rahmenlos|rechts|Von vielen Ablegern verwendetes Parteiwappen Die Arabische Sozialistische Union (, ; Abkürzung ASU) ist der Name von politischen Parteien in Ägypten und anderen arabischen Staaten zwischen 1962 und etwa 1977. Ihre Ideologie war der Nasserismus, eine auf den ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser zurückgehende Form des Arabischen Sozialismus. Ihre Anhänger wurden meist als Nasseristen oder Unionisten bezeichnet.

Von der Nationalen Union zur ASU Die Arabische Sozialistische Union wurde in Ägypten im Dezember 1962 vom damaligen Revolutionsführer und Staatspräsidenten Gamal Abdel Nasser gegründet. Sie trat an die Stelle aller bisherigen (aufgelösten oder verbotenen) Parteien Ägyptens. Ihr Kern war die 1957 gebildete Nationale Union (Ittihad al-Qaumi), die wiederum aus der Bewegung Freier Offiziere hervorgegangen war, die zehn Jahre zuvor die Revolution in Ägypten angeführt hatte.Lothar Rathmann: Geschichte der Araber – Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Band 6 – Der Kampf um den Entwicklungsweg in der arabischen Welt, Seiten 102–134

Die Gründung dieser Partei war nur ein Teilbereich in der Nationalen Charta, die vom Nationalkongress der Volkskräfte verabschiedet worden war. Diese Charta enthielt eine Agenda für die Nationalisierung der Betriebe, Agrarreformen sowie eine Reform der Verfassung, welche die Basis für eine laizistische Ausrichtung der ASU formte. Die Sowjetunion drängte im April 1964 schließlich auch die Kommunistische Partei HADITU zu der von Nasser ultimativ geforderten Selbstauflösung und zum Eintritt in die ASU. Im Gegenzug ließ Nasser die inhaftierten Kommunisten frei.

Mithilfe der ASU sollten die Volkskräfte das Parlament kontrollieren. Obwohl entsprechend der Nationalcharta für Arbeiter und Bauern mindestens die Hälfte der Sitze sowohl in der ASU als auch in der Volksversammlung, dem ägyptischen Parlament, vorgesehen waren, wurde diese Quote niemals erreicht. Auch der Aufbau der ASU kam trotz 6888 Grundeinheiten und 4.871.592 Mitgliedern nur schleppend voran. Erst 1965 wurde ein Generalsekretariat unter Ali Sabri gebildet und erst 1968 ein Statut verabschiedet. Nach den ASU-Wahlen 1968 wurde neben dem Generalsekretariat ein Zentralkomitee und ein oberstes Exekutivkomitee gebildet. Bis 1971 kamen die Nationalkongresse regelmäßig zusammen.

Mit der sich von Syrien ausbreitenden Arabischen Sozialistischen Baath-Partei stritt Nasser um die Frage, wer panarabischer und sozialistischer sei, um die Führungsrolle und um die Frage, ob die nationale Einheit oder die sozialistische Umgestaltung Vorrang haben solle. Zunächst hatte die Bewegung Freier Offiziere sich „Einheit, Freiheit, Arbeit“ auf die Fahnen geschrieben, die auf sie folgende Nationale Union dann „Sozialismus, Kooperativismus (bzw. Korporativismus), Demokratie“. Von der Baath-Partei übernahm Nasser schließlich das Motto „Einheit, Freiheit, Sozialismus“, änderte für die ASU aber dessen Reihenfolge in „Freiheit, Sozialismus, Einheit“:Hamid Yousif Hammadi: From 6-day war to 8-year war, Seiten 52–54. Dar al-Ma'mun. Bagdad 1988

mini|ASU-Exekutivkomitee (1969), v.l.n.r: Sabri, Sadat, Nasser, Hussein al-Shafei, Mahmud Fawzi und Diya al-din Dawud

Obwohl innerhalb der ASU bereits seit 1964 eine später als Avantgarde bezeichnete politisch-militärische Geheimorganisation existierte, deren Aufgabe die Sicherung der revolutionären Orientierung im Nasserschen Sinne warDie Avantgarde-Geheimorganisation innerhalb der ASU unterstand bis 1971 dem linksnasseristischen Innenminister Schaarawi Dschumaa (Shaarawi Gomaa, Sharawi Jumaa), verhinderte dies nicht Nassers Niederlage im Sechstagekrieg von 1967. Nach den durch wirtschaftliche Engpässe und demokratische Defizite ausgelösten sozialen Protesten 1969 erwies sich die ASU als zunehmend unwirksam. Dem Nasserismus ebenso wie der ASU fehlte schließlich ein klares revolutionär-demokratisches Programm für eine weitere Entwicklung über Nassers Tod hinaus.

