mini|hochkant=1.3|Südansicht des Stiftkomplexes mini|hochkant=1.3|Westansicht des Stiftkomplexes

Das Stift Klosterneuburg liegt nordwestlich von Wien in der Stadt Klosterneuburg in Niederösterreich. Es gehört der Kongregation der österreichischen Augustiner-Chorherren an. Der Komplex geht auf eine Stiftung zu Beginn des 12. Jahrhunderts des österreichischen Markgrafen Leopold III. dem Heiligen zusammen mit seiner Frau Markgräfin Agnes von Waiblingen zurück.

Die ursprüngliche Stiftung war von Beginn an bis 1722 ein Doppelkloster mit Augustiner-Chorfrauen. Die gut erhaltenen Reste der Chorfrauenkirche St. Magdalena am Stiftsplatz zeugen noch heute davon.Pia Kovarik: Das ehemalige Augustiner Chorfrauenkloster, St. Magdalena in Klosterneuburg. Dipl. Arbeit. Universität Wien, Institut für Kunstgeschichte, Wien 2011. In späteren Jahrhunderten wurde die Anlage mehrmals erweitert und umgebaut, so dass sie sich heute als Konglomerat aus mittelalterlicher, barocker und historistischer Bausubstanz präsentiert. Das Stift Klosterneuburg gilt als ein lebendiges Zentrum des katholischen Glaubens, beherbergt eine bedeutende Kunstsammlung und das älteste und eines der größten Weingüter Österreichs.

Geschichte Die Anfänge mini|hochkant=0.7|links|Rueland Frueauf d. J., Auffindung des Schleiers, Stiftsmuseum Klosterneuburg

Um die Gründung des Stiftes Klosterneuburg spinnt sich die Schleier-Legende. Am Tag ihrer Vermählung sollen Markgraf Leopold III. und seine Gemahlin Agnes von Waiblingen am Söller ihrer Burg am Leopoldsberg gestanden haben, als ein plötzlicher Windstoß den Brautschleier der Agnes erfasste und davontrug. Erst neun Jahre später soll der fromme Markgraf den Schleier seiner Frau während einer Jagd in den Wäldern Klosterneuburgs unerwartet wiedergefunden haben – in unversehrtem Zustand auf einem blühenden Holunderbaum verfangen. Dies soll als göttliches Zeichen verstanden worden sein, weshalb Leopold III. an dieser Stelle ein Kloster errichten ließ. Zu einem späteren Zeitpunkt wurde diese Legende noch zusätzlich durch eine Marienerscheinung bereichert.

In Wirklichkeit aber stellte Klosterneuburg zu Beginn des 12. Jahrhunderts keinen unberührten Urwald mehr dar, denn der Stiftshügel war bereits seit urgeschichtlicher Zeit besiedelt und im 1. Jahrhundert n. Chr. zu einem Kastell (vermutlich namens Arrianis) ausgebaut worden, um den Limes Pannonicus zu schützen. Auf den Ruinen dieses Lagers entstand wohl schon im 11. Jahrhundert eine kleinere Siedlung, die Leopold III. schließlich als seine Residenz und 1114 für die Gründung eines Säkularkanonikerstiftes erwählte. Ein Ziel der Stiftung war eventuell die spätere Errichtung eines österreichischen Landesbistums, weshalb einer der begabtesten Söhne Leopolds III., der spätere Otto von Freising, 1126 zum zweiten Propst des Stiftes ernannt und zum Studieren nach Paris geschickt wurde.Floridus Röhrig: Das Stift Klosterneuburg und Österreich. In: Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich. Jahrgang 62, 1996, S. 217–218 (gesamter Artikel S. 217–234, ). Die Pläne für einen eigenen Bischofssitz scheinen aufgrund des Widerstandes der Bischöfe von Passau, Salzburg und Gurk gescheitert zu sein. Daraufhin wurde das Stift 1133 den Regularkanonikern (Augustiner-Chorherren) übergeben. Erster Propst dieser neuen Gemeinschaft wurde der selige Hartmann, unter dessen Regentschaft die Stiftskirche fertiggestellt und am 29. September 1136 geweiht wurde.Wolf Hanns: Die Anfänge des Stiftes Klosterneuburg. In: Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich. Jahrgang 29, 1948, S. 87 (gesamter Artikel S. 82–117, ). Wenige Monate danach, am 15. November 1136, verstarb Markgraf Leopold III. Er wurde im Kapitelsaal des Stiftes (der heutigen Leopoldskapelle) beigesetzt, wo sein Grab bald zur Wallfahrtsstätte wurde.

