mini|Beethoven-Porträt von Johann Decker aus dem Jahr 1824.

Das Streichquartett Nr. 12 Es Dur op. 127 ist ein Streichquartett von Ludwig van Beethoven.

Entstehung

Beethoven begann mit der Komposition des Quartetts bereits im Mai 1824, 14 Jahre nach dem Vorgängerwerk, dem Streichquartett Nr. 11 f-Moll op. 95. Damit eröffnet das Streichquartett Nr. 12 die Reihe der „späten Quartette“ Beethovens, die direkt hintereinander in den Jahren 1824 bis 1826 entstanden.

In den zwölf Jahren zuvor hatte Beethoven sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen und auch keine Konzerte mehr gegeben. So manche seiner Gönner und Freunde waren in dieser Zeit gestorben, und hinzu kam, dass 1814 der Palast von Beethovens adeligem Gönner Andrei Kirillowitsch Rasumowski abgebrannt war, womit Beethoven einen bedeutenden Aufführungsort verlor, zumal dort vor allem das berühmte Schuppanzigh-Quartett, dem Beethoven nahestand, seine Konzerte gegeben hatte. Beethoven beschrieb seinen Zustand dem Freund Amenda folgendermaßen „… ich kann sagen, ich lebe beynahe allein in dieser größten Stadt Deutschlands“.Ludwig van Beethoven: Briefwechsel. Gesamtausgabe, hrsg. von Sieghard Brandenburg, 7 Bände, München 1996–1998, Band 3, S. 137 In den Jahren 1816 und 1817 – der Publikumsgeschmack war inzwischen auf den italienischen Opernkomponisten Gioachino Rossini eingeschwenkt – hatte Beethoven kaum große Werke komponiert und während dieser Zeit dem Herausgeber der Allgemeinen musikalischen Zeitung, Johann Friedrich Rochlitz, geschrieben: „Seit einiger Zeit bring’ ich mich nicht mehr leicht zum Schreiben. Ich sitze und sinne und sinne; ich hab’s lange; aber es will nicht aufs Papier. Es graut mir vorm Anfang so großer Werke. Bin ich drin, da geht’s wohl.“Friedrich Kerst: Die Erinnerungen an Beethoven. 2 Bände, Band 1, Stuttgart 1913, S. 287

Die musikinteressierte Öffentlichkeit ging davon aus, dass Beethoven sich bereits, wie sein Sekretär Anton Schindler es nannte, „ausgeschrieben“Anton Felix Schindler: Ludwig van Beethoven. 2 Bände, Münster, 1840, 3. Auflage 1860; Band 2, S. 2 habe. Trotz der im Jahre 1821 veröffentlichten Klaviersonate Nr. 29 B-Dur op. 106 (der „Hammerklavier-Sonate“) schrieb die Allgemeine musikalische Zeitung: „Für größere Arbeiten scheint er gänzlich abgestumpft zu sein“.Allgemeine musikalische Zeitung, 1821, Sp. 539 Neben op. 106 arbeitete Beethoven zu dieser Zeit an der Klaviersonate Nr. 30 op. 109 E-Dur, der Missa solemnis und den Diabelli-Variationen.Gerd Indorf: Beethovens Streichquartette. Freiburg/Breisgau 2007, S. 351

In der Gattung des Quartetts entstand lediglich ein einzelner Quartettsatz für den britischen Schriftsteller Richard Ford. Dieser Satz wurde erst 1999 entdeckt und am 8. Dezember desselben Jahres bei Sotheby’s angeboten.Lewis Lockwood: Beethoven: Seine Musik – Sein Leben. Metzler 2009, S. 272

Eine weitere wichtige Rolle spielte Beethovens durch Otosklerose ausgelöste Taubheit, die etwa in Beethovens 30. Lebensjahr (also um das Jahr 1800) begann, und sich stetig verschlimmerte. Da die von Beethoven verwendeten Hörrohre von schlechter Qualität waren, mussten seine Mitmenschen irgendwann schreien, um mit ihm zu kommunizieren, bis ab dem Jahr 1818 der Gebrauch der Konversationshefte unumgänglich wurde, in die Beethovens Gesprächspartner ihre Mitteilungen an den Komponisten eintrugen.

mini|Anonyme Miniatur von Beethovens Neffen Karl van Beethoven.

Zusätzlich wurde der Komponist von dem Sorgerechtsprozess um seinen Neffen Karl in Anspruch genommen. Karl war der Sohn von Beethovens 1815 verstorbenem Bruder Kaspar Karl. Nach dessen Tod kämpfte Beethoven um das Sorgerecht, da Karls Mutter Johanna van Beethoven nach Meinung des Komponisten ein unmoralisches Leben führte und von ihm mit der „Königin der Nacht“ aus Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Die Zauberflöte verglichen wurde. Um 1820 trug Beethovens Sieg im Sorgerechtsprozess zu einer Besserung seiner persönlichen Situation bei; zudem hatte er sich einen neuen Freundeskreis aufgebaut, der, im Gegensatz zu früher, nicht mehr adeliger, sondern bürgerlicher Herkunft war.

