mini|hochkant=1.3|Anhänger der UDD in Bangkok (20. März 2010) Die Nationale Demokratische Allianz gegen Diktatur (, Abkürzung , selbstgewählte englische Bezeichnung “United Front for Democracy Against Dictatorship”, abgekürzt UDD) ist die Dachorganisation, zu der sich in Thailand eine Vielzahl von politischen Gruppen zusammengeschlossen haben, die sich der politischen Bewegung der „Rothemden“ () zurechnen. Sie wurde aus Widerstand gegen den Militärputsch am 19. September 2006 und die anschließend vom Militär eingesetzte Regierung gegründet und steht dem bei dem Putsch entmachteten Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra nahe.Rothemden protestieren gegen Justiz-Apparat Tausende Anhänger der Opposition fordern die Freilassung ihrer Anführer, die wegen Terrorismus-Vorwürfen inhaftiert sind. (Die Zeit 2011-02; nach dpa)

Gründung und Entwicklung mini|hochkant=0.8|Nattawut Saikua (2010) mini|hochkant=0.8|Jatuporn Prompan (2008) Die Gruppe entstand aus Protest gegen den Militärputsch im September 2006, der Thaksin Shinawatra entmachtete, die anschließende Herrschaft der Militärjunta von General Sonthi Boonyaratglin, die sich selbst „Rat für Demokratische Reformen“ nannte und die von ihr eingesetzte Übergangsregierung unter Surayud Chulanont. Führende Mitglieder waren Veera Musikapong und Nattawut Saikua, Politiker von Thaksins Thai-Rak-Thai-Partei, die von dem nach dem Putsch eingerichteten „Verfassungstribunal“ wegen Wahlrechtsverstößen aufgelöst wurde. Dazu kamen Demokratieaktivisten, auch vormalige Kritiker Thaksins wie Weng Tojirakarn, die über die Art und Weise von Thaksins Entmachtung und die erneute Militärherrschaft entsetzt waren. Eine Vielzahl verschiedener nach dem Putsch gebildeter Gruppen, die entweder Thaksin unterstützten oder die Militärherrschaft ablehnten, fanden sich im Laufe des Jahres 2007 zur Demokratischen Allianz gegen Diktatur (DAAD) zusammen.Chairat Charoensin-o-larn: Redrawing Thai Political Space. 2013, S. 209.

Das erste politische Ziel der DAAD war die Ersetzung der vom Militär eingesetzten Regierung Surayud und die Ablehnung der unter der Ägide des Militärs 2007 ausgearbeiteten Verfassung. Bei der Volksabstimmung im August erreichte die Nein-Kampagne der DAAD zwar 10 Millionen Stimmen, eine Mehrheit sprach sich allerdings für das neue Grundgesetz aus. Seit der Kampagne zu diesem Referendum, in dem die Farbe Rot mit der Ablehnung des Entwurfs assoziiert wurde, ist die DAAD bzw. UDD auch als Bewegung der „Rothemden“ bekannt – in Abgrenzung zu den „Gelbhemden“ der Volksallianz für Demokratie, die zuvor gegen die Regierung Thaksins protestiert und seine Entmachtung durch den Putsch gebilligt, wenn nicht gar befürwortet, hatte. Nach der Kampagne zum Referendum fügte die Organisation ihrem Namen das Wort „National“ und den Slogan „Rot im ganzen Land“ () hinzu. Damit wollte sie ihre Anziehungskraft auf die Massen der Landbevölkerung ausdehnen.

Die Bewegung erlangte weite Bekanntheit durch die Polit-Talkshow Khwamching Wanni/Truth Today („Wahrheit heute“) der ehemaligen TRT-Politiker Nattawut, Veera und Jatuporn Prompan. Sie wurde nach dem Wahlsieg der TRT-Nachfolgerin Partei der Volksmacht im Dezember 2007 auf dem von der Regierung kontrollierten Sender NBT TV ausgestrahlt. Sie kritisierten den fortgesetzten Einfluss des Militärs und den Kronratsvorsitzenden Prem Tinsulanonda, den sie als Hintermann für den Putsch verantwortlich machten. Die „Rothemden“ intensivierten ihre Aktivitäten, nachdem das Verfassungsgericht im Dezember auch die Partei der Volksmacht, abermals aufgrund des Vorwurfs der Wahlmanipulation, auflöste und Parlamentsabgeordnete das Lager wechselten und den bisherigen Oppositionsführer Abhisit Vejjajiva von der Demokratischen Partei zum Ministerpräsidenten wählten. Dafür machten sie den Oberkommandierenden des Heeres, Anupong Paochinda verantwortlich, der die Abgeordneten unter Druck gesetzt haben soll. Für die „Rothemden“ war dies ein weiterer Fall der von ihnen angeprangerten politischen Einmischung des Militärs.Mark R. Thompson: Class, charisma and clientelism in Thai and Philippine populist parties. In: Party politics in Southeast Asia. Clientelism and electoral competition in Indonesia, Thailand and the Philippines. Routledge, Abingdon/New York 2013, S. 75.

