Gesundheitstourismus ist ein Oberbegriff für Reisen, bei denen medizinische Behandlungen und Gesundheitsdienstleistungen einen Schwerpunkt bilden. Zweck des touristischen Aufenthalts sind die physische wie auch psychische Erhaltung, Stabilisierung und Wiederherstellung der Gesundheit.Claude Kaspar: Gesundheitstourismus im Trend. In: Claude Kaspar: Jahrbuch der schweizerischen Tourismuswirtschaft. Institut für Tourismus und Verkehrswirtschaft, St. Gallen, 1996, S. 55. Das Spektrum an gesundheitsbezogenen und medizinischen Maßnahmen reicht dabei von Wellness und Fitness über Kur, Rehabilitation und Krankheitsprävention bis hin zu operativen Eingriffen.
Weltweit erfährt der Gesundheitstourismus aufgrund des demographischen Wandels zunehmende gesellschaftliche wie auch wirtschaftliche Bedeutung.Manfred Cassens: Gesundheitstourismus und touristische Destinationsentwicklung. Oldenbourg Verlag, München 2013, S. 2. Die steigende Lebenserwartung der Bevölkerung bei zugleich rückläufiger Geburtenentwicklung belastet vor allem die Gesundheitssysteme in den westlichen Industrieländern. Dies liegt darin begründet, dass die Zahl der Beitragszahler abnimmt und Eigenvorsorge somit immer wichtiger wird.Monika Rulle, Wolfgang Hoffmann, Karin Kraft: Erfolgsstrategien im Gesundheitstourismus: Analyse zur Erwartung und Zufriedenheit von Gästen. Erich Schmidt, Berlin 2010, S. 1f. Aber auch die Zunahme von Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Allergien macht eine verstärkte Selbstbeteiligung an den Krankenkosten wahrscheinlich.Kerstin Böhm: Servicequalität im Gesundheitstourismus: Erfolgsfaktor für die deutschen Heilbäder. VDM Verlag, Saarbrücken 2007, S. 15.
Die Welttourismusorganisation (UNWTO) sieht den Gesundheitstourismus als einen eigenständigen Teilbereich des Tourismus.Chuck Y. Gee, Eduardo Fayos-Solá: International Tourism: A Global Perspective. World Tourism Organization Education Network, Manoa u. a., 1997, S. 381. Als Interdisziplin ist er an der Schnittstelle von Ökologie, Wirtschaft, Soziologie, Medizin, Psychologie und Geographie zu verorten.
An verschiedenen deutschen Universitäten und Hochschulen hat sich Gesundheitstourismus, zumeist als Unterdisziplin wirtschaftlich-touristischer Studiengänge, etabliert. Website der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen. Abgerufen am 4. November 2013. An Berufsfachschulen gibt es den Abschluss des Assistenten für Gesundheitstourismus.
Begriffliche Einordnung Im Zuge der 9. Nationalen Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft 2013 in Rostock wurde in einem Expertenforum folgende Definition geprägt: Der Gesundheitstourismus ist jener Zweig, der Gesundheits- und Tourismuswirtschaft, der zur Erhaltung und Wiederherstellung und zum Wohlbefinden, insbesondere unter Inanspruchnahme medizinisch fundierter Dienstleistungen, beiträgt.Konferenzbericht "9. Nationale Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft 2013", S. 23 (link: ) Der Begriff umfasst weitere Bezeichnungen wie gesundheitsorientierter Urlaub, Erholungstourismus, Kur- und Rehabilitationstourismus, Gesundheitsvorsorgetourismus, Wellness- und Fitnesstourismus sowie Patienten- und Medizintourismus. Die Abgrenzungen zwischen den verschiedenen Termini sind dabei nicht immer eindeutig.Monika Rulle, Wolfgang Hoffmann, Karin Kraft: Erfolgsstrategien im Gesundheitstourismus: Analyse zur Erwartung und Zufriedenheit von Gästen. Erich Schmidt, Berlin 2010, S. 5.