So reiften im Jahr 1822 erste konkrete Überlegungen zu einem neuen Quartett, nachdem Beethoven bereits einige Jahre zuvor den Wunsch geäußert hatte, wieder in dieser Gattung zu komponieren. Beethovens Freund Ignaz Schuppanzigh, der das Schuppanzigh-Quartett leitete und vom Komponisten mit dem Spitznamen „Milord Falstaf“ bedacht wurde,Carl Czerny: Erinnerungen aus meinem Leben. Hrsg. von Walter Kolneder. In: Collection d’études musicologiques, Band 46, Straßburg / Baden-Baden, S. 20 f. bot nach seiner Rückkehr aus Russland Beethoven seine Hilfe an: „Auf dem Lande werde ich ihn besuchen, da wollen wir zusammen ein neues Quartett komponieren“;Ludwig van Beethoven: Konversationshefte. Hrsg. von Karl-Heinz Köhler, Grita Herre, Dagmar Beck, u. a., 11 Bände, Leipzig 1968–2001, Band 2, S. 227 Beethoven lehnte dieses Angebot allerdings ab.

Im Mai 1822 wurde Beethoven von dem Leipziger Verleger Carl Friedrich Peters um die Komposition einiger Quartette gebeten. Doch das Geschäft platzte, als Beethoven das Quartett, das später sein op. 127 werden sollte, als „noch nicht ganz vollendet“ bezeichnete, obwohl er noch nicht über die Planung hinausgekommen war, sowie zu hohe Honorarforderungen stellte. Es stünden, so der Verleger Peters, ohnehin Kompositionen von Louis Spohr, Andreas Romberg und Pierre Rode zur Veröffentlichung an, „welche alle schöne vorzügliche Werke“Carl Friedrich Peters’ Brief an Beethoven, 12. Juli 1822. In: Ludwig van Beethoven: Briefwechsel. Gesamtausgabe, hrsg. von Sieghard Brandenburg, 7 Bände, München 1996–1998, Band 4/1478, S. 508 seien, weshalb er keine Quartette mehr brauche.Lewis Lockwood: Beethoven: Seine Musik – Sein Leben. Metzler, 2009, S. 284

Am 9. November 1822 bekam Beethoven vom russischen Fürsten Nikolai Borissowitsch Golizyn, einem begeisterten Cellisten, den Auftrag zur Komposition von ein bis drei neuen Quartetten. Möglicherweise wurde Golizyn dazu von Schuppanzigh ermutigt; Golizyn und Schuppanzigh hatten sich während dessen Russlandreise kennengelernt.Gerd Indorf: Beethovens Streichquartette: Kulturgeschichtliche Aspekte und Werkinterpretation Rombach; 2. Auflage 31. Mai 2007, S. 353

Zu den drei von Golizyn in Auftrag gegebenen und ihm gewidmeten Quartetten gehören neben dem Quartett Nr. 12 op. 127 (vollendet im Januar 1825) noch das Streichquartett Nr. 15 in a-Moll op. 132 (vollendet im Juli 1825) sowie Streichquartett Nr. 13 (B-Dur) op. 130 (vollendet im Januar 1826).

Am 25. Januar 1823 nahm Beethoven den Auftrag an, konnte aber erst im Mai 1824, nach Vollendung der „Neunten Sinfonie“, mit der Arbeit beginnen. Im März 1825 wurde mit op. 127 das erste der bestellten Quartette vollendet. Karl Holz, zweiter Violinist im Schuppanzigh-Quartett, berichtete im Jahr 1857: „Während des Komponierens der drei vom Fürsten Golizyn gewünschten Quartette op. 127, 130, 132 strömte aus der unerschöpflichen Fantasie Beethovens ein solcher Reichthum neuer Quartett-Ideen, daß er beinahe unwillkürlich noch das Cis-Moll- und F-Dur-Quartett schreiben mußte. ›Bester, mir ist schon wieder was eingefallen!‹ pflegte er scherzend und mit glänzenden Augen zu sagen, wenn wir spazieren gingen: dabei schrieb er einige Noten in sein Skizzenbüchlein (…) ›und an Fantasie fehlt’s, Gottlob, weniger als je zuvor!“Wilhelm von Lenz: Beethoven. Eine Kunststudie. 5 Bände. Kassel 1855 (Bd. 1–2), Hamburg (Bd. 3–5), Band 5, S. 216 f.