Anhängerschaft In der thailändischen Öffentlichkeit und internationalen Medienberichten werden die „Rothemden“ oftmals im Kern als Bewegung armer Bauern aus dem ländlichen Norden und Nordosten dargestellt. Politikwissenschaftliche Studien haben ergeben, dass die Mehrheit der UDD-Unterstützer tatsächlich aus der Provinz stammt. Es handelt sich aber zu einem wesentlichen Teil um Vertreter einer sich dort entwickelnden unteren Mittelschicht, die als „urbanisierte Dorfbewohner“ bezeichnet werden können.Naruemon, McCargo: Urbanized Villagers in the 2010 Thai Redshirt Protests. 2011, S. 999.Chairat Charoensin-o-larn: Redrawing Thai Political Space. 2013, S. 203.

Viele sind tatsächlich Klein- oder Mittelbauern, gehören aber nicht zu den allerärmsten Landlosen. Einige sind Gründer kleiner Geschäfte oder Unternehmen, beispielsweise Baufirmen. Die meisten sind Profiteure von Thaksins Politik der Kleinkredite für kleine und mittlere Unternehmen und für ländliche Entwicklung sowie des 30-Baht-Programms für allgemeine Gesundheitsversorgung. Eine Mehrheit kommt zwar nicht direkt aus großen Städten, aber aus dem Umland urbaner Zentren. Als Hochburgen der „Rothemden“ gelten die Provinzen Chiang Mai, Udon Thani und Khon Kaen, in deren Zentrum jeweils eine größere Stadt liegt.Naruemon, McCargo: Urbanized Villagers in the 2010 Thai Redshirt Protests. 2011, S. 1000–1002. Viele „Rothemden“-Unterstützer im Großraum Bangkok sind inländische Migranten aus der weniger entwickelten Provinz, die den größten Teil des Jahres beispielsweise als Kleinhändler oder Taxifahrer in der Hauptstadt arbeiten,Chairat Charoensin-o-larn: Redrawing Thai Political Space. 2013, S. 208. aber immer noch in ihrer Heimatprovinz gemeldet sind und dort wählen.

Die Mehrheit der Teilnehmer an den „Rothemden“-Demonstranten 2010 hatte zumindest eine weiterführende Schule besucht, knapp ein Viertel hatte sogar einen Hochschulabschluss.Naruemon, McCargo: Urbanized Villagers in the 2010 Thai Redshirt Protests. 2011, S. 1002. Das steht im Widerspruch zu dem Vorwurf von Teilen der städtischen Eliten, die „Rothemden“ seien in der Regel ungebildet, politisch desinformiert und unreif. Jene äußerten häufig den Verdacht, die „Rothemden“ würden gar nicht aus eigenem Antrieb zu den Demonstrationen gehen, sondern würden von Thaksin dafür bezahlt. Sie sprachen abwertend von „Prepaid-Demonstrationen“.Chairat Charoensin-o-larn: Redrawing Thai Political Space. 2013, S. 212. Die allermeisten Rothemden-Protestler waren über 40, viele auch über 50 oder sogar schon Rentner. Sie gaben an, ein besseres Thailand für die kommende Generationen zu wollen.

Zu diesem Kern der UDD-Unterstützer kommt aber auch ein Teil der städtischen Mittelschicht, Büroangestellte, Studenten, Polizisten und auch ein Teil des Militärs. Der bekannteste Offizier, der die „Rothemden“ unterstützte, war Generalmajor Khattiya Sawasdipol („Seh Daeng“), der während der Zusammenstöße von Protestbewegung und Sicherheitskräften 2010 erschossen wurde.Chairat Charoensin-o-larn: Redrawing Thai Political Space. 2013, S. 208–209.

Der oftmals als Ursache des politischen Konflikts in Thailand und der Bildung der „Rothemden“-Bewegung vermutete Stadt-Land-Konflikt lässt sich also angesichts ihrer gemischten Zusammensetzung aus Dorfbewohnern, Provinz- und Hauptstädtern nicht bestätigen.Naruemon, McCargo: Urbanized Villagers in the 2010 Thai Redshirt Protests. 2011, 1016-1017.

