mini|Bekanntes Friedenszeichen, ursprünglich Logo der britischen Kampagne zur nuklearen Abrüstung (Campaign for Nuclear Disarmament), entworfen 1958 von Gerald HoltomWorld’s best-known protest symbol turns 50 von Kathryn Westcott auf BBC-Magazine, abgerufen am 13. August 2010.
Pazifismus (von , und ‚machen, tun, handeln‘) ist eine weltanschauliche Strömung, die jeglichen Krieg als Mittel der Auseinandersetzung ablehnt und den Verzicht auf Rüstung und militärische Ausbildung fordert. Diese Bewegung setzt auf Soziale Verteidigung und Zivilen Ungehorsam als geeignete Mittel gegen bewaffnete Besetzungen. Pazifisten stehen für eine ethische Grundhaltung, die danach strebt, bewaffnete Konflikte zu vermeiden, zu verhindern und die Bedingungen für dauerhaften Frieden zu schaffen. Strenge Auslegungen lehnen jede Form der Gewaltanwendung kategorisch ab und treten für vollkommene Gewaltlosigkeit ein.Barbara Bleisch, Jean-Daniel Strub (Hrsg.): Pazifismus. Ideengeschichte, Theorie und Praxis. Bern 2006, S. 15.
Der moderne Pazifismus entwickelte sich im 19. Jahrhundert in den Friedensgesellschaften, ihre internationale Zentrale wurde 1891 als Bureau International Permanent de la Paix gegründet. In seiner Geschichte haben sich sehr verschiedene Varianten entwickelt, die auch zu verschiedenen, uneinheitlich verwendeten Definitionen geführt haben. Gegenwärtig gilt die Ablehnung von Krieg als Ereignis und Institution (anti-war-ism) als kleinster gemeinsamer Nenner pazifistischer Positionen.Vergleiche: Jenny Teichmann: Pacifism and the Just War. Oxford 1986, S. 1 f.
Die gegensätzliche Haltung zum Pazifismus wird als Bellizismus, als Kriegsverherrlichung bezeichnet. Der Antimilitarismus lehnt darüber hinaus nicht nur den Krieg, sondern bereits den Militarismus ab.
Begriff Der Begriff Pazifismus wurde Anfang des 20. Jahrhunderts als politisches Schlagwort der Friedensbewegung etabliert.Thomas Kater: Gegen den Krieg – Für welchen Frieden? Philosophie und Pazifismus im 20. Jahrhundert. In: Barbara Bleisch, Jean-Daniel Strub (Hrsg.): Pazifismus. Ideengeschichte, Theorie und Praxis. Bern 2006, S. 90. Das Wort ist abgeleitet vom lateinischen Substantiv pax für „Frieden“ (Genitiv pacis) und dem Verbum facere für „tun, machen, herstellen“. Im klassischen Latein gab es Komposita dieser beiden Worte wie pacificus – „Friedensstifter“ – oder pacificare – „Frieden schließen; befrieden, besänftigen“.So heißt es in der lateinischen Übersetzung des Matthäus-Evangeliums (Mt 5,9): „beati pacifici quoniam filii Dei vocabuntur“ (Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Söhne Gottes genannt werden). Die Wortverbindung erscheint auch in älteren Sprachen und religiösen und weisheitlichen Traditionen des Altertums.
Das neulateinische Wort Pazifismus entstand jedoch erst im 19. Jahrhundert, als sich infolge der Französischen Revolution und im Zusammenhang mit der bürgerlich-liberalen Emanzipationsbewegung in Europa und den USA eine organisierte Friedensbewegung herausbildete.
