Der Landser ist der Titel einer von 1957 bis 2013 wöchentlich im deutschen Pabel-Moewig Verlag (Bauer Media Group) erschienenen Reihe kriegsverherrlichender Heftromane. Im Untertitel wurden „Erlebnisberichte zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges“ angekündigt. In erster Linie enthielten sie jedoch faktisch nicht überprüfbare pseudodokumentarische Abenteuergeschichten aus einer vordergründig unpolitisch-subjektiven Sicht deutscher Wehrmachtssoldaten (sogenannten Landsern) vor der Kulisse des Zweiten Weltkrieges. In diesen Heften wurde der Mythos der „sauberen Wehrmacht“ propagiert.
Der Landser gilt als die erfolgreichste unter den Kriegsromanreihen im deutschsprachigen Raum. Der Begriff Landserheft wird vor allem in Deutschland vielfach als Synonym für kriegsverherrlichende Trivialliteratur schlechthin gebraucht.Matthias N. Lorenz, Torben Fischer: Lexikon der "Vergangenheitsbewältigung" in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945, transcript Verlag, Bielefeld, 2., unveränd. Aufl. 2009, ISBN 978-3-89942-773-8, S. 115f.Frank Bösch, Constantin Goschler (Hrsg.): Public History. Öffentliche Darstellungen des Nationalsozialismus jenseits der Geschichtswissenschaft, Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 2009, ISBN 978-3-593-38863-2, S. 126 und 261Florian Freund, Gustav Spann: Auseinandersetzung mit der Apologie des Nationalsozialismus III: Triviale Kriegsromanhefte und der "Weltanschauungskrieg" im Osten, in: Zeitgeschichte, 10/1983, S. 370
Hintergrund und Geschichte Siehe auch Landser (Soldat) zur Herkunft des Wortes.
Im Nachkriegsdeutschland war das Thema Krieg zunächst wenig populär. Während in der Zeit des Nationalsozialismus chauvinistische, den Tod auf dem Schlachtfeld glorifizierende Heldengeschichten den Löwenanteil der Jugendliteratur ausmachten und von Wehrmacht, Hitlerjugend und NSDAP gefördert wurden, verschwand dieses Genre nach dem Krieg fast vollständig vom deutschen Markt.Heinz J. Galle: Groschenhefte. Die Geschichte der deutschen Trivialliteratur. Ullstein, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-548-36556-6, S. 131ff., S. 154.
Eine Renaissance in Westdeutschland erlebten die Kriegsromanhefte in den 1950ern, was mit dem Wegfall der alliierten Zensur, einer starken rechten Publizistik und dem veränderten politischen Klima im Vorfeld der Wiederbewaffnung zusammenhing. 1953, nach dem Ende des Koreakrieges, vermeldete das Meinungsforschungsinstitut Emnid, dass eine Mehrheit der Bundesbürger eine Wiederbewaffnung befürworte. Der auf einem Soldatentreffen gefallenen Äußerung, die eigentlichen Kriegsverbrecher seien die Alliierten, stimmten 46 Prozent der Befragten zu. 55 Prozent vertraten die Auffassung, man könne die Verbrechen der Wehrmacht in den besetzten Gebieten deren Angehörigen nicht mehr anlasten. Diese positivere Einstellung zu Krieg und Militär, steigende Zustimmung zur Wiederbewaffnung und die Forderung nach einem „Schlussstrich“ unter die NS-Vergangenheit ließen es Romanheftverlagen wie dem Arthur Moewig-Verlag gewinnbringend erscheinen, auch wieder Serien auf den Markt zu bringen, in denen der Krieg den Stoff für Unterhaltung lieferte. Dieses Meinungsklima, auf das die Verlage schließlich marktgerecht reagierten, war das Ergebnis einer durch den Kalten Krieg geprägten Berichterstattung (vor allem über den Koreakrieg) sowie einer seit etwa 1950 von der damaligen Bundesregierung im Zuge der Wiederbewaffnungsdiskussion inszenierten Propagandakampagne, die sich zunächst an ehemalige Soldaten und später an die gesamte Bevölkerung richtete.Geiger 1974, S. 206f.; weitere Verweise dort;↑ Conrady 2004, S. 125ff.↑ Vgl. Bernhard Chiari, Matthias Rogg, Wolfgang Schmidt: Krieg und Militär im Film des 20. Jahrhunderts. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2003, ISBN 978-3-486-56716-8, S. 503ff.↑ Torben Fischer, Matthias N. Lorenz: Lexikon der „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland.↑ Florian Freund, Gustav Spann: in Zeitgeschichte 1982, S. 370↑ Wilfried Loth, Bernd-A. Rusinek: Verwandlungspolitik: NS-Eliten in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Campus Verlag, 1998, ISBN 978-3-593-35994-6, S. 34–39