Im September 1969 wurde Sabri als Generalsekretär durch Schaarawi Dschumaa ersetzt. Nach dem Tode Nassers im September 1970 wurde die ASU in die Nachfolgekämpfe um die Macht verwickelt, die wiederum zu Auseinandersetzungen um die Rolle der ASU führten. Nassers Nachfolger Anwar Sadat machte Abd al-Muhsin Abu al-Nur zum neuen Generalsekretär und warnte die ASU davor, das Volk zu bevormunden. Schnell distanzierte sich Sadat von sozialistischen Positionen. Die einst propagierte, dann ab 1962 von Nasser aber zunehmend fallengelassene These von der „Einheit der Klassen“ (Korporativismus) – statt Klassenkampf – wurde wiederaufgenommen und zur Kernphilosophie des ägyptischen „Sonderwegs“ zu einem „Demokratischen Sozialismus“.

Die offizielle Programmatik auch der Arabischen Sozialistischen Union blieb daher vage und ähnelte dem früheren utopischen Sozialismus: Der Staat dominiert in der Wirtschaft und fördert somit eigenmächtig die wirtschaftliche Entwicklung Der Arabische Nationalismus. Ein Ende des Klassenkampfes. Demokratie. Bekenntnis zur Religion und Freiheit der Glaubensausübung.

Sadat ließ 1971 zudem das Exekutivkomitee und die politisch-militärische Avantgarde-Geheimorganisation auflösen. Im Februar 1972 bestimmte er Saiyyid Marai zum neuen Generalsekretär. Im Jahr 1974 leitete Sadat die Infitah (oder auch Open Door Policy) ein, eine ökonomische Politik, welche unternehmerische Tätigkeit erlaubte und eine Konsumgesellschaft zu etablieren versuchte. Danach, erst im Jahre 1976, wurde die politische Öffnung eingeleitet, durch welche innerhalb der ASU politische Plattformen (Zentren) gebildet wurden – links, zentristisch und rechts. So entstanden innerhalb der ASU die linke Nationale Progressive Organisation unter dem einstigen Freien Offizier und Kommandoratsmitglied Khalid Mohieddin, die zentristische Ägyptisch-Arabische Sozialistische Organisation unter Premierminister Mamduh Salim und die rechte Liberale Sozialistische Organisation unter dem ehemaligen Wafd-Politiker Mustafa Kamil Murad. ASU-Generalsekretär Rifaat Maghub, der diese Entwicklung kritisiert hatte, wurde von Sadat durch Mustafa Chalil abgelöst. Im Jahr 1977 wurde es den Plattformen gestattet, eigene politische Parteien zu bilden. Aus der Arabischen Sozialistischen Organisation entstand als Nachfolgepartei die Nationaldemokratische Partei Ägyptens, welche bis zur Ägyptischen Revolution 2011 und dem Sturz Hosni Mubaraks Regierungspartei und Mitgliedspartei der Sozialistischen Internationale war. Die ASU löste sich im Juli 1978 schließlich auf.

1984 gründete das ehemalige linksnasseristische ASU-ZK-Mitglied Farid Abdel-Karim die Arabisch-Demokratische Nasseristische Partei, Parteichef war bis 2010 allerdings Diya al-din Dawud.Al-Ahram 246/1995: und

Ausbreitung zur Zeit Nassers Wegen des Parteienverbots in Ägypten konnte sich die Arabische Sozialistische Baath-Partei dort nicht neben der Arabischen Sozialistischen Union behaupten. In Syrien und Irak hingegen entstanden 1964 in Rivalität zur dominierenden Baath-Partei mit Nassers Unterstützung regionale ASU-Ableger, die wiederum hauptsächlich ehemalige Baathisten und Aktivisten der Bewegung Arabischer Nationalisten (Haraka al-qaumiyyin al-arab, kurz: Haraka) umfassten.Die Bewegung Arabischer Nationalisten war 1958 ursprünglich von George Habasch gegründet worden, spaltete sich aber 1961 in einen "marxistischen" (palästinensischen) und einen nasseristischen (syrisch-irakischen) Flügel.