Als erster bekannter Schöpfer des Wortes gilt der Franzose J. B. Richard de Radonvilliers,siehe: K. Röttgers: Pazifismus. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 7. Darmstadt 1989, S. 218–229, hier S. 218. der den Begriff 1846 in der Bedeutung etablieren wollte: „Système de pacification, de paix; tout de qui tend à établir, à maintenir la paix.“ („System der Befriedung, des Friedens; alles, was den Frieden zu stiften und zu bewahren bestrebt ist.“)J. B. Richard de Radonvilliers: Enrichissement de la langue française; dictionnaire des mots nouveaux. 2. Auflage. Paris 1845, S. 446. Die Neuschöpfung wurde jedoch nicht allgemein aufgegriffen. Vorerst herrschten weiter Bezeichnungen wie Friedensfreunde, amis de la paix oder Friedensbewegung vor. Auch Föderalisten oder Internationalisten waren als Bezeichnung üblich. Erst ab 1901 wurde Pazifismus erfolgreich etabliert. In einem Artikel vom 15. August 1901 in der belgischen Zeitung L’Indépendance Belge forderte der französische Notar und Präsident der „Ligue internationale de la Paix et de la Liberté“, Émile Arnaud, die Verwendung dieses Begriffs mit der Begründung:
Der Begriff sollte „die Gesamtheit individueller und kollektiver Bestrebungen bezeichnen, die eine Politik friedlicher, gewaltfreier zwischenstaatlicher Konfliktaustragung propagieren und den Endzustand einer friedlich organisierten, auf Recht gegründeten Staaten- und Völkergemeinschaft zum Ziel haben“.Karl Holl: Pazifismus. In: Otto Brunner (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Band 4. Stuttgart 1978, S. 767–787, hier S. 768. Schon wenige Wochen später, auf dem zehnten Weltfriedenskongress in Glasgow vom 10. bis 13. September 1901, wurde der neue Begriff von den nationalen Friedensgesellschaften aufgegriffen. Dafür sprachen mehrere Gründe:
mini|Alfred Hermann Fried propagierte Pazifismus in Deutschland. Das galt auch für die Friedensbewegung in den deutschsprachigen Ländern. Der damalige Vorsitzende der Deutschen Friedensgesellschaft, Alfred Hermann Fried, propagierte auf Drängen der prominenten Friedensaktivistin Bertha von Suttner den Begriff in der Zeitschrift Die Friedens-Warte. Sein Ziel war es, die Bezeichnung „Friedensfreund“ abzulösen, denn:
Trotz der Bemühungen Frieds setzte sich der Begriff Pazifismus vor dem Ersten Weltkrieg in Deutschland nur langsam durch. In Frankreich verbreitete er sich hingegen schneller und fand schon 1907 Eingang in das Standardwörterbuch Larousse: „pacifiste adj., ‘qui s’emploi à faire régner la paix, à résoudre les conflits par l’arbitrage’; m. ‘partisan de la paix entre les Etats.’“ („pazifistisch Adjektiv, ‘sich bemühen, dass Friede herrscht, dass Konflikte per Schiedsspruch gelöst werden’; männlich ‘Anhänger des Friedens zwischen den Staaten’“) Auch wenn sich der Begriff in der Folgezeit für die organisierte Friedensbewegung etablierte und mit dem Ersten Weltkrieg auch dessen Positionen mehr Anerkennung fanden, gelang es nicht, ihm einen eindeutigen Bedeutungsinhalt zuzuschreiben. Aus diesem Grund bestand, wie Kurt Röttgers schreibt, „begriffsgeschichtlich gesehen, daß der Pazifismus zur privaten Einstellung, der Frieden sei dem Krieg allgemein vorzuziehen, trivialisiert wurde. So aber könnte sich jedermann einen Pazifisten nennen.“Kurt Röttgers: Pazifismus. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 7, Darmstadt 1989, S. 218–229, hier S. 228. Es gab daher seit den 1930er Jahren Bestrebungen, den Begriff wieder auf einzelne, radikalere Strömungen des Pazifismus zu beschränken und die Einstellung zur Gewalt als Unterscheidungsmerkmal zu machen. Nach Ansicht des Historikers Karl Holl ist „mit Recht […] auf die Unzulänglichkeit dieser Unterscheidung hingewiesen worden und darauf, daß dann entgegen seinem Selbstverständnis der kontinentaleuropäische Pazifismus zu großen Teilen nicht als ‚Pazifismus‘ anzusehen sei, weil er vielfach den nationalen Verteidigungskrieg bejahte und weil ‚nur‘ die föderative zwischenstaatliche Ordnung und das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu dem von ihm vorgeschlagenen friedenssichernden Instrumentarium gehörte.“Karl Holl: Pazifismus. In: Otto Brunner (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Band 4. Klett-Cotta, Stuttgart 1978, S. 767–787, hier S. 771.