1953 legte der Moewig-Verlag die Reihen SOS – Schicksale deutscher Schiffe und Fliegergeschichten auf. Ein Jahr später folgte Anker-Hefte. Seefahrt in aller Welt. Klaus F. Geiger kommentierte diese thematische Auswahl:
Als Herausgeber der Fliegergeschichten fungierte Peter Supf, der ab 1939 Mitherausgeber der Kriegsbücherei der deutschen Jugend gewesen war, die im Auftrag des Reichsjugendführers und in Zusammenarbeit mit dem Oberkommando der Wehrmacht sowie Vertretern der Teilstreitkräfte herausgegeben worden war. Für SOS Schicksale deutscher Schiffe und Seefahrt in aller Welt zeichneten Fritz-Otto Busch und Otto Mielke verantwortlich, die bereits während der NS-Zeit unter anderem stramm nationalsozialistisch ausgerichtete Seekriegsromane verfasst hatten. 1957 startete Moewig die Serie Soldatengeschichten aus aller Welt und einige Jahre später Soldaten und Kameraden. Der Erich Pabel-Verlag, damals Moewigs größter Konkurrent, konterte 1957 mit Der Landser, „authentischen Erlebnisberichte[n] zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs“. Der Landser, der vor allem den Krieg im Osten thematisierte, entwickelte sich zur erfolgreichsten Kriegsromanserie der Nachkriegszeit. Bis heute sind mehr als 2800 Kleinband- sowie über 1300 Großbandausgaben erschienen.Nummern der Ausgaben der entnommen und gerundet. Begründet wurde die Serie von dem ehemaligen Jagdflieger Bertold K. Jochim, der bis 1999 in der Redaktion tätig war, zuletzt als Chefredakteur. Dabei konnte er auf bewährte Konzepte zurückgreifen. Der Vorläufer der „Landser“-Geschichten war bereits während des „Dritten Reiches“ verlegt worden, um Jugendliche mit der erwünschten Kriegsbegeisterung zu erfüllen. Nach Kriegsbeginn waren im Auftrag des „Jugendführers des Deutschen Reiches“, Baldur von Schirach, mehr als 100 Ausgaben der „Kriegsbücherei der deutschen Jugend“ erschienen.Heinz J. Galle: Groschenhefte. Die Geschichte der deutschen Trivialliteratur, S. 133ff., S. 154ff.↑ Vgl. Bernd Lemke, Reiner App: in Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 2005, S. 637↑ Bernd Lemke: in Newsletter des Arbeitskreises Militärgeschichte 1998, S. 20↑ Vgl. Dirk Wilking 2004, S. 66 ff.
Zwischen 1956 und 1959 stieg die Anzahl der produzierten Kriegsromanserien rapide an, was man mit einem „Ineinander von Profitkalkül und politischen Akten“ (Geiger 1974) erklären kann. Die Entscheidungen der Verleger folgten auf die Aufstellung der ersten Bundeswehrverbände (ab 2. Januar 1956) und die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Die Wiederbewaffnung in Verbindung mit dem durch die Auswahl der führenden Offiziere bedingten Anknüpfen an die deutsche Wehrmacht forcierte und legitimierte das literarische Interesse an den Heldentaten deutscher Soldaten. Auf den Landser folgten in kurzen Abständen weitere ähnliche Serien wie beispielsweise Landser Großband, Landser Spionage, Ritterkreuzträger, So lacht der Landser und Klingender Roman der Landser (mit Schallfolie). „Die Schaffung der Bundeswehr hat diese Serie erst geschaffen“, erklärte der Verleger des Landser, Erich Pabel.Geiger 1974, S. 208f.↑ Conrady 2004, S. 125f.↑ Heinz J. Galle: Groschenhefte. Die Geschichte der deutschen Trivialliteratur, S. 156↑ Vgl. Wilking 2004, S. 68↑ Zitat Erich Pabel:
