mini|Rongorongo-Tafel (Aroukouru-Kurenga) Rongorongo () nennt man die einzigartige Schrift der Osterinsel. In Ozeanien hat sich nur auf dieser abgelegenen Insel ein Schriftsystem entwickelt. Es steht völlig isoliert und ist mit keiner anderen Schriftart der Erde vergleichbar. Bis heute ist sie nicht entziffert, obwohl es einige Ansätze zur Deutung gibt.

Der Terminus rongorongo stammt ursprünglich nicht von der Osterinsel, sondern von Mangareva. Dort bezeichnete das Wort eine hochrangige Klasse von Experten, die in der Lage waren, heilige Gesänge und Rezitationen während der Riten an den Marae zu memorieren. Wahrscheinlich gelangte es um 1870 durch Rückkehrer von der katholischen Mission in Mangareva auf die Osterinsel.John Flenley, Paul Bahn: The Enigmas of Easter Island, Oxford University Press, Oxford und New York 2003, ISBN 0-19-280340-9, S. 186

Zweck und Bedeutung Die Schrift diente – darüber herrscht weitgehend Konsens – ausschließlich den Zwecken einer religiösen und machtpolitischen Elite. Die Stammesgesellschaft Polynesiens war streng stratifiziert und hierarchisch ausgerichtet. An der Spitze standen die ariki (Häuptlinge, Stammesoberhäupter), die Inhaber aller Ressourcen. Gleichzeitig mit ihrer weltlichen Macht symbolisierten sie auch die höchsten religiösen Autoritäten. Gestützt wurden sie von einer Priester- und Adelskaste, oft enge Familienangehörige. In Polynesien wurden Traditionen – und in einer streng hierarchischen Gesellschaftsordnung verstand man darunter vorwiegend Regeln, Riten und Herrschaftsgenealogien – in Form von Rezitationen und rituellen Gesängen weitergegeben. Solche Kenntnisse waren wichtig für die Kontinuität der Dynastien, da die Herrscher ihre Legitimation in einer ununterbrochenen Reihenfolge auf die Gründerahnen zurückführen mussten.

Wissen war Herrschaftswissen und daher ist es einleuchtend, dass die Kenntnis solcher Traditionen bestimmten Personen vorbehalten war. Meister gaben ihr Wissen mündlich an ausgesuchte Schüler weiter. Dabei erhielt die wortgetreue Wiederholung der Texte höchste religiöse Bedeutung. Die Entwicklung mnemotechnischer Hilfsmittel war daher eine wertvolle Errungenschaft.

Pater Sebastian Englert berichtet von einer solchen Schreibschule:

Obwohl nach den Erzählungen der Rapanui die Sprecher die Schrifttafeln bei ihrem Vortrag in Händen hielten, ist es fraglich, ob sie als Gedächtnisstütze für eingeweihte Rezitatoren dienten, um Gesänge von religiöser Bedeutung fehlerfrei vortragen zu können. Die Vortragenden haben den Wortlaut wahrscheinlich nicht abgelesen, in dem Sinne, den wir mit dem Begriff „lesen“ verbinden. Sie waren langjährig geübte Profis, die, ebenso wie heutige Opernsänger, keine Gedächtnisstütze brauchten. Die geschriebenen Zeichen hatten wohl eher den Zweck, den mündlichen Vortrag zu verstärken und mit mehr Mana zu unterlegen. Zwar war der öffentliche Vortrag ritueller Gesänge in vielen polynesischen Kulturen verbreitet, dieser Entwicklungsschritt ist jedoch nirgendwo sonst vollzogen worden.Alfred Métraux: Ethnology of Easter Island. Bernice P. Bishop Museum Bulletin 160, Honolulu (HI) 1940, Reprint 1971. Zweifellos waren die Tafeln wirkmächtige Kultgegenstände und in höchstem Maße mit Magie behaftet. Dafür spricht eine Anmerkung bei Alfred Métraux, der von einem alten Rapanui erfahren hatte, dass die Rongorongo-Zeichen die Fähigkeit besäßen, Krankheiten auszulösen oder gar den Tod zu bringen.

Konstruktion und Lesart Die Schrift ist vorwiegend auf hölzernen Tafeln (genannt kohau rongorongo; dt. etwa: Gesänge in Linien oder Zeilen) sowie einem hölzernen Zeremonialstab, zwei Rei-Miro und einem Moai Tangata Manu niedergelegt. Insgesamt sind weltweit nur 25 als authentisch geltende Schriftzeugnisse erhalten. Sie sind über die Museen der ganzen Welt verstreut, keines davon ist auf der Osterinsel verblieben.

mini|Ausschnitt aus der Kleinen Santiagotafel Die Schrifttafeln zeigen in Reihen angeordnete Glyphen, die menschliche Figuren, anthropomorphe oder zoomorphe Wesen, Tiere, Pflanzen, Körperteile, grafische Symbole und Gegenstände des täglichen Gebrauches darstellen. Bei den meisten Zeichen sind die Vorbilder in der Natur noch zu erkennen, andere sind bereits weitgehend abstrahiert.