Gesundheitstourismus setzt sich aus den Begriffen „Gesundheit“ und „Tourismus“ zusammen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Gesundheit als einen „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur als das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“ („Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity“).. Website der Weltgesundheitsorganisation. Abgerufen am 4. November 2013. Der Begriff Tourismus wird oft synonym verwendet mit der Bezeichnung „Fremdenverkehr“.Hans Hopfinger: Die Geographie der Freizeit und des Tourismus: Versuch einer Standortbestimmung. In: Christoph Becker, Hans Hopfinger, Albrecht Steinecke: Geographie der Freizeit und des Tourismus: Bilanz und Ausblick. Oldenbourg Verlag, München 2003, S. 1. Laut Welttourismusorganisation (UNWTO) liegt ein touristischer Aufenthalt dann vor, wenn die Reisenden an einem Ort außerhalb ihres gewohnten Umfeldes übernachten und sich dort aus Freizeit-, geschäftlichen oder anderen Gründen nicht länger als ein Jahr aufhalten.Understanding Tourism: Basic Glossary. Website der UNWTO. Abgerufen am 4. November 2013. Tagestouristen sind in dieser Definition somit nicht enthalten.
Zusammengefasst beinhaltet der sog. Gesundheitstourismus den wohnortfernen Aufenthalt mit dem primären Ziel, die eigene Gesundheit zu fördern, zu erhalten oder wiederherzustellen. Die Inanspruchnahme gesundheitsbezogener und medizinischer Dienstleistungen kann dabei in Wellness- und Kurhotels, Thermen, Kurmittelhäusern, Gesundheitszentren, Rehabilitationskliniken sowie in Akutkrankenhäusern erfolgen.Kerstin Böhm: Servicequalität im Gesundheitstourismus: Erfolgsfaktor für die deutschen Heilbäder. VDM Verlag, Saarbrücken 2007, Anlage 1, S. 1. Als weitere Reisemotive sind neben der indikationsunspezifischen Gesundheitsförderung durch Bewegung, Ernährung und Entspannung auch Präventionsmaßnahmen, insbesondere im kurativen Kontext von Kliniken und Rehabilitationszentren, zu nennen.Manfred Cassens: Gesundheitstourismus und touristische Destinationsentwicklung. Oldenbourg Verlag, München 2013, S. 128.Meike Sonnenschein: Medical Wellness & Co.: der Gesundheitsvorsorgetourismus in Deutschland. Pro Business, Berlin 2009, S. 17.
Grundsätzliche Motive im Gesundheitstourismus Die Bereitschaft potenzieller Gäste, präventiv etwas für die eigene Gesundheit zu tun und dies dann auch selbst zu bezahlen, wird zukünftig wachsen.Monika Rulle: Der Gesundheitstourismus in Europa. 2. Auflage. Eichstätt 2004, S. 208. Für Gesundheitstouristen gibt es drei grundsätzliche Motive. mini|Grundsätzliche Motive im Gesundheitstourismus
Hierzu zählt zum einen Wellness. „Wellness wird primär definiert als eine Wiederherstellung der durch den Beschleunigungstrend und die Komplexitätssteigerung verloren gegangenen Balance im Leben (Horx)“.Deutscher Tourismusverband e. V. (DTV): Praxisleitfaden Wellness. Heft 27, Bonn 2002, S. 3. Wellness ist inzwischen zu einer Art gesundheitsbewusster Lebenseinstellung geworden, bei der eine Balance der drei Elemente Körper, Geist und Seele angestrebt wird.Vgl. Walter Freyer, Michaela Naumann: Wellness aus tourismuswirtschaftlicher Perspektive. In: Paul Reuber, Peter Schnell (Hrsg.): Postmoderne Freizeitstile und Freizeiträume. Neue Angebote im Tourismus. Band 5, Berlin 2006, S. 303–316. Ein weiteres grundsätzliches Motiv ist die Prävention. Prävention als Früherkennung und Behandlung drohender Erkrankungen wird in drei Bereiche unterschieden (primäre, sekundäre und tertiäre Prävention). Als drittes grundlegendes Motiv wird Kur & Rehabilitation gesehen. Die Rehabilitation hat die Wiedererlangung der Gesundheit und Einsatzfähigkeit im Berufsleben bis zum höchstmöglichen Grad nach völligem oder teilweisem Verlust der Erwerbstätigkeit durch Unfall oder Krankheit zum Ziel.