Die meisten ländlichen „Rothemden“ haben sich der Bewegung angeschlossen, weil sie Profiteure der Politik Thaksins waren und sich durch den Putsch 2006 ihrer demokratischen Stimme beraubt fühlten. Sie sind oftmals begeisterte Anhänger Thaksins. Unter den städtischen UDD-Unterstützern sind dagegen nicht alle von Thaksin überzeugt. Einige von ihnen sind eher von demokratischen Überzeugungen, Ablehnung der wahrgenommenen Ungerechtigkeit und des Vorgehens von Politik und Justiz gegen die Gegner des Putsches motiviert. Auch eine Reihe von Intellektuellen unterstützt die UDD. Der britisch-thailändische Politikwissenschaftler und bekennende Marxist Giles Ji Ungpakorn ist beispielsweise ein bekannter Anhänger der „Rothemden“.

Die thailändischen Gewerkschaften stehen der UDD eher fern. Wichtige Teile der organisierten Arbeiterschaft schlossen sich aufgrund ihrer Feindschaft zu Thaksin den „Gelbhemden“ an. Andere unterstützen zwar die Kernforderungen der „Rothemden“ nach mehr Teilhabe und Gleichheit, sind aber nicht mit der Hierarchie und elitären Führungsriege der UDD einverstanden.Andrew Brown, Sakdina Chatrakul na Ayudhya: Labour activism in Thailand. In: Social Activism in Southeast Asia. Routledge, Abingdon/New York 2013, S. 115.

Organisation und Führung mini|hochkant|Weng Tojirakarn (2011) Auch die Führungsriege der „Rothemden“ ist ein sehr heterogener Zusammenschluss. Ihre Mitglieder kommen aus ganz unterschiedlichen sozialen Hintergründen und politischen Richtungen. Das einstige Links-Rechts-Schema, das noch in den 1970er-Jahren zu heftigen Auseinandersetzungen und Zusammenstößen geführt hat, spielt dabei keine Rolle mehr. Das Spektrum der Anführer reicht von ehemaligen Aktivisten der Kommunistischen Partei Thailands über liberale Bürgerrechtler und pragmatische Berufspolitiker bis zu rechten Hardlinern.Naruemon, McCargo: Urbanized Villagers in the 2010 Thai Redshirt Protests. 2011, S. 998. Die Bewegung setzt sich aus einer Vielzahl interner Gruppierungen und Netzwerken zusammen. Eine zentrale Rolle nimmt das „Trio“ der drei Berufspolitiker Veera Musikapong, Nattawut Saikua und Jatuporn Prompan ein. Entgegen der verbreiteten Wahrnehmung der „Rothemden“ als eine in Nord- und Nordostthailand verwurzelten Bewegung, kommen ihre drei bekanntesten Anführer aus der Südregion.Naruemon, McCargo: Urbanized Villagers in the 2010 Thai Redshirt Protests. 2011, S. 995–996.

Daneben sind mindestens acht weitere Zirkel zu unterscheiden, die jeweils auf einen Teil der „Rothemden“-Bewegung Einfluss ausüben. Dazu gehört eine vorwiegend in der Hauptstadt basierte Gruppe von Intellektuellen, Ärzten und Hochschullehrern, die teilweise schon in der Studentenbewegung der 1970er-Jahre aktiv waren. Der prominenteste unter ihnen ist Weng Tojirakarn. Größere Popularität auf dem Land haben populistische Agitatoren wie der frühere Schlagersänger Arisman Pongruangrong, der Comedian Yoswarit Chooklom („Jaeng Dokjik“) oder der Abgeordnete Suporn Atthawong aus der nordostthailändischen Großstadt Nakhon Ratchasima, der sich selbst „Rambo Isan“ nennt. Letztlich ist noch die kompromisslose und militante Gruppe des Generals Khattiya Sawasdipol („Seh Daeng“) zu nennen, der in den 1970er-Jahren als Armeekommandant für die Bekämpfung der Kommunisten verantwortlich war. Er baute zur Gewährleistung der Sicherheit auf den „Rothemden“-Veranstaltungen einen bewaffneten Arm der Bewegung namens „Krieger des Königs Taksin“ auf.Naruemon, McCargo: Urbanized Villagers in the 2010 Thai Redshirt Protests. 2011, S. 997.

Nach der gewaltsamen Niederschlagung der heftigen „Rothemden“-Proteste im April 2009 richtete die Bewegung sogenannte UDD-Schulen ein, in denen sie demokratische Prinzipien, thailändische Geschichte und ihre eigene Ideologie lehrt.