mini|Presleys Grab im Meditation Garden von Graceland

Das Nachleben Elvis Presleys ist Gegenstand kultureller und geschichtlicher Forschung. Als Elvis Presley am 16. August 1977 im Alter von 42 Jahren überraschend starb, hinterließ er weder eine Autobiografie noch sonstige Aufzeichnungen, anhand derer man sich neben seiner Musik ein Bild über seine Person hätte machen können. Er schrieb zeitlebens nur sehr wenige Briefe, gab kaum Interviews und wenn, dann häufig im Zuge von Pressekonferenzen, die kaum den richtigen Rahmen für ein tiefer gehendes Gespräch bildeten. Fragen zu seinem Privatleben oder zu seiner politischen Haltung hatte er stets freundlich, aber bestimmt zurückgewiesen.vgl. hierzu die Pressekonferenz anlässlich der Konzerte im Madison Square Garden, New York, Juni 1972

Presley trat nie in Talkshows auf, verkehrte nur mit wenigen ausgesuchten Kollegen aus dem Entertainment und mied Veranstaltungen wie Preisverleihungen oder Prominentenpartys. Dies sei einfach nicht sein Ding, sagte er 1969, als er nach seiner Haltung zur Hollywoodgesellschaft gefragt wurde.Ken Sharp: Elvis '69, S. 149 Außer den Rahmendaten einer sehr erfolgreichen Karriere war bis 1977 in der breiten Öffentlichkeit wenig über den Mann aus Memphis bekannt. Dies ließ viel Raum für Spekulationen, die der Mythologisierung und letztlich auch Falschinformation über Presley Vorschub leisteten und die heute fester Bestandteil seiner Geschichte als Teil der Popkultur sind. In Untersuchungen zur amerikanischen Popkultur, die sich mit dem anhaltenden Phänomen Elvis Presley beschäftigen, wird daher die posthume Karriere Elvis Presleys ab 1977 als eigenständiges Thema gesehen.vgl. u. a. Gilbert B. Rodman: Elvis after Elvis. The Posthumous Career Of A Living Legend, New York: Routledge 1996; Greil Marcus: Dead Elvis. Die Legende lebt, Hannibal Verlag 1997

Von der Legende zum Mythos „Als Elvis Presley starb“, formulierte der Musikjournalist Greil Marcus, „war dieses Ereignis so etwas wie eine Explosion, die in aller Stille stattfand, in Seelen und Herzen; das Ergebnis dieser Explosion waren vielerlei Fragmente, die langsam ans Licht kamen, Gestalt annahmen und sich im Laufe der Jahre immer wieder veränderten. Niemand […] hat die Allgegenwart, die Ausgelassenheit, das Abartige, das Schreckliche und das Amüsante dieses zweiten Lebens des Elvis Presley voraussehen können.“Greil Marcus: Dead Elvis. Die Legende lebt, Hannibal 1997, S. 10

Zu Lebzeiten bereits legendär, wurde Elvis Presley am 16. August 1977 zum Mythos. Sein Tod machte weltweit Schlagzeilen und für viele Nachrichtensendungen rund um den Globus war dieses Ereignis die Nachricht des Tages. Vielfach wurde vom „Ende einer Ära“ gesprochen. Die öffentliche Anteilnahme allein in den USA war so groß, dass die führenden TV-Sender ABC und NBC sogar ihre Abendnachrichten mit dem Tod des Entertainers aufmachten, während der Konkurrent CBS seine anfängliche Zurückhaltung in der Berichterstattung mit hohem Quotenverlust bezahlte.vgl. Doll: Elvis for Dummies, S. 262f Fans machten sich zu Zehntausenden spontan auf den Weg zu seinem Hauptwohnsitz Graceland in Memphis, um Abschied von ihrem Idol zu nehmen. Radiosender änderten ihre Programme und spielten nonstop Elvis, während die Plattenläden einen Ansturm auf alles erlebten, was den Namen des Entertainers trug.vgl. u. a. Doll: Elvis for Dummies, S. 245 In den ersten Monaten nach Presleys Tod sollen laut Billboard Magazin wöchentlich 20 Millionen Tonträger verkauft worden sein. 40 Presswerke waren parallel damit beschäftigt, die Nachfrage nach Presley-Platten zu stillen. Zeitweise war jede dritte in den USA verkaufte Platte eine von Elvis Presley.vgl.