ASU im Jemen Bereits Ende 1963 bzw. Anfang 1964 war auch im Nordjemen ein Ableger der ASU gegründet worden. Progressive Offiziere um Abdullah as-Sallal hatten dort 1962 die Monarchie gestürzt und die Jemenitische Arabische Republik gegründet.Werner Rosenberg: Die Welt - Daten, Fakten, Informationen des Jahres 1964, Seiten 373f und 677–690. Dietz Verlag Berlin 1965 Im Bürgerkrieg mit den Monarchisten waren die Republikaner jedoch von ägyptischer Militärhilfe abhängig. Nach dem Scheitern der Vereinigungspläne mit Ägypten und as-Sallals Sturz spielte die inzwischen mehrmals umbenannte Union (seit 1966 Revolutionäre Volksunion) keine Rolle mehr.Lothar Rathmann: Geschichte der Araber – Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Band 6 – Der Kampf um den Entwicklungsweg in der arabischen Welt, Seiten 312

ASU und DASU in Syrien

Die ASU in Syrien wuchs im Juli 1964 aus einer Splitterpartei mehrerer nasseristischer Oppositionsgruppen heraus (u. a. der von Jihad Dahi und Hani al-Hindi geführten Haraka sowie Ex-Baathisten), die seit dem Auseinanderbrechen der baathistisch-nasseristschen Allianz (1963) und dem Scheitern der Ägyptisch-Irakisch-Syrischen Union illegal unter der Herrschaft der Baath-Partei agierten. Die ASU in Syrien wurde von dem ehemaligen Baath-Chefideologen Dschamal al-Atassi als syrischer Ableger der ägyptischen ASU gegründet.

Erst im Jahr 1972 wurde die Partei offiziell zugelassen und trat der Nationalen Progressiven Front (FNP) bei. Als Regierungskoalition sollte die FNP alle progressiven Oppositionsparteien unter der Führung der Baath-Partei zusammenschließen.Lothar Rathmann: Geschichte der Araber – Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Band 6 – Der Kampf um den Entwicklungsweg in der arabischen Welt, Seiten 37f Bereits 1973 traten viele mit der Baath-Führung unzufriedene ASU-Mitglieder aus der FNP aus und gründeten 1980 die Demokratische Arabische Sozialistische Union (DASU) als Oppositionspartei. Nach Atassis Tod übernahm Hassan Ismail als Generalsekretär die DASU-Führung.

Die in der FNP verbliebene ursprüngliche ASU, seit 1984 unter der Führung von Safwan al-Qudsi, hat aufgrund der Baath-Führungsrolle einen sehr geringen Handlungsspielraum, ist aber aufgrund kontrollierter Wahlen weiterhin in der syrischen Politik präsent. Sie erhielt im Jahr 2003 im syrischen Parlament 7 der 250 Sitze und im Jahre 2007 sogar 8, in den Jahren 2012 und 2016 aber nur noch 2.

ASU im Irak miniatur|Iraks Informationsminister Abdul Karim Farhan in Bonn, Mai 1964. Im Irak wurde die ASU nach dem Militärputsch vom 18. November 1963 und dem zwischenzeitlichen Sturz der Baathisten zu der von Präsident Abd as-Salam Arif bevorzugten und offiziell einzig zugelassenen Partei, konnte sich aber faktisch nicht gegen die traditionell einflussreichen Parteien und Machtgruppen behaupten. Die im Juli 1964 gegründete irakische ASU kam über die Gründung von Vorbereitungskomitees nicht hinaus. Diese Komitees scheiterten an der Zielstellung, die bestehenden Parteien zu integrieren ebenso wie an der Aufgabe, die von Nasser und Arif geplante allmähliche wirtschaftliche, militärische und politische Vereinigung Ägyptens und Iraks voranzutreiben.Lothar Rathmann: Geschichte der Araber – Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Band 6 – Der Kampf um den Entwicklungsweg in der arabischen Welt, Seiten 204–208 Vorsitzender der irakischen ASU wurde ausgerechnet der ehemalige Generalsekretär der irakischen Baath-Partei, Fuad ar-Rikabi. Irakischer ASU-Generalsekretär wurde der General und Informationsminister Abdul Karim Farhan. Einige kleinere Parteien lösen sich auf und traten der ASU bei, die wichtigste von ihnen war die auf eine Vereinigung mit Nassers Ägypten ausgerichtete Haraka. Im September 1964 wurden die ägyptische und die irakische ASU in einem gemeinsamen Exekutivkomitee unter Nassers Führung vereint.