mini|hochkant|Pfeiler der ehemaligen Förderbrücke der Doggererz AG am Bahnhof Blumberg-Zollhaus (Zustand 2010) Die Doggererz AG, anfänglich Doggererz-Bergbau GmbH, betrieb von 1937 bis 1942 bei Blumberg, einer Gemeinde im heutigen Schwarzwald-Baar-Kreis in Baden-Württemberg, ein Erzbergwerk. Das im Zuge der Autarkiepolitik des nationalsozialistischen Deutschen Reiches entstandene Bergwerk war das wichtigste Wirtschaftsprojekt, das in Baden zwischen 1933 und 1945 unter staatlicher Mitwirkung entstand. Trotz umfangreicher Subventionen arbeitete das Bergwerk nie wirtschaftlich. Als 1942 nach den anfänglichen deutschen Erfolgen im Zweiten Weltkrieg Zugriff auf höherwertige Erzlagerstätten bestand, wurde das Bergwerk in Blumberg stillgelegt. Die Errichtung des Bergwerks hatte eine tiefgreifende Umstrukturierung der zuvor landwirtschaftlich geprägten Gemeinde Blumberg zur Folge.
Vorgeschichte Blumberg liegt auf der Baar im Urdonautal, das heute von der Aitrach durchflossen wird. An beiden Hängen des Tals tritt ein etwa vier Meter dickes Eisenerzflöz im Braunen Jura – auch Dogger genannt – zu Tage. Die Erzvorräte im Blumberger Gebiet belaufen sich nach Untersuchungen, die ab 1934 durchgeführt wurden, auf 384 Millionen Tonnen; insgesamt sollen im Gebiet zwischen Donau und der Schweizer Grenze 1,5 Milliarden Tonnen Eisenerz lagern.
Es bestanden mehrere Gruben, bedeutend waren die obere und untere Grube Eichberg, die im Eichberg, der sich bis nach Achdorf hinzieht und nach dem (2005) auch die Eichberg-Formation benannt wurde, aufgefahren wurde, kleiner waren die Grube Stoberg am Beginn der Länge und die Grube Ristelberg bei Zollhaus.
Schürfungen nach Eisenerz bei Blumberg sind für 1544 nachweisbar; nach 1661 entstand ein Hüttenwerk, bestehend aus Schmelze und Hammerwerk. Der Betrieb wurde 1725 schrittweise aufgegeben, da die schlechte Qualität zu Absatzproblemen führte und es Schwierigkeiten mit der Wasserversorgung gab. Zwischen 1897 und 1921 erwarb das in Donaueschingen ansässige Haus Fürstenberg durch Mutung die Areale mit dem höchsten Eisengehalt. Rechtliche Grundlage war das badische Berggesetz von 1890, demzufolge Grundstückseigentümer keine Verfügungsgewalt über Bodenschätze hatten. Die Fürsten von Fürstenberg besaßen im Gebiet von Blumberg als Standesherren hierbei auch nach der Mediatisierung von 1806 ein Vorbaurecht.
Als Folge des Friedensvertrags von Versailles verlor das Deutsche Reich 1919 drei Viertel seiner inländischen Eisenerzvorräte; insbesondere die Minettevorkommen in Lothringen. In der Zeit der Weimarer Republik bemühte sich der badische Staat, den Abbau des Eisenerzes auf der Baar zu fördern. 1931 nahm die Gutehoffnungshütte (GHH) in Gutmadingen, zehn Kilometer nordöstlich von Blumberg, ein Erzbergwerk in Betrieb, stellte jedoch infolge der Weltwirtschaftskrise 1932 den Betrieb ein. Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten besuchten im April 1934 der badische Ministerpräsident Walter Köhler sowie Adolf Hitlers Wirtschaftsbeauftragter Wilhelm Keppler zusammen mit dem GHH-Vorstandsvorsitzenden Paul Reusch das Bergwerk. Auf Drängen der Politiker nahm die GHH im Mai 1934 den Betrieb wieder auf.
