Die Vorstellung von einer Entartung oder Degeneration ( „ent-“; „Art, Geschlecht“) des Menschen oder der menschlichen Zivilisation hatte zwischen den 1850er bis zu den 1950er Jahren großen Einfluss auf die Wissenschaft, die Kunst und die Politik. Aus bestimmten morphologischen Merkmalen („Stigmata degenerationis“) sollte das innerste Wesen des Menschen, insbesondere sein Charakter und seine Neigung zu neurotischen und geistigen Erkrankungen, aber angeblich auch seine verbrecherische Veranlagung sichtbar sein.
Der Degenerationsgedanke entspringt einer pessimistischen Weltanschauung.Erwin H. Ackerknecht: Kurze Geschichte der Psychiatrie. 3. Auflage. Enke, Stuttgart 1985, ISBN 3-432-80043-6; (a) zu Stw. „Pessimismus“: S. 53; (b) zu Stw. „Prägung des Degenerationsgedankens durch die französische Psychiatrie“: S. 41, 53; (c) zu Stw. „Französische Schule“ (Morel, Esquirol): Seiten 48, 60; (d) zu Stw. „Faktoren der Degeneration nach Morel“: S. 55; (e) zu Stw. „Antialkoholismus“: S. 56 Eng verbunden mit diesen Vorstellungen eines allgemeinen Verfalls sind zu dieser Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts und beginnenden 20. Jahrhunderts einerseits die Vererbungslehre, Eugenik und andererseits Rassentheorien. Im heutigen Bewusstsein wird der Begriff einerseits mit Zwangssterilisationen, die im nationalsozialistischen Deutschland in der „Aktion T4“ ihren Höhepunkt hatten, und einer Kritik der Gesellschaft am Fin de siècle andererseits verbunden.
Begriffsgeschichte Ursprünge des Begriffs „Entartung“ 18. Jahrhundert Bei Rousseau (1712–1778) finden sich einige Elemente der späteren Verwendungsweise des Terminus in der Wissenschaft. Hier wird unter »Entartung« eine (negative) Abweichung vom Naturzustand verstanden. Nach Rousseaus Darstellung bewirkt die Zivilisation durch zu verfeinerte Ernährung der Reichen bzw. zu schlechte Ernährung der Armen sowie durch geistige Überanstrengung die beständige Schwächung der ursprünglich robusten menschlichen Natur. («L’homme naît bon, la société le corrompt.») In England (Spleen) war man im 18. Jahrhundert geradezu stolz darauf, infolge dieser zivilisatorischen Verfeinerung auch besonders viele psychisch Auffällige aufzuweisen. Dies war später im 19. Jahrhundert in Amerika (Neurasthenie) ebenso.
Epoche des 19. Jahrhunderts Gesellschaftlicher Kontext Die industrielle Revolution und der durch sie bedingte soziale und ökonomische Wandel vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führten zu immensen Umwälzungen. Man hat verschiedentlich von einem regelrechten Kulturschock gesprochen. Dieser Gedanke hatte sich – wie bereits angedeutet – auch in der Bezeichnung Neurasthenie ausgehend von Amerika verbreitet. In Österreich entstand unter dem Einfluss der Wiener Décadence das von Sigmund Freud entwickelte Konzept des Unbewussten.Mario Erdheim: Die gesellschaftliche Produktion von Unbewußtheit. Eine Einführung in den ethnopsychoanalytischen Prozeß. 2. Auflage. suhrkamp taschenbuch wissenschaft 456, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-518-28065-1, S. 41–161.
Vor allem über die Folgen der Urbanisierung machte man sich große Sorgen. Der zunehmende Alkoholismus und die Auswirkungen der Syphilis wurden genauso als Gefahr ausgemacht wie die angenommene allgemeine Überforderung durch Reizüberflutung sowie Homosexualität, Verbrechen, Suizid und der generelle Niedergang der Sitten. Solche Befürchtungen waren an sich nichts Neues, allerdings verband man sie nun mit eugenischer, rassischer und medizinischer Forschung. Besonders in der Psychiatrie wurde über die vermeintliche Verwandtschaft dieser Erscheinungen mit den Geisteskrankheiten diskutiert. Die Idee der Degenerationslehre wurde wesentlich in der französischen AnstaltspsychiatrieVgl. Bénédict Augustin Morel: Traité des dégénérescences physiques, intellectuelles et morales de l’espèce humaine et des causes qui produisent ces varitétés maladives. Paris 1857. von der französischen psychiatrischen Schule geprägt, die in der Zeit von 1800 bis 1900 führend war und sich den Ideen der Somatiker geöffnet hatte.