Im Jahre 1959 erreichte die Landserheft-Produktion ihren Höhepunkt, danach endete der Boom, und die Zahl der Serien nahm stark ab. Hatte die Propaganda, die über die Rehabilitation der deutschen Wehrmacht die Zustimmung der bundesdeutschen Bevölkerung zur Wiederbewaffnung steigern sollte, zunächst eine hohe Nachfrage nach Kriegsdarstellungen geweckt, so ebbte diese nun allmählich ab, nachdem die Bundeswehr etabliert war. Zunehmende zeitgeschichtliche Informiertheit führte ab etwa 1955 zu einem gravierenden Wandel des öffentlichen Diskurses über das „Dritte Reich“. Während das erste Nachkriegsjahrzehnt als das Jahrzehnt vor der Forschung über den Nationalsozialismus bezeichnet werden kann, in dem häufig schönfärberische „Erinnerungen“ das Bild des Nationalsozialismus prägten, erschien nun eine Reihe Dokumentationen, die weite Verbreitung fanden, etwa Der Nationalsozialismus von Walther Hofer, das 1957 mit 50.000 Exemplaren erstmals aufgelegt und bis 1961 über 300.000-mal verkauft wurde. Die Forschungen des Instituts für Zeitgeschichte begannen sich in verschiedenen Veröffentlichungen niederzuschlagen, und auch die Bundeszentrale für politische Bildung (damals noch „Bundeszentrale für Heimatdienst“) verstärkte ihre publizistischen Aktivitäten. Die ab 1959 von SDR und WDR geplante 14-teilige TV-Dokumentation Das Dritte Reich erreichte 1960/61 eine Zuschauerquote von fast 60 %, was umgerechnet auf die damalige Verbreitung des Mediums etwa 20 % der westdeutschen Bevölkerung ausmachte. Der Holocaust gelangte in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre zunehmend ins öffentliche Bewusstsein. Unmittelbarer Anlass für den allgemeinen Stimmungsumschwung war eine Reihe spektakulärer Justizskandale im Jahr 1958, in denen antisemitische NS-Straftäter durch NS-belastete Richter begünstigt wurden und über die die Medien ausgiebig berichteten. Besondere Bedeutung erlangte in diesem Zusammenhang der Ulmer Einsatzgruppen-Prozess.Wilfried Loth, Bernd-A. Rusinek: Verwandlungspolitik: NS-Eliten in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft. S. 45ff.↑ Christiane Fritsche: Vergangenheitsbewältigung im Fernsehen. Westdeutsche Filme über den Nationalsozialismus in den 1950er und 60er Jahren. Meidenbauer, München 2003, ISBN 978-3-89975-031-7, S. 85f.↑ Vgl. Geiger 1974, S. 209 und S. 213
Die veränderte öffentliche Wahrnehmung des Nationalsozialismus blieb nicht ohne Folgen für das Geschäft mit den Kriegsromanen. Nachdem bereits 1959 die ersten Indizierungsanträge erfolgt waren, gerieten die Kriegsromanserien nun auch ins Fadenkreuz der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, die seit ihrer Gründung 1954 zwar insgesamt 692 „Kriminal- und Abenteuerromane“, „Liebes- und Sittenromane“, „Sexualaufklärungsschriften“ etc. indiziert hatte, bis dato jedoch kein einziges Kriegsheft.Geiger 1974, S. 227f. Diese, insbesondere die „Landser“-Serie des Pabel-Verlages, der zu dieser Zeit bereits eine marktbeherrschende Stellung innehatte, wurden zunehmend Gegenstand öffentlicher Kritik. Ende der 1950er Jahre nannte der Süddeutsche Rundfunk die Produkte des Pabel-Verlages „harter Nationalkitsch“. In einer Sendung des NDR erklärte Hans-Jürgen Usko:
Ein Versuch des Pabel-Verlages, gegen die Verantwortlichen einer am 29. Juli 1960 vom Süddeutschen Rundfunk ausgestrahlten Sendung Der Krieg im Groschenheft gerichtlich vorzugehen, scheiterte.Prozeß um Landser-Schwarten. Wenn wir Dreck nicht mehr Dreck nennen dürfen. In: Die Zeit, Nr. 37/1960. Der Pabel-Verlag holte sich eine Abfuhr. In: Die Zeit, Nr. 39/1960 Die Debatte der Jahre 1959/60 hatte die Indizierung von neun Kriegsbüchern und sechs Kriegsromanheften (darunter drei Landser-Hefte und zwei Landser-Großbände)Gesamtverzeichnis indizierter Bücher, Taschenbücher, Broschüren und Comics, Stand 30. April 1993, Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften zur Folge. Einige Anträge wurden abgelehnt, darunter einer, Heft 77 des „Landser“ betreffend:Geiger 1974, S. 247↑ Vgl. Wilking 2004, S. 75