Kasino-Kapitalismus bezeichnen einen Zustand des globalen, weitgehend kapitalistischen Wirtschaftssystems, der durch krisenanfällige, weltweit vernetzte Finanzmärkte geprägt wird. Im Kasino-Kapitalismus haben sich die Finanzmärkte von der Realwirtschaft abgekoppelt, indem die Finanzierung von Wertschöpfung gegenüber hoch spekulativen Finanzmarkttransaktionen in den Hintergrund getreten ist.Christoph Butterwegge: Wird die Weltfinanzkrise zu einer Gefahr für Wohlstand und Demokratie? In: Hintergrund. 1/2009, S. 17–21. https://www.christophbutterwegge.de/texte/Wird%20die%20Weltfinanzkrise%20zu%20einer%20Gefahr%20fuer%20Wohlstand%20und%20Demokratie.pdf (PDF), wörtlich „Es handelt sich dabei um jenen ‚Kasinokapitalismus‘ (Susan Strange), vor dessen Anfängen schon der britische Ökonom John Maynard Keynes gewarnt hat. Statt auf industrieller Wertschöpfung beruht dieses System auf hoch spekulativen Geldanlagen mittels immer komplexerer Produkte (Derivate/Zertifikate) …“Wichard Woyke: Handwörterbuch internationale Politik. 11. Auflage. Bonn 2008, ISBN 978-3-89331-489-8, S. 170, wörtlich „Die internationalen Finanzmärkte lassen sich unter den gegebenen technischen und organisatorischen Bedingungen nicht mehr kontrollieren und sind daher zunehmend krisenanfällig. Wächst der Welthandel schneller als die Weltproduktion, so wächst das Volumen der Finanztransfers nochmals um ein Vielfaches schneller als der Welthandel. Daraus folgt, dass sich die Finanzmärkte zunehmend von der realwirtschaftlichen Entwicklung entkoppeln … Diese Entwicklung zu einem ‚Kasino-Kapitalismus‘ kann als grundlegendes Kennzeichen der Globalisierung der Finanzmärkte gelten, So werden an den Börsen in San Francisco, New York, London, Frankfurt, Bahrain, Singapur, Hongkong und Tokio täglich und rund um die Uhr Summen bewegt, die mehr als doppelt so hoch sind wie die Währungsreserven aller Zentralbanken der Welt. Den Hauptanteil halten dabei kurzfristige Kapitalanlagen der rein spekulativen Art, sog. Derivate.“ Er wurde von der britischen Politikwissenschaftlerin Susan Strange mit ihrem 1986 erschienenen Buch Casino capitalism geprägt und von der Internationalen Politischen Ökonomie als Begriff übernommen.Zum Beispiel in: R. J. Barry Jones (Hrsg.): Routledge Encyclopedia of International Political Economy. Routledge, 2001, ISBN 978-0-415-14532-9, S. 121, 139, 266 routledge.com und in: Hans-Jürgen Bieling: Internationale politische Ökonomie: Eine Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften 2007, ISBN 978-3-531-14135-0, S. 149.
Susan Strange lehnte sich mit dem Begriff an die Analyse der Börsenspekulation durch John Maynard Keynes aus dem Jahr 1936 an.Carlota Perez: Technological Revolutions and Financial Capital. Edward Elgar Publishing, 2002, ISBN 1-84376-331-1, S. 99, wörtlich: “The term ‘Casino Capitalism’ was the title given by Susan Strange (1986), following Keynes, to her book about financial behavior …”Hendrik Hansen: Politik und wirtschaftlicher Wettbewerb in der Globalisierung. VS Verlag, 2008, ISBN 978-3-531-15722-1, S. 147. Keynes hatte sich darin auch der Analogie zum Spielkasino bedient.Robert W. Dimand, Mohammed H. I. Dore: Keynes’s Casino Capitalism, Bagehot’s International Currency, and the Tobin Tax: Historical Notes on Preventing Currency Fires. In: Journal of Post Keynesian Economics. Vol. 22, No. 4 (Summer, 2000), S. 515–528, JSTOR 4538698.Tadeusz Kovalik: Systemic Variety under the Conditions of Globalization and Integration. Kap. 9 In: Grzegorz W. Kołodko: Emerging market economies. Ashgate Publishing, Neuaufl. 2003, ISBN 0-7546-3706-9.books.google.deMarco Dardi, Mauro Gallegati: Alfred Marshall on Speculation. In: History of Political Economy. Fall 1992; 24: 571–594. {“… led Keynes to refer to the workings of modern capitalism as casino capitalism. This manuscript, therefore, enables us to gain … tendency of risk markets to turn into gambling casinos. Marshall’s view of the stock exchange may appear …”}D. Sathe: Asian Currency Crisis and the Indian Economy. In: Economic and Political Weekly. 1998, JSTOR 4406719. {“… it is many months since the currency crisis hit the south-east Asian economies and what the world saw at that time can best be described in Keynes’s words as ‘casino capitalism’.”} Die Kasino-Analogie bzw. der Begriff werden heute von Ökonomen wie Paul Krugman und Rudolf Hickel unter ausdrücklicher Bezugnahme auf Keynes verwendet.