Vertreter des Gedankens Morel Der französische Psychiater Bénédict Augustin Morel (1809–1873) gab Erklärungen für somatische und psychologische Anomalien oder Pathologien, die er, ausgehend von einem durch Gott geschaffenen type normalVolker Roelcke: Degeneration. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 290. des Menschen, als „Degenerationen“ bezeichnete. Einflussreich wurde sein Buch Traité des Dégénérescences physiques, Intellectuelles et Morales de l’Espéce Humaine. Zudem ist bei Morel ausdrücklich von einem sich verstärkenden Prozess die Rede. Mit seiner Vorstellung der Entartung als einer von Generation zu Generation fortschreitenden Verschlechterung der Art, die durch erbliche Einflüsse bedingt ist, beeinflusste er in einem hohen Maße das Denken der Zeit im Allgemeinen und das der heranwachsenden Psychiatergeneration im Besonderen. Morel war beeindruckt von den anthropologisch-somatischen Forschungen von Gall (1758–1828), demgegenüber sich schon Jean-Étienne Esquirol (1772–1840) als aufgeschlossen erwiesen hatte.
Die Degeneration konnte laut Morel entstehen durch: Vergiftung (Malaria, Alkohol in seiner heute erkannten keimschädigenden Wirkung während der Schwangerschaft, Opium, Nahrungsmittelvergiftung etc.) das soziale Milieu krankhaftes Temperament moralische Erkrankung Angeborene oder erworbene Schäden Erblichkeit
Morels Degenerationsbegriff basiert einerseits auf einer Mischung aus religiösen Vorstellungen und ethnologisch-anthropologischem Gedankengut. Die Menschheit entwickle sich fort von einem »type primitif« bzw. »type normal«, also einem Ursprungsmenschen, der mit Adam als identisch angesehen werden kann.
Andererseits wurde Morels Theorie möglich durch Ideen der Zeit vor Darwin, besonders denen Jean-Baptiste Lamarcks. Dieser behauptete, bestimmte angenommene Charakteristika (Drogenkonsum, Perversionen etc.) könnten vererbt werden. Praktisch alles wurde als vererbbar gesehen, so auch Krätze oder Aussatz. Ein sehr verschwommenes Konzept der »erblichen Prädisposition« erlaubte es Morel, die verschiedenartigsten Krankheiten in einer Generation auf ganz andersgeartete in der vorhergehenden Generation zurückzuführen.
Besonders Morels Degenerationsschema hatte auf die Psychiatrie der zweiten Jahrhunderthälfte eine tiefe Wirkung. Demnach sollen Pathologien von Generation zu Generation zunehmen:
erste Generation: nervöses Temperament und Ausschweifungen zweite Generation: Schlaganfälle, Epilepsie, Hysterie, und Alkoholismus sowie in der dritten Generation: Selbstmord, Psychosen und Geistesschwäche und endlich in der vierten Generation: angeborene Blödsinnszustände und Missbildungen
Die letzte Stufe der Entartung sei immer die Sterilität. Den Entarteten erkenne man an den Stigmata der Entartung:
„Asymmetrien der Gesichtshälften oder sonstiger korrespondierender Körperteile, ferner Anomalien des Schädelbaues, abstehende oder ungleiche Ohren, angewachsene Ohrläppchen, Schielen, Stottern, Missbildung der Zähne, fehlende oder überzählige Gliederteile, Verkümmerung oder abweichende Bildung der Geschlechtsorgane, (…).“
Dabei handelt es sich offensichtlich um eine Theorie, die „jeder Tertianer (…) an Hand der historischen Genealogien hätte Lügen strafen können“ (Eugen Bleuler).
Erst zu Beginn des zweiten Jahrzehnts im 20. Jahrhundert konnte diese Annahme aufgrund der Unhaltbarkeit vor allem der Vererbungsthesen (durch die Wiederentdeckung und rasche Ausbreitung der Mendelschen Regeln ab 1900) widerlegt werden.