Hoch- und Spätmittelalter mini|Verduner Altar, 1181, Stift Klosterneuburg

Das Stift Klosterneuburg entwickelte sich schnell zu einem kulturellen und theologischen Zentrum. Unter den Pröpsten Marquard (1140–1167) und Rudiger (1167–1168), die mit Gerhoch von Reichersberg verwandt waren, setzte man sich etwa für Reformen des Klerus sowie die Bekämpfung der aufkommenden Scholastik ein. Aus diesem Geist heraus ist wohl das inhaltliche Programm des Klosterneuburger Ambos (des späteren Verduner Altares) entstanden. Dieses entspricht der mittelalterlichen Typologie und ist möglicherweise auf Propst Rudiger zurückzuführen, auch wenn das einzigartige Emailwerk erst unter seinem Nachfolger, Propst Wernher (1168–1185), in Auftrag gegeben und 1181 fertiggestellt wurde. Unter Herzog Leopold VI. erlangte Klosterneuburg in den Jahren um 1200 seine Funktion als Residenz der Babenberger wieder, die zuvor an Wien verloren gegangen war. Leopold VI. ließ nicht nur einen neuen Palas errichten, sondern auch die sog. Capella Speciosa – seine Palastkapelle, die als erstes gotisches Bauwerk Österreichs gilt. Als sie allerdings 1222 geweiht wurde, war der Herzog wieder nach Wien umgezogen. Von beiden Bauten sind heute nur noch Reste vorhanden. Mit dem Bau der Kapelle hielt die Gotik Einzug und einige Jahrzehnte später wurden auch Teile des Stiftes – etwa der Kreuzgang – in diesen Formen umgebaut.

Einen kulturellen Aufschwung erlebte das Stift besonders in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts unter Propst Stephan von Sierndorf (1317–1335), der zahlreiche Kunstwerke und Umbauarbeiten in Auftrag gab. Dies wurde durch einen verheerenden Brand des Jahres 1330 begünstigt, der die Instandsetzung und Erneuerung des alten Stiftes erforderlich machte. Unter Propst Stephan wurde der gotische Kreuzgang fertiggestellt, der Klosterneuburger Ambo 1330/31 zu einem Flügelaltar umgestaltet, sowie einige Goldschmiedearbeiten in Auftrag gegeben. Im ausgehenden 14. Jahrhundert begann man schließlich auch den Südturm der Kirche im gotischen Stil zu errichten. Der Turmbau blieb allerdings auf Höhe des Kirchendaches stecken und wurde nur provisorisch gedeckt.

Im 15. Jahrhundert führte die Amtszeit von Propst Georg Muestinger (1418–1442) zu einer neuerlichen kulturellen und wissenschaftlichen Blüte. In seinem Auftrag wurden in ganz Europa wichtige Ankäufe für die Bibliothek getätigt (etwa in Padua), aber auch neue Manuskripte im Stift angefertigt. Der mit dem Wiener Astronomen Johannes von Gmunden befreundete Propst befasste sich zudem ausgiebig mit Astronomie und Kartographie.

Während des 14. und 15. Jahrhunderts war das Stift weiters mit der langwierigen Heiligsprechung des Stiftsgründers beschäftigt. Denn obwohl Leopold III. schon kurz nach seinem Tod 1136 verehrt wurde, gewann sein Andenken erst in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts an Systematik. Darauf verweisen ab 1323 aufgezeichnete Wunder und Gebetserhörungen, die sich an seinem Grab ereignet haben sollen – was darüber hinaus auf starke Pilgerströme schließen lässt. Auf Bestrebungen Herzog Rudolfs IV. leitete Papst Innozenz VI. schließlich 1358 den Heiligsprechungsprozess des Babenbergers ein. Auf Grund der schwierigen politischen Situation (Abendländisches Schisma) geriet dieses Vorhaben ins Stocken. Erst durch Kaiser Friedrich III. wurde der Prozess wieder belebt. Nach seinem erfolgreichen Abschluss fand die Heiligsprechung schließlich am 6. Jänner 1485 unter Papst Innozenz VIII. in Rom statt. Die feierliche Erhebung der Gebeine des Heiligen (Translation) erfolgte am 15. Februar 1506 unter Beisein von Kaiser Maximilian I. in der Stiftskirche von Klosterneuburg.