Hans-Werner Sinn machte den Begriff zum Titel seines 2009 erschienenen Buches, in dem er die Fehlentwicklungen im Bankensystem aus ordnungspolitischer Sichtweise darstellte.Frank Keuper, Dieter Puchta: Deutschland 20 Jahre nach dem Mauerfall. 1. Auflage. Gabler / GWV Fachverlage, 2010, S. 196.
„Kasino-Kapitalismus“ wird auch als politisches Schlagwort verwendet. Laut dem pons-Sprachenportal wird das Wort als abwertende Bezeichnung für ein „hoch risikoreiches Geschäftsgebaren mit dem Effekt einer globalen Finanzkrise“ gebraucht. pons.eu Das Sprachenportal, abgerufen am 9. Juni 2010.
Kasino-Kapitalismus im Anschluss an J. M. Keynes Nach Ansicht keynesianisch orientierter Wirtschaftswissenschaftler neigen Finanzmärkte dazu, sich von der Realwirtschaft abzukoppeln, indem die Funktion der Finanzierung von Wertschöpfung gegenüber spekulativen Transaktionsgeschäften in den Hintergrund tritt. Daraus entständen regelmäßig Finanzkrisen, die sich teilweise verheerend auf die Realwirtschaft auswirkten. Um die Situation eines von der Realwirtschaft entkoppelten Finanzmarktes zu verdeutlichen, verglich Keynes diesen mit einem Spielcasino. Nach der Beobachtung von Strange hat sich der Zustand der Entkopplung der Finanzmärkte durch Deregulierungen, insbesondere die Freigabe der Wechselkurse im Jahr 1973, von der Ausnahme zum Regelfall entwickelt.Hendrik Hansen: Politik und wirtschaftlicher Wettbewerb in der Globalisierung, S. 145–147. Diese „Deformation“ der Marktwirtschaft bezeichnete Strange, in Anlehnung an Keynes, als Kasino-Kapitalismus.Carlota Perez, Technological Revolutions and Financial Capital, Edward Elgar Publishing Limited, 2002, ISBN 1-84376-331-1, S. 99.“(…) as one important exception to this critique, Susan Stange offered a more Keynesian-derived view, particularly in her discussion of ‘casino capitalism’. Her treatment of capital markets as driven less by the efficient analysis of material fundamentals than by self-fulfilling expectations of rising or falling values accords well with Keynes’ stress on the social bases of speculative manias.” Wesley Widmaier: The Keynesian Bases of a Constructivist Theory of the International Political Economy. In: Millennium. – Journal of International Studies, Vol. 32, No. 1, 2003, S. 87–107, doi:10.1177/03058298030320010401, S. 90, Anm. 7. / Wesley Widmaier: The Keynesian Bases of a Constructivist Theory of the International Political Economy.
Der Kasino-Vergleich von J. M. Keynes Um die Situation eines von der Realwirtschaft entkoppelten Finanzmarktes zu verdeutlichen, verglich Keynes diesen mit einem Spielcasino. Gemäß seiner Analyse orientierten sich Anleger an der Börse seltener an langfristigen Ertragsaussichten, da diese nur schwer einschätzbar seien. Die Anleger würden sich eher an dem vermuteten Anlageverhalten anderer Marktteilnehmer und den daraus zu erwartenden kurzfristigen Kursschwankungen orientieren, da sie in ihr Urteilsvermögen hinsichtlich des Verhaltens der anderen Marktteilnehmer mehr Vertrauen hätten.Hendrik Hansen: Politik und wirtschaftlicher Wettbewerb in der Globalisierung. S. 145, 146.J. M. Keynes: Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes. Berlin 1936, S. 144f. Die meisten Spekulanten befassten sich demzufolge wesentlich damit, der Bewegung der Masse ein kurzes Stück vorauszueilen, wobei langfristige Überlegungen naturgemäß keine Rolle spielen.Exkurs 6: Destabilisierende Spekulation und die spezifische Instabilität flexibler Wechselkurse. In: Hansjörg Herr, Klaus Voy: Währungskonkurrenz und Deregulierung der Weltwirtschaft. Entwicklungen und Alternativen der Währungspolitik der Bundesrepublik und der Europäischen Gemeinschaften (EWS). Metropolis, Marburg 1989, ISBN 3-926570-14-8, S. 74 ff. / J. M. Keynes: Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes. Berlin 1936, S. 130f.