Das nationalsozialistische Regime förderte die Ausbeutung einheimischer Erzvorkommen. Die deutsche Schwerindustrie bezog rund zwei Drittel ihres Erzbedarfs aus dem Ausland, was zum deutschen Handelsbilanzdefizit beitrug und als Risiko für den Fall eines Krieges angesehen wurde. Bedingt durch die anziehende Konjunktur und den Stahlbedarf bei der Aufrüstung der Wehrmacht schrumpften die deutschen Erzvorräte im Sommer 1936 erheblich zusammen. Hitler kündigte im August 1936 eine radikale Verschärfung des Autarkiekurses an und befahl, „die deutsche Eisenproduktion auf das außerordentlichste zu steigern.“Hitler in einer Denkschrift vom August 1936, zitiert bei Wilhelm Treue: Hitlers Denkschrift zum Vierjahresplan. (PDF, 5,0 MB) In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 2/1955 (Band 3), S. 184–210, hier S. 209. Zur Durchführung dieser Autarkiebestrebungen gab Hitler im September 1936 die Aufstellung eines Vierjahresplanes bekannt. Dessen Ziel war es, bis 1940 die wirtschaftliche und militärische Kriegsfähigkeit durch Autarkie und forcierte Aufrüstung zu erreichen. Organisatorisch verantwortlich hierfür war die neugeschaffene Vierjahrenplanbehörde unter der Führung von Hermann Göring.
Teil dieses Vierjahresplans war die Steigerung der innerdeutschen Eisenerzgewinnung und deren Verhüttung. Neben der Schaffung der Reichswerke Hermann Göring zur Gewinnung und Verarbeitung der Eisenerzvorkommen bei Salzgitter war ein weiterer Schwerpunkt die Ausbeutung der Doggererz-Vorkommen. Paul Pleiger, Hauptreferatsleiter für Metalle im Vierjahresplan, stellte im Januar 1937 die Förderziele auf: Bis 1941 sollte der Abbau inländischer Eisenerze von 2 Millionen auf 3,7 Millionen Tonnen gesteigert werden. 1,05 Millionen Tonnen hiervon sollten in der Baar gefördert werden. Göring erklärte am 16. Juni 1937 vor Vertretern der Eisen- und Stahlindustrie die das Segment Eisen und Stahl betreffenden Pläne wie folgt:
Qualität des Doggererzes
Der Eisengehalt des Erzes von der Baar liegt bei etwa 20 Prozent und damit unter denen der Vorkommen in Lothringen (35 Prozent) oder Schweden (60 Prozent). (Zum Vergleich: Die Untergrenze für die Abbauwürdigkeit von Eisenerzen wird heute mit 32 % Eisengehalt angegeben. In der Vergangenheit lag dieser Wert allerdings deutlich niedriger und wurde etwa im Jahre 1955 noch mit ca. 18 % beziffert.) Problematisch war der hohe Kieselsäuregehalt der Erze von 23 Prozent, der bei der klassischen Verhüttung zu einer aufwändigen Vorbehandlung der Erze zwang. Die wirtschaftliche Verhüttung solcher Erze mit saurer Schlackeführung wurde erst Mitte der 1930er-Jahre durch das Paschke-Peetz-Verfahren möglich.
Doggererz-Bergwerk
Aufbau Bereits Ende 1933 hatte Hermann Röchling, Mehrheitsgesellschafter der Völklinger Hütte im Saargebiet, gegenüber der badischen Landesregierung sein Interesse an den Eisenerzen der Baar bekundet. Röchling befürchtete, von der Versorgung mit lothringischer Minette abgeschnitten zu werden, falls sich bei der 1935 anstehenden Volksabstimmung über die Zukunft des Saargebiets die Wähler für eine Rückkehr zum Deutschen Reich entscheiden und damit die bisherige wirtschaftliche Anbindung des Saargebiets an Frankreich entfallen würde. Der Historiker Wolf-Ingo Seidelmann charakterisiert Röchling als „geübte[n] Subventionsritter, der politische Stimmungen zum eigenen Vorteil zu nutzen verstand“. Eine Rede Röchlings im August 1933 könne „nur als Abrechnung mit der Demokratie und als persönliches Bekenntnis zum Nationalsozialismus gewertet werden“. 1934 gründete Röchlings Unternehmen zusammen mit dem Neunkircher Eisenwerk die Arbeitsgemeinschaft Neunkirchen-Völklingen für Doggererze; beide Unternehmen steuerten jeweils die Hälfte des Kapitals von 2 Millionen RM bei. Formell gleichberechtigte Eigentümer des Neunkircher Eisenwerks waren die Gebrüder Stumm und Otto Wolff; über eine indirekte Beteiligung übte Wolff einen beherrschenden Einfluss auf das Unternehmen aus.