Frühe Neuzeit In die Regierungszeit des Propstes Georg Hausmanstetter (1509–1541) fällt die Erste Wiener Türkenbelagerung von 1529, als der Konvent direkt bedroht war und sich dazu entschloss mitsamt den Kirchenschätzen nach Passau zu flüchten. In Klosterneuburg blieb, neben einem Chorherrn, nur der königliche Regimentsrat Melchior von Lamberg zurück, der Söldner für die Verteidigung der Stadt anwarb und die am 27. September begonnene Belagerung Klosterneuburgs erfolgreich abwehren konnte. Als der Konvent zurückkehrte, konnte Propst Georg zunächst die Ausbreitung protestantischen Gedankenguts im Stift unterbinden. Als er jedoch 1541 verstarb, schwand nicht nur die Zahl der Chorherren, sondern auch der Widerstand gegen den Protestantismus. Wenige Jahre später wurden in der Stiftskirche die Lehren Luthers verkündet. Propst Kaspar Christiani (1578–1584), der dem Kloster von Kaiser Rudolf II. aufgezwungen wurde, führte das Stift zum Katholizismus zurück.

mini|hochkant=0.7|Österreichischer Erzherzoghut, Stiftsmuseum Klosterneuburg

Durch die katholische Gegenreformation erlangte das Stift seine frühere Bedeutung zurück. Am 15. November 1616 nahm Erzherzog Maximilian III. am Leopoldifest in Klosterneuburg teil und stiftete dem Kloster bei dieser Gelegenheit den österreichischen Erzherzogshut. Dadurch wurde das Stift zum Hüter der „heiligen Krone des Landes“, die nur im Rahmen der Erbhuldigung Klosterneuburg verlassen durfte.

Kurze Zeit später begann die Barockisierung der Stiftskirche, die sich in mehreren Phasen zwischen 1634 und 1730 vollzog. In der ersten Etappe (1634–1645) wurde der bisher unvollendete Nordturm der Westfassade im gotischen Stil (in Anlehnung an den Südturm) weiter gebaut, im Inneren hingegen der westliche Bereich in barocken Formen neu dekoriert und die prachtvolle Orgel fertiggestellt. In einer zweiten Etappe (1680–1702) stand die Ausstattung mit Fresken, Stuck und Altären im Langhaus im Fokus. 1723–1730 fand schließlich die Umgestaltung des Presbyteriums nach Entwürfen Matthias Steinls statt. Die Barockisierung war dabei durch die Zweite Wiener Türkenbelagerung 1683 unterbrochen worden, als sich Klosterneuburg erneut in Gefahr befand und die Chorherren wieder mit dem Kirchenschatz nach Passau flüchteten. Bei der Verteidigung der Stadt spielte vor allem der Laienbruder Marzellin Orthner eine entscheidende Rolle, da durch sein Engagement eine Einnahme der Stadt verhindert werden konnte.

Der „Österreichische Escorial“ mini|Idealansicht des barocken Stiftes von 1774, Stiftsmuseum Klosterneuburg mini|Kornhäusels Kaiserhof mit der Bühne der Oper Klosterneuburg

Unter Propst Ernest Perger (1707–1748) wurde im Stift Klosterneuburg eines der eindrucksvollsten Bauprojekte des Barock ins Leben gerufen. So hatte man bereits 1714 Entwürfe für einen massiven Umbau bei Jakob Prandtauer in Auftrag gegeben, der jedoch aus unbekannten Gründen nicht ausgeführt wurde. Unter Vermittlung des Melker Abtes Berthold Dietmayr wurde schließlich 1730 Donato Felice d’Allio mit der Neuplanung der gesamten Klosteranlage beauftragt, die einen weitläufigen Neubau mit vier regelmäßigen Innenhöfen vorsah. Nachdem allerdings klar wurde, dass Kaiser Karl VI. das Kloster zu einem Österreichischen Escorial, d. h. zu einer herrschaftlichen Klosterresidenz, umbauen und hier zum Teil residieren wollte, musste d’Allio seine Pläne zugunsten größeren Prunks adaptieren. Hierbei wurde ihm das kaiserliche Hofbauamt zu Seite gestellt, dessen leitender Architekt, Joseph Emanuel Fischer von Erlach, den Bau um ein Stockwerk erhöhte, die Fassaden dynamisierte und monumentale, mit den Kronen des Hauses Habsburg versehene Kuppeln einplante. Doch obwohl das Kaiserhaus somit entscheidenden Einfluss auf die Gestaltung des Baus nahm, mussten die Kosten gänzlich vom Kloster getragen werden.

Weshalb sich Karl VI. für dieses gigantische Bauvorhaben in Klosterneuburg entschied, ist nicht restlos geklärt. Man vermutet, dass er mit dem Bau eines österreichischen Escorials den Verlust der spanischen Krone kompensieren wollte (Spanischer Erbfolgekrieg). Hinzu kam die betonte Verehrung des heiligen Leopold durch das Haus Habsburg, das ihn auch als (fiktiven) Vorfahren präsentierte. Durch die Errichtung einer Residenz über dem Grab des Heiligen sollte eine herrschaftliche Kontinuität in Österreich verdeutlicht werden.