Demnach erfolgen viele Anlageentscheidungen, d. h. die Allokation von finanziellen Ressourcen, nach Gewinnstrategien, die einem Glücksspiel angemessen seien. Die Finanzmärkte hätten dadurch die Tendenz, sich von der Realwirtschaft abzukoppeln. Die eigentliche Aufgabe des Finanzmarktes, nämlich realwirtschaftliche Investitionen zu finanzieren und damit den Akkumulationsprozess der Volkswirtschaft sinnvoll zu steuern, werde so nur noch eingeschränkt erfüllt.Hendrik Hansen: Politik und wirtschaftlicher Wettbewerb in der Globalisierung. S. 145.
Aufgrund der „Animal Spirits“ der Marktteilnehmer könnten sich zudem spekulative Entwicklungen durch Herdenverhalten weiter aufschaukeln. Deshalb neigten Finanzmärkte systematisch zum Über- oder Unterschießen. Dies führe zu Finanzkrisen, die sich häufig negativ auf die Realwirtschaft auswirken würden.„Diese Krise zeigt, dass Keynes recht hatte“ – Ein Gespräch mit Nobelpreisträger George Akerlof über Regulierungsbedarf, Staatsverschuldung, Selbstverantwortung und Bankenlöhne In: Neue Zürcher Zeitung, abgerufen am 19. Mai 2010.
Den Vergleich zum Spielkasino formulierte Keynes unter anderem auf diese Weise:Keynes, Die Allg. Theorie …, Berlin 1974, S. 134; zit. nach Arne Heise: Die Zukunft kapitalistischer Ökonomien zwischen Zusammenbruchspessimismus und Casino-Mentalität. In: Arne Heise, Werner Meißner, Hartmut Tofaute (Hrsg.): Marx und Keynes und die Krise der Neunziger. WSI Herbstforum 1993. Metropolis Verlag, Marburg 1994, ISBN 3-89518-005-X, S. 103–138.
Rezeption In welchem Ausmaß Herdenverhalten Finanzmärkte tatsächlich beeinträchtigen und destabilisieren kann, ist Gegenstand der Diskussion und empirisch nur schwer nachzuweisen.Hansen S. 146.
Susan Strange Susan Strange beschrieb in ihrem 1986 erschienenen Buch Casino Capitalism, wie sich ihrer Analyse nach die Finanzmärkte von der Realwirtschaft entkoppelt hätten und willkürlich und unberechenbar über das Schicksal von Unternehmen, deren Beschäftigten und ganze Volkswirtschaften und Staaten bestimmten. Dies zeige sich vor allem in den häufig auftretenden Finanz- und Wirtschaftskrisen.Hans-Jürgen Bieling: Internationale politische Ökonomie: Eine Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften 2007, ISBN 978-3-531-14135-0, S. 149. In dem Nachfolgebuch Mad Money führte sie diese Analyse fort und spitzte ihre Thesen noch weiter zu.Christiane Lemke: Internationale Beziehungen: Grundkonzepte, Theorien und Problemfelder. Ausgabe 2, Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2007, ISBN 978-3-486-58599-5, S. 54.
Die Ursachen für die immer häufiger eintretende Entkopplung der Finanzmärkte von der Realwirtschaft sieht sie zum einen in der seit den 1970er-Jahren gestiegenen Unsicherheit bei der Kalkulation langfristiger Ertragsaussichten, die kurzfristige Spekulationen noch attraktiver mache. Zudem betont sie, dass sich die Finanzmärkte aufgrund der Globalisierung zwar einfacher den einzelstaatlichen Regulierungen entziehen könnten, häufig aber habe bewusste staatliche Untätigkeit und sogar Deregulierung die Situation verschärft.R. J. Barry Jones: Routledge Encyclopedia of International Political Economy. Routledge, 2001, S. 139.
Nach der Beobachtung von Strange habe sich der Zustand der Entkopplung der Finanzmärkte durch Deregulierungen, insbesondere die Freigabe der Wechselkurse im Jahr 1973, von der Ausnahme zum Regelfall entwickelt.Hendrik Hansen: Politik und wirtschaftlicher Wettbewerb in der Globalisierung. S. 145–147. Diese „Deformation“ der Marktwirtschaft bezeichnete sie, in Anlehnung an Keynes, als „Kasino-Kapitalismus“.Carlota Perez: Technological Revolutions and Financial Capital. Edward Elgar Publishing, 2002, ISBN 1-84376-331-1, S. 99.