mini|Das Wissenschaftskonzept der Sozialökonomik als disziplinärer Komplex: Die Sozialökonomische Brille des Historikers und Ökonomen Frank Fehlberg (2021).Vgl. zum Ganzen ursprünglich Frank Fehlberg: Sozialökonomik – Geschichte und Gegenwart eines Wissenschaftskonzepts (2021), Grundlagentext auf Exploring Economics.
Die Sozialökonomik ist (1) die historische Fachbezeichnung einer integrierten Sozial- und Wirtschaftswissenschaft (vgl. Einzelwissenschaft, Disziplin). Als (Sozial-)Ökonomik wird die Wissenschaft selbst bezeichnet, ihr Gegenstand als (Sozial-)Ökonomie. (2) Ein kontextabhängiger Ausdruck für komplexe Zusammenhänge von Gesellschaft und Wirtschaft (vgl. Sozialökonomie bzw. Sozioökonomie).
Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts stand die Bezeichnung im deutschsprachigen Raum für das übergreifende Wissensgebiet von Geschichte, Rechts- und Staatswissenschaft, Volkswirtschaftslehre und Soziologie. Das jüngere sozialökonomisch wurde oft synonym mit den älteren nationalökonomisch oder volkswirtschaftlich verwendet, womit vor allem der „gesellschaftliche und politische Kontext wirtschaftlicher Aktivität“ hervorgehoben werden sollte.Vgl. Alfred Oppolzer: „Sozialökonomie“. Zu Gegenstand, Begriff und Geschichte eines interdisziplinären und praxisbezogenen Wissenschaftskonzeptes, in: Sozialökonomische Beiträge. Zeitschrift für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft 1/1 (1990), S. 6ff. Als charakteristisch gilt der erkenntnistheoretische Versuch, historisch-soziale Wirklichkeitswissenschaft mit wirtschaftstheoretisch-logischer Analyse zu verbinden.Vgl. Gertraude Mikl-Horke: Traditionen, Problemstellungen und Konstitutionsprobleme der Sozioökonomie, in: Reinhold Hedtke (Hrsg.): Was ist und wozu Sozioökonomie?, Wiesbaden 2015, S. 95ff.; zum erkenntnistheoretischen Zusammenhang treffend Geoffrey M. Hodgson: How Economics Forgot History. The Problem of Historical Specificity in Social Science, London/New York 2001, S. 21ff. Aktueller Christian Fridrich, Reinhold Hedtke, Georg Tafner (Hrsg.): Historizität und Sozialität in der sozioökonomischen Bildung, Wiesbaden 2019. Als Wissenschaftskonzept repräsentierte die Sozialökonomik die anfänglich interdisziplinär ausgerichtete universitäre Praxis der institutionalisierten Volkswirtschaftslehre (VWL). Durch methodologische Spezialisierung und akademische Restrukturierung seit den 1950er-Jahren verlor sie jedoch ihren disziplinären Leitbildcharakter.Zur geschichtlichen Entwicklung der VWL zu einer „mathematisch und axiomatisch argumentierenden Wirtschaftstheorie“ vgl. Jan-Otmar Hesse: Wirtschaft als Wissenschaft. Die Volkswirtschaftslehre in der frühen Bundesrepublik, Frankfurt am Main 2010.
In der Gegenwart werden Sozial- oder Sozioökonomik und VWL kaum mehr auf derselben Bedeutungsebene verwendet. Dagegen sind unter anderem Sozialpolitik, Sozialstatistik, Sozioökonomische Bildung und Verhaltensforschung, Soziale Arbeit, Sozialwirtschaft, sozial-betriebliche Organisation, sozial-ökologische Transformation oder die Christlichen Soziallehren mit dem Begriff assoziiert. Oft werden im Sprachgebrauch mit sozioökonomisch sozialstatistische Sachverhalte (Sozioökonomischer Status, Sozio-oekonomisches Panel) und mit sozialökonomisch wirtschafts- und sozialpolitische Themen adressiert (Sozialökonomik Erlangen-Nürnberg, FB Sozialökonomie Hamburg). Hierbei wird zuweilen offen auf wirtschaftsethische Prämissen bzw. auf einen notwendigen ethischen Diskurs in den Wirtschaftswissenschaften und der Wirtschaft selbst hingewiesen.Vgl. Gertraude Mikl-Horke: Was für eine Ökonomie ist die Sozialökonomie/Sozioökonomie? Begriffsverwendungen in Geschichte und Gegenwart, in: Arne Heise, Kathrin Deumelandt (Hrsg.): Sozialökonomie – ein Zukunftsprojekt, Marburg 2015, S. 13ff. und breiter in Verbindung mit dem Bildungsbegriff vgl. Andreas Fischer, Bettina Zurstrassen (Hrsg.): Sozioökonomische Bildung, Bonn 2014 sowie Tim Engartner, Christian Fridrich, Silja Graupe, Reinhold Hedtke, Georg Tafner (Hrsg.): Sozioökonomische Bildung und Wissenschaft. Entwicklungslinien und Perspektiven, Wiesbaden 2018 und Christian Fridrich, Reinhold Hedtke, Walter Otto Ötsch (Hrsg.): Grenzen überschreiten, Pluralismus wagen. Perspektiven sozioökonomischer Hochschullehre, Wiesbaden 2020. Zur Verbindung von Sozialer Arbeit und Sozialwirtschaft vgl. Klaus Schellberg: Die Wirtschaftswissenschaften und ihr Verhältnis zur Sozialwirtschaft (und der Sozialen Arbeit), in: Reinhilde Beck, Armin Wöhrle, Klaus Grunwald, Klaus Schellberg, Gotthart Schwarz, Wolf Rainer Wendt: Grundlagen des Managements in der Sozialwirtschaft, Baden-Baden 2013, S. 117ff.
In diesem doppelten Sinne werden zum Beispiel die neueren historisch-sozial wie statistisch-formal angelegten Studien des Ökonomen Thomas Piketty in der Literatur sowohl der älteren Tradition einer disziplinären Sozialökonomik als auch aktuellen sozioökonomischen oder transformativ-wirtschaftspolitischen Forschungsansätzen zugeordnet.Vgl. zu Pikettys „Kapital im 21. Jahrhundert“ (2014) Frank Fehlberg: Sozialökonomik und Kapitalistik. Karl Rodbertus’ Beitrag zur Sozioökonomie, in: Jakob Kapeller, Stephan Pühringer, Katrin Hirte, Walter O. Ötsch (Hrsg.): Ökonomie! Welche Ökonomie? Stand und Status der Wirtschaftswissenschaften, Marburg 2016, S. 231ff. und Till van Treeck: Zur Bedeutung von r > g in Pikettys „Kapital im 21. Jahrhundert“, in: Peter Bofinger, Gustav A. Horn, Kai D. Schmid, Till van Treeck (Hrsg.): Thomas Piketty und die Verteilungsfrage. Analysen, Bewertungen und wirtschaftspolitische Implikationen für Deutschland, o. O. 2015, S. 73ff. Die Juristin Katharina Pistor knüpft rechtshistorisch und rechtstheoretisch an diese Fragestellungen an.Vgl. Katharina Pistor: Der Code des Kapitals. Wie das Recht Reichtum und Ungleichheit schafft (engl. Orig. 2019), Berlin 2020, S. 20. Zum Verhältnis von Rechts- und Wirtschaftsentwicklung vgl. den Handbuch-Eintrag Dies.: Rechtssystem und Wirtschaftsentwicklung, in: Raj Kollmorgen, Wolfgang Merkel, Hans-Jürgen Wagener (Hrsg.): Handbuch Transformationsforschung, Wiesbaden 2015, S. 657ff.
Überblick mini|Die erste Grundlegung: Heinrich Dietzels Theoretische Socialökonomik (1895).
Die Sozialökonomik prägte zu Beginn des 20. Jahrhunderts gemeinsam mit der Soziologie den Fächerkanon der modernen Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Anders als die Soziologie konnte sich die Sozialökonomik jedoch nie als eigenständige Wissenschaftsdisziplin etablieren, wenngleich sie als interdisziplinäres Wissensgebiet präsent blieb.Vgl. allgemein zum Überblick Volker Kruse: Von der historischen Nationalökonomie zur historischen Soziologie. Ein Paradigmenwechsel in den deutschen Sozialwissenschaften um 1900, in: Zeitschrift für Soziologie 19/3 (Juni 1990), S. 149ff. sowie vor allem Gertraude Mikl-Horke: Historische Soziologie der Wirtschaft. Wirtschaft und Wirtschaftsdenken in Geschichte und Gegenwart, München/Wien 1999; Dies.: Historische Soziologie – Sozioökonomie – Wirtschaftssoziologie, Wiesbaden 2011; Dies. (Hrsg.): Sozioökonomie. Die Rückkehr der Wirtschaft in die Gesellschaft, Marburg 2011; Gerda Bohmann, Johanna Hofbauer, Johann August Schülein (Hrsg.): Sozioökonomische Perspektiven. Texte zum Verhältnis von Gesellschaft und Ökonomie, Wien 2014 sowie Andrea Maurer, Gertraude Mikl-Horke: Wirtschaftssoziologie, Baden-Baden 2015. Die Präsenz explizit volkswirtschaftlich-sozialökonomischer Forschungen zeigte sich in den letzten Jahrzehnten in Beiträgen wie Beat Bürgenmeier: Sozioökonomie. Für eine ethische Erweiterung der wirtschaftspolitischen Diskussion, Marburg 1994; Karl S. Althaler, Egon Matzner, Manfred Prisching, Brigitte Unger (Hrsg.): Sozioökonomische Forschungsansätze. Historische Genese, Methoden, Anwendungsgebiete, Marburg 1995; Uwe Jens, Hajo Romahn (Hrsg.): Sozialpolitik und Sozialökonomik. Soziale Ökonomie im Zeichen der Globalisierung (Festschrift für Lothar F. Neumann), Marburg 2000 und Dies. (Hrsg.): Methodenpluralismus in den Wirtschaftswissenschaften, Marburg 2010.
