Trotzdem verschlechterte sich der Zustand des Instrumentes weiter, so dass Ende der 1990er Jahre mit Planungen zum Um- bzw. Neubau begonnen wurde.

In den Jahren 2007 bis 2009 wurde das Instrument durch Orgelbau Goll (Luzern) im Oesterlen-Prospekt und unter Wiederverwendung von ca. 50 % des Pfeifenmaterials technisch und klanglich neu gebaut. Es hat heute 64 Register, darunter 39 Register, die teilweise oder ganz aus dem Pfeifenmaterial der Vorgängerorgel bestehen. Die Spieltrakturen sind mechanisch. Das Instrument verfügt über eine doppelte (mechanische und elektrische) Registertraktur.Ausführliche Informationen zur Geschichte und Reorganisation der Orgel.