Anfang der 1980er Jahre, in der Debatte um den NATO-Doppelbeschluss, erfuhr der Begriff im allgemeinen Sprachbewusstsein hingegen wieder eine deutliche Ausweitung. Im Spiegel hieß es:
Auch in jüngerer Zeit wurde kritisiert, dass die „Debatte um den Pazifismus mitunter daran krankt, dass sie auf einen verengten Pazifismusbegriff rekurriert“.Barbara Bleisch, Jean-Daniel Strub (Hrsg.): Pazifismus. Ideengeschichte, Theorie und Praxis. Bern 2006, S. 13. Gelegentlich wird dabei zwischen einem engen, einem engeren und einem weiten Pazifismus-Begriff unterschieden. Der Schweizer Theologe Stefan Grotefeld schreibt:
Während sich laut Grotefeld in der Literatur zuweilen der Hinweis findet, der weite Pazifismusbegriff sei auf dem europäischen Kontinent verbreitet, der enge und engere hingegen im angelsächsischen Raum, geht er selbst davon aus, dass sich „im allgemeinen, nicht-wissenschaftlichen Sprachgebrauch […] schon seit längerem der engere Pazifismus-Begriff“ durchgesetzt hat. Nach Ansicht von Pazifismus-Forschern wird „der Pazifismus sowohl in ideengeschichtlicher Perspektive als auch als theoretische Position nur dann zureichend verstanden, […] wenn von einer solchen engen Begriffsbestimmung Abstand genommen wird“.Barbara Bleisch, Jean-Daniel Strub (Hrsg.): Pazifismus. Ideengeschichte, Theorie und Praxis. Bern 2006, S. 14.
Vor dem Hintergrund moderner Kriege, etwa dem Vietnam-, Kosovo- und Irakkrieg, setzte sich der Philosoph Robert L. Holmes entschieden mit dem Konzept des „Pragmatischen Pazifismus“ auseinander:
Motive und theoretische Grundlagen Für ihre Haltung geben Pazifisten unterschiedliche Motive und Gründe an. Zu den wichtigsten gehört dabei der Bezug auf das in den Menschenrechten garantierte Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, das durch Kriege verletzt und bedroht wird und das es zu schützen gelte. Das im Krieg unvermeidbare Töten auch unbeteiligter Menschen gilt dabei im Sinne einer deontologischen Ethik als moralisch niemals zu rechtfertigen (Gesinnungspazifismus).Barbara Bleisch, Jean-Daniel Strub (Hrsg.): Pazifismus. Ideengeschichte, Theorie und Praxis. Bern 2006, S. 23 ff. Töten im Krieg setzen Pazifisten oft mit Mord gleich. So schrieb der linke Publizist Kurt Hiller 1920: „Pazifismus ist: die Bewegung gegen den Mord.“Kurt Hiller: Links-Pazifismus. In: Die neue Rundschau. 1920, S. 1357–1376, hier S. 1366. Ebenso bekannt wie umstritten ist das Diktum von Kurt Tucholsky: „Soldaten sind Mörder.“Ignaz Wrobel: Der bewachte Kriegsschauplatz. In: Die Weltbühne. 4. August 1931, S. 191. Dahinter steht häufig eine „kategorische“ Form des Pazifismus, wonach kriegerische Gewalt niemals legitimes Mittel zur Konfliktlösung sein könne.
Demgegenüber geht ein sogenannter „konditionaler“ Pazifismus davon aus, dass ein Krieg unter bestimmten Bedingungen erlaubt oder verboten sein kann: erlaubt, etwa wenn er einen dauerhaften Frieden erreiche; verboten, etwa wenn der Krieg die Gefahr einer Eskalation zum Weltkrieg und der Selbstvernichtung in sich trage. So vertritt der Nuklearpazifismus die These, dass angesichts der Arsenale an Atomwaffen und der Blockkonfrontation im Kalten Krieg jeder Konflikt das Risiko eines Atomkrieges bedeute und daher nicht zu verantworten sei. Diese Position steht auch beispielhaft für einen „konsequentialistischen“ Pazifismus, der im Gegensatz zum deontologischen einen Krieg nicht von vornherein, sondern wegen der unabschätzbaren Folgen ablehnt.
Unterschieden wird in der Theorie weiterhin, ob Pazifismus als Ziel oder als Mittel verstanden wird. Beim Ziel-Pazifismus stehen die Überwindung der Institution Krieg und die Frage nach einem friedlichen Miteinander im Mittelpunkt. Die Überwindung des Krieges gilt als das moralisch höchstrangige Ziel, wobei Gewalt als Mittel nicht ausgeschlossen wird. Beim Mittel-Pazifismus geht es vor allem um die Vermeidung von Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung. In einem anderen Sinne ist darunter zu verstehen, dass der Pazifismus selbst ein Mittel zum Erreichen des pazifistischen Ziels darstellt. Gerade durch den Verzicht auf Gewalt im konkreten Fall sollen langfristig gewaltfreie Beziehungen aufgebaut werden.