Formen des Gesundheitstourismus Die Segmente des Gesundheitstourismus sind bisher nicht einheitlich unterteilt bzw. abgegrenzt, denn der Markt ist sehr vielfältig und bringt ständig neue Zweige hervor. Der gesundheitstouristische Markt unterteilt sich im Wesentlichen in die Teilmärkte „Medizintourismus“, „Präventions-/Rehabilitationstourismus“ (Kurtourismus), „Medical Wellness (-tourismus)“, „gesundheitsorientierter Urlaub“ und „Wellnesstourismus“.M. Rulle, W. Hoffmann, K. Kraft: Erfolgsstrategien im Gesundheitstourismus. Berlin 2010, S. 5f.Kerstin Böhm: Servicequalität im Gesundheitstourismus: Erfolgsfaktor für die deutschen Heilbäder. VDM Verlag, Saarbrücken 2007, Anlage 1, S. 4.Reno Barth, Christian Werner: Der Wellness-Faktor: modernes Qualitätsmanagement im Gesundheitstourismus. Relax-Verlag, Wien 2005, S. 55–57.
Zwischen diesen Formen des Gesundheitstourismus gibt es Überschneidungen; die Grenzen sind zum Teil fließend. So finden sich die Angebote der deutschen Heilbäder und Kurorte in allen Teilmärkten, auch wenn sie schwerpunktmäßig dem Präventions-/Rehabilitations- und dem Wellnesstourismus zuzuordnen sind.in Anlehnung an Melanie Smith, Laszlo Puczko: Health and Wellness Tourism. Amsterdam 2009. mini|Arten von Gesundheitstourismus
Medizintourismus
Der „Medizintourismus“, auch „Patienten-Tourismus“Monika Rulle, Wolfgang Hoffmann, Karin Kraft: Erfolgsstrategien im Gesundheitstourismus: Analyse zur Erwartung und Zufriedenheit von Gästen. Erich Schmidt, Berlin 2010, S. 6. oder „Klinik-Tourismus“Reno Barth, Christian Werner: Der Wellness-Faktor: modernes Qualitätsmanagement im Gesundheitstourismus. Relax-Verlag, Wien 2005, S. 45ff. genannt, umschreibt diejenigen Formen des Gesundheitstourismus, bei denen ärztliche Behandlungen und operative Eingriffe, vornehmlich im Ausland, in Anspruch genommen werden. Hier lassen sich wiederum nach den primären Reisemotiven qualitäts- und kostenorientierte Erscheinungsformen differenzieren.Manfred Cassens: Gesundheitstourismus und touristische Destinationsentwicklung. Oldenbourg Verlag, München 2013, S. 56. Bei dem qualitätsorientierten Medizintourismus reisen Personen aus Staaten mit niedrigeren medizinischen Standards in Staaten mit höheren Standards, um sich dort medizinisch behandeln zu lassen. Der kostenorientierte Medizintourismus beschreibt das umgekehrte Phänomen: Personen aus Staaten mit einem hohen medizinischen Standard unterziehen sich in Staaten mit geringeren medizinischen Standards einer ärztlichen Behandlung. Reise-auslösende Motive sind dabei mögliche Kostenersparnisse und verkürzte Wartezeiten.Manfred Cassens: Gesundheitstourismus und touristische Destinationsentwicklung. Oldenbourg Verlag, München 2013, S. 56. Neben dem länderübergreifenden Medizintourismus ist an dieser Stelle auch auf die wohnortferne medizinische Behandlung im eigenen Land zu verweisen.Kerstin Böhm: Servicequalität im Gesundheitstourismus: Erfolgsfaktor für die deutschen Heilbäder. VDM Verlag, Saarbrücken 2007, S. 5. Für die Kosten kommt in der Regel der Patient selbst auf.
Vorsorge- und Rehabilitationstourismus