mini|Eingang des Ariston-Theaters in Sanremo, aktueller Austragungsort des Wettbewerbs

Das (übersetzt „Festival des italienischen Liedes / der italienischen populären Musik“) ist ein Musikwettbewerb in der ligurischen Stadt Sanremo und wird nach seinem Austragungsort meist als Festival di Sanremo (Sanremo-Festival) bezeichnet. Es ist der bedeutendste Musikwettbewerb Italiens und der älteste Popmusikwettbewerb Europas. Das 1951 ins Leben gerufene Festival war Anregung zur Ausrichtung des Eurovision Song Contests (ESC); die italienischen ESC-Beiträge stammen entsprechend meist aus dem Umfeld des Sanremo-Festivals.

Das Festival wird von der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt Rai – Radiotelevisione Italiana veranstaltet und findet einmal jährlich statt. Es wird innerhalb einer Woche in der Zeit von Mitte Februar bis Anfang März an fünf Abenden von Dienstag bis Samstag ausgestrahlt.

Geschichte Initiative und Hintergrund Mit Ende des Zweiten Weltkrieges bemühte sich die italienische Politik nach der faschistischen Diktatur um eine erneuerte internationale Präsentation des Landes, die nicht zuletzt in der Förderung von Kultur, künstlerischer Qualität und technisch fortschrittlichen Medien bestand. In der ligurischen Stadt Sanremo wurde in diesem Sinne eine Kommission gegründet, die für die Gemeinde kulturelle Initiativen im Zusammenhang mit dem örtlichen Kasino ausarbeiten sollte – vor allem auch, um den Tourismus in einer sonst toten Zeit (Februar) zu fördern. Der Sozialist und Jazzliebhaber Amilcare Rambaldi, der Teil dieser Kommission war, versuchte daraufhin, ein Jazzfestival zu initiieren. Die Idee wurde jedoch erst wieder aufgegriffen, nachdem die Stadt die Nutzungsrechte des Kasinos an den Industriellen Pier Busseti übertragen hatte. Dieser ging 1947 eine Zusammenarbeit mit der staatlichen Rundfunkanstalt Rai ein, um das geplante Gesangsfestival (von Jazz war keine Rede mehr) live im Radio übertragen lassen zu können.

War die Ausgangsidee Rambaldis noch vor einem sozialistischen Hintergrund entstanden, hatte die Rai mit Programmchef Giulio Razzi (der die Organisation des Festivals übernehmen sollte) nunmehr ganz andere politische Intentionen: Beabsichtigt war, durch das Sanremo-Festival einerseits die Individualität des italienischen Liedes wiederaufleben zu lassen und es vom internationalen Einfluss zu befreien, indem man sich auf die neapolitanische Volksmusik und die Operntradition rückbesann, andererseits den Regionalismus zu überwinden und quasi eine gesamtitalienische populäre Musik zu schaffen. Dies wurde nicht zuletzt im vollständigen Namen der Veranstaltung deutlich: Festival della Canzone Italiana – „Festival des Italienischen Liedes“ – di Sanremo.

Die 1950er-Jahre mini|Das Kasino von Sanremo, fester Veranstaltungsort des Festivals 1951–1976 Am 29. Januar 1951 eröffnete Moderator Nunzio Filogamo die erste Ausgabe des Festivals, das vom Festsaal des Kasinos live im Radio übertragen wurde. Drei Interpreten (Nilla Pizzi, Achille Togliani und das Duo Fasano) wechselten sich in der Darbietung der 20 neu für den Wettbewerb geschriebenen Lieder ab. Nach drei Tagen wurde Grazie dei fior von Nilla Pizzi durch das Saalpublikum zum ersten Sanremo-Siegerlied gewählt. Doch weder Presse noch Musikkritik hatte der Veranstaltung große Aufmerksamkeit geschenkt und auch das Saalpublikum zeigte nur wenig Interesse für die Auftritte. Dies änderte sich schon bei der zweiten Ausgabe, als etwa die Esstische aus dem Saal verschwanden und das Interesse bei den Musikverlagen deutlich gestiegen war. Auch in diesem Jahr gewann Nilla Pizzi, diesmal mit Vola colomba, wobei sie gleichzeitig den zweiten (mit Papaveri e papere) und dritten Platz (mit Una donna prega) belegte.