Am 28. Mai 1936 wurde die Arbeitsgemeinschaft in die Doggererz-Bergbau GmbH umgewandelt, um die zur Verleihung von Bergwerkseigentum erforderliche Rechtsform zu haben. Unter staatlichem Druck beteiligten sich im Dezember 1936 auch die Vereinigten Hüttenwerke Burbach-Eich-Düdelingen, die Dillinger Hütte sowie die Halbergerhütte an der GmbH. Alle drei Unternehmen aus dem Saargebiet befanden sich mehrheitlich im Eigentum luxemburgischer oder französischer Gesellschafter und hatten kein Eigeninteresse an Doggererzen, da sie über eigene Bergwerke in Lothringen mit höherwertigen Erzvorkommen verfügten.
Die Verhandlungen zwischen dem Bergbauunternehmen und dem Haus Fürstenberg über einen Konzessionsvertrag zogen sich über Jahre hin. Eine im Mai 1934 getroffene Vereinbarung betraf nur den Probeabbau einer geringen Eisenerzmenge. 1938 weigerte sich Doggererz-Bergbau, Nebenverträge zu unterschreiben, mit denen das Haus Fürstenberg, selbst im Besitz von Steinbrüchen, verhindern wollte, dass das Bergbauunternehmen in den regionalen Schottermarkt eindrang. Zudem sollte der Ausschank von Fürstenbergischem Bier in den Werkskantinen geregelt werden. Eine endgültige Regelung erfolgte im April 1940; dabei erwarb die Doggererz AG vom Haus Fürstenberg zwei Waldgrundstücke mit einer Gesamtgröße von 187 Hektar.
mini|Abbaugebiete und Werksanlagen der Doggererz AG mini|Mundloch des unteren Stobergstollens (Zustand 2010) mini|Verwaltungsgebäude mit Waschkaue im Nordwerk (Zustand 2010) Ab Anfang 1934 explorierte der Röchling-Mitarbeiter Wilhelm Lillig die Eisenerzlager im Gebiet von Blumberg. Dabei wurden 300 Bohrungen mit 17.000 laufenden Bohrmetern niedergebracht sowie zahlreiche Schürfgräben angelegt; die Bohrungen kosteten über 500.000 RM. Da der weit überwiegende Teil des Eisenerzes im Untertagebetrieb abgebaut werden musste, wurden 1934 und 1935 zur Aus- und Vorrichtung der Lagerstätte an mehreren Stellen Stollen vorgetrieben: Im Eichberg (nördlich von Blumberg), im Stoberg (nordöstlich von Blumberg) sowie im Ristelberg (südöstlich des Bahnhofs Zollhaus der Wutachtalbahn).
Bis Oktober 1935 wuchs die Belegschaft in Blumberg auf über 290 unter Tage beschäftigte Personen an. Ungelernte Kräfte kamen meist von der Baar, in der die hohe Arbeitslosigkeit angehalten hatte. Ab Dezember 1934 warb Lillig erfahrene Bergleute von der Saar, später auch von der Ruhr an. Der Tageslohn der Hauer betrug 5,50 RM im Förderbetrieb und 4,25 RM beim Stollenvortrieb. An Ruhr und Saar lagen die Löhne zwischen 6,95 und 7,80 RM; auch hatten die vermittelnden Arbeitsämter deutlich höhere Löhne in Aussicht gestellt. Ein Teil der Bergleute von der Saar war auf Initiative Hermann Röchlings und des dortigen Gauleiters Josef Bürckel im Zuge einer umfassenden „Säuberungsaktion“ entlassen worden, da sie bei der Saarabstimmung gegen eine Rückkehr zum Deutschen Reich gestimmt hatten. Im „als Strafkolonie begriffene[n] Blumberg“ bildeten diese Saarbergleute den „Humus der Unzufriedenheit“, so der Historiker Klaus-Michael Mallmann.Klaus-Michael Mallmann: Lohn der Mühen. Geschichte der Bergarbeiter an der Saar. C.H.Beck, München 1989, ISBN 3-406-33988-3, S. 222.