Mittlerweile ist unstrittig, dass es sich um keine Hieroglyphenschrift handelt, in der die Zeichen unmittelbar realen Objekten gegenüberstehen. Sie steht nicht mehr auf der Stufe der Piktographie (Symbol-Bilderschrift), sondern besteht aus Ideogrammen, d. h. aus Schriftzeichen, die einen ganzen Begriff darstellen. Thomas Barthel vertrat die Auffassung, dass Kernbegriffe dargestellt sind, um die mündlichen Überlieferungen auf eine Art Telegrammstil zu reduzieren, eine Form der Gedächtnisstütze (Mnemogramm) für den Rezitator.Thomas Barthel: Grundlagen zur Entzifferung der Osterinselschrift, Habilitationsschrift, Cram, De Gruyter & Co. Hamburg 1958

Gelesen wird in Zeilen in einer Variation des Bustrophedon von links nach rechts und von unten nach oben, d. h. der Leser beginnt links unten und liest die unterste Zeile von links nach rechts. Dann wird die Tafel um 180 Grad gedreht und die nächsthöhere Zeile gelesen. Die meisten Tafeln sind beidseitig beschrieben und der Text setzt sich ohne Unterbrechung auf der rückwärtigen Seite fort, d. h. die Fortsetzung von der A-Seite beginnt links oben auf der B-Seite.

Die in Binsenmatten eingerollten Tafeln wurden in den Paenga-Häusern aufbewahrt und waren mit einem Tapu behaftet. Sie durften von den gewöhnlichen Stammesangehörigen nicht berührt werden, man präsentierte sie öffentlich nur anlässlich besonderer Gelegenheiten, Feste und Riten. Bei Kriegszügen waren sie besonders begehrte Beutestücke. Das Lesen der Tafeln war den tangata rongorongo vorbehalten, SchriftgelehrtenRobert von Heine-Geldern bezeichnet sie als „Kenner, Bewahrer und Rezitatoren der Überlieferungen“, die sich aus den Familien der Häuptlinge und Adeligen rekrutierten. Mit dem Zusammenbruch der Kultur gegen Ende des 17. Jahrhunderts schien auch das Interesse an der Schriftkunde zu erlöschen. Der letzte große Schriftgelehrte war der Ariki Ngaara des mächtigen Miru-Clans, der im Besitz von einigen hundert Tafeln gewesen sein soll. Die letzten Schriftkundigen überlebten die von Europäern eingeschleppten Infektionskrankheiten und die Entführung zahlreicher Insulaner Mitte des 19. Jahrhunderts als Kontraktarbeiter nach Peru und Chile offenbar nicht.

Die Zeichen mini|Barthels Nachzeichnung von Exemplar G (Rückseite) Das gesamte überlieferte Schrifttum umfasst lediglich rund 14.000 Zeichen. Die Schrift besteht aus insgesamt 600 SymbolenNimmt man jedoch die Ligaturen und die verschiedenen Arten der Handformen und Variationen hinzu, erhöht sich die Zahl auf etwa 1500 Zeichen, die sich jedoch auf 120 Grundbestandteile reduzieren lassen, die als Bauelemente Verwendung finden.Tomi S. Melka, Gabriel Altmann: Script complexity: A Case Study. In: Glottometrics 28, 2014, 56-74 Thomas Barthel hat diese Zeichen erfasst, katalogisiert, in Gruppen eingeteilt und eine statistische Auswertung vorgenommen. Seine Gruppierung und Kodierung mit dreistelligen Zahlen ist im Prinzip heute noch gültig, obwohl andere inzwischen Verfeinerungen und Ergänzungen dieses Systems vorgenommen haben.