Magnan Eine Veränderung des Entartungsbegriffs trat mit dem Darwinismus auf. Valentin Magnan, der zweite große französische Entartungstheoretiker, verwarf den religiösen Degenerationsgedanken, der eine Entartung seit dem Sündenfall annahm, und verband die Regression im Sinne Darwins mit dem Entartungsgedanken. Ein vollendeter Menschentyp könne niemals am Anfang der menschlichen Entwicklung stehen, sondern nur an ihrem Ende. Er sieht im Evolutionsweg des Menschen bestimmte immanente Störungen angelegt, die seine Entwicklung nicht nur hemmen, sondern die Bewegungsrichtung zum Untergang hin verändern können. Die wichtigste Neuerung ist der Instabile oder »dégénéré supérieur«, dessen wichtigstes Merkmal die Disharmonie ist. Er trägt dieselben Merkmale wie die normalen Entarteten, ist aber intelligent. Er ist gekennzeichnet durch den
„Mangel an Gleichgewicht nicht nur zwischen den intellectuellen und moralischen Fähigkeiten, sondern auch zwischen den einzelnen intellectuellen Fähigkeiten selbst. Ein Hereditarier kann ein Gelehrter, (…) ein geschickter Staatsmann sein und dabei in moralischer Hinsicht klaffende Lücken zeigen, wunderliche Neigungen, überraschende Unregelmäßigkeiten der Lebensführung.“
Lombroso Der italienische Begründer der Kriminalanthropologie Cesare Lombroso, dem Nordau später sein Buch Entartung widmete, postulierte mit seinen Arbeiten (Der Verbrecher, Genie und Irrsinn und Entartung und Genie) zum ersten eine Verbindung von Entartung und einer kriminellen Disposition und der Entartung und dem Genie andererseits.
Der geborene Kriminelle nach Lombroso leidet unter einem Rückschritt zu einem priminativeren Gehirntyp, was sich auf sein Verhalten auswirkt. Lombroso wollte die kriminelle Disposition des Menschen anhand äußerlicher Anzeichen wie der Kopfform feststellen. Deshalb wurde er teilweise als der Prototyp des Pseudo-Wissenschaftlers par excellence angesehen. Lombroso versuchte seine Studien durch Abmessungen des Menschen und statistische Methoden sowie soziale und wirtschaftliche Daten zu untermauern. Etwa ein Drittel der Kriminellen seien geborene Kriminelle.
Hippolyte Taine schrieb an Lombroso, dieser habe die Menschen als schmierige, wilde Orang-Utans mit menschlichem Gesicht gezeigt, die nicht anders handeln könnten, als sie es tun. Wenn diese vergewaltigten, stehlen und töteten, täten sie es wegen ihrer Natur und ihrer Vergangenheit. Dies sei ein Grund mehr, diese, sobald man Sicherheit sagen könne, dass diese Orang-Utans sind und bleiben werden, zu vernichten. Deshalb sei auch die Todesstrafe zu befürworten. Lombroso veröffentlichte diese Einschätzung später im Vorwort seines Buches L’Homme criminel, sprach sich aber für eine menschliche Behandlung der Kriminellen aus und sprach sich für Begrenzungen der Todesstrafe aus.
Lombroso begann auch Kunst und schriftliche Erzeugnisse von „Delinquenten“ zu sammeln und in seinem Museum auszustellen. In den schönen Künsten wollte er die krankhaften Symptome übertriebener Genauigkeit im Detail, den Missbrauch von Symbolen, Beschriftungen und Accessoires, die Bevorzugung einer einzelnen Farbe und das ungezügelte Streben nach Neuem erkennen.
Krafft-Ebing In Deutschland wurden bedeutende Psychiater wie Wilhelm Griesinger und Richard von Krafft-Ebing ergebene Anhänger Morels, die auch die deutsche Psychiatrie für Jahrzehnte unter seinem Einfluss stehen ließen.
Krafft-Ebing entwickelte die Idee von Psychoneurosen, die er als Übergangszustand zur Entartung ansah. Er ist es auch, der eine Vielzahl von sexuellen Normabweichungen als Entartungsphänomene einordnet. Er war der Ansicht, die moderne Zivilisation stelle enorme Anforderungen an das Nervensystem und verursache damit „Trieb-Fehlfunktionen“. Die Prädisposition zu Nervenkrankheiten (Neurasthenie) lasse sich zwar vererben, nicht aber die Nervenkrankheiten selbst.
Die Erklärung von Pathologien durch erbliche Degeneration geht nicht nur bei Krafft-Ebing, sondern auch anderen Größen der Psychiatrie im Deutschland des 19. Jahrhunderts (etwa Emil Kraepelin) mit antisemitischen rassistischen Vorstellungen einher: Besonders Juden seien als Rasse erblich degeneriert und in größerem Maße zu Schwachsinn disponiert. So schreibt etwa Theodor Kirchhoff in seinem Grundriss der Psychiatrie für Studierende und Ärzte: