Der Bre-X-Skandal, oder Busang-Schwindel von 1997 war einer der größten Bergbau- und Börsenskandale der kanadischen Geschichte. Benannt ist er nach der kanadischen Explorations-Gesellschaft Bre-X Minerals Ltd. (Calgary) und deren Höffigkeitsgebiet Busang in der indonesischen Provinz Kalimantan Timur auf Borneo. Zeitweilig galt Busang als eine der größten jemals entdeckten Gold-Lagerstätten der Welt, bis bekannt wurde, dass die zur Vorratsberechnung verwendeten Gesteinsproben massiv und systematisch verfälscht waren. Der Schwindel gilt als einer der waghalsigsten und am sorgfältigsten durchgeführten der Bergbaugeschichte. Die jeweilige Verantwortung von einzelnen Angehörigen des Bre-X-Managements ist bis heute ungeklärt, und bisher wurde noch niemand rechtskräftig für den Betrug verurteilt.

Vorgeschichte mini|Einzugsgebiet des Mahakam auf Borneo Das Höffigkeitsgebiet Busang liegt etwa 350 km nordöstlich von Samarinda. Es wurde 1986 von John Felderhof identifiziert, damals Chefgeologe der kleinen australischen Explorations-Gesellschaft Jason Mining. Zu dieser Zeit wurde das Gebiet jedoch noch Muara Atan genannt. Um es zu erreichen, war eine zwölfstündige Fahrt in einem Schnellboot über den Mahakam und den Kelinjau nötig, gefolgt von weiteren vier bis fünf Stunden im Kanu auf dem Atan. Bald nach ihm erschien der indonesische Geologe Jonathan Nassey, der für Westralian Resource Projects arbeitete und ebenfalls den Spuren einheimischer Goldsucher gefolgt war.

Erste Arbeiten wurden ein Jahr später von Westralians indonesischer Tochtergesellschaft PT Westralian Atan Minerals (kurz: PT WAM) durchgeführt. Bei deren einheimischen Partnern handelte es sich um den Geschäftsmann Jusuf Merukh, sowie um die einflussreiche Familie Syakerani. Der britische Geologe Stephen Walters nahm die ersten Gesteinsproben für geochemische Analysen und führte die erste geologische Kartierung der Zentral-Zone durch. Dabei entdeckte er ein kleines Gangsystem, das dem Erz in der bekannten Kelian-Goldmine in Kalimantan ähnelte, und die ersten ermittelten Goldgehalte waren durchaus ermutigend.

Noch ein weiteres Jahr später nahmen die Geologen John Levings und Graeme Chuck für Westralian Bodenproben, mit denen sie die Existenz von mehreren Gold-Anomalien nachweisen konnte, die sich in östliche oder nordöstliche Richtung erstreckten. Daraufhin öffneten sie mit einem Bulldozer einige Schurfgräben quer über diese Anomalien. Die Analysen waren ebenfalls interessant: Es fanden sich einige Abschnitte von sechs bis zwölf Metern mit einem durchschnittlichen Goldgehalt von 10 bis 15 Gramm pro Tonne. Daneben wurden auch noch weitere Gesteinsproben an der Oberfläche genommen, so auch in der späteren „Südost-Zone“. Diese lieferten jedoch viel geringere Werte als die aus der Zentral-Zone.

Währenddessen kaufte sich Montague Gold in das Projekt ein, indem sie einige von PT WAMs finanziellen Verpflichtungen übernahm, und 1989 führten sie gemeinsam die ersten 19 Probebohrungen durch. Zwar fand sich in allen, bis auf zwei Bohrungen, Gold, aber die Gehalte und Mächtigkeiten waren enttäuschend. Außerdem war die Lage der mineralisierten Zonen erratisch und ließen sich nur schwer in einer bestimmten geologischen Struktur einordnen. Größere Bergbaufirmen wie Homestake Mining, die sich die Ergebnisse anschauten, waren nicht beeindruckt und lehnten ein Joint Venture mit Montague und PT WAM ab. Das allgemeine Interesse an kleinen Projekten war nach dem Einbruch des Finanzmarktes von 1987 ohnehin noch immer sehr gering.