In der Wirtschaftswissenschaft dominierten lange Zeit vor allem Politik, Staat, Nation bzw. Volk als disziplinäre Bestimmungsbegriffe (zum Beispiel Nationalökonomie, Volkswirtschaftslehre, Staatswirtschaftslehre, Politische Ökonomie). Vor diesem Hintergrund kann man die umfassender ausgerichtete Sozialökonomik als eine „verspätete Wissenschaft“ bezeichnen.Vgl. Oliver Römer, Ina Alber-Armenat: Die „verspätete Wissenschaft“, in: Soziologie, 47/4 (2018), S. 403ff., 417f. Der Beitrag formuliert für die Göttinger Soziologie und in Anlehnung an den lokalen Klassiker Helmuth Plessner (Die verspätete Nation 1959): „Der ‚Sonderweg‘ der Göttinger Soziologie zeigt sich dagegen in einer nachholenden Gründung und Verwissenschaftlichung einer Disziplin.“ Sie setzte sich zwar teilweise begrifflich-konzeptionell durch, nicht aber akademisch-institutionell. Als klassische Idee einer ökonomischen Querschnittswissenschaft verlor sie im Zuge der Fächerdifferenzierung des 20. Jahrhunderts an Boden. Nach dem Ende des Kalten Krieges und im Zuge der voranschreitenden ökonomisch-ökologischen Globalisierung fand sie wieder stärkere Beachtung.
mini|links|Richard Ely veröffentlichte 1884 unter dem Reihentitel Institutions and Economics den Teilband The Past and the Present of Political Economy. Wie der Herausgeber Herbert Baxter Adams war Ely vom deutschen Historismus geprägt.Richard T. Ely: The Past and the Present of Political Economy (Johns Hopkins University Studies in Historical and Political Science, Bd. 2: Institutions and Economics), Baltimore 1884.
Der Gegenstandskomplex der Gesellschaftswirthschaft (1852) bzw. des Gesellschaftlichen Systems der menschlichen Wirthschaft (1867) wurden in Verbindung mit ersten Ansätzen einer disziplintheoretischen Beleuchtung von Karl Rodbertus und Albert Schäffle eingeführt.Zitiert bei Karl Rodbertus: Das Kapital. Vierter socialer Brief an von Kirchmann (1852/1884 postum), in: Adolph Wagner, Theophil Kozak (Hrsg.): Aus dem literarischen Nachlass von Dr. Carl Rodbertus-Jagetzow, Bd. II, Berlin 1884, S. 77f. und Albert Schäffle: Das gesellschaftliche System der menschlichen Wirthschaft. Ein Lehr- und Handbuch der Nationalökonomie […], Tübingen 1867. Vgl. zur Ideen- und Theoriegeschichte der Sozialökonomik im Überblick Frank Fehlberg: Arbeitswert und Nachfrage. Die Sozialökonomik von Karl Rodbertus zur Einführung, Marburg 2017.
Unter der Bezeichnung Sozialökonomik wurden diese Grundlagen ab etwa 1880 von Adolph Wagner und Heinrich Dietzel systematisch als Wissenschaftskonzepte weiterentwickelt. Ziel war die erkenntnistheoretische und methodologische Verknüpfung der institutionen- und sozialhistorischen Expertise der Historischen Nationalökonomie mit dem Theorieschwerpunkt der Klassischen Nationalökonomie.Vgl. Adolph Wagner: Theoretische Sozialökonomik oder Allgemeine und theoretische Volkswirtschaftslehre. Grundriss in tunlichst prinzipieller Behandlungsweise […], Leipzig 1907. Chronologisch eher, jedoch konzeptionell und begrifflich bereits von Wagner beeinflusst: Heinrich Dietzel: Theoretische Socialökonomik, Leipzig 1895. Vgl. im Überblick Gertraude Mikl-Horke: Traditionen, Problemstellungen und Konstitutionsprobleme der Sozioökonomie, in: Reinhold Hedtke (Hrsg.): Was ist und wozu Sozioökonomie? Wiesbaden 2015, S. 95ff., S. 101 [Historische Nationalökonomie und Wirtschaftstheorie: Sozialökonomik als Verbindung].