Ab dem Festival 1953 wurde die Regel der doppelten Interpretation eingeführt, wobei jedes Lied im Wettbewerb von zwei Interpreten in zwei verschiedenen Arrangements gesungen werden musste. Dafür wurden eigens zwei verschiedene Orchester eingesetzt, ein „klassisch“ geprägtes (in jenem Jahr unter der Leitung von Cinico Angelini) und ein „modernes“ (1953 unter der Leitung von Armando Trovajoli). Sanremo 1955 war die erste Ausgabe, die live im Fernsehen ausgestrahlt wurde (zusätzlich zur Radioübertragung), mit dem Finalabend in Eurovision. Im Jahr darauf wurden die sechs Festivalteilnehmer zuvor durch einen Newcomer-Wettbewerb ausgewählt, an dem 6.656 Kandidaten teilnahmen. Im selben Jahr fand die erste Ausgabe des Eurovision Song Contests in Lugano statt, der vom Sanremo-Festival inspiriert wurde.

mini|Domenico Modugno während eines Auftritts mit Nel blu dipinto di blu (1958) In den Anfangsjahren dominierte musikalisch die Tradition, gekennzeichnet durch Rhetorik und Patriotismus sowie Themen, die sich im engen Komplex von Gott, Vaterland und Familie bewegen. Doch schon mit Nilla Pizzis Papaveri e papere (heute sowohl als Kritik an Politikern der regierenden Democrazia Cristiana als auch als Anklage gegen die untergeordnete Rolle der Frau zu jener Zeit gedeutet) und danach mit Canzone da due soldi von Katyna Ranieri (1954) kam eine neue Art Lied auf, die sich von den üblichen Schnulzen abhob und sich umgänglicher und fröhlicher gab. Im Festival 1958 begann mit dem Sieg Domenico Modugnos (und Johnny Dorellis) mit dem heute noch vor allem durch seinen Refrainteil „Volare!“ bekannten Beitrag Nel blu dipinto di blu schließlich eine neue Phase des Festivals und der italienischen populären Musik insgesamt: Songwriter und Interpreten blieben nicht mehr strikt getrennt, außerdem entwickelte sich eine neue Art des Ausdrucks durch die Performance. Die als urlatori („Schreier“) bezeichneten Sänger wie Modugno, Adriano Celentano oder Tony Dallara legten in ihren Gesang den Ausdruck des Schmerzes und wollten mehr Spontaneität erreichen.

Die 1960er-Jahre Zu Beginn der 60er-Jahre untersagte die Verwertungsgesellschaft SIAE unvermittelt ihren Autoren, am Sanremo-Festival teilzunehmen, doch hielten sich die wenigsten an dieses Verbot. Es folgte die sogenannte „Ära Bongiorno“ (1963–1967), während derer Mike Bongiorno das Festival erfolgreich moderierte, und die Auswahl der Teilnehmer vielfältiger wurde, mit den „Schreiern“ (urlatori), zu denen man Domenico Modugno, Mina, Adriano Celentano oder Bobby Solo zählte, den Cantautori wie Gino Paoli oder Umberto Bindi und den neuen Beatbands. Zumeist setzte sich im Festival jedoch die Tradition durch, besonders deutlich zu sehen im Festival 1964, als Gigliola Cinquetti mit dem melodiösen Non ho l’età (per amarti) gewann, während den größten Verkaufserfolg anschließend Bobby Solo mit Una lacrima sul viso erzielen konnte.

Mit der Ausgabe 1964 wurde außerdem versucht, das Festival internationaler zu gestalten, indem ausländische Teilnehmer eingeladen wurden (darunter Paul Anka, Gene Pitney, Ben E. King und Antonio Prieto), sodass jeder Beitrag immer von einem italienischen Sänger und einem Gast interpretiert werden musste. Mit diesem Schritt wollte man italienische und ausländische Sänger gegenüberstellen sowie versuchen, einerseits die italienische populäre Musik zu bereichern und andererseits den Export italienischer Musikproduktion ins Ausland zu fördern. Schon ab Sanremo 1966 war ein internationaler Partner jedoch nicht mehr verpflichtend.