Nach Ablieferung der Quartette kam es wegen des Honorars zu Schwierigkeiten.Jan Caeyers: Beethoven – Der einsame Revolutionär. C. H. Beck-Verlag, 2013, ISBN 978-3-406-65625-5, S. 723 Beethoven bestand darauf, dass die erste Zahlung in Höhe von 50 Dukaten für die Missa solemnis zu entrichten sei, da Fürst Golizyn auch eine Abschrift der Missa solemnis bestellt hatte, um sie in St. Petersburg aufführen zu können. Darauf wollte der Fürst anfangs jedoch nicht eingehen. Nach einer zusätzlichen Zahlung von 50 Dukaten für das Quartett blieben jedoch die 100 Dukaten für die beiden anderen Quartette aus. Im November 1826 gab der Fürst mit Verweis auf finanzielle Probleme und seine Teilnahme am Feldzug gegen Persien (1826–1828) das Versprechen, die Zahlung so bald wie möglich nachzuholen,Sieghard Brandenburg (Hrsg.): Ludwig van Beethoven. Briefwechsel. Gesamtausgabe. 7 Bände, München 1996–1998, Nr. 2230 was aber trotz eines Erinnerungsschreibens, das Beethoven am 21. März 1827, wenige Tage vor seinem Tod, an den Bankier des Fürsten richtete, nicht geschah. Anton Schindler sah sich veranlasst, in seiner 1840 erschienenen Beethoven-Biografie auf den Zahlungsverzug des Fürsten hinzuweisen. Eine erste Zahlung von 50 Dukaten an den Neffen Karl als Universalerben des Komponisten war erst im Jahr 1835 erfolgt; der Rest wurde nach weiteren 17 Jahren, allerdings ohne Verzugszinsen, ausbezahlt. Im Jahr 1858 erhielt Karls Sohn Ludwig van Beethoven junior vom Dirigenten und Komponisten Juri Nikolajewitsch Galitzin, dem Sohn des Fürsten, eine Zahlung in Höhe von 125 Dukaten „als Zeichen der Wertschätzung der russischen Musiker“ für den 1827 verstorbenen Komponisten.Peter Clive: Beethoven and his World. A Biographical Dictionary. Oxford 2001, S. 136

Zu den späten Quartetten Beethovens ist zwar eine Fülle an Skizzen überliefert, nur dass die vielen hingekritzelten Notate derart schwer zu entziffern sind, dass Karl Holz sie als „Hieroglyphen“ charakterisierte, „wo kein Mensch draus klug wird. Das sind die Geheimnisse von Isis und Osiris.“Ludwig van Beethoven: Konversationshefte. Hrsg. von Karl-Heinz Köhler, Grita Herre, Dagmar Beck, u. a. 11 Bände. Leipzig 1968–2001, Band 9, S. 97

Die späten Quartette entstanden in folgender Reihenfolge: im Januar 1825: Streichquartett Nr. 12 Es Dur op. 127 im Juli 1825: Streichquartett Nr. 15 in a-Moll op. 132 im Januar 1826: Streichquartett Nr. 13 B-Dur op. 130 und die „Große Fuge“ op. 133 B-Dur im Juli 1826: Streichquartett Nr. 14 cis-Moll op. 131 im Oktober 1826: Streichquartett Nr. 16 F-Dur op. 135

Satzbezeichnungen

Maestoso – Allegro (Es-Dur) Adagio ma non troppo e molto cantabile (As-Dur) Scherzo. Vivace (Es-Dur) Allegro (Es-Dur)

Zur Musik

Die drei für Fürst Golizyn komponierten Quartette weisen eine Parallele zu den „Rasumowsky-Quartetten“ auf. In beiden Fällen steht das mittlere Quartett in einer Moll-Tonart, während die beiden anderen in Dur stehen („Rasumowsky-Quartette“: Nr. 7 in F-Dur, Nr. 8 in e-Moll, Nr. 9 in C-Dur; Golizyn-Quartette [deren Nummerierung nicht mit der Entstehungsreihenfolge übereinstimmt]: Nr. 12 in Es-Dur, Nr. 15 in a-moll, Nr. 13 in B-Dur).Gerd Indorf: Beethovens Streichquartette: Kulturgeschichtliche Aspekte und Werkinterpretation Rombach; 2. Auflage 31. Mai 2007, S. 384Matthias Moosdorf: Ludwig van Beethoven. Die Streichquartette. Bärenreiter; 1., Aufl. 26. Juni 2007, S. 96

Zeitweise erwog Beethoven eine sechssätzige Anlage des Quartetts mit einem langsamen Mittelsatz namens „La Gaieté“ sowie einem langsamen, das Finale einleitenden Satz.Lewis Lockwood: Beethoven: Seine Musik – Sein Leben. Metzler, 2009, S. 348

Erster Satz

Eingeleitet wird der erste Satz durch ein sechstaktiges Maestoso, das von einem 2/4-Takt und rhythmischen Sforzatostauungen gegen den Taktschwerpunkt geprägt ist. Dies ist die erste von drei Stellen innerhalb des Satzes, in denen das Maestoso erklingt, wobei es jedes Mal in einer anderen Tonart auftritt.Lewis Lockwood: Beethoven: Seine Musik – Sein Leben. Metzler, 2009, S. 349