So wurden die Arbeiten in Busang für einige Jahre eingestellt und das Projekt kam unter die Kontrolle des Finanzinvestors Waverley Asset Management. 1992 wurde John Felderhof von Waverley beauftragt einen Käufer für das Projekt zu suchen. Daraufhin schickte er einen alten Bekannten, den philippinischen Geologen Michael de Guzman, um das Projekt erneut zu untersuchen. De Guzman galt nicht nur als fachlich kompetent, sondern auch als moralisch integer. Vor Jahren war er aus seinem Arbeitsplatz in der Akupan-Mine gemobbt worden, weil er sich nicht an den organisierten Golddiebstählen des mittleren Managements beteiligen wollte. Seine Beurteilung des Höffigkeitsgebietes war nun deutlich optimistischer als die vorangegangenen. So hielt er die Zentral-Zone nur für einen kleinen Teil eines weit größeren mineralisierten Systems, rund um einen ehemaligen Vulkanschlot, und empfahl weitere Arbeiten. Seine erste Schätzung der Ressourcen betrug mindestens 20 Millionen Tonnen mineralisiertes Gestein, mit einem durchschnittlichen Gehalt von 2 Gramm Gold pro Tonne, die im Tagebau bis 50 Meter Tiefe gewonnen werden könnten. Das ergäbe einen Goldgehalt von etwa 40.000 kg oder 1,3 Millionen Unzen. Damit wäre die psychologisch wichtige „Eine-Million-Unzen-Grenze“ überschritten, ab der auch größere Investoren interessiert werden könnten. Eine weitere, spekulativere Schätzung von Michael de Guzman ergab im Untertagebau bis 150 Meter Tiefe abbaubare 60 Millionen Tonnen Erzressourcen mit einem Goldgehalt von über 3,5 Gramm pro Tonne, zusammen 210 Tonnen Gold oder 6,8 Millionen Feinunzen. Diese Ressource schloss allerdings die Hälfte des übertägigen Vorkommens mit ein.

Der Aufstieg von Bre-X Im März 1993 wurde Felderhof von dem kanadischen Geschäftsmann David Walsh kontaktiert, der ihn vor Jahren flüchtig kennengelernt hatte, und der sich nun, nach mehreren geschäftlichen Misserfolgen, um neue vielversprechende Projekte für seine Explorations-Firma Bre-X Minerals bemühte. Im April fand ein erstes Treffen in Jakarta statt. Zwar handelte es sich bei Walsh keineswegs um den finanzkräftigen Investor, den man sich erhofft hatte, dennoch kam das Geschäft zustande. Felderhof wurde Bre-X-Manager für Indonesien und heuerte de Guzman als Chefgeologen an. Dazu kamen die Geologen Jonathan Nassey und Cesar Puspos.

Im Laufe des Sommers bemühte sich Walsh um die Beschaffung von Kapital – die Bre-X-Aktie wurde zu diesem Zeitpunkt mit etwa 45 Cent gehandelt – und im Oktober wurden die ersten drei Probebohrungen in Busang durchgeführt. Während die ersten beiden Bohrungen fast taub waren, lieferte das dritte Loch, zur größten Erleichterung aller Beteiligten, drei goldhaltige Zonen, eine davon über 40 Meter mächtig.

Nun schauten sich auch große Bergbaugesellschaften, wie Barrick Gold, Teck Resources, Newmont Mining und Placer Dome das Projekt an, waren aber nicht beeindruckt. Nur Paul Kavanagh, der renommierte Leiter der Explorations-Abteilung von Barrick Gold, zeigte Interesse. Als er überraschend seine Position aufgab, um dem Vorstand von Bre-X beizutreten, sorgte das für Erstaunen in der Branche. Aber die sehr ermutigenden Resultate weiterer Bohrungen Anfang 1994 schienen seine Entscheidung glänzend zu bestätigen. Analysten veröffentlichten nun die ersten positiven Besprechungen über das Busang-Projekt, und der bisher immer noch drohende Bankrott war fürs Erste abgewendet. Der Aktienkurs von Bre-X begann langsam zu steigen und erreichte bis Ende des Jahres fast drei kanadische Dollar.

Im Februar 1995 wurde die erste unabhängige Ressourcenberechnung des Consultants Roger Pooley veröffentlicht: mindestens 10,3 Millionen Tonnen Erz, mit einem Goldgehalt von 2,9 g/t, also tatsächlich 29,9 Tonnen Gold (etwa 1 Million Unzen). Zur selben Zeit wurde die Entdeckung der sogenannten „Südost-Zone“ (oder Busang II) bekannt gegeben. Anders als die Zentral-Zone erstreckte sich diese Zone von mineralisiertem Gestein über eine Länge von fast fünfeinhalb Kilometer und war auch in Luftbildaufnahmen deutlich zu erkennen. Erneut lieferten die Probebohrungen höchst erfreuliche Resultate. Bei den einheimischen Minderheitsteilhabern handelte es sich wieder um die Familie Syakerani, der andere Teilhaber von Busang I, Jusuf Merukh, wurde jedoch nicht an dem neuen Prospekt beteiligt. Dieser Umstand sollte später noch zu entscheidenden juristischen Verwicklungen führen.