Mitte der 60er-Jahre zeigten sich erste Anzeichen von Sozialkritik und Protestbewegungen auf der Festivalbühne: 1966 präsentierte Adriano Celentano Il ragazzo della via Gluck (ohne ins Finale zu gelangen), 1967 wagten sich etwa Gianni Pettenati mit La rivoluzione und I Giganti mit La proposta an „revolutionäre“ Themen. Doch 1967 war vor allem das Jahr des jungen Cantautore Luigi Tenco, der mit Ciao amore, ciao nicht das Finale erreichte und Suizid beging, ein noch lange nachwirkendes kulturelles Trauma der italienischen populären Musik. Mit diesem dramatischen Ereignis endete die goldene Phase unter Mike Bongiorno und das Sanremo-Festival sollte nie wieder dasselbe sein. Dessen ungeachtet gelang es dem Festival 1968, moderiert von Pippo Baudo, erfolgreich ein möglichst breites Abbild der italienischen Musikszene zu präsentieren. Als Sieger ging der Cantautore Sergio Endrigo hervor, was als Kompensation für das Ausscheiden und den Tod Luigi Tencos im Vorjahr gesehen werden konnte. Des Weiteren debütierten so verschiedene Sänger wie Fausto Leali, Al Bano und Massimo Ranieri.

Die 1970er-Jahre Die drei Sanremo-Ausgaben 1969 (gewonnen von Iva Zanicchi und Bobby Solo mit Zingara), 1970 (gewonnen von Adriano Celentano und Claudia Mori mit Chi non lavora non fa l’amore) und 1971 (gewonnen von Nada und Nicola Di Bari mit Il cuore è uno zingaro) sowie die großen Festivalerfolge von Lucio Dalla (1971 mit 4/3/1943 und 1972 mit Piazza Grande) und Roberto Vecchioni (1973 mit L’uomo che si gioca il cielo a dadi) konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Veranstaltung sich in einer Krise befand. Ab 1973 übertrug die Rai nur noch das Finale im Fernsehen und das Interesse im Ausland schien sich auf den Ostblock sowie postfaschistische Länder zu beschränken, die das Festival über Eurovision verfolgten. Gleichzeitig nahm das inhaltliche Niveau ab und man spielte zunehmend mit Stereotypen aus italienischen Erotikkomödien jener Zeit. Die Ausgabe 1975 gilt in dieser Hinsicht als Tiefpunkt. Das Festival 1979, gewonnen vom völlig unbekannten Mino Vergnaghi, erreichte auch einen kommerziellen Tiefpunkt.

mini|Das Ariston-Theater in Sanremo, Veranstaltungsort des Festivals seit 1977 (mit einer Unterbrechung 1990) Gleichzeitig wurde in dieser Zeit viel Neues ausprobiert. Ab 1972 fiel die Regel der doppelten Interpretation weg, die Lieder wurden von nun an wieder einem festen Interpreten zugeordnet. 1974 wurden die 28 Teilnehmer in zwei Gruppen aufgeteilt, wovon sich eine (die der Newcomer) für das Finale qualifizieren musste; außerdem wurde nur der Siegerbeitrag bekannt gegeben und keine weiteren Plätze. 1976 wurden die Teilnehmer gar in fünf Gruppen mit je zwei (automatisch für das Finale qualifizierten) Gruppenleitern aufgeteilt; einschneidende Änderung war auch der Wegfall des Orchesters, wodurch die Beiträge nur noch in Halbplayback präsentiert wurden. 1977 gab es nur zwölf Beiträge und somit keine Gruppen oder Qualifikationen; 1978 hingegen gingen die Teilnehmer in drei Gruppen ins Rennen, von denen nur jeweils der Sieger die Endrunde erreichte. 1977 wurde das Festival außerdem, nach 26 Jahren im Kasino, dauerhaft ins Ariston-Theater verlegt, da das Kasino umgebaut wurde.

Die 1980er-Jahre Mit dem Festival 1980 versuchte man einen Neustart. Das Moderatorenpaar aus Roberto Benigni und Olimpia Carlisi erhielt eine wesentlich aktivere Rolle in der Veranstaltung, die Aufteilung in Newcomer- und Hauptkategorie mit unterschiedlicher Finalqualifikation wurde wieder eingeführt und das Orchester wurde erneut abgeschafft (im weiteren Verlauf des Jahrzehnts ging man zeitweise sogar zu Vollplayback über). 1982 wurde der Kritikerpreis eingeführt, mit dem man den Unterschied zwischen dem breiten Publikumsgeschmack und den „Geschmacksnischen“ anerkannte. Die Rai übernahm wieder zunehmend die Initiative in der Organisation des Festivals, das mit der „ersten Ära Baudo“ unter Moderator Pippo Baudo 1984–1987 eine neue Hochphase erlebte. Unter Baudo erhielt etwa das Tagesgeschehen mehr Platz auf der Festivalbühne und wurde 1984 endgültig die Newcomer-Kategorie institutionalisiert, die im Unterschied zur bisherigen Praxis einen getrennten Wettbewerb vorsah. Außerdem wurde das Festival ab 1987 auf vier Abende verlängert.