Barthels System:

Kennziffer Formen Zeichen 001–099 grafische Symbole, Pflanzen, Objekte der Natur Zeichen 100–199 seltene geometrische Formen und Personifizierungen Zeichen 200–299 anthropomorphe Figuren, Kopf in Vorderansicht Zeichen 300–399 anthropomorphe Figuren, Kopf in Seitenansicht Zeichen 400–499 Kopf in Seitenansicht auf diversen Körperformen und Gestalten mit Pantomimik Zeichen 500–599 besondere Kopfformen Zeichen 600–699 Vogel-Gestalten Zeichen 700–799 sonstige Tierformen

Innerhalb der Kennziffern 200–299 und 300–399 werden die Menschengestalten je nach Körperhaltung in Untergruppen unterteilt, sie werden durch die Ziffern 1 bis 7 in den Zehnerstellen dargestellt. Die jeweilige Handform und -haltung ist in der Einerstelle dargestellt. Nach diesem System lässt sich jedes Zeichen der Rongorongo-Schrift als dreistellige Zahl bezeichnen, was eine statistische Auswertung, zum Beispiel mit einem Computerprogramm, wesentlich erleichtert.

class=skin-invert|x40px|Gyph 1 class=skin-invert|x40px|Gyph 2 class=skin-invert|x40px|Gyph 3 class=skin-invert|x40px|Gyph 4 class=skin-invert|x40px|Gyph 5 class=skin-invert|x40px|Gyph 6 class=skin-invert|x40px|Gyph 7 class=skin-invert|x40px|Gyph 8 class=skin-invert|x40px|Gyph 9 class=skin-invert|x40px|Gyph 10 class=skin-invert|x40px|Gyph 14 class=skin-invert|x40px|Gyph 15 class=skin-invert|x40px|Gyph 16 001 002 003 004 005 006 007 008 009 010 014 015 016 class=skin-invert|x40px|Gyph 22 class=skin-invert|x40px|Gyph 25 class=skin-invert|x40px|Gyph 27 class=skin-invert|x40px|Gyph 28 class=skin-invert|x40px|Gyph 34 class=skin-invert|x40px|Gyph 38 class=skin-invert|x40px|Gyph 41 class=skin-invert|x40px|Gyph 44 class=skin-invert|x40px|Gyph 46 class=skin-invert|x40px|Gyph 47 class=skin-invert|x40px|Gyph 50 class=skin-invert|x40px|Gyph 52 class=skin-invert|x40px|Gyph 53 022 025 027 028 034 038 041 044 046 047 050 052 053 class=skin-invert|x40px|Gyph 59 class=skin-invert|x40px|Gyph 60 class=skin-invert|x40px|Gyph 61 class=skin-invert|x40px|Gyph 62 class=skin-invert|x40px|Gyph 63 class=skin-invert|x40px|Gyph 66 class=skin-invert|x40px|Gyph 67 class=skin-invert|x40px|Gyph 69 class=skin-invert|x40px|Gyph 70 class=skin-invert|x40px|Gyph 71 class=skin-invert|x40px|Gyph 74 class=skin-invert|x40px|Gyph 76 class=skin-invert|x40px|Gyph 901 059 060 061 062 063 066 067 069 070 071 074 076 901 class=skin-invert|x40px|Gyph 91 class=skin-invert|x40px|Gyph 95 class=skin-invert|x40px|Gyph 99 class=skin-invert|x40px|Gyph 200 class=skin-invert|x40px|Gyph 240 class=skin-invert|x40px|Gyph 280 class=skin-invert|x40px|Gyph 380 class=skin-invert|x40px|Gyph 400 class=skin-invert|x40px|Gyph 530 class=skin-invert|x40px|Gyph 660 class=skin-invert|x40px|Gyph 700 class=skin-invert|x40px|Gyph 720 class=skin-invert|x40px|Gyph 730 091 095 099 200 240 280 380 400 530 660 700 720 730 Einige Beispiele des von Thomas Barthel konzipierten und später ergänzten und erweiterten Systems der Klassifizierung mit dreistelligen Zahlen.

Einen Versuch der computergestützten statistischen Aufarbeitung hat 1998 das Studienzentrum Cercle d’Études sur l’Île de Pâques et la Polynésie (CEIPP) in Paris unternommen, das auch das Archiv von Thomas Barthel beherbergt.Raymond A. Duranton: Encoding and imaging the rongorongo corpus (A collective work of the Cercle d’Études sur l’Île de Pâques et la Polynésie (CEIPP) Paris, France). In: Easter Island in Pacific context South Seas symposium: Proceedings of the Fourth International Conference on Easter Island and East Polynesia, University of New Mexico, Albuquerque, August 1997.: The Easter Island Foundation, Los Osos, California, 1998, ISBN 978-1-88-063613-8, S. 42–48

Die Zeichen kommen unterschiedlich häufig vor. Die „geometrischen“ Zeichen (die sich aber möglicherweise auf Vorbilder in der Natur zurückführen lassen) haben laut Barthel mit 65 % den höchsten Anteil. Sehr häufig ist auch der Vogelmann in verschiedenen Variationen.

Material und Verarbeitung mini|Vergrößerung aus dem Santigostab zeigt die Verarbeitung