Der unmittelbar einsetzende Medienhype konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass letztlich wenig über den Mann bekannt war, den Leonard Bernstein als die größte kulturelle Kraft des 20. Jahrhunderts bezeichnet hatte.Zitat Leonard Bernstein Weder gab es eine Autobiografie Elvis Presleys noch eine fundierte, vollständige Biografie. Die New York Times, die stets Nachrufe auf bedeutende Persönlichkeiten für den Ernstfall bereithält, hatte keinen zu Elvis Presley.vgl. u. a. Doll: Elvis for Dummies, S. 262 Ratlosigkeit herrschte auch in den eilig einberufenen Diskussionsrunden im amerikanischen Fernsehen. Während bei NBC eine Journalistenrunde über mögliche Gründe für das frühe Ableben Presleys spekulierte, konnte Chuck Berry, der keineswegs wie James Brown, Jackie Wilson und B.B. King eine persönliche Beziehung zu Presley hatte, im Sender ABC seine Genugtuung kaum verhehlen, den weißen Konkurrenten zumindest überlebt zu haben.Greil Marcus: Dead Elvis, S. 17f Würdigungen wie die des Journalisten Charles Kuralt, der im Rahmen einer CBS-Sondersendung auf die kulturhistorische Bedeutung Elvis Presleys hinwies, waren in der Minderzahl.Marcus: Dead Elvis, S. 18f; ferner u. a. Doll: Elvis for Dummies, S. 261

Kontroverse um Elvis Presleys Todesursache Gefördert wurden die Spekulationen um Presleys frühen Tod vor allem durch das Buch Elvis What Happened (Elvis, was ist passiert, 1977). Drei ehemalige, u. a. mit Sicherheitsfragen beauftragte Angestellte Presleys veröffentlichten es nach ihrer Entlassung mit Unterstützung des Boulevardjournalisten Steve Dunleavy nur wenige Wochen vor Presleys Ableben. Der Entlassung der zum Teil langjährigen Mitarbeiter waren Klagen von Konzertbesuchern gegen Elvis Presley vorausgegangen. Offenbar hatten die drei Mitarbeiter mehrfach unangemessen brutales Verhalten gegenüber Fans gezeigt, woraufhin Presley geraten wurde, die drei aus seiner zunehmend professionellen Sicherheitsorganisation zu entfernen.vgl. hierzu u. a. Guralnick: Careless Love, S. 720; ferner: Nichopoulos: The King and Dr. Nick, S. 103; ferner Ed Parker: Inside Elvis, Ballantine Books 1978, S. 107; vgl. zudem das mitgeschnittene Telefongespräch zwischen Red West u. Elvis Presley v. Oktober 1976 in: Osborne: Elvis Word for Word, S. 314 Elvis What Happened konzentrierte sich in erster Linie auf das Privatleben Presleys, seine Affären, die gescheiterte Ehe, seine Vorliebe für Schusswaffen, Medikamentenmissbrauch und Ähnliches.Steve Dunleavy: Elvis What Happened, Ballantine Books, 1977 Red West – einer der Autoren – soll sich später von der Veröffentlichung distanziert haben.George Klein: Elvis My Best Man, A Memoir, 2010, S. 289 Kurz vor Presleys Tod erschienen, bildete das Buch vor allem durch die Thematisierung des Medikamentenmissbrauchs eine Grundlage für die sich zwischen Medizinern entwickelnde Kontroverse um die Todesursache. Eine Kontroverse, die am 16. August 1977 ihren Anfang nahm, in der Medien eine große Rolle spielten und die sich über beinahe 20 Jahre sowie mehrere Gerichtsverfahren hinzog.

Die Ereignisse am 16. August 1977 Elvis Presley wurde am 16. August 1977 um 13:30 Uhr von seiner Freundin Ginger Alden leblos und in gekrümmter Haltung mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden seines Badezimmers gefunden. Sofort wurden der Rettungsdienst und Hausarzt George Nichopoulos alarmiert, Freunde und Angestellte versuchten, erste Hilfe zu leisten. Nichopoulos entschied, Presley, der zu diesem Zeitpunkt keinen Herzschlag hatte, in das Baptist Memorial Hospital in Memphis einzuliefern. Da er dort bereits mehrfach in Behandlung gewesen war, hatte man seine Krankenakte, zudem verfügte das Krankenhaus über eine erstklassige Notaufnahme.vgl. Nichopoulos: The King and Dr. Nick, S. 1ff Dort erwiesen sich jedoch alle Bemühungen, den Entertainer ins Leben zurückzuholen, als vergeblich. Nachdem der Tod festgestellt und Vernon Presley sowie der Rest der Familie informiert worden waren, begann der medizinische Untersuchungsbeauftragte (Chief Medical Investigator) Dan Warlick im Auftrag des staatlichen Leichenbeschauers (Shelby County Chief Examiner and Coroner) Jerry T. Francisco unverzüglich mit der Untersuchung des Fundorts.Nichopoulos: The King and Dr. Nick, S. 10