Im September erneuerte auch Teck sein Interesse, denn man hatte bemerkt, dass die regionalen Strukturen und die Gesteinsalteration von Busang selbst in Satellitenfotografie zu erkennen waren. Als Teck vorschlug, eigene Probebohrungen durchzuführen, wie es vor einem Joint Venture gängige Praxis ist, lehnte Walsh aber überraschend ab. Ebenso untersagte Felderhof, bis zum Abschluss des Bohrprogramms in der Südost-Zone, Besuche von Vertretern interessierter Unternehmen auf dem Gelände.

Im Oktober veröffentlichte PT Kilborn Pakar Rekayasa, der indonesische Zweig der angesehenen Consulting- und Ingenieurs-Firma Kilborn Engineering, unter Einschluss der neuen Bohrungen, eine neue Ressourcenberechnung: 35 Millionen Tonnen Erz mit 2,44 g/t, also 85 Tonnen Gold (2,75 Millionen Unzen). Davon abgesehen, dass diese Ergebnisse höher lagen als die Pooleys, war auch das Ansehen Kilborns weit größer als das eines einzelnen Beraters. Die inoffiziellen Schätzungen Felderhofs über das mögliche Potential des Busang-Projektes waren aber, wie schon zuvor, stets um ein Vielfaches höher, nach weiteren „Scout-Bohrungen“ mit fabulösen Ergebnissen in der Südost-Zone, sogar um Größenordnungen. Im November erzielten die Bre-X-Aktien einen vorläufigen Höchstpreis von 59 kanadischen Dollar. Als danach für eine Weile keine neuen Analysedaten mehr veröffentlicht wurden, sank der Kurs wieder.

Die ersten Berechnungen für die Südost-Zone wurde am 20. Februar 1996 veröffentlicht: 41 Millionen Tonnen Erz von gemessenen und möglichen Ressourcen, mit 2,72 g/t, also 110 Tonnen Gold (3,6 Millionen Unzen), dazu 110 Millionen Tonnen von vermuteten Erzressourcen, mit 2,65 g/t, also 290 Tonnen Gold (9,4 Millionen Unzen). Zusammen mit den bereits errechneten Ressourcen aus der Zentral-Zone ergäbe das bereits knapp 16 Millionen Unzen. Die Anleger waren über diese Zahlen begeistert und der Börsenkurs stieg bis Ende des Monats auf über 100 Dollar. Dabei wurde allerdings übersehen, dass bei „vermuteten“ Ressourcen nur eine Aussagesicherheit von 20 bis 40 % vorliegt. Bei nüchterner Betrachtung war der Börsenkurs dem errechneten Wert des Unternehmens bereits jetzt schon weit voraus. Aber selbst erfahrene Top-Analysten, wie Egizio Bianchini wurden von der Euphorie erfasst, und starrten nur auf die vermeintlich riesige Zahl der „Unzen“ und das zukünftige Potential der Lagerstätte. Es kursierten bereits Vergleiche mit Weltklasse-Lagerstätten wie dem Witwatersrand oder dem Carlin-Gürtel (Nevada). Skeptikern unterstellte man hingegen, sie seien bloß neidisch auf den Erfolg der kleinen „Junior“-Gesellschaft.

Am 23. April wurde Bre-X in die Toronto Stock Exchange aufgenommen, wo die Gesellschaft bald im Index der dreihundert besten Unternehmen (TSE 300) erschien. Im Mai erreichte die Aktie einen Rekordwert von 286,5 kanadischen Dollar. Damit stieg der Börsenwert des Unternehmens auf 6 Milliarden kanadische Dollar (etwa 4,4 Milliarden US-Dollar) und es wurde ernsthaft erwogen Bre-X in den Dow Jones Index aufzunehmen. Ab September notierte sie im New Yorker NASDAQ. In regelmäßigen Abständen wurden neue Ressourcenberechnungen veröffentlicht, stets mit noch mehr Millionen von „Unzen“.

Rechtliche Probleme und der „Bieterkrieg“ um Busang Schon bald nachdem sich Bre-Xs enormer Erfolg abzuzeichnen begonnen hatte, meldete sich Waverley Asset Management, der ehemalige Besitzer von PT WAM. Die Firmenleitung bezichtigte Felderhof, er habe beim Verkauf der Aktien an Bre-X mehr im eigenen Interesse gehandelt als dem seines Auftraggebers. Als sich dann noch herausstellte, dass aus unklaren Gründen bei der indonesischen Bergbaubehörde nicht Bre-X, sondern immer noch Westralian Resource Projects als ausländischer Teilhaber von PT WAM eingetragen war, hatte Waverley wieder einen Fuß in der Tür. Bre-X „löste“ das Problem, indem sie Waverley für 5,6 Millionen US-Dollar einfach PT WAMs Muttergesellschaft abkaufte.