Warlick konnte nach der Fundortbegehung Fremdverschulden schnell ausschließen. Aufgrund der Lage des Körpers konnte er rekonstruieren, dass Presley wahrscheinlich auf der Toilette saß, als er einen Anfall hatte, sich aus der sitzenden Haltung aufrichtete, ein bis zwei Schritte ging und dann vornüber zusammenbrach. Dabei biss er sich fast ganz durch die Zunge und atmete Partikel des Teppichbodens ein.Nichopoulos: The King and Dr. Nick, S. 11 u. 13 Warlick und sein Team befragten alle Personen, die sich zum Todeszeitpunkt im Haus befunden hatten, und erfuhren so, dass das Hauspersonal nach Presleys Einlieferung Schlafzimmer und Bad weitgehend gereinigt hatte, weil es die Anweisung gab, dies stets sofort zu tun, wenn Elvis Presley das Haus verließ. Man war nicht davon ausgegangen, dass er tot war und daher nichts hätte angerührt werden dürfen.Nichopoulos: The King and Dr. Nick, S. 11 Warlicks Team suchte zudem nach Medikamenten, die Presley vor seinem Tod hätte genommen haben können, fand aber nichts.Dan Warlicks nach Nichopoulos: The King and Dr. Nick, S. 10f

Von den Angestellten erfuhr der Untersuchungsbeauftragte, dass Presley, der ein Nachtmensch war, gegen 1:30 Uhr morgens von einem Besuch bei seinem Zahnarzt zurückgekehrt war, danach mit seinem Sicherheitschef und seinem Tourmanager einen geschäftlichen Termin hatte, um Einzelheiten für die anstehende Tournee zu besprechen. Daraufhin hatte er mit seinem Cousin, dessen Frau und seiner Freundin eine Runde Squash in der hauseigenen Squashhalle gespielt.Zu den Zeitabläufen siehe auch Marc Hendrickx: Elvis A. Presley, S. 424 Etwa gegen acht Uhr morgens zog er sich mit seiner Freundin zurück, um zu schlafen, und rief dann eine auf dem Gelände von Graceland wohnende Krankenschwester an, die für die Ausgabe von Medikamenten an ihn und seinen schwer herzkranken Vater engagiert war, um ein zusätzliches Schlafmittel zu bekommen. Da Presley, der seit seiner Kindheit unter chronischer Schlaflosigkeit littvgl. Interview Maria Hesterbergs mit Dr. George Nichopoulos v. 7. Januar 2010, in: Magazin Graceland 193 (Mai/Juni), S. 38, in der Vergangenheit Schlaf- und Beruhigungsmittel überdosiert hatte, war sein Hausarzt Mitte der 1970er Jahre dazu übergegangen, ihm alle Medikamente nur selbst oder über eine Krankenschwester auszuhändigen, wenn Presley in Memphis oder auf Tournee war.vgl. Marc Hendrickx: Elvis A. Presley, S. 427; ferner Thompson und Cole: The Death of Elvis, S. 363f Er erhielt unter anderem Medikamente gegen Schlaflosigkeit, Depression, ein chronisches Darmleiden (Megakolon), Diabetes Mellitus, Bluthochdruck, Arthritis, Probleme mit den Nieren und Folgen des Morbus-Reiter-Syndroms. Da Presley am Morgen des 16. August 1977 noch immer nicht schlafen konnte, zog er sich mit einem Buch (The Scientific Search For The Face Of Jesus von Frank Adams) in sein Bad zurück, wo er am frühen Nachmittag von seiner Freundin, die eingeschlafen war, gefunden wurde.vgl. Marc Hendrickx: Elvis A. Presley, S. 424; zu den verschiedenen Erkrankungen Elvis Presleys siehe auch Nigel Pattersons Interview mit Dr. George Nichopoulos v. Februar 2010; ferner Beitrag v. Maria Hesterberg: Dr. Nick, in: Magazin Graceland 193 (Mai/Juni 2010), S. 36ff

Da der Untersuchungsbeauftragte Dan Warlick Fremdverschulden als Todesursache ausschloss, gab es auch keine Veranlassung für eine staatliche Autopsie – ein ganz normaler Vorgang, der jedoch später von Journalisten als Hinweis auf eine Verschwörung gedeutet wurde, die wahren Hintergründe von Elvis Presleys Tod zu verschleiern.Charles Thompson und James P. Cole: The Death of Elvis, Dell Publishing, S. 52ff; vgl. Schreiben des Rechtsanwalts James H. White vom 28. Juli 1978 an seinen Kollegen Max Shelton, in dem die rechtliche Grundlage des privaten Autopsieberichtes erläutert wird, veröffentlicht in: Dick Grob: The Elvis Conspiracy, S. 638; Marc Hendrickx: Elvis A. Presley, S. 427